Expertengespräche über Religionsmissbrauch

Im November und Dezember 2020 hörte die auf Bundestagsbeschluss einberufene „Unabhängige Aufarbeitungskommission Kindesmissbrauch“ Expertinnen und Experten für sexualisierte Gewalt bei den Zeugen Jehovas bzw. in der Colonia Dignidad an. Auf der Internetseite der Kommission stehen die lesenswerten Ergebnisse der Werkstattgespräche zusammengefasst zu Verfügung.

Michael Utsch

Ausgelöst durch die ans Licht gekommenen Missbrauchsskandale in Kirchen und religiösen Gemeinschaften wurde vor fünf Jahren auf Bundestagsbeschluss eine unabhängige Kommission einberufen, um die Aufklärung zu fördern und Präventionsmaßnahmen gegen sexualisierte Gewalt zu entwickeln. Im November und Dezember 2020 wurden Expertinnen und Experten für diese Form des Machtmissbrauchs bei den Zeugen Jehovas bzw. in der Colonia Dignidad von der Kommission angehört.

Von ehemaligen Zeuginnen und Zeugen Jehovas wurde der Gruppendruck und die dogmatisch begründete Leistungsfrömmigkeit als wesentliche Elemente ihrer Unterdrückung benannt. Durch die sog. „Zwei-Zeugen-Regel“ könnte die sexualisierte Gewalt in dieser Gemeinschaft gut vertuscht werden. Die Betroffenen sehen politischen Handlungsbedarf, um Kinder und Jugendliche in dieser Gemeinschaft besser zu schützen. Dazu schlugen sie eine Modifizierung von Artikel 140 Grundgesetz vor, der die Rechte der Religionsgemeinschaften über de grundrechtlichen Schutz der Betroffenen stellt.

In Teil II der Anhörung wurden zwei Sozialwissenschaftler angehört, die sich wissenschaftlich mit der Aufarbeitung der Verbrechen in der sektenähnlichen Gruppe um Paul Schäfer (1921 - 2010) befassen. Es wurde festgestellt, dass die Aufarbeitung der Verbrechen bis heute nur schleppend vorangehe. Erschwert werde das durch die strafrechtlich und politisch komplexe Verstrickung verschiedener Ebenen. Der religiöse Deckmantel, die Zusammenarbeit mit der Pinochet-Diktatur und die verstörende Tatsache, dass ein Teil der Betroffenen gleichzeitig auch Täterinnen und Täter waren, bedeutet eine besondere Herausforderung für die Verantwortlichen des Hilfsfonds, aus dem Hilfsleistungen für Betroffene bezahlt werden können.

Die Arbeit der Aufarbeitungskommission trägt viel dazu bei, mehr Licht in die dunklen Ecken religiöser Gemeinschaften zu bringen und ihre Mitglieder zu schützen. Solche staatlichen Maßnahmen sind nötig, solange nicht die Religionsgemeinschaften selbst funktionierende Instrumente der Selbstkontrolle und Qualitätssicherung einsetzen und anwenden. Bis dahin sollten Betroffene aus anderen Gemeinschaften mutig der Einladung der Kommission folgen, ihre Erlebnisse des spirituellen und sexuellen Missbrauchs dort zu Gehör zu bringen – zum Beispiel kostenfrei und anonym unter 0800 40 300 40, durch einen schriftlichen Bericht oder eine vertrauliche Anhörung.

Michael Utsch

Werkstattgespräch „Sexueller Kindesmissbrauch bei Zeugen Jehovas“
https://www.aufarbeitungskommission.de/service-presse/service/meldungen/sexueller-kindesmissbrauch-bei-den-zeugen-jehovas-die-neunten-werkstattgespraeche-teil-1/

Werkstattgespräch „Sexueller Kindesmissbrauch bei Colonia Dignidad“
https://www.aufarbeitungskommission.de/service-presse/service/meldungen/sexueller-kindesmissbrauch-in-der-colonia-dignidad-die-neunten-werkstattgespraeche-teil-2/

Ansprechpartner

Foto Dr. Michael UtschProf. Dr. phil. Michael Utsch
Wissenschaftlicher Referent
Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen
Auguststraße 80
10117 Berlin