Ausstieg aus einer fundamentalistischen Gruppe: Sohn des Gründers hat die OCG verlassen

Die „Organische Christus Generation“ (OCG) ist vor allem durch Aktivitäten in den sozialen Medien bekannt geworden. Die OCG unter Leitung ihres Gründers Ivo Sasek ist streng hierarchisch organisiert. Nun hat sich sein ältester Sohn Simon auf YouTube zu Wort gemeldet und von seinem schwierigen Ausstieg aus der Gemeinschaft erzählt.

Michael Utsch
Ein in der Hand gehaltenes Mobiltelefon: Display YouTube

Seit einigen Jahren ist die „Organische Christus Generation“ (OCG) vor allem durch Aktivitäten in den sozialen Medien bekannt geworden. Gründer ist der Schweizer Ivo Sasek (Jg. 1956), der zunächst als Automechaniker arbeitete und später eine Bibelschule besuchte, von der er später wegen seiner charismatischen Theologie ausgeschlossen wurde. Über verschiedene freikirchliche Netzwerke und Gemeinden breitete sich die Bewegung im gesamten deutschsprachigen Raum aus. Mitglieder der Gemeinschaft produzieren Videos auf den YouTube Kanälen Klagemauer-TV, Sasek-TV und Jugend-TV. Weiterhin stellen sie eigene Filme und Zeitschriften her und veranstalten Kongresse im Namen einer sog. „Anti-Zensur-Koalition“, wo umstrittene Redner wie die Holocaustleugnerin Sylvia Stolz eine Bühne erhalten.

Die Gemeinschaft ist streng hierarchisch organisiert und fordert die klare Unterordnung unter Autoritäten und unter Gott sowie die vollständige Selbstaufgabe. Als Vorbild fungiert die Familie Sasek – der Gründer hat mit seiner Ehefrau 11 Kinder. Das Ziel der Unterordnung sei es, Gott ähnlicher zu werden und die vollkommene Einheit wie ein Organismus zu erlangen.  Um den Eigenwillen der Kinder zu brechen, empfiehlt Ivo Sasek die Züchtigung mit der Rute. 

Nach vielen negativen Medienberichten verbreitete sich in der Gemeinschaft die Meinung, in der seien Welt satanische Kräfte gegen sie am Werk. Aus dieser Überzeugung heraus verfestigen sich in der Gruppe zunehmend Verschwörungserzählungen, die von der OCG über die „freien Medien“ verbreitet werden. Gezielt werden dabei auch Kontakte zu rechten Esoterikern und Impfgegnern geknüpft.

Nun hat sich sein ältester Sohn Simon auf dem YouTube-Kanal „Simon Sasek 2.0“ zu Wort gemeldet und von seinem schwierigen Ausstieg aus der Gemeinschaft erzählt. Sehr persönlich schildert er seine inneren Konflikte und seine Versuche, Kompromisse zwischen der Lehre der Gruppe und seinem Gewissen zu finden. Aus diesem Grund sei es häufig zu Streit mit seiner Familie gekommen. Um diesen Auseinandersetzungen zu entgehen, hätte er seit 2011 nur noch eine Rolle („Simi“) gespielt, welche sich stets der Gemeinschaft untergeordnet hätte. In dieser Rolle habe ihn sein Vater als „perfekten Mitarbeiter“ beschrieben.

Seit 2016 hätten die Lehren, welche unter seiner Mitwirkung auf Klagemauer-TV verbreitet werden, nicht mehr mit seinen Ansichten übereingestimmt. Immer deutlicher habe er die „unheilvolle Dynamik“ der Gruppe wahrgenommen, die bei ihm eine zunehmende „psychische Platzangst“ ausgelöst habe. Er habe die Selbstbestimmung über sein Leben verloren und beschreibt die Gemeinschaft rückblickend als „totalitäres System“ und „kollektive Psychose“. Deshalb buchte er heimlich einen Zug nach Deutschland, um von dort mit seiner Frau und seiner Tochter nach Australien zu fliehen. Der räumliche Abstand hätte ihm geholfen, seine Gedanken zu ordnen. Heute lebt er mit Frau und Kind als Student in einer deutschen Großstadt.

Nach seinem Austritt wirkt der junge Mann in seinen Videos befreit und erleichtert darüber, die Fesseln der Vergangenheit abgelegt zu haben. Dazu verwendet er das zeitgemäße Medium des Internets, das auch sein Vater strategisch klug und höchst professionell einsetzt. Die sozialen Medien haben zur Ausbreitung der OCG-Ideen beigetragen. Dabei ist das Internet gleichzeitig Segen und Fluch. Markante Botschaften werden schwellenarm rasant verbreitet. Aber auch Mitglieder einer geschlossenen Gruppe können sich nach wenigen Klicks mit der Kritik an ihrer Gruppe auseinandersetzen und die eigene Haltung dazu überprüfen. Es ist davon auszugehen, dass der öffentliche Aussteigerbericht von Simon Sasek die internen Spannungen in der OCG verstärkt. Einerseits kann der Ausstieg des ältesten Sohnes gut zur Bestätigung einer Verschwörungserzählung verwendet werden. Andererseits haben Aussteigerberichte in anderen geschlossenen Gruppen zweifelnden und halbherzigen Noch-Mitgliedern den letzten Anstoß gegeben, ebenfalls den Schritt in die Freiheit zu wagen.
 
Michael Utsch

Aussteigerbericht von Simon Sasek
https://www.youtube.com/watch?v=WB0V8ABtcF0

Ansprechpartner

Foto Dr. Michael UtschProf. Dr. phil. Michael Utsch
Wissenschaftlicher Referent
Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen
Auguststraße 80
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