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Der Erfolgsroman „Yesteryear“ und das Tradwife-Phänomen

Caro Claire Burke hat mit ihrem Debütroman über das Leben einer amerikanischen Tradwife geschafft, was nur wenige Schriftsteller:innen schaffen. Wochenlang stand der Roman „Yesteryear“ auf Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste. Auch in Deutschland verkauft sich das Buch gut und zeigt, dass das Tradwife-Phänomen auf allgemeines Interesse stößt.

Katharina Portmann

Das Buch erzählt die Geschichte aus der Perspektive der Hauptprotagonistin Nathalie Heller Mills, die „die gute alte Zeit“ einer traditionellen, christlichen Farmer-Familie mit fünf Kindern im amerikanischen Idaho für Social Media romantisch inszeniert. Doch hinter der Fassade sieht das Leben von Nathalie anders aus. Statt Bauernhofromantik überlebt die Farm mehr schlecht als recht nur durch eine ganze Armada von Angestellten. Statt traditionellem Familienidyll steht ihre Ehe vor dem Aus und statt grenzenlosem Mutterglück fremdelt Nathalie mit ihrer „gottgegebenen“ Rolle als Ehefrau und Mutter. Die immer lächelnde, gutaussehende und freundliche Online-Nathalie ist hinter dem Bildschirm eine zynische, aggressive und bittere Frau, die ihren eigenen, religiös begründeten Idealen nicht gerecht wird. Die Diskrepanz zwischen Inszenierung und Realität spitzt sich immer mehr zu.

Als Nathalie dann plötzlich auf einer Farm in der amerikanischen Pionierzeit aufwacht, wird schnell klar, dass die ersehnte „gute alte Zeit“ weit weniger romantisch ist, als sie sich das ausgemalt hat. Zwei parallel verlaufende Erzählstränge geben nun tiefen Einblick in das Innenleben der Protagonistin. Einerseits erlebt Nathalie die Brutalität eines Farmlebens des 19. Jahrhunderts, das wenig überraschend von Naturgewalten und der absoluten Abhängigkeit von ihrem gewalttätigen Ehemann geprägt ist. Andererseits, und das ist aus weltanschaulicher Perspektive die weitaus interessantere Erzählung, wird in einer Rückschau auf Nathalies Leben gezeigt, wie eine junge, erfolgreiche College-Studentin zu einer Influencerin für vermeintlich traditionelle Familienwerte wurde. Es sind vor allem Frauen, die ihren Lebensweg maßgeblich prägen. Die eigene, tiefreligiöse Mutter, die ihren Töchtern schon früh das Gottesbild eines allzeit kontrollierenden Beobachters vermittelt, die Mitbewohnerin im College, die in Nathalies Imagination das Leben einer emanzipierten und gleichzeitig todunglücklichen Frau verkörpert, die reiche Schwiegermutter, die sich eine perfekte Ehefrau für ihren erfolglosen Sohn wünscht und gleichzeitig selbst nur mit Betäubungsmitteln ihren Alltag meistern kann. Die Geschichten der Frauen erzählen nicht nur persönliche Schicksale, sondern zeigen reale gesellschaftliche Ungleichheiten auf, mit denen Frauen konfrontiert sind. Es wird deutlich, dass im tobenden (amerikanischen) Kulturkampf vor allem Frauen verlieren. Wenn sie unter dem Druck der Vereinbarkeit von Familie, Karriere und Selbstverwirklichung nach wie vor wenig echte Gleichberechtigung erleben, entscheiden manche Frauen sich dafür, in eine Traumwelt der „guten alten Zeit“ zu flüchten, die kaum Platz lässt, für die Verwirklichung der eigenen Träume und Wünsche. Die beiden Lebensentwürfe von Emanzipation und Tradwife existieren damit nicht völlig getrennt voneinander, sondern stehen in einer Beziehung zueinander, deren Spannung zum gesellschaftlichen Sprengstoff werden kann. Denn auch Caleb, Natalies Ehemann, verändert sich im Laufe der Geschichte drastisch. Der einst orientierungslose, charmante junge Mann, wird von der eigenen Familie zunehmend als Problem angesehen. Sein Lebensstil und die Berufswünsche passen nicht in das Bild, das insbesondere sein Vater, ein erfolgreicher Politiker, aufrechterhalten möchte. Dieser finanziert das ertraglose Farmleben, während sein Sohn zunehmend in Online-Foren versinkt und immer tiefer in die sogenannte Manosphere eintaucht – eine Welt voller Verschwörungstheorien und männlicher Dominanzfantasien. 

Burkes Roman ist daher weniger eine Kritik an konservativen Werten und ihrer medialen Inszenierung, als vielmehr eine Gesellschaftsanalyse, die aufzeigt, dass Tradwives kein isoliertes Phänomen des Konservativismus sind, sondern ein Symptom des Kulturkampfs, der von beiden Seiten befeuert wird. Denn auch das wird in der Geschichte offensichtlich – Natalies Account wächst nicht hauptsächlich, weil sie ihre Follower:innen für ein traditionelles Leben inspiriert, sondern aufgrund einer Mischung von Voyeurismus und Hass, der ihr entgegenschlägt. In der deutschen Übersetzung nennt Natalie ihre Hauptzielgruppe „Wütende Weiber“, die sie folgendermaßen beschreibt: „Sie wollten Content, der seicht und angenehm war, das genaue Gegenteil von ihrem eigenen Leben. Diese Frauen wollten, nein, sie brauchten Perfektion von mir. Je makelloser etwas ist, desto genüsslicher kann man es zerkratzen.“ (S.296) Damit zeigt sich eine wichtige Komponente des Tradwife-Phänomens: Die Inhalte sind auf Social Media deswegen so erfolgreich, weil sie konstant Emotionen auslösen. Es ist dabei völlig egal, ob durch Zustimmung oder Ablehnung des Lebensstils – der Algorithmus belohnt Interaktionen und das funktioniert oftmals besser, wenn man zum Feindbild wird. Vielleicht ist dies das paradoxeste Detail am ganzen Hype – ähnlich wie in überaus erfolgreichen Reality-TV-Formaten, ist es die perfekte Mischung aus Empathie und Antipathie, die diese Inhalte so attraktiv machen. 

Für die Weltanschauungsarbeit zeigt das Buch gekonnt auf, dass Tradwives nicht nur auf ihr gefährdendes Potenzial als Radikalisierungstreiber begrenzt werden sollten, sondern, dass zum einen immer auch die gesellschaftlichen Bedingungen für junge Frauen im Blick behalten werden müssen, die bis heute wenig Anerkennung und Unterstützung bei Mutterschaft, Care-Arbeit und dem Spagat zwischen Familie und Beruf bekommen. Zum anderen sollte man sich bei Kritik auch immer der Social-Media-Mechanismen bewusst sein. Das macht die Kritik nicht weniger notwendig, aber es macht sie schwerer! 

 

Caro Claire Burkes: Yesteryear, Heyne, 2026. 

 

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