Im transcript Verlag ist eine Studie über „Rechten Glauben“ in Lippe erschienen. An ihr lässt sich gut beobachten, welche Fehlschlüsse bei diesem Thema unterlaufen können. Fragwürdig sind dabei vor allem ihr Bezug zur Region Lippe und das methodische Vorgehen. Was die Studie tatsächlich leistet, gerät darüber leicht aus dem Blick.
Rechter Glaube in Lippe? Eine umstrittene Studie und ihre methodischen Grenzen

Jan Christian Pinsch, Rechter Glaube. Netzwerke und Narrative bibelfundamentalistischer Christen in Lippe (Bielefeld: transcript 2026), 355 Seiten, Open Access (https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-8271-7/rechter-glaube/?c=311000026)
Was die Studie leisten will
Die Studie will „Netzwerke und Narrative bibelfundamentalistischer Christen in Lippe“ untersuchen (vgl. Untertitel). Die Einleitung teilt dieses Vorhaben in zwei Arbeitsschritte auf: eine Netzwerkanalyse des sogenannten „lippischen Bible Belts“ und eine „Dokumentenanalyse seiner Akteure“ (S. 20). Das zweite Kapitel beansprucht für diese Arbeit die Perspektive der evangelischen Kirchengeschichte (verstanden als historische Theologie mit Gegenwartsrelevanz). Kapitel 3 definiert die Begriffe Evangelikalismus, Biblizismus und Fundamentalismus und stellt die US-amerikanischen und die (vermeintlichen) deutschen „Bible Belts“ dar. Darauffolgend beleuchtet die Studie die Berufung der AfD auf das Christentum und ihre gezielten Annäherungen an fromme Milieus (Kapitel 4). Kapitel 5 skizziert die Kirchengeschichte der Lippischen Landeskirche, die ausdrücklich nicht zum „Bible Belt“ gezählt wird. Kapitel 6 widmet sich daraufhin dem „lippischen Bible Belt“ (S. 127) und seinen charakteristischen Komponenten: Es behandelt den Lippischen Gemeinschaftsbund, nordlippische Gemeinden, die Bekennende Evangelische Kirche in Bad Salzuflen-Wüsten, den Bibelbund, die Bibelschule Brake, die postsowjetische Migration nach Lippe sowie die „AfD-Hochburgen“ Augustdorf und Lage. Kapitel 7 (mit rund 130 Seiten das umfangreichste) porträtiert den Lichtzeichen Verlag in Lage, die Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen (AG Welt) und eine Reihe von Autoren, die mit beiden verbunden sind. Die sog. Dokumentenanalyse in Kapitel 7.4 analysiert einige ihrer Veröffentlichungen.1 Das Fazit (Kapitel 8) zieht eine klare Bilanz: Es diagnostiziert im „lippischen Bible Belt“ ein „geschlossenes Muster abwertender und auch menschenverachtender Einstellungen“ (S. 316) und warnt vor dem wachsenden Einfluss einer Christlichen Rechten auch in Deutschland.
Ein Netzwerk radikal-christlicher Publizistik
Der gelungenste Teil der Arbeit ist die Dokumentenanalyse in Kapitel 7.4, die ein Netzwerk radikal-christlicher Publizistik aufweist. In rund 30 Veröffentlichungen von 13 Autoren tritt ein theologisch radikalisiertes, menschen- und demokratiefeindliches Weltbild zutage.2 Die Belege sind erdrückend: Der Islam wird als „widergöttliche Lehre“ diffamiert, Homosexualität pathologisiert, als „heilbar“ dargestellt und mit Pädophilie gleichgesetzt. In der Pandemie erscheint der demokratische Rechtsstaat als ‚Marionette‘ einer kryptoantisemitisch gezeichneten ‚Elite‘ oder als ‚Tyrann‘, dessen Gesetze gegenüber dem „höheren Recht“ Gottes „nichtig“ seien (S. 316f.). Wer wissen will, was in diesem Umfeld publiziert und verbreitet wird und welche Verbindungen innerhalb des Netzwerks der AG Welt bestehen, findet hier eine wertvolle Materialsammlung.
Das Fazit des Buches fußt wesentlich auf dieser Dokumentenanalyse; es fasst sie zusammen und leitet aus ihr die Warnung ab. Die umfassende Netzwerkanalyse aus Kapitel 6 mit ihrer regionalgeographischen Dimension („Bible Belt“) hingegen wird im Resümee auffälligerweise nur sporadisch erwähnt. Diese Beobachtung führt auf ein fundamentales Defizit, das tief in die Konzeption der Studie hineinreicht.
Auf Grundlage der Analysen von Kapitel 7.4 hätte eine Netzwerk- und Rezeptionsanalyse erfolgen müssen, um die Verbreitung dieses radikalisierten Gedankenguts zu erforschen. Dabei wäre ein dezentrales Netzwerk radikaler Publizistik mit regionalen Ausläufern in ganz Deutschland sichtbar geworden (z. B. Lübbecke, Pforzheim, Frankfurt, Lage, Bremen, Breitenbrunn).3 Die Studie geht den umgekehrten Weg: Sie verknüpft den analysierten Autorenkreis um die AG Welt und den in Lage ansässigen Lichtzeichen Verlag mit einem freikirchlichen Milieu in Lippe und fasst beide als „lippischen Bible Belt“ zusammen. Dass dieser Zusammenhang besteht, ist nicht Ergebnis einer kritischen Prüfung, sondern Voraussetzung. Die Warnung läuft dem Verfahren voraus. Die Methoden und Begriffe werden so umgedeutet, dass sie zur wahrgenommenen Gefahr passen. Dieser Mechanismus zeigt sich vor allem am kirchengeschichtlichen Zugang, am Leitbegriff „Bible Belt“, am Verfahren der Netzwerkanalyse und am Fundamentalismusbegriff.
Erinnerungslernen als Warnung vor den Anderen
Ihre Dringlichkeit bezieht die Warnung aus dem kirchengeschichtlichen Zugang. Die Untersuchung stützt sich auf ein kirchengeschichtsdidaktisches Konzept, das Erinnerungskultur und Erinnerungslernen einbezieht (S. 24–26). Im Mittelpunkt stehen die NS-Zeit und der Holocaust. Die Evangelische Kirche war in beides verstrickt. Ihre Fehler von damals sollen heute als Mahnung dienen. Was die Gegenwart betrifft, warnt die Studie allerdings ausschließlich vor einer Gegenseite. Die Gefahr gehe von einem „lippischen Bible Belt“ aus, zu dem die Lippische Landeskirche ausdrücklich nicht gehöre (vgl. S. 15, 316). Das Problem sind die Anderen; der Gegenstand der Erinnerung liegt nicht mehr in der eigenen Geschichte, sondern außerhalb der eigenen Kirchenmauern.
Durch diese Einseitigkeit entsteht ein verzerrtes Bild: Die Lippische Landeskirche erhält ein eigenes Geschichtskapitel, das von der Reformation bis zur Gegenwart reicht, samt Unterkapitel zur NS-Zeit (Kapitel 5). Die postsowjetische Migration, die ebenfalls Teil dieser Geschichte ist, kommt dort nicht vor; sie erscheint erst im „Bible Belt“-Kapitel. Dabei wird weder aufgezeigt, wie viele Russlanddeutsche in Lippe konfessionslos, katholisch, evangelisch oder freikirchlich sind, noch wird ihre stalinistische Verfolgungs- und Deportationsgeschichte als Teil deutscher Erinnerungskultur ernst genommen. Sie dient vielmehr als Erklärung dafür, „warum die AfD auf die Russlanddeutschen abzielt“ (S. 150), so wie die Geschichte der postsowjetischen Migration als Erklärung für die Entstehung privater Bekenntnisschulen herangezogen wird (S. 150–155). Das Kapitel schließt mit Warnungen kirchlicher Weltanschauungsbeauftragter vor „Abschottung“, „Parallelgesellschaften“ und „Wortfundamentalismus“ (S. 155). Diese Darstellung einer der größten Migrationsgruppen Deutschlands bleibt oberflächlich und vorurteilsbeladen. Gerade in Lippe stellt dies ein vermeidbares Versäumnis dar. Das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold bietet die wissenschaftliche Begleitung von Forschungsprojekten zu diesem Thema an; nach Auskunft des Museumsleiters hat der Verfasser dieses Angebot nicht genutzt.
Moralisches Engagement und wissenschaftliche Distanz
Am Motiv des Erinnerungslernens zeichnet sich aber auch ein Problem ab, das die besprochene Arbeit strukturell in Schieflage bringt. Sie bezieht das Anliegen der Warnung aus der Erinnerung an den Holocaust und die NS-Zeit. Das wird im Schlusskapitel besonders deutlich, das mit der Stuttgarter Schulderklärung beginnt und bei Auschwitz und Primo Levi endet (S. 315, 318). Angesichts einer „enormen Gefährdung der Demokratie“ wird die Kirche zur „Wachsamkeit“ aufgerufen, ihr wird das Schweigen verboten und sie wird dazu aufgefordert, gegen „Unrecht“ zu „intervenieren“ (S. 317f.). Solche Warnungen sind legitim, wenn sie inhaltlich stichhaltig sind. Doch hier kollidieren Warnung und Wissenschaft, weil die moralische Dringlichkeit der Ersteren die methodische Reflexion der Letzteren überholt. Warnungen verlangen Zuspitzung, klare Trennlinien zwischen Gefährdern und Gefährdeten und eine verdichtete Darstellung. Fehlen methodische Kontrollen, die diesen Drang bremsen, werden Daten im Sinne der Warnung interpretiert. Pauschalisierungen entstehen dann nicht aus Absicht, sondern aus der Struktur.4
Wie dieser Mechanismus die Ergebnisse verzerrt, zeigt sich überall dort, wo die Studie Gegenbefunde registriert und trotzdem beim Verdacht bleibt. Ein Beispiel muss hier für viele stehen: So wird die AfD-Distanzierung des Geschäftsführers des Christlichen Schulvereins Lippe zwar gewürdigt (S. 170), zugleich aber unter Vorbehalt gestellt. Weil der Verein als Tendenzbetrieb keine homosexuell getrauten Lehrkräfte einstellt, heißt es, „zumindest eine Homosexuellenfeindlichkeit“ werde „mit der rechtsextremen Partei geteilt“ (S. 172). Was als Beobachtung auftritt, macht aus einer geteilten Position eine politische Nähe. Das Warninteresse der Studie und die Generalthese vom „lippischen Bible Belt“ legen es nahe, an der politischen Zuschreibung festzuhalten. Aber soll wirklich jede religiöse Distanz zu gelebter Homosexualität eine Nähe zum Rechtsextremismus begründen? Dann gilt das nahezu für alle konservativen Christen, einschließlich des katholischen Lehramts. Ob und unter welchen Bedingungen dieses Merkmal zur Bestimmung der politischen Achse taugt, hätte diskutiert werden müssen.
„Bible Belts“ in Deutschland? Ein unwissenschaftlicher Leitbegriff
Der Mangel an wissenschaftlicher Distanz äußert sich schon im Gebrauch des Schlüsselbegriffs „Bible Belt“. Der Ausdruck beschreibt ursprünglich Regionen in den USA, in denen konservative Christen den Alltag, die Kultur und die Politik prägen. Regionale Dominanz ist dabei entscheidend.5 Ob es solche „Bible Belts“ in Deutschland gibt, ist wissenschaftlich nicht untersucht – die Rede von deutschen „Bible Belts“ ist der journalistischen Publizistik entlehnt.6 In der Studie wird der Begriff wie folgt näher bestimmt: Ein Bible Belt sei ein „regionaler Raum“, in dem sich „viele Akteure“ finden, für die die Irrtumslosigkeit der Bibel entscheidende Bedeutung habe (S. 15). Die Begriffsdefinition wird durch das Zentralmerkmal des protestantischen Bibelfundamentalismus (Irrtumslosigkeit) verschärft, aber das Hauptkriterium qualifizierter regionaler Dominanz wird aus ihr getilgt – „viele Akteure“ ist dafür bei weitem zu vage. Weitere religionssoziologische Überlegungen oder gar Untersuchungen zur Frage der Dominanz werden nicht angestellt. Es scheint daher so, als würde der Begriff vornehmlich gebraucht, weil er eine subtile Gefährdungsbotschaft transportiert: Die Christliche Rechte, die man lange nur in den amerikanischen „Bible Belts“ verortete, hat auch ihre Dependancen in Deutschland (vgl. Kapitel 3.2–3.3). Das Interesse eindringlicher Warnung drängt die wissenschaftliche Sorgfalt zurück.
Netzwerkanalyse ohne kontrollierte Methode
Kapitel 6 untersucht den lippischen „Bible Belt“ anhand einer Netzwerkanalyse, ohne das angewandte Verfahren zu reflektieren. Wer Teil des gesuchten Netzwerks ist, bestimmt vor allem der Marker der Irrtumslosigkeit der Bibel. Dabei wird versäumt, zwischen dezentralen, oft fluiden Netzwerken und einem regionalen Sozialraum („Bible Belt“) zu unterscheiden. Die Netzwerkanalyse zeigt Verbindungen zwischen Verantwortungsträgern, die sich in Vereinen, Bünden und Verlagen organisieren. Ein „(Bibel-)Gürtel“ hingegen wäre ein Sozialraum, der nur durch empirische Religionsforschung und Feldstudien erschlossen werden könnte. Was ein Pastorennetzwerk verbindet, spiegelt selten die Lebens- und Glaubensrealitäten der Gemeindemitglieder wider. Anstatt das zu unterscheiden, verräumlicht die Studie Netzwerke mit Begriffen wie „Bible Belt“, „Hochburg“ und „Epizentrum“.
Zur Beschreibung der Akteure macht sie sich dabei vor allem fremde Perspektiven zu eigen: Lokalpresse, kirchliche Weltanschauungsbeauftragte und journalistische Reportagen. Aus den Selbstzeugnissen der Gemeinden wird meist nur das Bekenntnis zur Bibel und ihrer Irrtumslosigkeit zitiert. Frömmigkeitspraxis, Gemeindealltag und Selbstverständnis bleiben unbeachtet. Diese einseitige Betrachtung führt zu einer auffälligen Asymmetrie: Während Kapitel 7.4 die Akteure anhand eigener Aussagen charakterisiert, konstruiert Kapitel 6 die „Bibelregion“ Lippe mittels fremder Zuschreibungen. Und die Belege werden so ausgewählt, dass sie den warnenden Tenor stützen. Besonders deutlich wird das bei den russlanddeutschen Aussiedlergemeinden: Über sie werden weitreichende Urteile gefällt. Diese werden wohlgemerkt meist nicht explizit formuliert, sondern von anderen Stimmen ausgesprochen (Lokalpresse, AfD-Abgeordnete, Weltanschauungsbeauftragte). Oder ein stereotypes Verhalten wird „befürchtet“ und ist damit ausgesprochen, ohne begründet werden zu müssen. Distanzierte Einordnungen fehlen. So verstärkt die Studie homogenisierende Zuschreibungen, statt sie methodengeleitet zu überprüfen.
Kapitel 6 liefert zahlreiche Beispiele für diese Vorgehensweise. So beginnt das Kapitel 6.4 über „postsowjetische Migration nach Lippe“ mit einem Zitat des Blomberger Bürgermeisterkandidaten Jakob Baidin: Spätaussiedler, Freikirchler, AfD (S. 149). Eine ganze Bevölkerungsgruppe betritt über eine einzelne Extremfigur die Bühne, besiegelt mit der unbegründeten Behauptung: „Baidin ist kein Einzelfall“ (S. 149). Die Kapitel 6.4.2 und 6.4.3 versprechen eine Analyse der politischen Einstellungen der Gruppe, referieren jedoch vor allem Zeugnisse von deren Vereinnahmung durch rechtsextreme Publizistik und Parteien. Aufgeführt werden rechtsextreme Kleinstpublizistik und Kleinstparteien vor 2017 sowie ein KI-generiertes Wahlvideo des AfD-Politikers Eugen Schmidt, dessen Verein „Zentralrat der Russlanddeutschen“ und das Netzwerk „Russlanddeutsche für die AfD“.
Das Kapitel über Augustdorf trägt den Titel „Höcke, Aussiedlergemeinden und Betanien Verlag“ und setzt mit einem Höcke-Auftritt von 2018 ein. Die Verbindung zur titelgebenden Gruppe besteht darin, dass die Veranstaltungsstätte von einer Aussiedlerfamilie betrieben wird. Anschließend nimmt die Studie einen radikalen Erziehungsratgeber des Amerikaners Lou Priolo in den Blick, der im Betanien Verlag erschienen ist. Der Verlag grenzt an das Bethaus einer Aussiedlergemeinde. Das Buch propagiere Erziehungsmethoden, „die einer psychischen und körperlichen Misshandlung der Kinder gleichkommen“ (S. 181). Abschließend heißt es dann: „Es ist zu befürchten, dass die Erziehungsmethoden von Lou Priolo und das dahinter steckende, auf Bibelfundamentalismus beruhende Gottes- und Menschenbild in vielen Gemeinden im lippischen Bible Belt Einzug gehalten haben dürften“ (S. 181).7 Belegt wird diese schwerwiegende Annahme nicht.8 Was hier „befürchtet“ wird, folgt einem dokumentierten Stereotyp im antiosteuropäischen Rassismus: der kollektiven Zuschreibung eines anderen Verhältnisses zur Gewalt.9 Das Bekenntnis zur Irrtumslosigkeit der Bibel genügt der Studie, um „vielen Gemeinden im lippischen Bible Belt“ die Misshandlung von Kindern in ihrer Erziehungspraxis zuzuschreiben.
Beim Wahlverhalten der Russlanddeutschen ignoriert die Studie die Komplexität postsowjetischer Lebenswelten und die Vielzahl nichtreligiöser Gründe, die zur Wahl der AfD führen könnten.10 Obwohl zunächst die Vorstellung eines „homogenen Blocks“ der Russlanddeutschen zurückgewiesen wird, werden wenig später die AfD-Hochburgen Augustdorf und Lage aufgrund der Dichte an Aussiedlergemeinden zu „Epizentren des lippischen Bible Belts“ (vgl. S. 171, 173) erklärt. Für die Bundestagswahl 2017 referiert die Studie ausführlich den Vorbehalt von Jannis Panagiotidis, es lasse sich „nicht konkret nachweisen“, dass Russlanddeutsche die Stimmen in den auffälligen Wahlbezirken abgegeben hätten (S. 168), außerdem benennt sie seine nichtreligiösen Alternativerklärungen.11 Bei der Wahlanalyse der Ergebnisse von 2025 kommen die Ausführungen weder auf die Nachweisvorbehalte noch auf die Alternativerklärungen zurück. Stattdessen werden die hohen AfD-Ergebnisse anhand von Pressestimmen erklärt, etwa von einem AfD-Abgeordneten, der auf „extrem viele Wähler bei den Russlanddeutschen“ verweist, oder einem Journalisten, der die „hohe Dichte an sogenannten Spätaussiedlern“ betont (S. 169). Ob Russlanddeutsche oder Mitglieder ihrer Aussiedlergemeinden tatsächlich die AfD-Stimmen abgegeben haben, bleibt wissenschaftlich ungeklärt.
In all dem zeigt sich der beschriebene Mechanismus der Warnschrift: Eine Warnung braucht Gegenwartsrelevanz und einen adressierbaren Personenkreis. Differenzierung wird eingefordert, aber nicht mehr realisiert, je näher der Text seinem Gefährdungsraum kommt (Wahl 2025, Aussiedlergemeinden). Damit erzeugt die Studie dieselbe Homogenisierung, die sie an der politischen Rechten und an tendenziöser Berichterstattung zu Recht kritisiert (vgl. S. 165).
Ist Bibelfundamentalismus rechts?
Das Wortspiel im Titel der Arbeit („Rechter Glaube“) stellt einen Zusammenhang zwischen „rechtgläubigem“ Fundamentalismus und „rechter“ politischer Gesinnung her. Doch auch hier bleibt die Ausführung hinter den Erwartungen zurück. Die Definitionsarbeit zu den theologischen Begriffen Evangelikalismus, Biblizismus, Fundamentalismus und Bibelfundamentalismus delegiert Kapitel 3 an ein Forschungsreferat (Hochgeschwender, Hempelmann, Rothgangel, Bauer u. a.). Als Erkennungszeichen für „bibelfundamentalistische“ Akteure gilt hauptsächlich das Bekenntnis zur Irrtumslosigkeit der Schrift.
Damit wirft die Studie eine zentrale Forschungsfrage auf, ohne ihr selbst weiterführende Reflexionen zu widmen: Inwieweit stiftet der geteilte Lehrsatz der Irrtumslosigkeit Netzwerke zwischen extrem fundamentalistischen Akteuren (wie der AG Welt) und anderen freikirchlichen Gemeinden und Institutionen? Welche Rolle spielt er intern, wie zentral ist er wirklich, wie konsequent wird er durchgehalten? Und welche weiteren Faktoren wirken bei der Formung von Weltanschauung und Leben mit (kirchenpolitische Fragen, Richtungsdebatten, Social Media, soziale Normalisierungsprozesse usw.)? In welchem Maße jener Lehrsatz sozialen und/oder kulturellen Zusammenhang stiftet, hätte mit einer klaren Methode, anhand von Vergleichsgruppen oder Gegenproben gezeigt werden müssen. Die Studie verzichtet darauf; die Gefährlichkeit der Irrtumslosigkeitsannahme ist ihre Prämisse, nicht ihr Prüfstein.
Folgerichtig bereitet sie an keiner Stelle eine methodisch fundierte Antwort vor. In den einleitenden Kapiteln fehlen Kriterien oder strukturierende Überlegungen, an welchen Punkten „konservativer“ Glaube in „rechtschristlichen“ umschlägt. „Rechtschristlich“ taucht von der Einleitung (S. 18f., 20) bis ins Fazit (S. 316) als zentrales Attribut auf; aber eine Definition unterbleibt. Stattdessen setzt die Studie auf Komposition: Das Eingangsmotto des Politikwissenschaftlers und Grünen-Politikers Michael Lühmann verknüpft die deutschen „Bible Belts“ mit den „Wählerhochburgen“ der AfD, und die Einleitung übernimmt diesen Zusammenhang (S. 13f.). An strategischen Stellen treten „Bible Belt“ und „rechtschristlich“ gemeinsam auf (vgl. S. 18f., 187). Die Begriffe „bibelfundamentalistisch“ und „biblizistisch-konservativ“ stehen nebeneinander (vgl. S. 20, 276). So wandert die politische Kodierung mit: Wer als „fundamentalistisch“ gelten kann, erscheint auch als Teil des „rechtschristlichen“ Netzwerks – ohne dass die Zuschreibung je an klaren Kriterien messbar oder bestreitbar wird.12
Fazit
Der Ertrag der Studie liegt in der Dokumentenanalyse in Kapitel 7.4: Sie identifiziert eine radikalisierte publizistische Formation, die in Deutschland nicht unbedeutend ist. Hätte die Studie diesen Strang ins Zentrum gerückt und die Netzwerkverbindungen der Akteure verfolgt, läge nun eine Analyse eines deutschlandweiten Publizistennetzwerks vor, dessen Menschenfeindlichkeit und Demokratiegefährdung mit den eigenen Aussagen seiner Akteure belegt wäre.
Der kirchengeschichtsdidaktische Anspruch entbindet nicht davon, die Grenzen zu reflektieren, welche den eigenen Forschungsergebnissen durch die Quellenauswahl und die Methode gesteckt sind. Wer andere, „theologieferne“ Forschungsfelder betritt, muss dies methodisch und interdisziplinär abgesichert tun. Eine solche Absicherung fehlt hier.
So entstand eine Studie, in der das Warnungsanliegen der Methode vorausläuft. Aus diesem Mechanismus erklären sich die Mängel: Leitbegriffe ohne differenzierendes Maß („rechtschristlich“, „Bibelfundamentalismus“), ein Raum ohne überprüfbares Kriterium („Bible Belt“), eine Netzwerkanalyse ohne erkennbares Verfahren (Kapitel 6). Aus ihnen erwächst der Fehlschluss vom gut dokumentierten Rand auf ein ganzes Milieu. Den Preis zahlen unter anderem die lippischen Russlanddeutschen: Raummetaphorik, Kapitelarchitektur und unsaubere Kategorienwechsel machen sie und ihre Aussiedlergemeinden zu einer Gruppe, der man als ganzer, jedenfalls der Tendenz nach, AfD-Nähe und sogar Kindesmisshandlung unterstellt. Beide Vorwürfe hätte die Studie in irgendeiner Art von Feldkontakt prüfen müssen. Doch das tut sie nicht. Dokumentiert sind weder Interviews noch teilnehmende Beobachtung noch Kontaktversuche. Was über sie gesagt wird, wiegt schwer; gesprochen wurde mit ihr nicht.
Umgekehrt gilt: Die Kritik an der Studie schützt niemanden. Was sie wörtlich zitiert, ist gesagt und geschrieben worden und bleibt kritisierbar: von der Islamfeindlichkeit über die Pathologisierung von Homosexualität bis zur Ablehnung demokratischer Normen. Auch theologisch ist hier keine Verteidigung angesagt. Wer Menschen in einem zentralen Merkmal ihrer Identität abwertet, muss sich Kritik gefallen lassen.
Ob und wie stark ein durch Trump, Corona und AfD befeuerter Fundamentalismus in Lippe Fuß gefasst hat, bleibt auch nach dieser Studie offen. Eine Antwort verlangt Feldforschung und einen Fundamentalismusbegriff, der die politische Dimension einbezieht.
Die Studie könnte viel bewirken, wenn die Wissenschaft aus ihren Mängeln lernte. Es wären Wege aufzuzeigen, wie das interdisziplinäre Feld „Russlanddeutsche Migrationskirchen – ihre Geschichte und Theologien – Integration – Politisierung und Wahlsoziologie – Fundamentalismus – Christliche Rechte“ methodisch erschlossen werden kann. Viel gewonnen wäre auch, wenn das Buch in Lippe neue Gespräche über Politik und Glaube anstieße. Denn das Thema ist gesellschaftlich hochrelevant. Aber die Frage, wie es um konservativen Glauben und Demokratie in Lippe steht, lässt sich nicht aus Verlagskatalogen oder Wahldaten beantworten – sondern nur im Kontakt mit denen, über die bisher lediglich geschrieben wurde.
Anmerkungen
- Diese Dokumentenanalyse basiert auf drei Kategorien des sozialpsychologischen Konzepts der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) aus den Bielefelder „Mitte“-Studien: Islamfeindlichkeit, Homosexuellen- und Genderfeindlichkeit sowie Antisemitismus und Verschwörungserzählungen (S. 16–18). ↑
- Auf Eberhard Kleina als Verfasser gehen elf Veröffentlichungen zurück, auf Lothar Gassmann und Michael Windhövel je drei, auf Thomas Schneider und Tobias Riemenschneider je zwei, auf acht weitere Autoren je eine. ↑
- Vgl. die zehn dargestellten Personen: Thomas Schneider (Breitenbrunn im Erzgebirge; Chefredakteur des in Lage ansässigen Lichtzeichen Verlags), Lothar Gassmann (Pforzheim), Michael Kotsch (Horn-Bad Meinberg bzw. Detmold), Eberhard Kleina (Lübbecker Land, Kreis Minden-Lübbecke), Michael Windhövel (Bruchertseifen im Westerwald), Jakob Tscharntke (Riedlingen, Württemberg), Olaf Latzel (Bremen), Peter Hahne (ohne regionalen Bezug), Friedhelm Jung (Bonn) und Tobias Riemenschneider (Frankfurt am Main). In Lippe ansässig ist von den Personen allein Michael Kotsch, der die AG Welt 2016 verließ, weil er ihre „Grundsatzerklärung zum Islam“ nicht mittrug (S. 215–217). ↑
- Das Buch artikuliert dabei durchaus den Willen zur Differenzierung: als Selbstverpflichtungen (S. 14, 15, 20, 47), als Kritik an anderen (S. 14, 53, 65, 72 Fn. 177, 77), als Vorbehalte im Argumentationsgang (S. 165, 168, 171, 316). Doch diese Differenzierungen bleiben zumeist abstrakt. Sie münden nicht in Methoden oder Kriterien, die sie greifbar machen. Statt methodisch zu überzeugen, dienen sie dazu, den Vorwurf der Pauschalisierung abzuwehren und kritischen Nachfragen mit Differenzierungsbeteuerungen zu begegnen. ↑
- So referiert es die Studie selbst (S. 66). Sie führt auch Stimmen an, welche kulturelle und politische Dominanz im US-amerikanischen Fall bei einem Bevölkerungsteil von 30 bis 50 Prozent veranschlagen (S. 71). ↑
- Namentlich von Michael Lühmann, der die AfD-Wählerhochburgen mit den deutschen „Bible Belts“ in einen Zusammenhang bringt, und aus Jennifer Stanges Bericht über Sachsen (S. 14). ↑
- Formal gilt die Zuschreibung dem ganzen „Bible Belt“; durch die Platzierung im Augustdorf-Kapitel mit der Überschrift „Höcke, Aussiedlergemeinden und Betanien Verlag“ und durch die Bethaus-Nachbarschaft lenkt die Komposition sie gleichwohl auf die Aussiedlergemeinden. ↑
- Außer dem Hinweis auf eine dritte Auflage fehlen alle Verbreitungs- und Rezeptionsdaten: keine Stückzahlen, keine Käuferschaft, kein einziger Beleg für die Rezeption des Erziehungsratgebers in einer lippischen Gemeinde und erst recht keiner für eine entsprechende Erziehungspraxis. ↑
- Vgl. Jannis Panagiotidis / Hans-Christian Petersen, Antiosteuropäischer Rassismus in Deutschland, Weinheim/Basel 2024, 16 und 203f., wo u. a. eine 2022 im Fernsehen geäußerte Variante („die Russen“ hätten „einen anderen Bezug zu Gewalt“) analysiert wird. Dort ist es die „Kultur“, hier der Bibelfundamentalismus, woran die Zuschreibung festgemacht wird. ↑
- Dabei kennt sie diese Komplexität durchaus. Sie benennt etwa die lange soziologische Vernachlässigung der Gruppe; die traditionelle CDU-Bindung; die Umfragedaten von 2017 und 2024 mit ihrer moderaten Differenz und ihrer Streuung an beide politischen Ränder (IMGES 2017: 15 gegenüber 12,6 Prozent AfD-Stimmen, aber 21 gegenüber 9,2 Prozent für die Linke [S. 167]; ZOiS 2024: 17 bis 19 gegenüber 11 Prozent AfD, bei der Elterngeneration liegt weiterhin die CDU vorn [S. 168]); Aussiedler:innen wählen mehrheitlich demokratische Parteien (S. 171); usw. ↑
- Prekarität, Transformationserfahrung, „Echokammern“ in den Quartieren (S. 167). Die zitierte Vereinnahmungsanalyse selbst weist die „christlich-konservative Schiene“ nur als eine von drei Ebenen der AfD-Strategie aus (S. 171). ↑
- Wie es besser geht, zeigt Wolfgang-Michael Kleins „Evangelikale Bibelhermeneutik“ (2025) aus derselben Reihe im transcript-Verlag. Fundamentalistisch nennt Klein eine Position, die das Irrtumslosigkeitspostulat mit unbedingter Normativität „für die gesamte Gesellschaft“ verbindet (S. 42). Er beschreibt das Phänomen als „vorübergehende Qualität vertretener Positionen“ (S. 45), womit ausdrücklich „nicht gesagt [ist], dass bestimmte Personen oder Institutionen an sich fundamentalistisch seien“ (S. 43). Fundamentalismus sei damit „keine Frage des Seins, sondern des Werdens und Vergehens“ (S. 340). Eine zweite Komponente (unbedingte Normativität für die gesamte Gesellschaft), ein Zeitindex und die Absage an eine Behälterlogik liefern Kriterien, die J. C. Pinschs Studie fehlen, eine sinnvolle Differenzierung ermöglicht und die Frage beantwortet hätten, ob schon das Bekenntnis „rechts“ ist oder erst eine bestimmte Politisierung desselben. ↑
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PD Dr. theol. Martin FritzAuguststraße 80
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