Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit, Nachsicht
Eine Begegnung mit „Falun Gong“
Im September 2024 fand in Dresden eine Exkursion der EZW zum Thema „Wege zum inneren Selbst. Spiritualität im säkularen Raum“ statt. Dabei hatte eine Reihe von Teilnehmern die Gelegenheit, mit Vertretern der spirituellen Bewegung Falun Gong ins Gespräch zu kommen und Einblicke in deren persönliche und alltägliche (Meditations-)Praxis zu gewinnen.
Zu Beginn der Begegnung lieferte die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Falun Dafa Vereins e.V., Lei Zhou, einige Grundinformationen zu Falun Gong. Die aus China stammende Bewegung ging aus der dort weit verbreiteten Qigong-Bewegung hervor und wurde 1992 durch Li Hongzhi (geb. 1951) begründet. Honghzi, der seit 1998 in den USA lebt, bemängelte am chinesischen Mainstream-Qigong insbesondere dessen starke Kommerzialisierung. Nach seiner stärker spirituellen Auffassung von Qigong kommt es wesentlich darauf an, die drei (substanzhaft gedachten) Grundprinzipien des Kosmos, Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit und Nachsicht, im alltäglichen Leben zu kultivieren. Diese von den Praktizierenden als „Tugenden“ bezeichneten Prinzipien stehen im Kontrast zum „Karma“, das durch schlechte Taten angesammelt wird und das Negatives wie zum Beispiel Krankheiten anzieht. Auch der ebenfalls anwesende Ansprechpartner des Chinesisch-Deutschen Zentrums e.V. in Dresden, Alan McDonnell, betonte die Bedeutung der Tugenden. Ein tugendhafter Charakter manifestiere sich im Ablegen aller negativen Emotionen und wirke sich positiv auf Körper, Geist und alle zwischenmenschlichen Beziehungen aus. Im Gespräch kam daraufhin die Frage auf, wie zwischenmenschliche Konflikte unter Einbeziehung der drei Prinzipien oder Tugenden ausgetragen werden. Wieder waren sich beide Praktizierenden einig: Wer sich diese Haltungen angeeignet habe, lasse sich auch bei Schwierigkeiten im Umgang mit seinen Mitmenschen nicht von Emotionen leiten. Er oder sie sei in der Lage, innerlichen Abstand zum Konflikt zu gewinnen und Unstimmigkeiten in Ruhe zu besprechen.
Neben diesen philosophischen Aspekten beinhaltet die Praxis des Falun Gong fünf aus dem Qigong entlehnte Körperübungen, die sich mit verschiedenen positiven und negativen Energieströmen im Körper befassen. Zhou erklärte in diesem Zusammenhang ausführlich die spirituelle Vorstellung einer Art Mühlrad im Unterleib, das sich jeweils neun Mal in beide Richtungen drehe, dabei Energie aufnehme und bei jeder entgegengesetzten Drehung wieder abgebe. Je nach Art der aufgenommenen Energien könne das Rad selbst wiederum zur Quelle positiver oder negativer Energie werden. Eine der Körperübungen versinnbildlicht diese Vorstellung beispielsweise damit, dass die Hände – in kontinuierlicher Wiederholung – zu einem Kreis vor dem Unterleib geformt werden, womit sie zur Anregung, Reinigung und Befreiung des Energieflusses im Körper beitragen.
Weil diese Körperübungen sowohl allein als auch in einer Gruppe praktiziert werden können, wie die beiden Gesprächspartner ausführten, und weil nirgendwo Namenslisten geführt werden, ist eine Schätzung der Anzahl der Falun-Gong-Praktizierenden in Deutschland kaum möglich. Überhaupt seien die Gruppen nur lose organisiert. McDonnell nannte für Dresden eine Zahl von etwa zwölf regelmäßigen Teilnehmern, Zhou sprach für Berlin, wo sie selbst wohnt, von etwa 180 regelmäßig Praktizierenden. Dies sei die größte Zusammenkunft von Falun Dafa in Deutschland. Neben den regionalen Treffen gebe es auch regelmäßige internationale Zusammenkünfte, so Zhou; die dahinterstehenden Organisationsstrukturen blieben für die EZW-Gruppe indessen unklar. Herkunftsbezogen setzt sich die Bewegung nach der Schätzung von Zhou aus etwa 70 Prozent europäischen, 15 Prozent chinesischen und 15 Prozent vietnamesischen Praktizierenden zusammen.
Es fiel auf, dass die beiden Gesprächspartner die spirituelle Dimension der Falun-Gong-Praxis durchaus unterschiedlich bewerteten. Während die Vorstandsvorsitzende Zhou vornehmlich geistig-moralische Wirkungen herausstellte, berichtete McDonnell vorwiegend von den positiven Effekten der Körperübungen auf die Gesundheit: Seine früheren Rückenschmerzen seien gelindert und seine Erkältungsanfälligkeit gemindert worden. Da er durch Falun Gong aber auch zwischenmenschlichen Konflikten anders entgegentrete, strahlten die Prinzipien/Tugenden des Falun Gong zudem positiv auf sein alltägliches Leben aus. Ein konkretes Heilungsversprechen werde von Falun Gong zwar nicht gegeben, so die beiden Gesprächspartner. Allerdings führten beide zahlreiche Heilungserlebnisse auf die betreffende Praxis zurück.
Ein weiteres zentrales Thema des Gesprächs waren die Menschenrechtsverletzungen, die Falun-Gong-Praktizierende in China erleben. Zhou, die selbst aus China stammt, berichtete, Falun Gong sei anfangs durch die Kommunistische Partei Chinas gefördert worden, leide aber, seitdem die Bewegung eine gewisse Größe erreicht habe, unter massiven staatlichen Repressionen. Durch regelmäßige staatliche Übergriffe auf Angehörige in China, zuweilen sogar Verhaftungen, werde auch auf die chinesischen Anhänger in Deutschland Druck ausgeübt. Selbst innerhalb Deutschlands sei der lange Arm Chinas spürbar. So sprach Zhou davon, dass ihr chinesischer Pass nicht verlängert worden sei und sie bei ihrer journalistischen und menschenrechtlichen Arbeit Einschüchterungsversuche erlebe, was sie dem chinesischen Geheimdienst zuschreibt.
Von der EZW-Gruppe wurden indessen auch kritische Rückfragen gestellt. Denn sowohl der Gründer Li Hongzhi als auch die Epoch Times, eine US-amerikanische und international agierende Zeitung, die Falun Gong nahesteht, hatten in den letzten Jahren mit verschwörungstheoretischen Äußerungen und Artikeln international für Irritationen gesorgt. Auf die vorgetragene Kritik reagierten die beiden Falun-Gong-Vertreter zurückhaltend. Zhou unterstrich die Unabhängigkeit der Epoch Times und die individuelle Freiheit der Weltdeutung – zumindest in diesem Punkt vermochte sie die teilnehmenden Weltanschauungsbeauftragten nicht recht zu überzeugen.
Zum Abschluss der Begegnung demonstrierten Zhou und McDonnell noch eine Reihe von Körperübungen und luden zum Mitmachen ein. Nach langem Sitzen sahen die Begegnungsteilnehmer darin eine willkommene Abwechslung und versuchten sich bereitwillig in den vorgeführten Übungen. Zu guter Letzt wurden Exemplare der Zeitschrift Minghui International, des zentralen Publikationsorgans der Bewegung, verteilt. Außerdem erhielten alle einen kleinen Anhänger, der neben der Erinnerung an die drei zentralen Prinzipien Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht auch den Hinweis auf die deutschen Websites der Bewegung trägt (https://de.falundafa.org/home.html und https://de.minghui.org).
Katharina Guden, Berlin (September 2024)