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Mystik, Macht, Verantwortung − Die Angebote von „Prof. Sabine Bobert Mystik und Coaching“

Judith Bodendörfer

Weltanschauungsarbeit ist eine Gratwanderung. Sie muss abwägen zwischen dem hohen Gut der Religionsfreiheit und der Warnung vor dem Schaden, der durch religiöse Angebote entstehen kann.1 Sie befindet sich deshalb immer unter strenger Beobachtung von zwei Seiten: Die einen sehen bei Kritik die freie Religionsausübung gefährdet, die anderen halten Religion generell oder spezifische religiöse Praktiken für schädlich. Als Weltanschauungskritikerin ist man daher in hohem Maße zur Rechenschaft über die eigenen Urteile verpflichtet. Das ist eine große Herausforderung. Denn häufig werden zur Einordnung von Phänomenen einfache und wertungsstarke Formeln erwartet. Doch das religiöse Feld ist dynamisch; pauschale Warnungen und Ausschlussklauseln sind oft nicht haltbar und dann tatsächlich diffamierend. Wie also zu adäquaten und fairen Einschätzungen kommen?

Das Coaching-Angebot einer Theologieprofessorin

Deutlich wird das Problem an einem Fall, für den die EZW und andere Weltanschauungsstellen mehrfach um Einschätzung gebeten wurden: „Prof. Sabine Bobert Mystik und Coaching“. Sabine Bobert ist für die Frage nach den Beurteilungskriterien der Weltanschauungsarbeit auch deshalb interessant, weil sie zwei Systemen zugehört, bei denen man ihre „mystischen“ oder „mystagogischen“2 Inhalte nicht unbedingt erwarten würde: Als ordinierte Pfarrerin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Professorin für Praktische Theologie an der (evangelischen) Theologischen Fakultät der Universität Kiel ist sie Repräsentantin der Kirche und der Universität.3 Vor diesem Hintergrund machen schon die Titel mancher YouTube-Videos von Bobert stutzig: „Wie funktioniert Hellsehen? Direkte Empathie im Alltag“, „Jesusgebet bei Magie“, „Mentale Gewalt bei schwarzer Magie“ oder auch „Christentum als gescheiterte Mysterienreligion. Ostern und der Regenbogenkörper im Tao u[nd] Buddhismus“.4 Auf ihrer Webseite bietet Bobert einen PSI-Kurs an, der den Teilnehmenden verspricht, mit mentaler Kraft einen Löffel verbiegen zu lernen. Daneben offeriert sie persönliche und telefonische Beratungen zur Selbstfindung.5

Ausgewiesen als Pfarrerin und Theologieprofessorin wurde Bobert bereits bei verschiedenen seriösen Podcasts sowie in Fernseh- und Radiobeiträgen als Expertin zum Thema Mystik interviewt, unter anderem beim ZDF,6 im BR-Radio7 oder beim Podcast-Format „TheoLogo“.8 Sie hat mehrere Bücher publiziert; ihr Wikipedia-Eintrag nennt vier Monografien: die theologische Dissertation Dietrich Bonhoeffers Pastoraltheologie. Theologenausbildung im Widerstand zum „Dritten Reich“ (1995), die Habilitationsschrift Frömmigkeit und Symbolspiel. Ein pastoralpsychologischer Beitrag zu einer evangelischen Frömmigkeitstheorie (2000), außerdem die Titel Jesus-Gebet und neue Mystik. Grundlagen einer christlichen Mystagogik (2010) sowie Mystik und Coaching mit MTP – Mental Turning Point (2011). Mit ein klein wenig mehr Recherche finden sich außerdem zwei weitere, im Selbstverlag erschienene Publikationen: Raus aus der Manipulationsfalle! Wie du deinen Alltag von Manipulationstechniken entrümpelst (2020) und Barfuß gehen und leben. Das Kultbuch für Anfänger und für immer (2021).

Bobert bezeichnet ihre Angebote, wie „Prof. Sabine Bobert Mystik und Coaching“ als Titel von Webseite und YouTube-Kanal deutlich macht, als „Mystik“ bzw. auch als „Mystagogik“. Sie stellt sie damit in die christliche Tradition. Wie sind sie also zu beurteilen?

Boberts Mystagogik-Konzept

In ihrem Buch Jesus-Gebet und neue Mystik gibt Bobert eine Definition von „Mystagogik“. Sie nennt acht Merkmale:

  • 1. Christliche Mystagogik ist die christliche Lehre vom mystischen Weg mit Jesus Christus.
  • 2. Praktische Mystagogik ist im engeren Sinne spirituelle Entwicklungshilfe im ästhetisch-kultischen sowie im individuell-übenden Kontext. Im weiteren Sinn ist sie christliche Bildungsarbeit zur Weiterentwicklung der Persönlichkeit.
  • 3. Mystagogische Theorie reflektiert christliche mystagogische Traditionen (Wüstenväter, Kirchenväter, Mönchtum, Mystik, orthodoxe Theologie) im interdisziplinären Dialog (mit Dialogpartnern wie Neurowissenschaft, Religionswissenschaft, philosophischer Phänomenologie).
  • 4. Ziele mystagogischer Theorie und Praxis: Mystagogische Theorie zielt darauf, eine neue Mystagogie in allen kirchlichen Handlungsfeldern anzuregen: Menschen entsprechend ihrer jeweiligen Lebensphase mit jeweils geeigneten rituellen Formaten und Übungen zu ihrem höchsten Entwicklungsziel zu führen: Gott und sich selbst im Geist und in der Wahrheit zu erkennen (Joh 4,24).
  • 5. Menschenbild: Christliche Mystagogik geht davon aus, dass der Mensch auf seiner höchsten Entwicklungsstufe ein geistiges Wesen ist, das zur personalen Vereinigung mit Gott bestimmt ist.
  • 6. Christliche Mystagogik sieht in Jesus Christus das Urbild des voll entwickelten Menschen. Zugleich sieht sie in ihm ein lebendiges geistiges Gegenüber, das den Menschen leiblich-seelisch-kognitiv vollendet und seine eigentlichen menschlichen Entwicklungspotentiale anregt.
  • 7. Gesellschaftlicher Kontext: Im gesellschaftlichen Kontext antwortet eine christliche Mystagogik auf die postmodernen Lebensbedingungen, die den Lebenslauf und Prozesse der Persönlichkeitsbildung zersplittern, sowie auf Herausforderungen durch den interreligiösen Dialog und durch esoterische Strömungen.
  • 8. Theo-Ästhetik: Mystagogie führt Menschen zu einem anderen Sehen. Sie führt Menschen aus ihrer automatisierten und Bruchstück-Aufmerksamkeit durch konzentrierende kultische Ästhetik sowie durch einen individuellen Übungsweg zu einer deautomatisierten und zentrierten Aufmerksamkeit, die zunehmend wahrnehmungsfähig wird für den Mehrwert des Lebens und die Gegenwart Gottes in allen Prozessen und Dingen.9

Die aufgeführten Merkmale sind für die Einordnung der Angebote von Bobert aufschlussreich. Denn sie setzen ein Mystikverständnis voraus, das religiösen Strömungen wie der derzeit im Esoterikmarkt äußerst erfolgreichen Neugeistbewegung10 sehr nahekommt, während es der traditionellen christlichen Soteriologie eher widerspricht.

Ziel der Mystagogik nach Bobert ist die Persönlichkeitsentwicklung (Punkt 2). Das Ziel ist erreicht, wenn ein Mensch „Gott und sich selbst im Geist und in der Wahrheit“ erkannt hat (Punkt 4). Diese „höchste Entwicklungsstufe“ ist die Erkenntnis, dass der Mensch ein geistiges Wesen ist, dazu bestimmt, eins mit Gott zu werden. Jesus Christus wird als Vorbild für diese Entwicklung gedeutet, dem es nachzueifern gilt (Punkt 6). Im Hintergrund lässt sich auch eine geläufige Modernekritik ausmachen, festgemacht am Begriff der „Postmoderne“: In dieser Epoche sei es schwer, zu jenen Erkenntnissen zu gelangen, da das Leben und die Aufmerksamkeit fragmentiert, automatisiert und bruchstückhaft seien (Punkte 7 und 8). Aus diesem Grund wird eine „spirituelle Entwicklungshilfe“ – in Form von Schulung und Übung – benötigt, die auf ein Lehrer-Schüler-Verhältnis hinausläuft. Der dritte Punkt streicht den Dialog mit anderen Disziplinen heraus. Das Wissen der Mystagogik steht also weder in Konflikt mit der Wissenschaft, noch handelt es sich um ein Wissen sui generis. Das wissenschaftliche Weltbild soll vielmehr in ein spirituelles inkorporiert werden.

Esoterik als eine Form des Monismus

Begreift man Esoterik als eine Form des Monismus, der auf Selbsterlösung ausgerichtet ist,11 so kann die Mystagogik von Bobert als esoterisch eingestuft werden. Denn offensichtlich liegt den einzelnen Punkten der Definition ein klassisch monistisches Narrativ zugrunde, dem zufolge die Einheit von Welt und Gott vergessen wurde und wiedererlangt werden muss. Durch einen Fehler der menschlichen Wahrnehmung erscheine der Geist als Materie. Erst die Erkenntnis, dass die Materie und damit auch die Körperlichkeit nur Illusion sind, führe zur Erlösung. Dies könne durch Bildung und Praxis geschehen, etwa durch Yoga, das bereits im 19. Jahrhundert zu diesem Zweck propagiert wurde (unter anderem im Mesmerismus, im Okkultismus, in der Theosophischen Gesellschaft und in Neugeistgruppierungen).12 Wissenschaftliche Erkenntnisse könnten leicht in dieses Weltbild integriert werden, indem sie auf die verschiedenen Ebenen der wahrgenommenen Realität zwischen Materie und Geist bezogen werden. Scheinbare Widersprüche werden aufgelöst, indem auf die anderen Ebenen der Realität verwiesen wird. Durch den Rekurs auf verschiedene Erkenntnisstufen wird dabei die wissenschaftliche Forderung nach Intersubjektivität ausgehebelt. Gleichzeitig werden Forschungsergebnisse aus der Epigenetik, der Neurologie oder der Quantenphysik isoliert herausgegriffen, sofern sie das eigene Weltbild stützen, und als Erkenntnisse der höheren Ebene eingestuft. Was dem Weltbild entgegensteht, wird als Erkenntnis der unteren Stufe abgelehnt oder als grundsätzlich ungültig bewertet, indem es finsteren Kräften zugeschrieben wird, die die Wahrheit zu verschleiern versuchen.

Weitere Esoterikdefinitionen

Zur Beurteilung von Boberts Angeboten ist die Erkenntnis, dass ihre Mystagogik dem besagten Narrativ entspricht, allerdings weniger hilfreich, als man vermuten könnte. Das liegt zunächst daran, dass keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Definition von „Esoterik“ vorliegt. Während sich die Kirchen im Zuge ihrer Apologetik seit dem 19. Jahrhundert mit großer Diskursmacht mit sogenannten esoterischen Positionen auseinandergesetzt haben, hat sich die Esoterikforschung innerhalb der Religionswissenschaft erst in den 1970er Jahren als eigenständiger Fachbereich herausgebildet. Seitdem ringt man um eine Definition. Dabei steht die Erkenntnis im Hintergrund, dass in einem Feld mit unzähligen, polyphonen Stimmen ohne klare Autoritäten jede wissenschaftliche Definition den Gegenstandsbereich selbst stark beeinflussen kann.

Der erste Lehrstuhl für die „Geschichte der esoterischen und mystischen Strömungen im Europa der Neuzeit“ an der École Pratique des Hautes Études (EPHE) in Paris wurde 1979 mit Antoine Faivre besetzt, der den Fachbereich damit begründete. Faivre lancierte auch die erste Fachzeitschrift für Esoterikforschung (Aries. Journal for the Study of Western Esotericism). Der römisch-katholische Germanist formulierte die erste wissenschaftliche Definition von Esoterik und bestimmte dabei vier notwendige Merkmale dieser „Denkform“:

  • Denken in Entsprechungen: Es wird angenommen, dass alle Teile des Kosmos miteinander verbunden sind und aufeinander verweisen, was zum Beispiel für die Aufwertung von Astrologie oder Numerologie herangezogen wird.
  • Die lebendige Natur: Die Natur wird nicht als tote Materie betrachtet, sondern als ein beseelter, dynamischer Organismus. Sie ist durchdrungen von verborgenen lebendigen Kräften.
  • Vermittlung und Imagination: Es herrscht die Überzeugung, dass der Mensch durch Vermittler (z.B. Engel, Symbole, Rituale) oder durch die schöpferische Einbildungskraft Zugang zu höheren, spirituellen Wirklichkeiten erhält.
  • Erfahrung der Transmutation: Das religiöse Ziel ist eine Veredelung des Menschen; diese Zielvorstellung ist nach dem Vorbild der Alchemie häufig mit der Idee der Höherentwicklung des Bewusstseins verbunden.

Zudem benennt Faivre zwei nicht notwendige, aber mögliche Merkmale:

  • Praxis der Konkordanz: Es wird versucht, verschiedene religiöse und philosophische Traditionen auf einen gemeinsamen, ursprünglichen Kern, die sogenannte philosophia perennis, zurückzuführen.
  • Transmission: Man ist der Ansicht, dass esoterisches Wissen nur durch eine geheime Überlieferung in Form der Initiation von Meister zu Schüler weitergegeben werden kann.13

Obwohl diese viel diskutierte Definition zahlreiche einschlägige Phänomene abdeckt, erwies sie sich schnell als zu eng. Viele Phänomene wurden von ihr nicht erfasst, etwa Psychical Research, Spiritismus oder auch weite Teile der Neugeistbewegung. Auch die Positionen von Bobert fallen nicht zwangsläufig unter die von Faivre aufgestellte Definition, obwohl ihre Mystagogik die meisten Definitionselemente zumindest im Ansatz aufweist, etwa die Vorstellungen von Transmutation, Vermittlung durch Imagination und lebendiger Natur sowie die Transmission von Lehrer zu Schüler.

In jüngerer Zeit hat sich der Religionswissenschaftler Kocku von Stuckrad dafür ausgesprochen, Esoterik als eine ständig im Wandel begriffene Konstruktion zu verstehen, die von der Wissenschaft bestimmt wird, die sie untersucht. Gleichwohl legte er selbst eine Definition von Esoterik vor, indem er sie als Anspruch auf ein absolutes, von historischen Zusammenhängen befreites und nichtfragmentiertes, geheimes Überwissen fasste.14 Auch dieser Einschätzung ist viel abzugewinnen. Vor allem berücksichtigt sie das Verhältnis vieler als esoterisch bezeichneter Strömungen zur Wissenschaft, die zwar nicht als falsch, aber als fragmentiert und vorläufig verstanden wird. Damit ist „Esoterik“ eben nicht von Grund auf wissenschaftsfeindlich. Vielmehr erhebt sie Anspruch auf eine Überwissenschaft, die wissenschaftliche Wissensbestände aufnimmt, überholt und in einen unveränderlichen und damit stabilen weltanschaulichen Bezugsrahmen einstellt. Dem entspricht es, wenn Bobert ihre Mystagogik im Dialog mit der Wissenschaft konzipiert und die menschliche Wahrnehmung als „Bruchstückwahrnehmung“ bezeichnet, die es zu überwinden gilt. Der Zugriff auf eine absolute, unangreifbare Wahrheit wird allerdings von ihr nicht postuliert.

Folgt man wiederum der Definition, die Wouter Hanegraaff in seinem Buch We⁠s⁠t­ern Esotericism and the Academy formuliert hat,15 so würde Boberts Mystagogik eigentlich erst durch einen Ausschluss Boberts aus Kirche und Universität zu einem einschlägigen Phänomen. Hanegraaff sieht nämlich in der Esoterik eine „Waste-Basket Category“, wie er es nennt, also eine „Mülleimer-K⁠a⁠t⁠e⁠gorie“ zwischen Religion und Wissenschaft, die als eigene Kategorie erst durch Ausgrenzung entsteht.

Das Geschwisterpaar Mystik und Esoterik

Hanegraaffs Ausgrenzungstheorie wirft eine wichtige Frage auf: Lässt sich das „Esoterische“ überhaupt inhaltlich klar vom „Christlichen“ bzw. „Kirchlich-Christlichen“ abgrenzen? Besonders schwierig wird diese Frage gerade im Blick auf die Mystik, auf die Bobert sich beruft.

„Mystik“ ist ein Begriff, der eine Reihe von Strömungen abdeckt, die in ihrem Weltbild häufig dem als „Esoterik“ Bezeichneten ähneln. Der Mystikbegriff wird oftmals genutzt, um einen undogmatischen Kern der Religion und eine persönliche Verbindung zum Göttlichen zu markieren. Doch da der Kontakt zum Göttlichen immer vermittlungs- und deutungsbedürftig ist, sind von jeher Zweifel artikuliert worden, ob die Mystik jenes Versprechen unmittelbarer religiöser Innerlichkeit einlösen kann.16 Dies zeigt nicht zuletzt die Meister-Eckhart-Re⁠zeption durch den Nationalsozialismus, mit der ein „deutsches Christentum“ untermauert werden sollte.17

Die Unterscheidung zwischen Mystik und Esoterik wird in den meisten Fällen zur Abgrenzung des Eigenen von dem nicht zugehörigen Anderen genutzt, ohne dabei feste, inhaltliche Unterscheidungskriterien aufzubieten. Dies ist schon deshalb unmöglich, weil der Begriff „Mystik“ keine feste Theologie oder Weltanschauung bezeichnet.18 Auch jenseits der Differenz von Liebes- und Vereinigungsmystik bestehen bei den unter dem Begriff subsumierten religiösen Phänomenen erhebliche Unterschiede, wie Werner Thiede in einer Artikelreihe des Materialdienstes der EZW dargelegt hat.19

Diese begriffliche Unklarheit berührt auch das Verhältnis zur Esoterik. In einem ZRW-Artikel hat Hartmut Rosenau dennoch den Versuch unternommen, das Verhältnis der „Geschwister“ Mystik und Esoterik genauer zu bestimmen.20 Laut Rosenau „fehlt der Esoterik der konstitutive Bezug auf Erlösung angesichts der Überzeugung, dass Menschen sich ihr eschatisches Heil nicht selbst verschaffen können, dass sie soteriologisch (griech.: soteria = Rettung, Heil) ohnmächtig und in dieser Hinsicht auf die Gnade Gottes angewiesen und von dieser ‚schlechthin abhängig‘ sind.“21 Mag die damit angezeigte Differenz auch zutreffen, so ist sie doch nicht absolut trennscharf. Denn die Kennzeichen „Erlösung“ und „Gnade“ sind ebenfalls interpretier- und damit dehnbar. So weiß Bobert diese Kennzeichen auch für ihre Mystagogik in Anspruch zu nehmen, indem sie „Gnade“ so deutet, dass alle Menschen erkennen können, dass sie bereits göttlich und damit „erlöst“ sind.22 Die vermeintlich klare Grenze zwischen Erlösung durch Gnade und Selbsterlösung wird dadurch unscharf. Zudem wurden auch im christlichen Kontext immer wieder alternative Soteriologien diskutiert.23

Esoterik als Mystik mit Warencharakter

Ein weiteres Merkmal esoterischer Angebote besteht darin, dass sie trotz der Betonung der Autonomie aus Finanzierungsgründen auf eine enge Kundenbindung angewiesen sind. Aufgrund der fragmentierten Struktur des Esoterikmarktes stehen Einnahmequellen aus regelmäßigen Mitgliedsbeiträgen häufig nicht zur Verfügung, denn der Aufbau größerer und stabilerer Gemeinschaftsformen ist schwer umzusetzen. Jedes Angebot steht für sich und muss sich selbst finanziell tragen. Dabei sorgt ein höherer Preis dafür, dass es Menschen schwerer fällt, das investierte Geld als Verlust abzuschreiben, wenn ein Kurs nicht zum gewünschten Ergebnis führt. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, weitere Angebote wahrzunehmen, obwohl die Wirkung gegebenenfalls ausbleibt. Die daraus resultierenden Kundenbindungszwänge führen zu Anfälligkeiten für spirituellen Missbrauch, wie unten noch näher auszuführen ist. Bobert selbst nimmt in ihrem Buch Jesus-Gebet und neue Mystik eine ähnlich gelagerte Unterscheidung zwischen Mystik und Esoterik vor. Esoterische Praktiken begreift sie als eine postmoderne Mystik, d.h. als eine Mystik unter postmodernen Bedingungen. Der „mystische Weg“ erhalte hier einen „Warencharakter“, der „ihn zugleich elitär“ mache.24 Obwohl sie ihre eigenen Angebote gerade nicht als Esoterik einstuft, fällt auf, dass die Preise für ihre Coachings verhältnismäßig hoch sind, zumal wenn man Boberts gesicherten Lebensunterhalt als Universitätsprofessorin in Betracht zieht. Die Stornobedingungen für die Kurse entsprechen ebenfalls nicht den üblichen Konventionen. Bei Absage sieben Tage vor Kursbeginn fällt beispielsweise auch bei Online-Kursen eine Stornogebühr von 100 Prozent des Kurspreises an, zudem pauschal 25 Euro Bearbeitungsgebühr bei jedem Storno, egal zu welchem Zeitpunkt.25

Dennoch kann die gewinnorientierte Ausrichtung allein nicht als ein spezifisches Identifikationskriterium für Esoterik angesehen werden. Denn alle religiösen Akteure haben für ihre Finanzierung zu sorgen. Das Modell der Kirchensteuer wird ebenfalls zunehmend brüchig, so dass auch in den großen Kirchen alternative Modelle (z.B. die Einzelabrechnung von kirchlichen Dienstleistungen) zur Debatte stehen.26

Das Weltbild hinter Boberts „Mystik-Coaching“: Drei Vorträge zum „mentalen Heilen“

Der Blick auf die grundbegrifflichen Schwierigkeiten und Trennungsunschärfen hat ergeben, dass Boberts Mystagogik nicht ohne Weiteres klar von kirchlichen Positionen abzugrenzen ist. Das bedeutet allerdings nicht, dass damit sämtliche Kriterien der Beurteilung hinfällig sind. Entscheidend ist hier die Konkretisierung mystischer Denkfiguren. Im Kontext des Coachings werden aus dem mystischen Kontakt zum Göttlichen ganz konkret materiell gedachte Modelle der Heilung, die dann problematische Auswirkungen sowohl auf den individuellen Umgang mit Ratsuchenden als auch auf das Verhältnis zum demokratischen Staat und zu gesellschaftlichen Strukturen haben. Um dies zu verdeutlichen, bedarf es einer weitergehenden Analyse der Inhalte von „Prof. Sabine Bobert Mystik und Coaching“.

Einen guten Einblick in das Welt- und Menschenbild von Bobert, über ihre Mystikauffassung hinaus, erhält man aus drei Videos zum „mentalen Heilen“. Die Videos spiegeln in gewisser Weise auch die Entwicklung der Theologin wider. Sie sind im Abstand von wenigen Monaten zwischen März 2018 und Juni 2019 entstanden. Das erste Video wurde dem Anschein nach bei einem öffentlichen Vortrag an der Universität Kiel aufgenommen.27 Beim zweiten Video handelt es sich ebenfalls um einen öffentlichen Vortrag, doch scheint dieser nicht mehr im Rahmen einer Universitätsveranstaltung gehalten worden zu sein.28 Im dritten Video zum „mentalen Heilen“ sitzt die Rednerin am Strand und spricht direkt in die Kamera.29 Das Video erweckt den Eindruck, als Social-Media-Content produziert worden zu sein. Inhaltlich rückt die Vermarktung von Angeboten immer mehr ins Zentrum.

„Mind over Matter“

Im ersten Video betont Bobert, dass sie vorsichtig sein müsse, damit sie „noch an der Uni Professorin bleiben“ dürfe. Sie berufe sich deshalb immer auf Quellen, im konkreten Fall auf die folgenden: Joe Dispenzas Du bist das Placebo, Bruce Liptons Intelligente Zellen, Lissa Rankins Warum Gedanken stärker sind als Medizin und Joachim Faulstichs Das heilende Bewusstsein (2:05–3:47).30 In weiten Teilen ist der Vortrag dann ein Referat von Du bist das Placebo des US-amerikanischen Chiropraktikers31 Joe Dispenza. Dass Bobert den Bezug auf dieses Buch als ein Zeugnis von Wissenschaftlichkeit ausgibt, ist erstaunlich, um das Mindeste zu sagen. Denn von einer Theologieprofessorin darf man ein gewisses Verständnis von Quellenkritik erwarten, mithin das Bewusstsein, dass der bloße Verweis auf eine Quelle kein hinreichendes Kriterium für wissenschaftliches Arbeiten ist. Und im vorliegenden Falle gilt: Kein einziges der angeführten Bücher stellt eine Quelle dar, deren Behauptungen nach wissenschaftlichen Standards Bestand haben.

Für Bobert belegen die Bücher allerdings, dass die Möglichkeit „mentalen Heilens“ wissenschaftlich längst bewiesen ist. Ihre Theorie lässt sich mit dem schlichten und fast schon zur Plattitüde herabgekommenen Schlagwort „Mind over Matter“ zusammenfassen: Der Geist sei also stärker als die Materie und könne diese bewusst oder unbewusst steuern. Vor diesem Hintergrund macht die Professorin im Vortrag eine Reihe bedenklicher Aussagen. Es wird zum Beispiel der Fall einer krebskranken Frau referiert: Sie sei gestorben, weil sie nach der Diagnose so sehr an den Krebs geglaubt habe, dass sie dieser Glaube – nicht etwa die Krebserkrankung – getötet habe (34:46–34:50). Man mag sich nicht ausmalen, was derlei Aussagen für Patient:innen, aber auch für Ärzt:innen bedeuten, die eine schlechte Nachricht überbringen müssen. Mit der gleichen Argumentation kritisiert Bobert die Pflegeversicherung: Indem sie die Versicherten dazu zwinge, sich mit den körperlichen Auswirkungen des Alterns zu beschäftigen, beschleunige sie das Altern. Ohne eine solche mentale Fixierung, so Bobert, würden Menschen zwischen 140 und 160 Jahre alt (38:43–40:10). „Naturvölker-Spannen“ nennt sie das, gegen alle Statistiken zur Lebenserwartung.

Weiter empfiehlt Bobert, die Kirchengemeinde zu verlassen, sollte dort nicht an diese Kraft des menschlichen Geistes geglaubt werden; es werde einem sonst jegliche „Lebensenergie geraubt“. Insgesamt sei Zweifel ein Instrument, um Menschen klein zu machen (46:43–46:51). Abschließend gibt die Theologin ihre eigene, oben bereits erwähnte Definition von christlicher Gnade: Gnade bedeute, dass alles schon in uns sei, dass wir eben keiner Erlösung von außen bedürften, sondern nur der Erkenntnis, dass wir die Fähigkeit zur Erlösung in uns selbst tragen, wenn wir es schaffen, unseren „Kanal“ für „höhere Frequenzen“, für die „Liebe“ „freizukriegen“ (1:04:03–1:04:46).

PSI-Forschung

Der zweite Vortrag zum „mentalen Heilen“ bezieht sich auf die sogenannte PSI-Forschung, also auf die Erforschung übersinnlicher Phänomene.32 So wird denn auch im Kommentarbereich unter dem YouTube-Video aus dem Umfeld des Bruno Gröning-Freundeskreises33 bekundet, dass man sich durch den Vortrag von Bobert bestätigt sehe. „Bruno Gröning, hat in den 40er[,] 50er [Jahren] (eigentlich schon als Kind) Heilungen bewirkt. Als ich auf die ganzen Berichte über ihn stieß, fragte ich mich: ‚warum hört man heute nichts mehr davon?‘“, ist dort zu lesen.

In der Videobeschreibung des Vortrags wird die These bereits pointiert zusammengefasst: Das materialistische Weltbild sei längst widerlegt. Zur Entfaltung referiert Bobert im Vortrag selbst nur ein einziges Buch, das sie aber als die wissenschaftliche Grundlage der PSI-Forschung darstellt (0:14–0:30). Es stammt aus der Feder des US-amerikanischen Parapsychologen Russell Targ und wird einhellig der Pseudowissenschaft zugerechnet.34 Die Rednerin hingegen bezeichnet ihre Quelle als Resultat der Geheimforschung von Regierungsbehörden, Geheimdiensten und Militärs. Damit sei klar, so Bobert, dass dort nur die „Brosamen“ aus der Fülle der „wahren“ Geheimerkenntnisse enthalten seien, die bereits vorlägen (5:39–6:10). In der Einleitung zum dritten Video zum „mentalen Heilen“ bezeichnet sie Targs Arbeit auch als „militärische Mystik-Forschung“.35

Früher, so Bobert, habe sie nicht an PSI-Phänomene geglaubt, da die Leitmedien darüber nicht berichteten. Überhaupt seien diese Medien problematisch. Sie lenkten die Aufmerksamkeit nur auf das Schlechte in der Welt und verschwiegen gute Nachrichten – wie die Fähigkeit zum „mentalen Heilen“, weil solches dem westlichen Weltbild widerspreche (2:27–4:47). Man müsse die Nachrichtensendungen der Medien geradezu mit „satanischen Messen“ vergleichen, die das Böse in der Welt heraufbeschwörten (24:44–25:05).

Nachdem Bobert über Experimente unter anderem zur „Fernhypnose“ referiert hat, kommt sie auf die Transzendentale Meditation36 zu sprechen. Hier gebe es Forschung, die zeige, dass Meditationsgruppen allein durch die „positiven Energien“ der Meditation die Kriminalitätsrate senken könnten. Immer wieder habe sich dies nachweisen lassen, sagt die Professorin – ohne einen konkreten Beleg zu nennen (22:58–24:40). Sie zieht aus der Erkenntnis aber auch den umgekehrten Schluss: „Schwarzmagier“ könnten negative Energien nutzen, um das Böse in die Welt zu tragen (22:47–22:55). Genau dies geschehe in den Nachrichtensendungen. Es sei im Übrigen auch möglich, Maschinen mit dem Geist zu steuern, fährt Bobert fort, und führt dazu einen Fall an, der im Buch von Targ geschildert wird. Einschränkend fügt sie hinzu, es würden von Targ in diesem Zusammenhang technische Begriffe verwendet, die für sie „als Frau nicht so ihr Fachgebiet“ seien (28:26–28:42). Man fragt sich beim Hören unweigerlich, warum das hier bemühte Klischee – „Frauen kennen sich mit Technik nicht aus“ – nicht als mental begrenzender Glaubenssatz verstanden wird, sondern als allgemein nachvollziehbare Tatsache.

Zum Schluss des Vortrags kommt Bobert noch auf die Schulbildung zu sprechen. Sie sei reformbedürftig, weil das durch die parapsychologischen Studien belegte Menschenbild nicht in das allgemeine Curriculum und in die Lehrmethoden einbezogen werde. Eine entsprechende Erweiterung würde den Kindern und Jugendlichen indessen Zugang zu den PSI-Fähigkeiten verschaffen und den Unterricht folglich gehörig verbessern (45:46–46:19).

Mystikberatung

Im dritten Video zum „mentalen Heilen“, am Strand, spricht Bobert dann in erster Linie über ihre eigene Geschichte als hellsichtige Person und über ihre Tätigkeit auf diesem Gebiet.37 Sie habe „keine Lust“, in Deutschland als Geistheilerin zu arbeiten. Denn hierzulande mache sie sich strafbar, wenn sie als Heilpraktikerin auch nur eine entsprechende Diagnose stelle. Aus diesem Grund sei sie nur als Beraterin tätig (21:40–22:28). Dennoch berichtet die Mystikberaterin, welche Heilung sie im Freundeskreis zu vollbringen vermöge, indem sie die Körperempfindung anderer Menschen in sich „herüberlade“, um sie dann in ihrem eigenen Körper zu analysieren und anschließend zu behandeln (12:35–13:20). Einer befreundeten Musikerin habe sie zudem geholfen, indem sie in deren Konzerte Energien hineingebe, die sie zum Erfolg führten. Dieser Energietransfer sei auch ganz ohne ihre Anwesenheit vor Ort möglich (15:45–21:24). Am Ende des Videos spricht Bobert das Publikum dann ganz gezielt mit Themen für ein mögliches Coaching an.

Diskussionswürdige Punkte

An den Aussagen zeigt sich aus Sicht der EZW, dass die Beurteilung von Boberts Ansichten und Beratungs- wie Kursangeboten über die Frage der Vereinbarkeit mit kirchlichen Dogmen hinausgeht. Die vorgestellten Videos, die aus zahlreichen Videos mit ähnlichem Inhalt herausgegriffen wurden, verbreiten Behauptungen, die für uns als weltanschaulich fragwürdig anzusehen sind. Sie lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Die Aussagen über das „mentale Heilen“ kommen einem Heilsversprechen nahe. Dass sie bei Ratsuchenden zum Teil so verstanden werden, zeigt unter anderem die zitierte Reaktion aus dem Kontext des Bruno Gröning-Freundeskreises. Gerade bei schweren psychischen und physischen Erkrankungen kann das nicht eingelöst werden. Unter einem Interview mit Bobert in einem Podcast von RefLab findet sich im Kommentar eines Hörers eine ähnliche Einschätzung: „In der Tat unterliegt Frau Bobert leider der sehr großen Gefahr, manipuliv [sic] unterwegs zu sein. Denn sie erweckt auf ihrer Website den verführerischen Eindruck, komm zu mir, dann wird alles gut. Die Grenze zu Missbrauch ist eben garnicht [sic] so leicht zu erkennen.“38
  • Bobert behauptet, die Gefühle einer anderen Person in sich spüren zu können und sie damit „tiefer zu verstehen als ein anderer Mensch“,39 sogar tiefer, so deutet sie an, als die Menschen sich selbst verstehen. Bei allem Respekt vor einer möglicherweise hohen Empathiefähigkeit und Intuition kann dies als Grenzüberschreitung wahrgenommen werden, die die Selbstwahrnehmung und somit die Autonomie der anderen Person in Frage stellt.
  • Mit ihren hellsichtigen Fähigkeiten scheint sich Bobert als ein überlegener spiritueller Coach zu präsentieren, wobei der Eindruck entstehen kann, dass es unklug wäre, ihren „höheren“ Einsichten nicht zu folgen. In einem solchen Fall würden rationale Zweifel oder Kritik an der spirituellen „Weisheit“ abprallen.
  • Wir sehen die Gefahr, dass die Inhalte von Bobert Angst vor mentaler Fremdeinwirkung und schwarzer Magie erzeugen, was schwerwiegende psychologische Folgen haben kann.
  • Bobert scheint Autoritäten zu untergraben, sowohl in ihrem Feld, in Kirche und Wissenschaft, als auch in den Medien, der Medizin und der Bildung, und zwar jenseits jeglicher Überprüfbarkeit. Aussagen, die diese Deutung zulassen, begegnen immer wieder, auch unter Berufung auf die eigene Zugehörigkeit zur Wissenschaft und zur Kirche, die sie gleichzeitig aus einer vermeintlichen Binnenperspektive kritisiert.40
  • Unserer Einschätzung nach wird Wissenschaft von Bobert nicht nur angegriffen, sondern auch verzerrt dargestellt. Durch eine solche Darstellung entsteht ein falsches Bild wissenschaftlichen Arbeitens mit Schaden für eine seriöse Wissensvermittlung.
  • Wir haben den Eindruck, dass Bobert einfache Lösungen für hochkomplexe Probleme verspricht. Unserer Meinung nach delegitimiert sie dadurch indirekt politische und gesellschaftliche Diskussionen und Strategien, die soziale Verbesserungen anstreben.

Neben diesen Punkten sind zwei weiterführende Einschätzungen noch einmal gesondert herauszustellen: das Gefahrenpotential für demokratische Strukturen sowie des Weiteren für die Ratsuchenden selbst.

Zum Gefahrenpotential für demokratische Strukturen

Autoritäten scheinen von Bobert pauschal angezweifelt zu werden. Die Theologin scheint psychologische und soziale Coping-Strategien häufig als manipulativ, Gesellschaft und Kultur als generell korrumpiert und gegen das Individuum gerichtet zu betrachten. Das zeigt sich noch einmal besonders deutlich in ihrem Buch Raus aus der Manipulationsfalle, das hier nur am Rande Erwähnung finden kann.41 Eine solche Haltung folgt unserer Ansicht nach einem Muster, dessen Elemente als klassische Merkmale radikalisierter esoterischer Strömungen bekannt sind: Jedes Leid wird darauf zurückgeführt, dass eine Störung der Vereinigung mit dem Göttlichen vorliegt. Dies nimmt oft Züge des Verschwörungsglaubens an, indem davon ausgegangen wird, dass entweder die Erkenntnis von der Möglichkeit zur Vereinigung oder die Vereinigung selbst absichtlich verhindert wird. Aus dieser Haltung kann echter Schaden entstehen, sowohl für das Individuum, wenn etwa nahelegt wird, besser nicht zum Arzt zu gehen, da erst eine Diagnose Krankheit erzeuge, als auch für die Gesellschaft, wenn unabhängig von überprüfbaren Kriterien ein prinzipieller Zweifel an Institutionen, Autoritäten und Amtsträgern gesät wird. Dadurch werden manchmal fast schon paranoid anmutende Verschwörungsnarrative über Wissenschaft, Medien, Bildung, Pharmaindustrie, Ärzt:innen und auch Kirchen reproduziert, wie aus der Beratungsarbeit mit Verschwörungsgläubigen bekannt ist. Sie können eine ernstzunehmende Gefahr für die Bindekräfte demokratischer Strukturen darstellen.

Zum Gefahrenpotential für Ratsuchende

Laut einer Handreichung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg liegt geistlicher Missbrauch dann vor, wenn die Autonomiegrenze des Ratsuchenden durchbrochen und „die betroffene Person in ihrer geistlichen bzw. spirituellen Freiheit so eingeschränkt“ wird, „dass selbstbestimmtes Denken, Handeln und Entscheiden nicht mehr oder nur noch schwer möglich ist.“42 Wendet man diese Kriterien auf die Coachingangebote auf der Webseite von Bobert an, wird unserer Ansicht nach erkennbar, dass sie einem geistlichen Missbrauch den Weg ebnen, wenn sie die Wahrnehmungsfähigkeit der Ratsuchenden immer wieder in Zweifel ziehen. Bobert verspricht unter anderem: „In drei Monaten bist du superklar. Du verlierst keine Zeit mehr durch Grübeln.“ Man könne zudem „[f]rei sein von: Trauma, Hacking (Magie), Leiden unter Sensitivität, seelischen Problemen, Beziehungskonflikten, mangelnden Fähigkeiten“.43 Bobert könne sich „direkt einfühlen in alles, was [Ratsuchende] bremst.“44

In diesem Zusammenhang kann die Etikettierung der Inhalte als „esoterisch“ für die Einordnung sinnvoll sein, da der Machtmissbrauch hier anders verläuft als beispielsweise im kirchlichen Kontext einer Gemeinde. In Erläuterungen zum geistlichen Missbrauch in den Kirchen wird hervorgehoben, dass im kirchlichen Zusammenhang das Autoritätsverhältnis meist bei Menschen ausgenutzt wird, die Autoritäten anerkennen und sogar suchen.45 Esoterische Angebote hingegen richten sich in der Regel eher an Menschen, die Autoritäten grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen. Das Vertrauen in jegliche Form von Autorität wird dann immer weiter abgebaut und ein Vertrauen in die Intuition oder das „Bauchgefühl“ beschworen. Diese hängen wiederum stark ab von Gefühlen der Sympathie oder dem Wunsch nach spiritueller Leitung. Am Ende bleibt häufig nur noch eine einzige Vertrauensperson, deren Aussagen über denen aller anderen stehen, über denen von Ärzt:innen, Journalist:innen, Forscher:innen sowie von Familie und Freundeskreis. Es bleibt nur eine kleine Auswahl vertrauenswürdiger Quellen, die dann hochgradig manipulationsanfällig ist.

Beim spirituellen Missbrauch innerhalb esoterischer Angebote wird also häufig indirekt das Autonomiebedürfnis des:der Ratsuchenden zunächst befriedigt und dann unterlaufen, oftmals um das Autonomiebedürfnis des:der Ratgebenden zu befriedigen. Macht über andere auszuüben, gibt das Gefühl, selbst autonom zu sein. Dies kann beabsichtigt oder unbeabsichtigt geschehen, zum Beispiel indem die eigene Macht und Autorität darauf zurückgeführt wird, dass andere Menschen eine göttliche Wahrheit in den Aussagen des Ratgebenden erkannt hätten. Das löst eine Rückkopplung in der Selbstbestätigung aus: Folgt eine Person nach ihrem eigenen Verständnis frei und autonom den Aussagen einer spirituellen Führungsperson, selbst wenn sie der Vernunft widersprechen, wird das als Ausdruck der Erkenntnis einer tiefen göttlichen und damit nicht gesellschaftlich beeinflussten Wahrheit interpretiert. In der Folge erfahren die Aussagen des „Gurus“ eine Überhöhung, die schließlich auch von ihm selbst übernommen wird.

Die in der Württemberger Handreichung zitierte geistliche Begleiterin Hannah A. Schulz hat geistlichen Missbrauch als „Missbrauch geistlicher Macht und Autorität mit geistlichen Mitteln zum Schaden anderer“ definiert.46 Hierbei wird unterschieden zwischen Autorität, die zugeschrieben wird, und Macht, die verliehen werden muss. Auf geschickte Weise setzt Bobert sowohl die ihr verliehene Macht als auch ihre suggerierte spirituelle Autorität ein. Während andere Autoritäten von der Pfarrerin und Professorin angezweifelt werden, nutzt sie ihre eigene von Kirche und Staat verliehene Macht, um ihre Angebote zu bewerben und ihnen Glaubwürdigkeit zu verleihen. So ist der Professorentitel Teil ihrer Marke „Prof. Sabine Bobert Mystik und Coaching“. Er erscheint auch auf ihren gerade nicht für den wissenschaftlichen Kontext verfassten Büchern Raus aus der Manipulationsfalle und Barfuß gehen und leben („Prof. Dr. Sabine Bobert“). Auch wirbt sie auf ihrer Webseite mit den Fernseh- und Diskussionsbeiträgen, zu denen sie aufgrund ihrer Stellung als Professorin und damit in einer wissenschaftlichen Expertinnenrolle eingeladen wurde. Des Weiteren verweist sie auf die evangelische Kirche und Beiträge auf dem Kirchentag als Gewähr für die Seriosität ihrer Angebote.

Fazit

Man kann sicher lange darüber diskutieren, wie offen theologische Prämissen an den theologischen Fakultäten überdacht und in Betracht gezogen werden können. In Lehre und Forschung muss und soll es Freiheit und Offenheit geben – auch in Bezug auf mystische Strömungen. Denkverbote sind nicht sinnvoll. Spätestens dann aber, wenn es nicht nur um Theorien und mit wissenschaftlicher Redlichkeit geführte, offene Diskussionen geht, sondern um konkrete Handlungsanweisungen mit Konsequenzen für Individuen und womöglich auch für die Gesellschaft, der ein falsches Bild von Wissenschaft vermittelt wird, sind Grenzen erreicht oder sogar überschritten worden. Wir möchten daher die Frage aufwerfen, ob Bobert diese Grenze überschritten hat und ob sie die Machtposition, die ihr als ordinierte Pfarrerin von der Kirche verliehen wurde, angemessen wahrnimmt und nicht vielmehr in eine sehr bedenkliche Nähe zu Machtmissbrauch rückt. Eine ähnlich gelagerte Frage betrifft ihre Position als Theologieprofessorin, die ihr von Kirche und Staat übertragen wurde: Führt sie ihr Amt gegenüber Kirche und Gesellschaft in einer wissenschaftlich begründeten und gegenüber der wissenschaftlichen Community vertretbaren Weise aus? Nach Meinung der EZW sind Zweifel angebracht und es wäre wünschenswert, wenn die zuständigen Stellen in Kirche und Universität diese Fragen aufgreifen würden.

Anmerkungen

  1. Martin Fritz, „Evangelische Weltanschauungsarbeit“, ZRW 89,2 (2026), 195–214. ↑
  2. „Mystagogie“ hier verstanden als Mystikinitiation; vgl. Sabine Bobert, Jesus-Gebet und neue Mystik. Grundlagen einer christlichen Mystagogik (Schwarzach a.M.: Vier-Türme-Verlag, 2010), 31. ↑
  3. „Sabine Bobert“, Wikipedia, aktualisiert am 23.1.2026, tinyurl.com/k2bkrnwa (letzter Abruf aller im Beitrag genannten Internetquellen am 23.7.2026). ↑
  4. YouTube-Kanal „Mystik und Coaching Prof. Dr. Sabine Bobert“, www.youtube.com/channel/UCBnXqkJcTXrFrbPOe3VQN1g. ↑
  5. Vgl. Boberts Webseite, www.mystik-und-coaching.de. ↑
  6. Mystik und Coaching Prof. Dr. Sabine Bobert, „Mystik im ZDF-Gespräch mit Ulrike Kriener, Schauspielerin“, YouTube, 10.1.2018, youtu.be/imwINSiB8-Y, sowie „Führe uns nicht in Versuchung“, YouTube, 10.1.2018, youtu.be/oBCUkEEhmlM. ↑
  7. Mystik und Coaching Prof. Dr. Sabine Bobert, „Mystik – vom Funktionieren zum Sein. Interview mit BR“, YouTube, 31.7.2018, youtu.be/LdXfw9C2ugI. ↑
  8. TheoLogo, „Mystik und Coaching – 3 Grundübungen von Prof. Dr. Sabine Bobert – TheoLogo mit Wolfram Kerner“, YouTube, 24.1.2018, https://youtu.be/fc-VTyVCsj8; „Macht Mystik glücklich? Prof. Dr. Sabine Bobert über den mystischen Weg. Mystik Inspirationen MI05“, YouTube, 18.1.2020, youtu.be/qtkC1a43R4k; „Mystik für Kinder? Prof. Dr. Sabine Bobert, Harry Potter, die Dementoren und Mystik für Kinder MI06“, YouTube, 20.1.2020, youtu.be/o57HXr9KEvU. ↑
  9. Bobert, Jesus-Gebet und neue Mystik (s. Anm. 2), 103. ↑
  10. Claudia Jetter, „New Thought/Neugeist“, Lexikon der EZW, 5.1.2023, tinyurl.com/wtn7akpr. ↑
  11. Helmut Zander, „Das Konzept der ‚Esoterik‘ im Bermudadreieck von Gegenstandsorientierung, Diskurstheorie und Wissenschaftspolitik. Mit Überlegungen zur konstitutiven Bedeutung des identitätsphilosophischen Denkens“, in: Monika Neugebauer-Wölk, Renko Geffarth und Markus Meumann (Hg.), Aufklärung und Esoterik. Wege in die Moderne (Berlin: de Gruyter, 2013), 113–135, tinyurl.com/4994nwcs. ↑
  12. Vgl. Karl Baier, Meditation und Moderne. Zur Genese eines Kernbereichs moderner Spiritualität in der Wechselwirkung zwischen Westeuropa, Nordamerika und Asien (Würzburg: Königshausen & Neumann, 2009). ↑
  13. Antoine Faivre, Esoterik im Überblick. Geheime Geschichte des abendländischen Denkens (Freiburg i.Br.: Herder, 2001). ↑
  14. Kocku von Stuckrad, Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des geheimen Wissens (München: Beck, 2004). ↑
  15. Wouter Hanegraaff, Western Esotericism and the Academy. Rejected Knowledge in Western Culture (Cambridge: Cambridge University Press, 2012). ↑
  16. Friedmann Eißler, „Mystik“, Lexikon der EZW, Januar 2019, tinyurl.com/2nsw5uzr. ↑
  17. Christoph Auffarth, „Mysticism in Modernity, a longue durée and Innovations. The Idea of the Third Reich between Lessing and Hitler“, in: Annette Wilke, Robert Stephanus und Robert Suckro (Hg.), Constructions of Mysticism as a Universal. Roots and Interactions across Borders (Wiesbaden: Harrassowitz, 2021), 185–214. ↑
  18. Eißler, „Mystik“ (s. Anm. 16). ↑
  19. Werner Thiede, „Mystik im Zentrum – Mystik am Rand. Zur Notwendigkeit, bei mystischer Religiosität zu unterscheiden. Teil I: Mittelalterliche Mystik“, MdEZW 69,10 (2006), 363–373, tinyurl.com/34hp3ujx, sowie „Teil II: Protestantische Mystik“, MdEZW 69,11 (2006), 403–413, tinyurl.com/n78bmkn2. ↑
  20. Hartmut Rosenau, „Zum Verhältnis von Esoterik und Mystik“, in: Reinhard Hempelmann (Hg.), Esoterik und Mystik – eine Antwort auf den Hunger nach spiritueller Erfahrung?, EZW-Texte 165 (Berlin: EZW, 2002), 14–26, 21, tinyurl.com/45w5k26d. ↑
  21. Rosenau, „Zum Verhältnis von Esoterik und Mystik“, 23. ↑
  22. Mystik und Coaching Prof. Dr. Sabine Bobert, „Mentales Heilen 1: Grundlagen“, YouTube, 14.3.2018, 1:04:03–1:04:46, youtu.be/oVYI3nd4uRI. ↑
  23. Helmut Zander, „Esoterik und katholische Theologie. Überlegungen zu einem nicht nur geschwisterlichen Verhältnis“, in: Maximilian Heim u.a. (Hg.), Esoterik versus Erlösung, Jahrbuch der Hochschule Heiligenkreuz, Ambo 4 (Heiligenkreuz: Medien-GmbH Heiligenkreuz, 2019), 188–215. ↑
  24. Sabine Bobert, Jesus-Gebet und neue Mystik. Grundlagen einer christlichen Mystagogik (2. Aufl., Schwarzach a.M.: Vier-Türme-Verlag, 2012), 203. ↑
  25. Vgl. auf Boberts Webseite z.B. unter „Live-Seminare“, www.mystik-und-coaching.de/liveseminare. ↑
  26. In der katholischen Tradition kennt man zudem seit jeher beispielsweise den Devotionalienhandel als kirchliche Finanzquelle. ↑
  27. „Mentales Heilen 1: Grundlagen“ (s. Anm. 22), 2:05–3:47. ↑
  28. Mystik und Coaching Prof. Dr. Sabine Bobert, „Mentales Heilen 2: Grundlagen aus der PSI-Forschung“, YouTube, 9.11.2018, youtu.be/z1A9sLiMieo. ↑
  29. Mystik und Coaching Prof. Dr. Sabine Bobert, „Mentales Heilen 3: Meine Anfänge“, YouTube, 3.6.2019, youtu.be/bwJXccMjAAE. ↑
  30. Zeitangaben beziehen sich im Folgenden auf das in Anm. 22 genannte Video. ↑
  31. Chiropraktik ist eine alternativmedizinische Behandlungsmethode, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nicht nachgewiesen ist; vgl. Michael Utsch, „Alternativmedizin“, M⁠d⁠E⁠Z⁠W 77,3 (2014), 105–108, tinyurl.com/mry9au5n; vgl. auch „Chiropraktik“, Wikipedia, aktualisiert am 3.4.2026, tinyurl.com/3affazyx. ↑
  32. S. Anm. 28. Zeitangaben beziehen sich im Folgenden auf dieses Video. ↑
  33. Zum Bruno Gröning-Freundeskreis vgl. Michael Utsch, „Bruno Gröning-Freundeskreis“, MdEZW 78,12 (2015), 469–472, tinyurl.com/3zpnnmt6. ↑
  34. „Russell Targ“, Wikipedia (engl.), aktualisiert am 20.1.2026, tinyurl.com/y6tyxmty. ↑
  35. „Mentales Heilen 3: Meine Anfänge“ (s. Anm. 29), 0:28–0:40. ↑
  36. Ulrich Dehn (überarb. Friedmann Eißler), „Transzendentale Meditation TM“, Lexikon der EZW, Mai 2011, tinyurl.com/mseb92wr. ↑
  37. S. Anm. 29. Zeitangaben beziehen sich im Folgenden auf dieses Video. ↑
  38. Kommentar von Akinom vom 2.5.2023 unter dem Beitrag „Sabine Bobert: Richtig fette Mystik“, RefLab, 29.4.2023, tinyurl.com/bdh937b7. ↑
  39. Vgl. auf Boberts Webseite unter „Coachings“, www.mystik-und-coaching.de/coachings. ↑
  40. Dies geht nicht unbedingt aus den Videos zum „mentalen Heilen“ hervor, zeigt sich aber beispielsweise deutlich im Video „Christentum als gescheiterte Mysterienreligion. Ostern und der Regenbogenkörper im Tao u[nd] Buddhismus“, YouTube, 9.6.2025, youtu.be/4ZRuV-1niuQ. ↑
  41. Sabine Bobert, Raus aus der Manipulationsfalle. Wie du deinen Alltag von Manipulationstechniken entrümpelst (Selbstverlag, 2020). Bobert beschreibt darin 49 „Manipulationsfallen“. Zu den Manipulationen zählt sie u.a. das Auflösen kognitiver Dissonanzen (35–37) oder das Annehmen eines Stücks Erdbeertorte aus Höflichkeit (5–9). ↑
  42. „Geistlicher Missbrauch. Eine Orientierungshilfe für die Evangelische Landeskirche in Württemberg“, hg. vom Arbeitskreis Geistlicher Missbrauch, 2025, 2, tinyurl.com/4h6tndsu. ↑
  43. Auf Boberts Webseite unter „Coachings“, www.mystik-und-coaching.de/coachings. ↑
  44. Auf Boberts Webseite unter „Live-Seminare“, www.mystik-und-coaching.de/liveseminare. ↑
  45. Vgl. „Geistlicher Missbrauch“ (s. Anm. 42), 9. ↑
  46. Hannah A. Schulz, Durch Nebel hindurch. Aus ignatianischer Sicht geistlichen Missbrauch erkennen und überwinden (Würzburg: Echter, 2022), 25. ↑

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Judith BodendörferDr. phil. Judith Bodendörfer
Wissenschaftliche Referentin
Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen
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