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Wenn Missbrauch missbraucht wird – wie die Epstein-Files das eigene Weltbild belegen sollen

Die Epstein-Files haben Anfang des Jahres schlimmste Verbrechen offenbart und gleichzeitig zahlreiche Verschwörungstheorien befeuert. Katharina Portmann analysiert, wie die Informationen bei Jasmin Friesen (@liebezurbibel), Leonard Jäger (@ketzerderneuzeit) und Dr. Johannes Hartl verarbeitet wurden.

Katharina Portmann

Gut zwei Monate sind vergangen, seit die sogenannten Epstein-Files durch das US-Justizministerium veröffentlicht wurden. Innerhalb kürzester Zeit erhielt die Öffentlichkeit Zugriff auf Millionen unsortierter Datensätze, die tiefe Einblicke in das Ausmaß der Verbrechen von Jeffrey Epstein und seiner Netzwerke ermöglichten. Tausende Bilder, Videos und E-Mails dokumentieren die systematische Ausbeutung, Entführung und den Missbrauch Hunderter Mädchen und junger Frauen durch den Finanzinvestor und zahlreiche, vielfach hochprominente Mittäter:innen.

Gleichwohl sind zentrale Fragen offengeblieben: Unklar ist, welche Datensätze nicht veröffentlicht wurden. Zudem werfen umfangreiche Schwärzungen (insbesondere von Namen und potenziell belastenden Informationen zu mutmaßlichen Täter:innen) bei gleichzeitig unzureichendem Schutz der Betroffenen erhebliche Zweifel an der Transparenz des Veröffentlichungsprozesses auf und legen politische Einflussnahme nahe.

Ein weiteres, absehbares Problem: Die Veröffentlichung entwickelte sich zu einem digitalen Spektakel. Fakten wurden mit Spekulationen vermischt oder gezielt verzerrt, Falschbehauptungen verbreiteten sich viral und wurden oft mit themenfremden Mythen angereichert. Es entstand ein regelrechtes Wettrennen um die schockierendsten Enthüllungen.

Nicht zuletzt verfestigte sich durch diese Dynamik die Wahrnehmung, es würden durch die Veröffentlichung der Akten nachträglich gewisse Verschwörungserzählungen bestätigt. In den Sozialen Medien verbreiteten sich Desinformationen, verschwörungsideologische Deutungsmuster und selektive Interpretationen wie kalifornische Buschfeuer.1

In diesem Beitrag soll die Reaktion der Epstein-Files bei christlichen Content Creatorn beleuchtet werden. Denn einige Beiträge sind in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Sie zeigen die Verknüpfung von bestimmten Theologien mit bestimmten Weltbildern, eine große Offenheit für Verschwörungserzählungen und einen nicht weniger großen Mangel an Sensibilität für die komplexe Problematik des sexuellen Missbrauchs.

Satanismus in den Epstein-Files?

Bald nach Veröffentlichung der Files war in den Sozialen Medien an unterschiedlichen Stellen davon die Rede, Epstein und seine Mittäter:innen hätten nicht „nur“ organisierten Missbrauch an Minderjährigen und jungen Frauen betrieben (was an sich ja schon furchtbar genug ist), sondern hätten an ihren Opfern satanistische Rituale vollzogen.

Die Behauptung stützt sich auf einen anonymen Hinweis, der 2019 bei der Polizei einging. Eine männliche Person gab zu Protokoll, sie sei im Jahr 2000 auf einer Yacht Epsteins Zeuge von rituellen Gewalthandlungen, Verstümmelungen und extremer Gewalt geworden. Der zuständige FBI-Agent hielt die Schilderungen jedoch für unplausibel und sprach sich dafür aus, keine weiteren Ermittlungen einzuleiten.2

Die Annahme, es gebe in satanistischen Netzwerken betriebene „rituelle Gewalt“, ist keine Neuheit. Bereits Anfang der 1980er Jahre mehrten sich Erzählungen von einem organisierten Satanismus, der im Namen des Teufels rituelle Handlungen und Morde insbesondere an Kindern begehe. Die Theorie fand insbesondere unter Evangelikalen Aufnahme, weil sie dort an einen vorhandenen Satansglauben anschließen konnte. Trotz teils aufwändiger polizeilicher Ermittlungen konnte die Rituelle-Gewalt-Theorie bisher nicht sachlich erhärtet werden. In vielen Fällen wurde der Vorwurf der rituellen Gewalt dezidiert entkräftet.3 Trotz dieser Faktenlage hält sich die „Satanic Panic“ in bestimmten religiösen Kreisen immer noch am Leben. Es wundert daher nicht, dass einige Christfluencer:innen die „Rituelle-Gewalt-These“ in ihre Epstein-Deutung mitaufnehmen.

Jasmin Friesen @liebezurbibel: „SATANISMUS IST REAL“

Die evangelikale Influencerin Jasmin Friesen veröffentlichte am 05.02.2026 einen Post mit der Überschrift „EPSTEIN FILES WENN SATAN SEIN GESICHT ZEIGT.“4 Das Framing ist bereits zu Beginn eindeutig und zieht sich durch den ganzen Post. Zu einem Screenshot des besagten FBI-Protokolls wird die „bittere Realität“ „satanischer Verbrechen“ beklagt. Friesens Fazit: „Die Elite dient dem Bösen. Das[s] viele Hollywood-Stars, Sänger & co ihre Seele an Satan verkauft haben, war schon lang als ‚Verschwörungstheorie‘ bekannt, doch nun ist es offensichtlicher denn je zuvor“. Für Friesen sind die unbestätigten Aussagen der Epstein-Files der ultimative Beweis für einen „geistlichen Kampf“ zwischen Gut und Böse, in dem sich diese Welt befinde. Dieser Kampf wird dann noch apokalyptisch aufgeladen: „SATAN BRÜLLT, WEIL ER NCHT MEHR VIEL ZEIT HAT.“ Der Post endet mit einem Bekehrungsaufruf.

Leonard Jäger @ketzerderneuzeit: Satanische Eliten, Xavier Naidoo und Kannibalismus

Leonard Jäger, ein YouTuber, der schon vor seiner Bekehrung zum christlichen Glauben verschwörungstheoretischen Content produziert hat, lud am 12.03.2026 ein ca. zweiminütiges Video hoch. Darin nennt er das Netzwerk um Epstein einen „satanischen Ring“ (Min 0:41), der von „den Medien“ zur Vertuschung nur als „Sex-Ring“ betitelt werde. Einschlägige satanische Praktiken seien, so Jäger, nichts Neues. Bereits in der Bibel nämlich werde in den Erzählungen zum Baal-Kult unmissverständlich klar gemacht, „dass diese Welt dem Satan verfallen ist“ (Min 1:18). Hinweise auf eine „satanische Elite“ (Min 1:32), wie sie nicht zuletzt bei Corona-Demos geläufig waren, seien öffentlich als Verschwörungstheorie bezeichnet worden – nun bewahrheiteten sie sich. Jäger bezieht sich dafür auf den Musiker Xavier Naidoo, der „genau das erkannt hat“ (Min 1:40). Naidoo hatte in der Vergangenheit immer wieder Reichsbürger- und QAnon-Verschwörungstheorien verbreitet. Er ist vermutlich einer der bekanntesten deutschen Vertreter der Adrenochrom-Erzählungen, die das Fakten-Check-Portal Mimikama als „Ritualmordlegenden der Gegenwart“ einstuft.5

Auch Jäger bedient sich gängiger Motive dieser Verschwörungstheorien, indem er in seinem Video behauptet, Kannibalismus sei „Teil des satanischen Opferkultes“. Er zieht dazu ein Foto der Musikerin Lady Gaga mit der Künstlerin Marina Abramovic heran, das die beiden angeblich beim Kannibalismus zeigt (Min 2:17). Das Pressefoto entstand im Rahmen einer öffentlichen Benefiz- und Kunstveranstaltung im Jahr 2013 und steht tatsächlich in keinerlei Verbindung zu Kannibalismus oder den Epstein Files. Wirklicher Kannibalismus konnte in den Epstein-Files bislang nicht nachgewiesen werden.6

Dr. Johannes Hartl @drjohanneshartl: Der Blick in den Abgrund

Auch der katholische Influencer Johannes Hartl veröffentlichte am 13.03.2026 eine persönliche Einordnung der Epstein-Files. Sein knapp 20-minütiges YouTube-Video7 umfasst hauptsächlich drei Schlussfolgerungen, die im Folgenden genauer betrachtet werden.

Hartls Umgang mit Verschwörungserzählungen

Hartl eröffnet sein Video mit Suggestivfragen: „Hatten die Verschwörungstheoretiker also doch recht? Wer sich mit den Epstein-Files beschäftigt, blickt in einen Abgrund von menschlicher Bosheit, oder sollte man eher sagen, teuflischer Bosheit?“ (ab Min 0:00) Der YouTuber ruft damit, wenngleich in vorsichtigerer Frageform, dasselbe Narrativ auf wie Friesen und Jäger. Und er fügt ausdrücklich an: Annahmen, die ehemals als Verschwörungstheorien „gelabelt“ worden seien, würden in den Epstein-Files „zumindest teilweise“ verifiziert (Min 0:36).

Zwar stellt Hartl zurecht heraus, dass zahlreiche KI-Videos, Mutmaßungen und (Verschwörungs-)Theorien den Diskurs unübersichtlich machten. Aber dann spricht er von „schockierenden Details“ (Min 1:40), denen er sich in seinem Video widmen wolle. Gemeint sind die Hinweise in den Epstein-Files auf rituelle Gewalt und Kannibalismus (Min 2:10). Hartl gesteht zunächst ein, die Hinweise seien umstritten. Statt aber ihre Stichhaltigkeit, etwa anhand von Fakten-Checks,8 zu überprüfen, belässt er es bei der Aussage „schockierender Details“, womit er die Triftigkeit indirekt beglaubigt. Mit diesen Anspielungen werden die Zuschauer:innen subtil dazu bewegt, den Schock über das Entsetzliche – und damit die Annahme der Tatsächlichkeit – zu teilen.

Hartls „Theorie des Bösen“

Es folgen Überlegungen zur Frage, wie theologisch mit den Epstein-Files umzugehen sei. Hartls Antwort: Die schrecklichen Verbrechen zeigten unmissverständlich, dass „das Böse“ in dieser Welt existiere. Daher bedürfe es einer „Theorie des Bösen“. Hartls Theorie ist theologisch konventionell, enthält aber bemerkenswerte Zusatzannahmen. Die konventionelle Grundthese: Das Böse steckt in jedem Menschen und beeinflusst sein Handeln. Zwei Bedingungen hält der Theologe hierbei für entscheidend:

1. Macht und Geld führen dazu, dass die Wünsche des Menschen immer perverser werden; gleichzeitig eröffnen sie die Möglichkeit, selbige auch auszuleben.

2. Die moderne Gesellschaft lebe nach der Maxime „Folge deinen Sehnsüchten“. Damit folge sie demselben Leitspruch wie „der moderne Satanismus“ (Min 13:29) nach Aleister Cowley („Tu was du willst“; ab Min 13:27). Die moderne Welt sei also ein satanischer Ort ohne Moral, in der der Mensch „bösen Mächte“ ausgesetzt sei. (Min 11:56)

Die pauschale moralische Verdächtigung einer „Geld-Elite“ bietet Anlass zu Rückfragen – es sind ja bei Weitem nicht alle reichen und mächtigen Personen Teil des Missbrauchssystems. Noch irritierender ist die noch pauschalere Verdächtigung „der ganzen Moderne“ (Min 12:58), die wie nebenbei sündentheologisch, satanologisch und durch Assoziationen okkulter Praktiken diskreditiert wird. Nicht zuletzt die Epstein-Skandale zeigen ja, dass auch moderne, weltanschaulich neutrale Gesellschaften und Staaten der schrankenlosen Freiheit moralische und rechtliche Grenzen setzen.

Der Glaube als Lösung?

Hartls eigentümlicher Säkularismus-Diagnose folgt eine wenig überraschende Lösung: Es ist die Religion, die, so der katholische Theologe, „einen differenzierten Umgang mit den Gelüsten des Herzens […] lehrt“ (ab Min 9:24). Näherhin wird das Christentum als Befreiung aus der moralischen Misere der Moderne im Allgemeinen und der modernetypischen Misere des sexuellen Missbrauchs im Besonderen empfohlen. Denn die gläubige Annahme des Erlösungsaktes Jesu Christi führe zu einer einschneidenden „Transformation des Herzens“ und zu dessen Ausrichtung nach dem ultimativen Guten und Wahren. (ab Min 13:48).

Nun ist man gespannt: Wie wird der katholische Theologe diese Empfehlung mit dem beschämenden Befund überein bringen, dass auch und gerade in religiösen Gemeinschaften, leider auch und gerade in christlichen Kirchen, sexueller Missbrauch tausendfach stattgefunden hat, wie spätestens seit 15 Jahren in immer neuen Enthüllungen zutage getreten ist? Man ist gespannt – und dann: verblüfft. Denn tatsächlich bringt Hartl die Unverfrorenheit auf, diesen Umstand mit keinem Wort zu erwähnen. Kein Wort zu den Missbrauchsskandalen in den beiden Amtskirchen oder in charismatischen Freikirchen wie Hillsong oder Bethel, die in den letzten Jahren bzw. Wochen die Szene erschütterten.9

Hartl weiß offenbar nichts von den Erkenntnissen der Missbrauchsstudien im Hinblick auf Täter:innen. Oder er verschweigt, was er weiß – um den konstruierten Dualismus von modernem Säkularismus und Christentum nicht anzukratzen. Die Studien zeichnen nämlich ein ganz anderes Bild. Nicht eine moderne, säkulare oder liberale Weltsicht ist dafür entscheidend, ob Menschen Sexualstraftäter:innen werden. Vielmehr sind es (Organisations-)Strukturen, die Machtsysteme etablieren, in denen Abhängigkeiten von Täter:innen und Opfern geschaffen werden. Dazu kommen Intransparenz und institutionelles Versagen, außerdem ein Mangel an Sexualaufklärung und unabhängigen Beschwerdestellen.10 Das Epstein-System hat von jenen Strukturen profitiert – der Missbrauch in Kirchen, Freikirchen und religiösen Gemeinschaften hat es ebenfalls. Im Falle der Kirchen gibt es allerdings noch eigene Begünstigungsfaktoren: ein naives Vertrauen in die Integrität frommer Christ:innen und eine religiös-moralische Überhöhung von Amtsträgern.

„Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen“, heißt es. Das gilt nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für Repräsentant:innen von Institutionen. Wer über die Gründe von sexuellem Missbrauch bei anderen spricht, ohne den Missbrauch in der eigenen Gemeinschaft auch nur zu benennen, nur um seine schlichten Konstruktionen plausibel erscheinen zu lassen, der lässt es an argumentativer Verantwortung11 fehlen – und an moralischem Feingefühl. Es dürfte nicht wenige Betroffene geben, die solches Verschweigen vonseiten eines prominenten Vertreters der katholischen Kirche als Hohn empfinden werden.

 

Katharina Portmann, 06.05.2026

Anmerkungen

  1. Vgl. „Epstein-Files im Netz: Zwischen Fakten und Fantasie“ von Tom Wannenmacher. Siehe: https://www.mimikama.org/epstein-akten-fakes-fantasie-fakten/ (zuletzt abgerufen: 06.05.2026).
  2. Vgl. „Epstein-Akten: Enthalten sie Hinweise auf Kannibalismus und ‚ritualistische Opfer‘?“ von Claudia Spiess. Siehe: www.mimikama.org/epstein-akten-kannibalismus-ritualistische-opfer/ (zuletzt abgerufen: 06.05.2026).
  3. Vgl. EZW-Lexikon zu „Satanismus“: https://www.ezw-berlin.de/publikationen/lexikon/satanismus/; EZW-Artikel „Rituelle Gewalt in satanistischen Gruppen – ein populärer Mythos?“: Rituelle Gewalt in satanistischen Gruppen – ein populärer Mythos? - EZW (zuletzt aufgerufen: 27.03.2026).
  4. Vgl. Instagram-Post „Epstein Files WENN SATAN SEIN GESICHT ZEIGT.“ Von Jasmin Friesen @liebezurbibel: https://www.instagram.com/p/DUX2HQVEyid/?img_index=5 (zuletzt abgerufen: 06.05.2026).
  5. Vgl. „Ritualmordlegenden der Gegenwart: Adrenochrome“ von Andre Wolf: https://www.mimikama.org/ritualmordlegenden-adrenochrome/ (zuletzt abgerufen: 06.05.2026).
  6. Vgl. „Epstein-Files, Lady Gaga, ‚Theye at humans!‘ – Was hinter den viralen Screenshots steckt“ von Mimikama: https://www.mimikama.org/epstein-files-lady-gaga-they-eat-humans/ (zuletzt abgerufen: 06.05.2026).
  7. Vgl. „Epstein-Files: Hatten die Verschwörungstheorien recht? Hartls Senf #37“ von Johannes Hartl: https://www.youtube.com/watch?v=Jok3NcIFALg (zuletzt abgerufen: 06.05.2026).
  8. Vgl: „Epstein-Akten: Enthalten sie Hinweise auf Kannibalismus und ‚ritualistische Opfer‘?“ von Claudia Spiess. Siehe: www.mimikama.org/epstein-akten-kannibalismus-ritualistische-opfer/ (zuletzt abgerufen: 06.05.2026).
  9. Vgl. „Hipster-Kirche wird zur Skandal-Kirche“ von Jörn Schumacher: www.pro-medienmagazin.de/hipster-kirche-wird-zur-skandal-kirche/; „Das Bethel-Beben“ von David Wengeroth: www.idea.de/artikel/das-bethel-beben (zuletzt abgerufen: 06.05.2026).
  10. Vgl. EKD-Aufarbeitungsstudie ForuM
  11. Das Schutzkonzept des Gebetshauses Augsburg ist überschrieben mit „Weil Verantwortung spürbar sein soll“; vgl. Schutzkonzept - Gebetshaus.

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