Vertreter des Bekenntnisprotestantismus verwahren sich gegen politisch-theologische Kritik
(R)echter Glaube oder „rechtes Christentum“?

„Es muß Schluß damit sein, bibeltreue Positionen in eine rechte Ecke zu schieben“1. Mit diesem Satz lässt sich die Kernbotschaft einer Broschüre zusammenfassen, die vor wenigen Wochen vom Gemeindehilfsbund Walsrode (im Folgenden: GHB) herausgegeben wurde. Die kleine Streitschrift im Umfang von 20 Seiten trägt den Titel „‚Rechte ChristInnen‘ oder (r)echter Glaube?“ und wurde von einer Reihe von Institutionen2 und Personen3 aus dem Spektrum des konservativen „Bekenntnisprotestantismus“ erstunterzeichnet. Weil es sich bei dem Text um die erste ausführlichere Auseinandersetzung mit kritischen Analysen zur christlichen Rechten in Deutschland handelt, die aus diesem „Lager“ stammt, und weil er sich nicht zuletzt gegen Artikel aus der EZW und der landeskirchlichen Weltanschauungsarbeit richtet, soll er hier eingehender in Betracht genommen werden.4
„Rechtes Christentum“?
„Konservative Christen in Deutschland sehen sich Vorwürfen ausgesetzt, mit politisch ‚rechten‘ Positionen zu liebäugeln oder parteipolitisch zu agieren.“ (2) Der Eingangssatz des Vorworts schneidet den Anlass der Broschüre an. Seit ca. 2018 sind eine Reihe von Büchern, Aufsätzen und Artikeln von verschiedenen Autor:innen (auch von der EZW) und in verschiedenen Publikationsorganen (auch der EZW) erschienen, die sich mit einem Überschneidungsfeld von konservativem Christentum und Neuer Rechter in Deutschland befassen. Denn seit der Flüchtlingskrise von 2015 (samt Folgejahren) und verstärkt seit der Coronakrise von 2020 bis 2023 trat immer stärker eine „Ökumene von rechts“ öffentlich hervor, in der Motive des politischen Rechtspopulismus mit christlichen Motiven verkoppelt wurden. So geschah es erstmals mit größerer Breitenwirkung bei „Pegida“, wo im Zeichen des christlichen Kreuzes gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ agitiert wurde.
Die für viele Beobachter irritierende Verknüpfung wurde in den Publikationen näher beschrieben und in unterschiedlicher Weise problematisiert. Dabei gab es wissenschaftliche und eher populäre, differenzierte und eher plakative, theologisch informierte und eher kenntnisarme Beiträge – wie bei einem solch schwierigen und zugleich politisch aufgeladenen Thema nicht anders zu erwarten. In den letzten Jahren folgten mehrere Fernsehbeiträge in öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern, die mit einer Tendenz zur Zuspitzung und Dramatisierung dem öffentlichen Diskurs zum Thema vermutlich mehr geschadet als genutzt haben. Vor allem boten sie den zurecht Kritisierten den bequemen Ausweg, sich zu verfolgten Helden der „Meinungsfreiheit“ zu stilisieren und damit die Kritik an sich abperlen zu lassen.
Der Verfasser des vorliegenden EZW-Artikels hat ebenfalls zum Thema publiziert.5 Er hat in einer längeren Studie zwei Bücher analysiert, die ausdrücklich der Konturierung eines „rechten Christentums“ gewidmet sind, das sich als Alternative zu dem durch Aufklärung und „Gutmenschentum“ verdorbenen „Weichei-Christentum“ der beiden Amtskirchen versteht. Das Ergebnis: Es gibt in Deutschland eine überkonfessionell-christliche Sphäre, in der traditionelle konservative Motive (göttliche Ordnungen, christliche Gesellschaft, christlicher Wahrheitsanspruch) in kulturkämpferischer Absicht formal und inhaltlich verschärft werden, so dass eine Gestalt von Christentum entsteht, die sich vom herkömmlichen Konservatismus wesenhaft unterscheidet. Formelhaft gesprochen: „Rechtes Christentum“ ist christlicher Konservatismus in populistischer Verschärfung oder, anders formuliert, im Modus der Kulturkampferhitzung.
Wie sich den analysierten Texten entnehmen ließ, erfolgt die formale Verschärfung vornehmlich durch grobe Vereinfachungen, die Verzerrung von Gegenpositionen, die Ausblendung von Problemen der eigenen Position und die Adressierung bestimmter Affekte. Inhaltlich charakteristisch sind ein forcierter Antiliberalismus, scharfe Islamfeindlichkeit sowie die entschiedene Herabstufung bestimmter Motive der christlichen Ethik wie Nächsten- und Feindesliebe, Demut und Sanftmut. Als wesentliche Triebkraft der Verschärfung wirkt allem Anschein nach eine Mischung von depressiven und aggressiven Affekten: das Bewusstsein eines allgemeinen kulturellen und religiösen Niedergangs, die Angst vor der Säkularisierung und Islamisierung Europas, das Gefühl einer Marginalisierung des einstmals dominierenden Konservatismus sowie die trotzige Behauptung der eigenen konservativen Werte und Ideen, samt Verachtung des liberal deformierten „linken Mainstreams“.
„Verleumdung“ und „Verunglimpfung“
Es trifft also tatsächlich zu, dass besagte Vorwürfe erhoben werden. Denn es gibt sie unleugbar: Christen mit konservativer Herkunft und ursprünglich konservativen Ansichten und Haltungen, die genau dies tun: „mit politisch ‚rechten‘ Positionen liebäugeln oder parteipolitisch agieren“. Als Muster eines derartigen christlichen Rechtspopulismus können der fundamentalistische Freikirchenpastor Tobias Riemenschneider6 oder der ehemalige Journalist Peter Hahne7 angeführt werden – ihre schriftlichen und mündlichen Äußerungen aus den letzten Jahren illustrieren alle oben aufgelisteten Kennzeichen reichlich.
Daraus folgt nun aber natürlich keineswegs, dass konservative Christen generell im Verdacht einer solchen Rechtsdrift stehen – und kein seriöser Kritiker hat solches je behauptet.8 Nur so viel lässt sich mit einiger empirischer Plausibilität sagen: Aufgrund der enormen Liberalisierungsprozesse der letzten Jahrzehnte ist zumal der christliche Konservatismus gesellschaftlich in eine Defensivpositiongeraten, in der eine erhebliche Versuchung zur kulturkämpferischen Gegenreaktion liegt – wofür man auch als „Linke“ oder „Liberaler“ durchaus menschliches Verständnis aufbringen kann. Aber bei Weitem nicht alle konservativen Christen erliegen dieser Versuchung. Vielmehr gilt dies, so weit sich das abschätzen lässt, in Deutschland (anders als in den USA) eher für eine Minderheit. Sofern man die fragliche Sphäre dennoch für problematisch hält, weil sie größer werden und der allgemeinen Konjunktur des Rechtspopulismus weiter Vorschub leisten könnte und weil darin das Christentum in einer Weise umgeformt wird, die dessen Integrität gefährdet – sofern man diese Sorgen teilt, wird man die kritische Auseinandersetzung mit jenem Feld dennoch für sinnvoll und notwendig halten.
Zu einer solch differenzierten Wahrnehmung der komplexen Sach- und Debattenlage zeigt sich nun freilich die GHB-Broschüre wenig geneigt. Sie sieht konservative Christen nicht nur „von der Welt verleumdet“, sondern obendrein „innerhalb ihrer Kirchen ökonomisch und moralisch an den Rand gedrängt“ (2). Dabei kommt kritischen Äußerungen kirchlicher (Weltanschauungs-)Stellen eine wichtige Bedeutung zu. Ohne Beleg (und Anhalt an Tatsachen)9 wird behauptet, auf diesem kirchlichen Feld seien mit „reichlich Kapital“ „neue Planstellen“ geschaffen worden, „obwohl die Landeskirchen besonders auf Ebene der Ortsgemeinden schmerzhaft sparen müssen“ (3) – die Behauptung zielt beim geneigten kirchlichen Leser offenbar auf Gefühle wie Empörung oder Zorn.10 Empörend wirkt die angebliche Bevorzugung von Weltanschauungsstellen erst recht deshalb, weil selbige der Kritik säkularer Medien „die kirchenamtliche Rechtfertigung zur Verunglimpfung christlicher Gruppen“ (3) liefern.
„Verleumdung“, „Bedrängnis“, „Verunglimpfung“ – mit diesen Stichwörtern setzt das Vorwort den Ton für die gesamte Broschüre. Es sind „die liberal geführten Landeskirchen“, die unter dem Banner des „Kampfes gegen rechts“ konservative Christen angreifen und damit „verunsichern“ (4). Dass es auch ein reales Problem geben könnte, das von den Kritikern aufgegriffen wird, kommt nicht einmal als Möglichkeitin den Blick. Stattdessen werden alle Anwürfe in Bausch und Bogen abgewiesen. Dies geschieht in mehreren Abschnitten, die thematisch und argumentativ eher lose zusammenhängen.
Das Denunziantentum der Kritiker
Zunächst wird über einen Konflikt zwischen der Hannoverschen Landeskirche, dem Geistlichen Rüstzentrum Krelingen und dem GHB berichtet, der für die Allgemeinheit nicht von größerem Interesse sein dürfte. Interessant ist, was folgt. So mündet der Bericht in einen ersten Angriff auf den Hannoverschen Weltanschauungsbeauftragten Daniel Rudolphi, der sich in einem Artikel in der „Zeitschrift für Religion und Weltanschauung“ mit staatskritischen Äußerungen einer Reihe von Autoren befasst hatte,11 darunter (neben Tobias Riemenschneider12, Wolfgang Nestvogel, James Coates und anderen) auch Stefan Felber, der Leiter, und Johann Hesse, der Geschäftsführer des GHB.
Rudolphi hatte seinen Artikel mit dem (gut begründeten) Fazit beschlossen, „das politische Konfliktpotential des behandelten Netzwerkes“ scheine „so erheblich zu sein, dass es dringend weiter beobachtet werden sollte“. An das Zitat des Satzes in der Broschüre schließt wiederum deren Verfasser eine suggestive Frage an: „Rechtfertigt der Autor [also Rudolphi; M.F.] damit seine eigene Arbeit oder lädt er den Verfassungsschutz ein, tätig zu werden?“ (5f) Der landeskirchliche Theologe wird mit der doppelten Mutmaßung delegitimiert, er formuliere seine Kritik entweder aus Eigeninteresse oder aber zwecks Denunziation der konservativen Glaubensgeschwister bei den staatlichen Behörden – eine schon angesichts der abgewogenen Urteile des Artikels ziemlich abwegige Idee. Aber offenkundig schätzt der GHB-Autor sowohl die Radikalität als auch die Bedeutung der besprochenen Akteure signifikant höher ein als deren kirchlicher Kritiker.
Es folgt ein Abschnitt („Um was geht es inhaltlich?“) zum bürgerlichen Grundrecht der Meinungsfreiheit. Er versucht den „Angriff“ (vgl. 6) von Rudolphi zu parieren, indem er herausstellt, dass sämtliche Äußerungen der „Gebrandmarkten“ (vgl. 6) von jenem Grundrecht gedeckt seien. Aber das hatte auch niemand in Abrede gestellt. Denn auch autoritäre, rechtslastige und demokratieschädliche Einlassungen sind bekanntlich bis zu einer gewissen Grenze vom Recht auf Meinungsfreiheit geschützt (nämlich bis sie den Tatbestand der „Volksverhetzung“ erfüllen, der hohe Hürden hat). Sollte es deshalb illegitim sein, sie als „autoritär, rechtslastig und demokratieschädlich“ zu beanstanden? Eine verwirrende Argumentation.
Ansonsten läuft der Abschnitt darauf hinaus, dass es eigentlich Sache der Kirche wäre, eine kritische „Gegenöffentlichkeit“ zum Staat zu bilden, anstatt sich von ihm legitime Meinungen ungeprüft vorgeben zu lassen. Worauf sich diese Andeutungen genau beziehen, bleibt unklar; der Kontext lässt aber vermuten, dass die „unkritische Haltung gegenüber den Herrschenden“ (11) gemeint ist, die die Kirchen nach einem geläufigen Vorwurf während der Coronazeit an den Tag legten.
Das theologische Defizit der Kritiker
Im Anschluss („Staatliche statt theologischer Legitimation“) wird zuerst die theologische Unterbelichtung der Kritik am christlichen Rechtspopulismus bemängelt – es werden nun neben Daniel Rudolphi auch noch die Namen Sonja Angelika Strube und Martin Fritz genannt. „Mit dem ‚rechten Christentum‘ beschäftigen sich ausgerechnet solche Leute (auch Theologen), die nicht durch biblisch-theologische Studien hervorgetreten sind, und deren politische Gedankenwelt Schnittmengen vornehmlich mit Parteiprogrammen aus dem linken Spektrum aufweist.“ (5) Letzteres wird gar nicht belegt, Ersteres lediglich mit dem Verweis auf eine Rezension der praktisch-theologischen Dissertation von Rudolphi, eine empirische Arbeit über das Problem der Kirchenfusion. Die Feststellung, dass sie in ihren Schriften nicht einem bestimmten Ideal „biblischer Theologie“ nachkommen, ist für den Autor der Broschüre hinreichend, um zu behaupten, dass es den Genannten „nicht darauf an[kommt], die Legitimation ihrer Kritik theologisch (geschweige biblisch) zu plausibilisieren“ (9). Eine konkrete Auseinandersetzung mit den theologischen Argumenten, die in Texten der besagten Kritiker:innen vorgebracht werden, erübrigt sich damit. Stattdessen wird das Urteil, leicht variiert, zur Bekräftigung noch einmal wiederholt (wieder ohne einen einzigen Beleg): „Die biblische, geschichtliche und ethische Reflexion bleibt dünn, das Gegenüber bleibt vage.“ (11)
Recht unvermittelt springt der Abschnitt thematisch zur Kritik an staatlich finanzierten NGO’s, die sich mit dem Thema Rechtsextremismus befassen (darunter eine kirchliche, die „Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche + Rechtsextremismus“). Warum die Befassung mit diesem Thema nicht staatlich gefördert und nicht kirchlich betrieben werden sollte – Gibt es keinen Rechtsextremismus in Deutschland? Oder ist der Rechtsextremismus hierzulande keine gesellschaftliche Gefahr? Oder ist es kein Problem, mit dem sich die Kirche beschäftigen sollte, wenn Rechtsextreme etwa der „Identitären Bewegung“ oder des „Instituts für Staatspolitik“ ihren Extremismus christlich begründen? – wird nicht gesagt.
„Leitmotiv Staatsvertrauen“?
Der folgende Abschnitt springt zurück zu Daniel Rudolphi und dessen ZRW-Artikel über „Kirche und Staat im rechten Christentum“. Der Weltanschauungsbeauftragte hatte darin das (auch in der Broschüre wiederholt erwähnte) Theorem der „Zivilreligion“ bei Stefan Felber analysiert und – völlig zutreffend und dabei sehr zurückhaltend – geurteilt, „die in diesem Kontext gebrauchten Begriffe ‚Schuldkult‘ und ‚Schuldkomplex‘“ seien „in hohem Maße anschlussfähig an neurechte Diskurse“ (362). Weil darin außerdem das verschwörungstheoretische „Motiv einer planmäßigen, teils offenen, teils eher verborgenen ideologischen Steuerung der Gesellschaft ‚von oben‘“ eine zentrale Rolle spiele, sei „der ganze Theoriekomplex […] problematisch, weil er ein Misstrauen gegenüber den gewählten politischen Volksvertretern und gegenüber dem Prinzip der demokratischen Legitimation von Macht zu befördern vermag.“ (364) Zudem lade er zu „Spekulationen verschwörungstheoretischer Färbung“ (365) ein. „Nimmt man die skizzierten Motive zusammen“, so Rudolphis Fazit, „ergibt sich ein unübersehbarer Generalvorbehalt gegenüber der gegenwärtigen Gestalt der deutschen Demokratie, der zur Beförderung genereller antidemokratischer Affekte und Ideen mindestens geeignet ist.“ (365) Das ist wirklich ein ausnehmend vorsichtiges Urteil.
Die Neigung zu einer „Hermeneutik des politischen Verdachts“ (366) gegenüber den gewählten Volksvertretern wird dann noch anhand von Verlautbarungen aus dem GHB-Kontext zur Coronapandemie dokumentiert. Damals hatte Stefan Felber insinuiert, die Atemschutzmasken-Pflicht sei nicht primär aus Gründen der allgemeinen Gesundheitsfürsorge eingeführt worden, sondern um „das Gefühl der Bedrohung hochzuhalten“; so sei „die Maske im öffentlichen Raum […] zum Symbol des Gehorsams gegenüber den staatlichen Corona-Maßnahmen geworden“.13 Johann Hesse wiederum hatte in einer apokalyptischen Deutung des Geschehens erklärt, die „sog. Corona-Pandemie“ sei ein Vorgeschmack des „dämonischen“ „Weltstaats“ des „Antichristen“ sowie der endzeitlichen Leidenszeit der Gemeinde, in welcher nur „KZ-fähige Christen“14 bestehen könnten.
In der GHB-Broschüre soll nun der Vorwurf einer Tendenz zur „Delegitimierung des Staates“ (13) bei den GHB-Verantwortlichen und anderen konterkariert werden, indem wiederum bei Rudolphi die Grundhaltung eines übermäßigen, theologisch illegitimen „Staatsvertrauens“ aufgewiesen wird. Der Kritiker der Staatsdelegitimierer wird seinerseits als staatshöriger Kirchenfunktionär vorgestellt, der jede theologisch gebotene Distanz zu den „Herrschenden“ verloren hat und damit den rechten „Bezug zu Gott und seinem heiligen Wort“ (14), denen ein wahrer Christ mehr zu gehorchen habe als den Menschen, auch mehr als den „staatlichen Obrigkeiten“. Im Gegenzug erscheinen dann die vom kirchlichen „Staatsknecht“ verleumdeten Konservativen als aufrechte Christenmenschen, die sich in ihrem Urteil von nichts anderem bestimmen lassen als von dem biblisch angeleiteten „Fragen nach Gut und Böse“ (13). – Diesmal werden für die Behauptung auch Belege angeführt. So heißt es unter Nennung wörtlicher Zitate:
„Sein [sc. Rudolphis] leitendes Motiv läßt sich zusammenfassen als ‚Staatsvertrauen‘: Durch christliches Wirken müsse ‚Vertrauen in den demokratisch legitimierten Staat‘ [S. 371] gefördert werden. […] Die Legitimation des Staates dürfe auch dann nicht hinterfragt werden, wenn „sich die Bewertungen bestimmter ethischer Fragestellungen innerhalb einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft mit der Zeit verändern‘ (S. 364).“ (13)
Die Passage ist bemerkenswert. Denn an ihr lässt sich, um eine Wendung aus der Broschüre aufzugreifen, bestens „aufzeigen, wie hier argumentiert wird“ (4). Zwar sind die wörtlichen Zitate als solche korrekt; allein, ihr ursprünglicher Aussagesinn stimmt mit dem vom GHB-Autor Behaupteten keineswegs überein. Rudolphi sagt über die coronamaßnahmenkritische „Frankfurter Erklärung christlicher und bürgerlicher Freiheiten“, die maßgeblich von Tobias Riemenschneider verfasst und unter anderen von Felber und Hesse erstunterzeichnet wurde,15 sie habe das destruktive „Potential, das Vertrauen in den demokratisch legitimierten Staat erheblich zu schwächen“ (371). In der Broschüre wird dies zu einer positiven Forderung an „christliches Wirken“ verdreht, ein derartiges Vertrauen „zu fördern“. So wird das Zitat unter der Hand zu einem Beleg für eine staatsaffirmativeVerzweckung des Christlichen.
Das zweite Zitat über die Veränderlichkeit ethischer Bewertungen wird vom Verfasser der Broschüre ebenfalls durch Neukontextualisierung umgenutzt. Im Ursprungszusammenhang dient der Hinweis als schlichter Einwand gegen die verschwörungsideologische Spekulation Felbers (und Nestvogels), bestimmte Veränderungen im moralischen Empfinden der Allgemeinheit (Klimaschutz, Diskriminierung von Minderheiten, weltanschauliche Toleranz etc.) seien auf eine Lenkung durch staatliche Akteure und „sozialistisch“ dominierte Medien zurückzuführen. Rudolphi entgegnet dem, die ethische Kultur ändere sich eben, ganz ohne gezielte Einflussnahme „von oben“. Die Broschüre macht daraus den Beleg für einen bedingungslosen Staatsgehorsam, ungeachtet aller (un-)moralischen Entwicklungen in Staat und Gesellschaft.
Die von ihm selbst durch verzerrende „Zusammenfassung“ frisierten Aussagen sind für den GHB-Autor „von einem freiheitlichen Standpunkt aus unannehmbar“ (14). Denn: „Der Eindruck verfestigt sich, alles ziele auf die Stabilisierung der gegenwärtigen Machtverhältnisse.“ (14) Schön, wenn der eigene Standpunkt so „freiheitlich“ ist, dass man bei der Wiedergabe anderer Positionen selbst ein bisschen nachhelfen kann, dass sich ein bestimmter „Eindruck verfestige“. Der allein an „Gott und seinem heiligen Wort“, an „Gut und Böse“ und an der „Wahrheitsfrage“ (15) orientierte Theologe, der sich über böswilliges „Framing“ (16) in der Debatte beklagt, hat kein Problem damit, Zitate eines Kritikers durch eine ihrer Aussageintention zuwiderlaufende Neueinbettung dem eigenen Argumentationsziel dienstbar zu machen.
Man sollte allerdings vorsichtig sein, dem Verfasser der Broschüre dabei Täuschungsabsicht zu unterstellen – man kann sich ja selbst einer entsprechenden „Hermeneutik des Verdachts“ enthalten. Vielmehr deutet eine weitere Zitation darauf hin, dass jener wirklich meinte, den fraglichen „Eindruck“ nicht selbst hergestellt, sondern dem Artikel des Kritikers direkt entnommen zu haben. So fragt er im besprochenen Absatz, indem er sich auf die oben en bloc angeführte Passage seines Textes mit den Rudolphi-Zitaten zurückbezieht, in kritischer Absicht nach: „Und was bedeutet ‚nicht hinterfragen‘?“ (14) Die Anführungszeichen zeigen an, dass es sich hierbei um eine Rudolphi-Aussage handeln soll, deren Fragwürdigkeit herausgestellt wird. Aber blättert man zurück, stellt man fest: Es wird nicht eine Wendung des „Gegners“ zitiert, sondern eine Wendung aus der eigenen Darstellung von dessen angeblicher Haltung. Tatsächlich scheinen dem GHB-Autor in der Hitze des theologisch-politischen Gefechts die Grenzen zwischen der Position des interpretierten Textes und den eigenen Vorannahmen und Absichten verschwommen zu sein. Der glühende Einsatz für mehr kirchliche Staatsdistanz ging offenbar auf Kosten der redlich-nüchternen Fremd- und Selbstdistanz.
„Was wir tun und was wir fordern“
Die Streitschrift schließt mit einer zweifachen Bestimmung des Standpunkts der Unterzeichneten und mit zwei daraus abgeleiteten Forderungen. Zuerst wird für diese Gruppe die innere Freiheit des Glaubens beansprucht („1. Die innere Freiheit: Wir beten den souveränen Gott an.), und zwar
„im Gegenüber zu den Kräften, die heute juristisch, finanziell und digital über weitgespannte (Fang)Netze verfügen. Diese Kräfte haben immer weniger Hemmungen, Grundrechte auszuhebeln (Versammlungsfreiheit, Unverletzlichkeit der Wohnung, Postgeheimnis, Zensurfreiheit). Der eine allmächtige und dreieinige Gott ist unsere Zuflucht. Darum bleiben wir zuversichtlich, auch wenn die bürgerlichen Spielräume enger werden.“ (15)
Was Rudolphi bei den von ihm behandelten Protagonisten an aversiven Affekten „gegenüber der gegenwärtigen Gestalt der deutschen Demokratie“ (365) herausgearbeitet hatte, kommt hier noch einmal pointiert zum Ausdruck. Dabei wird die „selbstverständliche Gewaltfreiheit“ des „tapferen“ und „liebevollen“ „Bekennens“ der bibeltreuen Christen im Angesicht der freiheitsfeindlichen Kräfte unterstrichen.
Der zweite Punkt der Selbstpositionierung („2. Die äußere Freiheit: parteipolitisch neutral, aber klar und wahr!“) markiert einerseits den politischen Anspruch der christlichen (Gebots-)Ethik: „Wir bekennen die Zehn Gebote als Maßstab auch des politischen, nicht nur des persönlichen Handelns.“ (16) Andererseits werden theokratische Ideen abgewiesen: „Wir erheben keinen Anspruch auf staatliche oder gewaltsame Durchsetzung unserer theologischen und ethischen Vorstellungen […]. Wir predigen aber, daß nur ein Staat, der Respekt vor den Geboten Gottes hat, erfolgreich sein kann.“ (15)16 Der Einsatz für diesen Respekt soll in parteipolitischer Neutralität erfolgen: „Wir geben keine Wahlempfehlungen ab, üben aber klare Kritik an bestimmten politischen Entscheidungen – immer sachorientiert und aus den Geboten Gottes argumentierend.“ (15).
„Im Gespräch mit Kirchenvertretern“ (3.) wird daraufhin noch einmal die Ablehnung jeder „zivilreligiösen“ Instrumentalisierung der Kirche für staatliche Interessen bekräftigt: „Wir insistieren auf dem geistlichen Charakter der Kirche. Sie ist keine ‚N‘GO und darf ihre Agenda nicht von politischen Mehrheiten bestimmen lassen.“ (16)17 Auch ein Bußruf an die „Kirchenleiter“, die solche zivilreligiösen Abwege eröffnet haben, darf nicht fehlen.
Am Ende der Broschüre steht eine Forderung an den Staat („4. Im Gespräch über die staatlichen Grundlagen laut den Artikeln 3 bis 5 des Grundgesetzes“). Er wird daran erinnert, dass „die Staatsgewalt vom Volke ausgeht; d.h. die politische Willensbildung soll von unten nach oben und nicht umgekehrt geschehen“ (17). Noch ein letztes Mal gibt es einen Seitenhieb auf das „derzeit wuchernde System der staatlich finanzierten ‚N‘GOs“, bevor davor gewarnt wird, „den Begriff Demokratie […] in die Richtung des DDR-Sprachgebrauchs zu verschieben, wo er mit Sozialismus identifiziert wurde“. Spätestens beim Lesen dieses kryptischen Schlusses verfestigt sich der Eindruck, dass es sich bei der Broschüre eher um den Beitrag zum Selbstgespräch einer in spezifischer Weise voreingestimmten Szene handelt als zu einer echten Debatte über das Recht und Unrecht, die Reichweite und die Mängel der zurückgewiesenen Analysen eines „rechten Christentums“.
Theologen im Kulturkampfanzug
Auch wenn der sachliche Ertrag der Lektüre gering ausfällt, lässt sich doch das Folgende festhalten: Insgesamt bestätigt die GHB-Broschüre den eingangs umrissenen Befund eines kulturkämpferisch aufgeladenen christlichen Konservatismus – man mag das Phänomen nennen, wie man will. Jedenfalls zeigt der Text eine Reihe von typischen Kennzeichen der betreffenden „Erhitzung“.
Augenfällig sind die Züge formaler Verschärfung. So werden Sachverhalte durch willkürliche Vereindeutigung zugespitzt, zum Beispiel wenn die kirchliche Beschäftigung mit dem Thema schlankweg auf die Absicht zurückgeführt wird, ein kirchenverbindendes und dabei „öffentlichkeits- und werbewirksames“ Ersatzengagement zu finden, „nachdem die verbindende Kraft der eigenen Bekenntnisse geschwunden war“. (4) Mit dieser Annahme über eine „eigentliche“ Intention hinter dem „Kampf gegen rechts“ (4), vorgetragen nicht etwa im Modus einer zu diskutierenden Hypothese, sondern einer schlichten Tatsachenbehauptung, wird implizit die Möglichkeit geleugnet, es könnte ein ernstzunehmendes politisch-theologisches Sachinteresse oder gar eine treffende Problemdiagnose vorliegen. Die Sachkritik wird vorderhand ins Gebiet des „Uneigentlichen“ verschoben, um sie rhetorisch zu entkräften.
Dass in der Broschüre Gegenpositionen verzerrt dargestellt werden, wurde ausführlich gezeigt – auch dies eine geläufige Strategie populistischer Rhetorik. Aber auch die eigene Position wird dabei in gewisser Weise „verzerrt“, nämlich ins eindeutig Positive, Unproblematische und eigentlich Alternativlose: Die offenbar ohne Weiteres für überzeugend genommene, weil ohne nähere Auseinandersetzung vorgetragene Behauptung von grundlegenden „Defiziten an Theologie“ (11), ja: eines „theologischen Vakuums“ (11) bei den Gegnern, ist nur dann plausibel, wenn ihre Prämisse unbefragt gilt. Dies ist die selbstverständlich vorausgesetzte Annahme, die eigene Art von „biblischer Theologie“ sei die einzig sachgemäße Art und nicht etwa eine mögliche Option unter anderen. Und dass bei „vielen“ der Kritiker überhaupt „der für jede Theologie notwendige Bezug zu Gott und seinem heiligen Wort [fehle]“ (14), diese (abermals gänzlich unbelegte) Behauptung auf dieser Linie mag zwar bei den „eigenen Leuten“ heftiges Kopfnicken erzeugen; ansonsten verrät sie mehr über die eigene Theologie, über ihren Hang zur leichthändigen Selbstbekräftigung und leichtfertigen Fremdherabsetzung, als über die Theologie oder gar das Christentum jener anderen.18
Diese Schlaglichter auf die Elemente formaler Verschärfung mögen hier genügen. Anderes, etwa eine auffällige Vorliebe für raunende Mutmaßungen in Frageform, ließe sich ergänzen. Was die Radikalisierung konservativer Inhalte angeht, ist die Streitschrift nur ansatzweise aussagekräftig – diesbezüglich kann auf den Artikel von Daniel Rudolphi verwiesen werden.19
Die Broschüre bezeugt, was auch andere Beobachtungen vielfach nahelegen: Es gibt in der „bekenntnisprotestantischen“ Szene, aus der Autor wie Erstunterzeichner der Broschüre mehrheitlich stammen, zumindest bei prominenten Vertretern eine spürbare Neigung zur kulturkämpferischen Verschärfung. Sie lässt sich als trotzige Gegenreaktion darauf begreifen, dass besonders der christliche Konservatismus in Deutschland in den letzten Jahrzehnten diskursiv in die Defensive geraten ist. Auf dem Boden einer solch depressiv-aggressiven Grundgestimmtheit, die sich bei manchen – nicht allen – Konservativen eingestellt hat, wird dann auch die kritische Analyse „rechten Christentums“ als Angriff wahrgenommen, auf den mit einem scharfen Gegenangriff zu antworten ist, hier: in Form eines argumentativ höchst fragwürdigen Pamphlets.
Ein begriffliches Dilemma
Ob man die entsprechende Kulturkampfstimmung konservativer Christen „in das Rechts-links-Schema pressen“ (14) und als „rechtes Christentum“ titulieren sollte, ist noch einmal eine Frage für sich. Gegen diese Etikettierung spricht, dass die politische Richtungsbezeichnung „rechts“ (so wie „links“) zwischen politischem Schimpfnamen, wissenschaftlichem Terminus und stolzer Selbstbezeichnung changiert. Der Gebrauch des Ausdrucks hat daher zwei ungute Nebeneffekte. Zum einen fühlen sich insbesondere Konservative durch den Ausdruck schnell „diskreditiert“ (14), was im Sinne einer self fulfilling prophecy zu einer kränkungsbedingten Radikalisierung führen kann, wohlgemerkt von Personen, die selbst noch „gemäßigt“ konservativ waren (selbstredend eine völlig legitime politische, kulturelle wie religiöse Einstellung). Zum anderen gibt der Ausdruck Personen und Gruppen, die sich bereits radikalisiert haben, die komfortable Gelegenheit, sich mit der Klage über billige „Diskreditierung“ selbst recht preiswert aus der Affäre zu ziehen. Beides kann niemand wollen, der das in Rede stehende Phänomen wirklich als problematisch ansieht.
Es gibt aber auch Gründe, die für Wendungen wie „rechtes Christentum“, „christliche Rechte“ oder „Ökumene von rechts“ sprechen. Der einfachste und schlagendste: Der Rechts-Links-Dual hat als Figur politischer Grundorientierung eine basale Plausibilität, die sie für den allgemeinen Austausch über politische Positionen nahezu unersetzbar machen dürfte. Das bezeugt auch die vorliegende Broschüre, indem sie, trotz ihrer scharfen Kritik an dem „Schema“, selbiges selbst zweimal bemüht, nämlich um „linke“ Positionen zu disqualifizieren.20
Man wird dem angedeuteten begrifflichen Dilemma kaum entkommen. Man sollte aber zumindest die Vokabel „rechts“ möglichst vorsichtig verwenden, indem man sie, wo möglich, entweder in Anführungszeichen setzt oder durch jeweils zutreffende Spezifizierungen wie „rechtspopulistisch“, „neurechts“ oder „rechtsradikal“ (und entsprechend auf der „linken“ Seite) als (relativ) konturierte Fachbegriffe kenntlich macht.
Empathie und Sachlichkeit
Wichtiger als die Frage der Bezeichnung ist die Frage des Umgangs mit dem Gesamtphänomen und seinen Spielarten. In der fachlichen, innerkirchlichen und gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung kommt es sicherlich nicht zum wenigsten auf Fairness und Differenziertheit an, so weit jeweils möglich. Denn alles andere erhitzt nur die vorhandenen Emotionen und verschärft die vorhandenen Spannungen. So zeigt die Broschüre beispielsweise, nimmt man ihre Bekundung parteipolitischer Neutralität ernst, dass es kurzschlüssig wäre, alle kulturkampfgestimmten Christen umstands- und ausnahmslos als Parteigänger:innen der AfD zu verbuchen. Auch wenn viele Affekt- und Motivlagen eine Nähe zum organisierten Rechtspopulismus aufweisen, bleibt vielleicht bei den meisten aufrechten Christen mindestens eine Restdistanz.
Das ändert allerdings nichts an dem Umstand, dass in dieser christlichen Sphäre Motive und Affekte weitergetragen und verstärkt werden, die aus Sicht der AfD ins „metapolitische“ Vorfeld der Partei führen. Es ist daher nur folgerichtig, dass diese Partei die nämliche Sphäre inzwischen als ein potenzielles Wählerreservoir ausgemacht hat.21 Das kann zwar wiederum den betreffenden Christen wohl nicht umstandslos als politische Schuld zugerechnet werden. Zumindest gewisse Ideologen und Demagogen der Sphäre tragen dafür gleichwohl eine Verantwortung, weil sie die fraglichen Diskursverschiebungen und -erhitzungen sehenden Auges – wenn nicht gezielt – selbst betreiben, statt sich vom politischen Rechtspopulismus und seinen Neigungen zum Rechtsextremismus deutlich zu distanzieren. Auch in der GHB-Broschüre sucht man eine solche Abgrenzung vergeblich.
Die Dinge sind heikel und kompliziert. In dieser Lage ist es ratsam, trotz und wegen des großen Erregungspotenzials des Themas, sich immer wieder zu möglichst großer Sachlichkeit zu ermahnen, so schwer es manchmal fällt. Hilfreich dazu dürfte es sein – um es noch einmal zu sagen –, wenn man, so weit möglich und angebracht, Verständnis für die schwierige Lage konservativer Christen in einer fortgeschritten liberalisierten, pluralisierten und in vielerlei Hinsicht säkularisierten Gesellschaft aufbringt. Aber warum legen sie ihren Konservatismus dann nicht einfach ab?, werden sich manche „Liberale“ oder „Progressive“ fragen. Eine Antwort lautet: Weil das „liberale“ bzw. „progressive“ Christentum theologische und religiöse Zumutungen mit sich bringt, die für manche Christen einer Aufgabe oder Auflösung ihres Glaubens gleichkäme. Man kann die dahinterstehenden Bedürfnisse nach Klarheit und Gewissheit in Glauben und Leben anerkennen, auch wenn man für sich selbst zu der Überzeugung gekommen ist, dass die Zumutungen auf der anderen Seite noch weniger tragbar sind.
Festgefahrene Fronten
Wie die GHB-Broschüre illustriert, gibt es in unserer Kirche festgefahrene Fronten zwischen „links“ und „rechts“, zwischen „liberal“ oder „progressiv“ und „konservativ“, die das Miteinander immer wieder schwierig und mitunter unmöglich machen. Vielleicht wäre es in dieser verfahrenen Lage hilfreich und gut, bisweilen auch miteinander statt nur übereinander zu sprechen. Das könnte gerade auch unter fachlich-theologischen Gesichtspunkten ertragreich sein. Denn es ist ja gut möglich, dass kritische Darstellungen des „Kulturkampfchristentums“ konservativer Herkunft, auch wenn es ihnen noch so sehr um Sachlichkeit und Fairness zu tun ist, ihrem Gegenstand in mancher Hinsicht nicht gerecht werden, dass sie ihn partiell einseitig, verzerrend, unterkomplex oder mit inadäquaten Begriffen beschreiben. Jeder Versuch zu verstehen ist fehlbar, das Feld unübersichtlich und uneinheitlich. Und nicht zuletzt ist die Grenze zwischen einem legitimen (und gelegentlich sich erhitzenden) Konservatismus und einer destruktiven Dauererhitzung gegen den Liberalismus in Kirche und Welt nicht leicht zu ziehen, weil die Übergänge fließend sind.
Ein derartiges Gespräch wäre indessen nur sinnvoll, wenn nicht sämtliche von den Kritikern geltend gemachten Probleme schlichtweg bestritten oder die Kritiker pauschal als unseriöse, theologisch unterbelichtete und glaubenslose Gesellen „diskreditiert“ werden (um auch diese Vokabel aus der Broschüre einmal zu übernehmen) – zumal wenn dies mit Mitteln aus dem Standardrepertoire von Populisten geschieht. Und es kann nur stattfinden, sofern beide Seiten – wenigstens für einen Moment – ihre Neigung zu Erregung und Rechthaberei einhegen. Darum dürfte es einem Dialog dienlich sein, ihn nicht öffentlich zu führen. Denn Öffentlichkeit verstärkt den Drang zur polemischen Selbstbehauptung. Gewiss gibt es auch Protagonisten – auf beiden Seiten –, bei denen ein sachlicher Austausch ausgeschlossen erscheint, auch ein gedeihliches Streitgespräch. Aber wo ausreichend Friedfertigkeit, geistige Beweglichkeit und christlicher Gemeingeist vorhanden sind, könnte man vielleicht über alte und neue Gräben hinweg in ein produktives – und zweifellos immens anregendes – Gespräch miteinander eintreten. Wo immer solche Tugenden vorhanden sind, besteht immerhin eine kleine Aussicht auf Gelingen. Dort sollte man den Versuch wagen.
Martin Fritz, 08.06.2026
Links:
https://www.gemeindenetzwerk.de/?p=22519
Downloadlink zur Broschüre: https://www.gemeindenetzwerk.de/wp-content/uploads/2026/05/Rechte-ChristInnen-2.-Aufl.-Mai-2026-WEB.pdf
YouTube-Vorstellung der Broschüre: https://www.youtube.com/watch?v=TTs6WPcceIE
Hörbeitrag von Stefan Felber beim „Kontrafunk“: https://tinyurl.com/4buxfzxe
Konservative Protestanten prangern „Kampf gegen rechts“ an, Junge Freiheit online, 11.5.2026, https://tinyurl.com/4zxy8fnk
Mathias von Gersdorff, „‚Gegen Rechts‘ rechtfertigt polit-ideologisch riesigen inhaltsleeren Apparat“, youtube.com, 11.5.2026, https://www.youtube.com/watch?v=GIqgp35Xk48
Stellungnahme der Landeskirche Hannovers: https://www.landeskirche-hannovers.de/presse/pressemeldungen-landeskirche/2026/05/08-stellungnahme-zur-publikation-rechte-christinnen
Literatur:
„Rechte ChristInnen“ oder (r)echter Glaube?, hg. vom Gemeindehilfsbund Walsrode, Walsrode 2026 (https://tinyurl.com/42frp8hc)
Epp, Samuel, „Verschwörungsglaube im evangelikal-pietistischen Milieu. Eine Analyse von Narrativen und theologischen Hintergründen“, in: Hans-Ulrich Probst/Dominik Gautier/Karoline Ritter/Charlotte Jacobs (Hg.), Topoi und Netzwerke der religiösen Rechten. Verbindende Feindbilder zwischen extremer Rechter und Christentum, Bielefeld: transcript, 2024, 295–314, 304–307 (https://tinyurl.com/4tw8yumd)
Fritz, Martin, „Ein fundamentalistisches Christentum als Staatsreligion – Die ‚Christen in der AfD‘ lassen sich von Tobias Riemenschneider erbauen“, ezw-berlin.de, 17.10.2025, https://tinyurl.com/2hemrcpf
Fritz, Martin, Im Bann der Dekadenz. Theologische Grundmotive der christlichen Rechten in Deutschland, EZW-Texte 273, Berlin: EZW, 2021 (https://tinyurl.com/43ey875h; kürzere Fassung in: Johann Hinrich Claussen/Martin Fritz/Andreas Kubik/Rochus Leonhardt/Arnulf von Scheliha: Christentum von rechts. Theologische Erkundungen und Kritik, Tübingen: Mohr Siebeck 2021, 9–63)
Fritz, Martin, „Rechtes Christentum“, in: ZRW 87,1 (2024), 65–74 (https://tinyurl.com/2s3nhp22)
Rudolphi, Daniel, „Der Staat als ‚Tyrann‘ – Kirche und Staat im rechten Christentum. Eine Netzwerkanalyse“, in: ZRW 86,5 (2023), 359–375 (https://tinyurl.com/4aut2r3a)
Rudolphi, Daniel, „Tobias Riemenschneider – Porträt eines ‚neucalvinistischen‘ Fundamentalisten in Kulturkampfmission“,ezw-berlin.de, 26.3.2026, https://tinyurl.com/yh4nhryf
Anmerkungen
- In der Broschüre wird durchgängig die alte Rechtschreibung verwendet.
- „Kreuzträger e.V.“ (vertreten durch Jorge Mario Monsalve Guaracao), „Christen stehen auf“ (vertreten durch Hartmut Steeb), „Arbeitskreis Christliche Corona-Hilfe“ (vertreten durch Pastor Christian Rosenberg), „Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis in der Nordkirche“ (vertreten durch Pastor Ulrich Rüß), „Netzwerk bekennender Christen Pfalz“ (vertreten durch Pastor Friedrich Dittmar u.a.), „Confessio Württemberg“ (vertreten durch Pfr. Dr. Tobias Eißler u.a.), „Bekennende Evangelische Gemeinde Hannover“ (vertreten durch Pastor Dr. Wolfgang Nestvogel), „Netzwerk Bibel und Bekenntnis“ (vertreten durch Pfr. Ulrich Parzany, Dr. Markus Till u.a.) und „Bekenntnisbewegung ‚Kein anderes Evangelium‘“ (vertreten durch Pfr. Johannes Frey).
- Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter, Prof. Dr. Edith Düsing, Pfr. Manfred Baral, Pastor Martin Michaelis, Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann, Dr. Boris Schmidtgall, Pfr. Karl Baral, Prof. Dr. Harald Seubert, Dr. Dieter Müller, Prof. Dr. Matthias Reitzner, Eberhard Dahm, Stephan und Claudia Kohn.
- Publik gemacht wurde der Inhalt der Broschüre bisher von Idea-Spektrum („Konservative kritisieren kirchliche Kampagnen ‚gegen rechts‘“, IDEA-Pressedienst, 8.5.2026, 2–3), in der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ („Konservative Protestanten prangern ‚Kampf gegen rechts‘ an“, Junge Freiheit online, 11.5.2026, https://tinyurl.com/4zxy8fnk), im „Kontrafunk“ (durch einen Beitrag von Stefan Felber am 25.5.2026, https://tinyurl.com/4buxfzxe, ab Minute 46) und von Mathias von Gersdorff, einem Repräsentanten der rechtskatholischen „Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum“ (TFP) in Deutschland („‚Gegen Rechts‘ rechtfertigt polit-ideologisch riesigen inhaltsleeren Apparat“, youtube.com, 11.5.2026, https://www.youtube.com/watch?v=GIqgp35Xk48). Die Evang.-Luth. Landeskirche Hannovers hat sich in einer Stellungnahme von der Schrift distanziert: https://tinyurl.com/2uwnmwp7.
- Vgl. Martin Fritz, Im Bann der Dekadenz. Theologische Grundmotive der christlichen Rechten in Deutschland, EZW-Texte 273 (Berlin: EZW, 2021; https://tinyurl.com/43ey875h; kürzere Fassung in: Johann Hinrich Claussen/Martin Fritz/Andreas Kubik/Rochus Leonhardt/Arnulf von Scheliha: Christentum von rechts. Theologische Erkundungen und Kritik [Tübingen: Mohr Siebeck, 2021], 9–63); Ders., „Rechtes Christentum“, in: ZRW 87,1 (2024), 65–74 (https://tinyurl.com/2s3nhp22).
- Siehe dazu Martin Fritz, „Ein fundamentalistisches Christentum als Staatsreligion – Die ‚Christen in der AfD‘ lassen sich von Tobias Riemenschneider erbauen“, ezw-berlin.de, 17.10.2025, https://tinyurl.com/2hemrcpf; Daniel Rudolphi, „Tobias Riemenschneider – Porträt eines ‚neucalvinistischen‘ Fundamentalisten in Kulturkampfmission“,ezw-berlin.de, 26.3.2026, https://tinyurl.com/yh4nhryf.
- Vgl. zu Peter Hahne: Nils Kögler und Steven Sowa, „Peter Hahne schwurbelt jetzt über Corona und Genderwahn“, t-online, 3.5.2022, https://tinyurl.com/4zydktup; Astrid Edel und Hans-Ulrich Probst, „Topoi der religiösen Rechten in der Publizistik? Eine vergleichende Diskurs- und Toposanalyse zu Idea und Junge Freiheit“, in: Hans-Ulrich Probst u.a. (Hg.), Topoi und Netzwerke der religiösen Rechten. Verbindende Feindbilder zwischen extremer Rechter und Christentum (Bielefeld: transcript, 2024), 243–269; Chris Lederer, „Peter Hahne polarisiert in der Kirche – ‚Wenn Sie Fake News wollen, gehen Sie nach Berlin‘“, Stuttgarter Zeitung, 7.4.2025, https://tinyurl.com/yv8zm4nr. – Hahne ist 2024 beim GHB-Kongress aufgetreten. Auch aus der Einführung des „Phänomens Hahne“ (so Felber) durch Felber spricht große Verbundenheit: https://www.youtube.com/watch?v=SF630GYKbFg.
- Vgl. z.B. Martin Fritz, „Evangelikale mit Rechtsdrall? Über eine Gratwanderung zwischen Alarmismus und Verharmlosung“, in: Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft 26/9 (2025), 25–27.
- Wer in diesem Bereich arbeitet, weiß, dass das Gegenteil der Behauptung zutrifft: Hier wie überall drohen Stellenkürzungen oder -streichungen. Dem Verf. dieses Artikels, seit 2020 bei der EZW, ist keine einzige „Planstelle“ im Bereich der Weltanschauungsarbeit auf landeskirchlicher oder EKD-Ebene bekannt, die in den letzten Jahren zusätzlich geschaffen worden wäre. Die bestehenden Stellen gibt es seit Jahrzehnten, in Westdeutschland etwa seit den 1970er oder 1980er Jahren, in Ostdeutschland seit den späten 1990er Jahren. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) hat ihre Weltanschauungsstelle bereits wieder gestrichen. Siehe zum Arbeitsfeld und seiner Geschichte Martin Fritz, Evangelische Weltanschauungsarbeit, ezw-berlin.de, 08.06.2026, https://www.ezw-berlin.de/aktuelles/artikel/stichwort-evangelische-weltanschauungsarbeit/.
- Wie gut dies funktioniert, illustriert die Kurzvorstellung der Broschüre durch Mathias von Gersdorff (s. Fn. 4). Hier steht die vermeintliche Fokussierung beider Kirchen auf den „Kampf gegen rechts“ im Mittelpunkt, und der Vortrag des Redners zielt spürbar auf eine Entfaltung des im Text angelegten Empörungspotenzials.
- Daniel Rudolphi, „Der Staat als ‚Tyrann‘ – Kirche und Staat im rechten Christentum. Eine Netzwerkanalyse“, in: ZRW 86,5 (2023), 359–375 (https://tinyurl.com/4aut2r3a).
- Riemenschneider, ein christlicher Fundamentalist mit großer Nähe zum politischen Rechtspopulismus der AfD (siehe oben Fn. 6), steht im Artikel von Rudolphi stark im Fokus – in der GHB-Broschüre fällt der Name nicht. An ihm wäre auch allzu augenfällig geworden, dass man das Phänomen „rechtes Christentum“ nicht leugnen kann.
- Zit. n. Rudolphi, „Staat als ‚Tyrann‘“, 365.
- Zit. n. Rudolphi, „Staat als ‚Tyrann‘“, 368.
- Vgl. https://frankfurtdeclaration.com. Vgl. zur „Frankfurter Erklärung“ ferner Samuel Epp, „Verschwörungsglaube im evangelikal-pietistischen Milieu. Eine Analyse von Narrativen und theologischen Hintergründen“, in: Hans-Ulrich Probst u.a. (Hg.), Topoi und Netzwerke der religiösen Rechten. Verbindende Feindbilder zwischen extremer Rechter und Christentum (Bielefeld: transcript, 2024), 295–314, 304–307, https://tinyurl.com/4tw8yumd.
- Hier scheint eine Differenz zu Tobias Riemenschneider vorzuliegen, der offen das (gegenüber einer „Theokratie“ abgemilderte) Konzept einer „Theonomie“ vertritt; vgl. Rudolphi, „Riemenschneider – Porträt“. Auch die von Riemenschneider im Wesentlichen verfasste „Frankfurter Erklärung“ ist von der Theonomie-Idee geprägt – sie allerdings wurde von Felber und Hesse erstunterzeichnet.
- Das in Anführungszeichen gesetzte „N“ von NGO soll wohl hintersinnig zum Ausdruck bringen, dass es sich bei den sogenannten „Nongovernmental Organizations“/„Nichtregierungsorganisationen“ eigentlich doch um regierungshörige oder -gesteuerte Organisationen handele.
- Eine solche Rhetorik der Alternativlosigkeit des Eigenen wurde überzeugend als einer der Grundzüge populistischer Rhetorik ausgewiesen; vgl. Daniel-Pascal Zorn, Logik für Demokraten. Eine Anleitung, Stuttgart: Klett-Cotta, 2017, bes. 40–43.
- Belege für eine derartige Radikalisierung finden sich auch beim „Gemeindenetzwerk“, einem Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes. Vgl. z.B. Eberhard Kleina, „Hat der Islam die europäische Kultur bereichert?“, gemeindenetzwerk.de, 3.3.2026, https://www.gemeindenetzwerk.de/?p=22411; ders., „Zeichen der Zeit“, gemeindenetzwerk.de, 9.3.2026, https://www.gemeindenetzwerk.de/?p=22421.
- Vgl. „Rechte ChristInnen“ oder (r)echter Glaube, 9: „Parteiprogramme aus dem linken Spektrum“; 12: „Verwendung linker Verschwörungstheorien“.
- Das zeigt etwa der Entwurf zum „Regierungsprogramm“ der AfD Sachsen-Anhalt von diesem Jahr. Dort wird versprochen, einerseits die „Privilegien der Kirchensteuerkirchen“ abzuschaffen, andererseits „Freikirchen, Baptistengemeinden und orthodoxe Kirchen“ zu fördern, weil hier „ein authentischer und vitaler Glaube praktiziert [wird], der die kulturelle Wende, die wir anstreben, vielfältig unterstützt“ (Entwurf vom 23.1.2026, https://tinyurl.com/mpvbf97f, 54). In der verabschiedeten Fassung (https://afd-regierungsprogramm.de/) fehlt die Passage zur Förderung von Freikirchen etc. Die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) hat sich in einer Stellungnahme von diesem Vereinnahmungsversuch unmissverständlich distanziert: https://tinyurl.com/2s3jsct8.
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PD Dr. theol. Martin FritzAuguststraße 80
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