Rezension zum Dokumentarfilm von Günter Moritz, Andreas Reiner & Monika Agler, DE 2025
„Ich war ein Zeuge“

In den letzten Jahren sind zahlreiche Bücher und Filmportraits ehemaliger Mitglieder von „Jehovas Zeugen“ erschienen. Bringt der Dokumentarfilm „Ich war ein Zeuge“ etwas Neues zutage? Der 90-minütige Dokumentarfilm kam am 26. März 2026 in die deutschen Kinos und wird seitdem deutschlandweit gezeigt. Die Premiere fand bereits am 23. Oktober 2025 im Rahmen der 59. Internationalen Hofer Filmtage statt.
Der Film enstand aus einem Fotoprojekt der „Stuttgarter Zeitung“. Der Fotograf Andreas Reiner porträtierte darin Aussteiger:innen der Zeugen Jehovas und reiste dafür durch Deutschland, um die Geschichten der ehemaligen Mitglieder zu dokumentieren. Berührt durch die Begegnungen bei den Fototerminen entstand die Idee aus einigen Geschichten einen Dokumentarfilm zu machen..
Regisseur Günter Moritz und Editorin Monika Agler haben einen eindringlichen Dokumentationsfilm hergestellt, der den Zuschauenden tiefe Einblicke in die psychischen und sozialen Abgründe dieser Glaubensgemeinschaft ermöglicht.
Im Mittelpunkt stehen vier ehemalige Zeugen Jehovas. Zwei Frauen und zwei Männer, einer davon anonym , berichten in offenen Interviews von ihrer Kindheit und Jugend im engen Korsett religiöser Regeln, von psychischem Druck, sexualisierter Gewalt, Konversionstherapien und existenziellen Krisen nach dem Ausstieg. Der Film beschreibt nicht nur vier individuelle Schicksale, sondern auch unsichtbaren Folgen wie Angst, Schuldgefühle, Verlust von Beziehungen und die schwierige Suche nach Befreiung. Besonders berührend ist die Rolle des Fotografen Reiner, der als Zuhörer und Interviewer agiert und durch seine Präsenz und Kommentare – in unverkennbarem Schwäbisch – den Film trägt. Es gelingt ihm, die Schwere des Themas durch seine einfühlende und doch sehr direkte Art immer mal wieder zu durchbrechen. Von Vorteil erscheint dabei vor allem seine Perspektive als eines Outsiders, der wenig religiöses Hintergrundwissen mitbringt und so ganz grundlegende Fragen stellt.
Die subjektive Erzählperspektive des Films spiegelt sich auch in den Kameraeinstellungen wider. Nahaufnahmen der Protagonist:innen rücken deren Geschichte in den Fokus und fordern die Zuschauenden auf, hinzusehen und zuzuhören. Unterbrochen werden diese intensiven und emotionalen Momente immer wieder durch Kameraeinstellungen, die den Himmel zeigen und ein Innehalten ermöglichen.
Der Film ist als kollaboratives Projekt mehrerer Kreativer entstanden:
- Andreas Reiner (geb. 1968 in Göppingen) ist Fotograf mit Schwerpunkt auf sozialdokumentarische Projekte. Seine Arbeit widmet sich oft Menschen am Rand der Gesellschaft. www.sichtlichmensch.com.
- Günter Moritz (geb. 1963 in Schwäbisch Gmünd) arbeitet als Regisseur und Produzent mit Fokus auf gesellschaftlich relevante Themen. Er übernahm die Regie und prägte die ästhetische Ausrichtung des Films, die sich an modernen Fernsehreportagen orientiert, in denen die Journalist:innen selbst Teil des Geschehens sind und ihre Emotionen und Reaktionen ungefiltert einbringen.
- Monika Agler (geb. 1972 in Stuttgart) war als Editorin, Produzentin und Geschäftsführerin von teamWERK für den Schnitt verantwortlich und brachte mit ihrer langjährigen Erfahrung in dokumentarischen Langformaten eine besondere emotionale Dichte in den Film.
„Ich war ein Zeuge“ wurde von der Kritik überwiegend positiv aufgenommen und als erschütternde, aber notwendige Auseinandersetzung mit den Abgründen einer religiösen Parallelwelt gelobt:
- Film-Rezensionen.de (www.film-rezensionen.de/2026/03/ich-war-ein-zeuge) betont, der Film biete einen Einblick in die Psyche der Aussteiger:innen und zeige, wie die Interviews von Reiner eine besonders authentische und berührende Tiefe erzeugen. Die Montage von Agler und die Regie von Moritz machen die Geschichten erfahrbar und emotional zugänglich.
- Filmdienst (www.filmdienst.de/film/details/626193/ich-war-ein-zeuge) hebt hervor, dass der Film sich ästhetisch an modernen Fernsehreportagen orientiere, wobei Reiner nicht als neutraler Beobachter, sondern als aktiver Teil des Geschehens agiere. Seine charismatische Präsenz und die beeindruckenden Zeugnisse der Protagonist:innen trügen den Film, auch wenn die Form eher konventionell bleibe.
- Vorwärts (www.vorwaerts.de/kultur/ich-war-ein-zeuge-blick-die-abgruende-einer-religioesen-parallelwelt) beschreibt den Film als subtile, inhaltlich und visuell gelungene Erzählung, die aus Reiners Recherchereise zu den über Deutschland verteilten Zeitzeug:innen entstanden sei. Besonders gelobt wird die Zurückhaltung und Sensibilität, mit der die Geschichten der Aussteiger:innen präsentiert würden.
In einer Kooperationsveranstaltung von der katholischen und evangelischen Weltanschauungsarbeit des Zentrums Ökumene und des Bistums Limburg wurde der Film im Juni 2026 im Haus am Dom in Frankfurt gezeigt. Es schloss sich eine Podiumsdiskussion unter Beteiligung des Publikums und in Anwesenheit von Reiner und Moritz an.
In seiner emotionalen Tiefe hat der Film die Zuschauer:innen tief bewegt, die mit unterschiedlichen Hintergründen anwesend waren, darunter ehemalige Zeug:innen Jehovas, Angehörige und Mitglieder der Betroffenengruppe „Fundamental frei“ (mit dem Schwerpunkt Aussteiger:innen aus evangelikalen Freikirchen) sowie andere Interessierte. Die sich an den Film anschließende Diskussion verteifte einige der im Film angesprochenen Aspekte. Während ein Teilnehmer berichtete, dass seine Kindheit als Zeuge Jehovas glücklich und ohne erlebten Druck oder gar Missbrauch gewesen sei, haben andere die dargestellten Problematiken schmerzlich am eigenen Leib erfahren.
Diese Dokumentation ist keine neutrale Reportage, die sorgfältig verschiedene Seiten zu Wort kommen lässt, sondern sie unterstützt deutlich die Position der Aussteiger:innen. Durch den einfühlsamen Umgang der Filmemacher:innen werden Portaits von Menschen gezeichnet, die die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas als hochproblematisch, kontrollierend, strukturell auf spirituellen Missbrauch angelegt erlebt haben, was sich zum Teil auch in körperlicher Gewalt ausdrückte. Die anonymisierte Darstellung eines noch aktiven Mitglieds zeigt dabei die Fortdauer der Angst vor Repressionen.
Damit sind Chance und Grenze des Films angesprochen. Aus unserer Sich eignet sich der Film weniger im Rahmen eines Erstinformationsangebotes über Zeugen Jehovas, etwa im Schulunterricht, Vortrag oder Seminar, weil er ausschließlich die Opferperspektive thematisiert, die aus verständlichen Gründen die Zuschauer:innen betroffen macht. Allerdings gibt es wohl keinen anderen Film, in dem Betroffene so intensiv zu Wort kommen. So kann er eventuell in begleiteten Aussteiger:innengruppen gute Dienste leisten oder einem beratenden Fachpublikum die Facetten der schädlichen Auswirkungen aufzeigen. Der Film ist sicher ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung von Missständen in geschlossenen Gemeinschaften und eignet sich besonders für Zuschauer:innen, die sich für soziale Gerechtigkeit, psychologische Tiefe und dokumentarische Erzählformen interessieren.
Ansprechpartner
Prof. Dr. phil. Michael UtschAuguststraße 80
10117 Berlin


