Jan Badewien

Apologie als Aufgabe der Theologie

Michael Nüchtern als Apologet

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen.“ Von Anbeginn an war dieses Wort aus 1. Petr 3,15 eine Grundformel für apologetische Theologie.2 Auch Michael Nüchtern hat sich darauf berufen. Apologetik ist also zu allererst antwortende Theologie, die Menschen Hilfestellung gibt, die nach Orientierung fragen und ein Ziel für ihr Leben suchen. In einem kleinen Aufsatz mit Thesen zur apologetischen Theologie definiert Nüchtern „apologetische Theologie als Darstellung des Christlichen im Gegenüber zu anderen Lebens- und Weltverständnissen“.3 Als solch antwortender Theologe betrieb Michael Nüchtern seine Apologetik. Er war nicht kämpferisch, nicht polemisch und vermied Abwertungen Andersglaubender. Aber er war klar in seinem Urteil und in seiner Diagnose der Entwicklungen. Er hat die religiös-weltanschaulichen Strömungen der Gegenwart beobachtet, zuerst als Landeskirchlicher Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Baden. Im Rahmen einer Umstrukturierung kam dieser recht diffuse Arbeitsbereich der Beschäftigung mit religiösen Strömungen neben den Kirchen zu seinen schon zuvor vielfältigen Aufgaben an der Akademie hinzu – mit allem, was man gerne als den Markt der religiösen und weltanschaulichen Möglichkeiten bezeichnet: mit sogenannten Sekten, fremdreligiösen Gemeinschaften, mehr oder weniger dubiosen Heilern und Gurus, mit Esoterik, Okkultismus und Magie. Dabei geht es einerseits um Informationen in die Kirche hinein, aber auch um die Beratung von Einzelpersonen, Institutionen aus den Bereichen Politik, Recht, Wirtschaft. Und es geht um die großen Grundsatzfragen nach der Rolle der Religion (der christlichen vor allem) in unserer Gesellschaft – Fragen, die wiederum in Akademieveranstaltungen Raum finden konnten.1995 wurde Michael Nüchtern zum Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) berufen. Die Themen der apologetischen Theologie haben ihn seither nie verlassen – als Oberkirchenrat in Karlsruhe seit 1998 trug er die Verantwortung für die apologetische Arbeit in der Landeskirche. Dabei verlor er nie die beiden Richtungen einer verantwortungsvollen Apologetik aus den Augen, die miteinander korrespondieren, die aber zu unterscheiden sind: die Blickrichtung nach außen im Dialog und auch in der Abgrenzung im Verhältnis zu Gruppierungen und Gemeinschaften neben den Kirchen, und den Blick nach innen mit Fragen, welche Konsequenzen, welche Probleme und welche Chancen sich aus den neuen Entwicklungen für die eigene Kirche und die Gemeinschaft der Ökumene ergeben, wie dadurch die Kirche herausgefordert und schließlich gestärkt und gefestigt werden könnte.Michael Nüchtern hat seine Überlegungen zu einer zeitgemäßen, angemessenen apologetischen Theologie in vielen Aufsätzen im Materialdienst der EZW und in EZW-Texten, aber auch in mehreren Büchern niedergelegt. Ich erinnere vor allem an sein Buch „Kirche in Konkurrenz“ (1997), das Aufsätze aus den 1990er Jahren enthält, die Nüchtern vor allem während seiner Zeit als Leiter der EZW gehalten hat. Mit dem Untertitel „Herausforderungen und Chancen in der religiösen Landschaft“ hat er gezeigt, dass er die Auseinandersetzung mit denen aufnimmt, die diese religiöse Landschaft bevölkern. Ich erinnere an das von ihm verantwortete Kapitel im Sammelband „Panorama der neuen Religiosität“, in dem er sich mit der „Weihe des Profanen – Formen säkularer Religiosität“4 auseinandersetzt. Auch in diesem Teil des Grundlagenwerks geht es um die Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlichen Trend: mit einer Haltung, die eine unbestimmte Spiritualität bejaht, aber dabei die säkulare, areligiöse Grundhaltung aufrechterhält.Auch nach der Übernahme der neuen Aufgaben in Karlsruhe hat Michael Nüchtern sich immer wieder im apologetischen Diskurs zu Wort gemeldet, vor allem mit grundsätzlichen Aufsätzen und Vorträgen. Dabei ging es ihm in all seinen Texten nicht so sehr um die Darstellung und Kritik einzelner Sekten, Psychogruppen oder anderer problematischer Randerscheinungen im religiösen Spektrum unserer Gesellschaft. Es ging ihm immer um Zentraleres: um die Zukunft der Kirche in einer sich wandelnden Welt. Er vermied es, in die Klage einzustimmen, die so oft zu hören ist: von den Fehlern und Versäumnissen der Kirche, von all jenen Elementen, die sie vergessen und verdrängt habe, weshalb sie sich nun anzupassen habe. Nein, für ihn war Kirche auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten oder – wie er es ausgedrückt hat – „Kirche in Konkurrenz“ positiv zu sehen, eben als eine Herausforderung und eine Chance zu einem zukunftsfähigen Wandel: Er war davon überzeugt, dass die Kirche in ihrer Botschaft, ihrer reichen Tradition und in ihren gegenwärtigen Strukturen so viel Potenzial in sich trägt, dass sie die Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen weltanschaulichen Szene mit ihren esoterischen, charismatischen oder fremdreligiösen Einflüssen nicht zu scheuen braucht – und ebenso wenig den Drang zur Säkularisierung und Paganisierung, den er vor allem nach der Wiedervereinigung mit neuem Schwung am Werk sah.5 So legte er selbstbewusst Wert darauf, dass „die Kirchen in den Transformationsprozessen der Gegenwart nicht nur passive Opfer anonymer Entwicklungen, sondern aktive Mitgestalterinnen“ sein sollten.6 Um die Kirche für diese Aufgabe zu qualifizieren, verstand sich Nüchtern als Beobachter und Analyst dieses Marktgeschehens, auf dem die unterschiedlichsten Angebote jederzeit von allen Interessierten getestet und beliebig kombiniert werden können.Nüchtern diagnostizierte – mit anderen – die gegenwärtigen gesellschaftlichen Trends ganz wesentlich als Individualisierungsprozesse und ihre Folgen. Dabei waren das für ihn Betrachtungen aus der „Vogelperspektive“, die er als Apologet gerne einnahm: nicht, um sich über die Niederungen der Konkretionen zu erheben, sondern um Bewegungen, Trends, Strömungen besser wahrzunehmen, ihre Ursprünge zu diagnostizieren und ihre Richtung zu bestimmen. Daraus leitete er ab, wie die Kirche sich diesen Herausforderungen zu stellen habe, um den Menschen beizustehen, die Orientierung suchen, und zugleich die Kirche als verantwortliche Institution ins Spiel zu bringen. So sah er in der zunehmenden Privatheit von Religion eine seelsorgerliche Herausforderung für die Kirchen, die eine Schutzverpflichtung für einzelne Menschen wahrzunehmen hätten, die dem vielgestaltigen religiösen Marktangebot oft hilflos ausgeliefert seien.Erst in der Folge dieser Aufgaben hielt er die kritisch-diskursive Reflexion der sogenannten Patchwork-Religiosität für angebracht, in der die Zeitgenossen in ihrer jeweiligen Lebenssituation ihre eigene Religion basteln, indem sie für sich jene weltanschaulichen Elemente zusammenfügen, die ihnen gerade angemessen scheinen. Ein markantes Beispiel dafür ist die Verbreitung des Glaubens an Reinkarnation und Karma, der sich weit in die evangelische Kirche hinein erstreckt.Nüchtern mahnte die Kirchen immer wieder, ihrer Verantwortung gerecht zu werden, um den Suchenden in Lebenswenden und -krisen Orientierung anzubieten. Die Großkirchen seien dazu in besonderer Weise geeignet, weil sie eine Balance zwischen „Gemeinschaft und Nähe auf der einen Seite und Individualität und Distanz auf der anderen Seite“7 ermöglichen. Die Vielfalt der Kirchen bedeutete für Michael Nüchtern – und ich stimme ihm hier aus voller Überzeugung zu – ihre Stärke, nicht ihre Schwäche, wie von rigorosen Flügeln immer gern vermutet wird. Die Vielfalt mit ihren verschiedenen Facetten des Glaubens, in denen Nähe und Ferne möglich sind, Progressivität und Traditionalismus, Spiritualität und Diakonie, schenkt Freiheit, wo sie gewünscht wird, und ermöglicht Verbindlichkeit, wo sie gesucht wird. Nüchtern hat in seinem apologetischen Arbeiten immer wieder die „Lebensdienlichkeit“ der Kirche hervorgehoben und damit ein Kriterium benannt, religiöse Hilfen von weltanschaulichen Fehlentwicklungen zu unterscheiden.Ein besonderes Augenmerk hatte Nüchtern auf jene gesellschaftliche Entwicklung, die er als „Erlebnisorientierung“ bezeichnet hat: die Suche nach dem Besonderen, nach dem, was aus dem Alltäglichen heraushebt. Nüchtern suchte – und fand – christliche Wurzeln dieses Dranges – so bei Schleiermacher, Wilhelm Herrmann und Martin Kähler. Er folgerte daraus, dass die Kirche sich nicht nur negativ diesem Trend gegenüber verhalten solle, sondern dass sie ihre eigenen erlebnisorientierten Traditionen herausstellen müsse, um darin Beziehungen zur Gegenwartskultur aufzubauen.Einen großen Teil seiner apologetischen Arbeit verband Michael Nüchtern mit seinen Interessen an der medizinischen Ethik, einem Bereich, dem er in der Akademiearbeit große Aufmerksamkeit gewidmet hat. „Medizin – Magie – Moral. Therapie und Weltanschauung“8 war eines der Bücher, mit denen er sich diesem komplexen Bereich zuwandte. Dort analysierte er die weltanschaulichen Implikationen des fast undurchschaubaren Dickichts alternativer, esoterischer, schamanistischer oder indianischer Heilungsangebote. Auch hier geht es um die Frage nach dem, was Menschen antreibt, welche Sehnsucht, welche Hoffnung sie motiviert, solche Wege neben denen einer modernen wissenschaftlichen Medizin zu suchen. In seinem letzten Beitrag für den Materialdienst der EZW widmete sich Nüchtern noch einmal einem weiteren Themenbereich, den er Zeit seines Wirkens verfolgt hat: dem Verhältnis von Kirche und Kultur. In apologetischem Interesse untersucht er, wie die Person Jesu in der Belletristik und in der Trivialliteratur der letzten Jahre dargestellt wird. Für ihn liegen hier „Belege für die kulturelle Präsenz der Gestalt Jesu und die Faszination, die von ihr aus-geht“.9 Die Durchdringung der Gegenwartskultur mit christlichen Motiven hat Nüchtern auch in der Werbung gesehen und viele kuriose und krude Beispiele gesammelt. Auch das war für ihn ein Bereich apologetischer Theologie: die Säkularisierung und oftmals Banalisierung christlicher Glaubensformen und -inhalte. Sie galten ihm aber als Möglichkeiten der Anknüpfung und als Beleg dafür, dass der christliche Hintergrund der Kultur noch immer nicht ganz vergessen ist, wenn auch die Verfremdungen manches Mal das für Christen erträgliche Maß überschritten haben.Die Tatsache, dass die Sinnsuche so vieler Menschen sich auf säkulare Angebote und auf andere religiöse Muster richtet als auf die kirchlichen, hat Michael Nüchtern herausgefordert zu prüfen, ob die neue religiöse Situation von der Kirche wahrgenommen wird und ob sich kirchliche Handlungsfelder, kirchliches Reden und kirchliche Leitbilder auf die religiösen Bedürfnisse der Gegenwart beziehen.Es ist wieder der Blick auf das Eigene, die Mahnung, Chancen zu ergreifen, die an erster Stelle steht. Gegenüber esoterischen und neureligiösen Entwürfen, die von der Machbarkeit der Selbsterlösung des Menschen überzeugt sind, die von seiner Vervollkommnung träumen und von der Herbeiführung eines neuen Zeitalters („New Age“) der Harmonie, der Wahrheit, der Klarheit, betont Nüchtern immer wieder, dass der christliche Glaube von der Endlichkeit des Menschen ausgeht, von seiner Begrenztheit und davon, dass er letztlich nur „Vorletztes“ schaffen, nicht aber über letzte Dinge verfügen kann. In seinem Aufsatz „Was ist evangelische Weltanschauung?“10 verweist er darauf, dass gerade protestantische Theologie unterschieden hat zwischen dem Reich Gottes und dem Reich der Welt, zwischen letzten und vorletzten Dingen – und daraus eine große Freiheit zur Gestaltung der Welt gewonnen habe. Nüchtern schrieb: „Das Bewusstsein, dass es für das Machen eines anderen mit mir und für mein eigenes Machen Grenzen gibt, begründet die Freiheit, endlich zu sein oder auch einmal etwas endlich sein zu lassen.“11 Und weiter: „Es dürfen, wenn es Gott und sein vollendetes Anschauen gibt, Dinge für Menschen uneinsichtig und Lebensgeschichten fragmentarisch bleiben. Trauer über die Verlustgeschichte des Lebens kann zugelassen und muss nicht unter dem Zwang zu positivem Denken verdrängt werden.“12Wir blicken unter dem Eindruck dieser seiner eigenen Worte auf das Werk und auf das Leben Michael Nüchterns zurück. Die Trauer über seinen Tod, darüber, dass seine Stimme die Herausforderungen und Chancen der religiös-weltanschaulichen Situation in unserer Zeit nicht mehr ordnen und sichten kann, ist groß. Im Bereich der apologetischen Theologie, der weltanschaulichen Diagnose der Zeit verdanken wir ihm entscheidende Hinweise. Gerne hätte er sie weiter ausgeführt, es war ihm nicht vergönnt.


Jan Badewien


Anmerkungen

1 Vortrag auf dem Symposium „Die Kirche der Freiheit evangelisch gestalten – Michael Nüchterns Beiträge zur Praktischen Theologie“ am 19.10.2011 in Heidelberg.

2 Vgl. Michael Nüchtern, Apologetik ist nötig, in: Matthias Petzoldt / Michael Nüchtern / Reinhard Hempelmann, Beiträge zu einer christlichen Apologetik, EZW Texte 148, Berlin 1999, 16.

3 Michael Nüchtern, Kirche in Konkurrenz. Herausforderungen und Chancen in der religiösen Landschaft, Stuttgart 1997, 93-98, hier 93.

4 Reinhard Hempelmann u. a. (Hg.), Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Gütersloh 22005, darin 23-95.

5 Michael Nüchtern, Kirche in Konkurrenz, a.a.O., 9.

6 Ebd., 10.

7 Ebd., 61.

8 Michael Nüchtern, Medizin – Magie – Moral. Therapie und Weltanschauung, Stuttgart 1995.

9 Jesus außerhalb der Kirche. Theologie als Belletristik und Schmöker, in: MD 3/2010, 95-99, hier 95.

10 Michael Nüchtern, Kirche in Konkurrenz, a.a.O., 99-111.11 Ebd., 109.12 Ebd., 110.