Scientology

1950 veröffentlichte der Amerikaner Lafayette Ronald Hubbard (1911–1986) das Buch Dianetik. Hubbard glaubte erkannt zu haben, dass sogenannte „Engramme“ (unbewusste negative Erinnerungsinhalte) den Verstand des Menschen überschatten und damit verhindern, dass dessen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Der zentrale Werbespruch von Scientology lautet noch heute: „Wir nutzen nur 10 % unseres geistigen Potenzials.“ Scientology bezeichnet sich selbst als „Kirche“ und gibt vor, den einzigen Weg für das Überleben des einzelnen Menschen und der gesamten Menschheit zu wissen. In Deutschland ist die Organisation seit 1976 aktiv.

Gründer und Botschaft

Nach gescheiterten Studienversuchen war Hubbard zunächst als Western- und Science-Fiction-Autor tätig und diente im Zweiten Weltkrieg in der US-Marine. Dabei lernte er militärische Strukturen und Umgangsformen kennen. Im Jahr 1950 veröffentlichte er den späteren Bestseller Dianetik, der den Ausgangspunkt einer neuen Organisation bildete. Mit diesem „Leitfaden für den menschlichen Verstand“ glaubte Hubbard den Schlüssel zum Verständnis menschlichen Fühlens, Denkens und Handelns gefunden zu haben. Er behauptet, einen eigenständigen und innovativen Beitrag zur Verbesserung der seelischen Gesundheit zu leisten. Schon in der Originalfassung wird im Untertitel ausdrücklich der Fachbegriff „mental health“ verwendet. Aus Sicht von Scientology hat Hubbard die Menschheit mit diesem psychologischen Grundlagenwerk um bahnbrechende Einsichten bereichert, indem er einen Weg gefunden habe, wie durch mentale Techniken des Verstandes – das Kunstwort „Dianetik“ kann mit „durch den Verstand“ wiedergegeben werden – seelisches Leid beendet werden könne.

Bis heute präsentiert sich Scientology als ein psychologisches Selbsthilfeprogramm mit zahlreichen Angeboten auf dem weiten Feld von Beratung, Bildung und Lebenshilfe. In seinem Werk sah Hubbard eine neue, „moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit“ auf den Weg gebracht. Durch Dianetik sollen unerwünschte Gefühle, irrationale Ängste und psychosomatische Krankheiten kontrollierbar werden. Mittels der Dianetik hat Hubbard nach eigener Überzeugung „die Grundnatur des Menschen entdeckt, und diese Grundnatur erweist sich als gut“ (Hubbard 1990, 18).

Das Buch Dianetik ist systematisch gegliedert und enthält drei Hauptteile: Zunächst wird das Ziel menschlichen Lebens bestimmt. Den primären Lebensantrieb des Menschen sah Hubbard darin, zu überleben. Er formulierte dazu die „4 Dynamiken der menschlichen Existenz“: das Überleben für sich selbst, die Familie, die Gemeinschaft und die Menschheit. Im zweiten Hauptteil wird diagnostiziert, was das Überleben der Menschheit bedroht. Einzige Ursache aller seelischen Leiden sind nach Hubbard schmerzhafte Emotionen, die zu überwinden sind. Deshalb wird im dritten Teil die scientologische Therapie vorgestellt, die Dianetik.

Lehre und Methode

Laut Scientology besteht der Mensch aus drei Teilen: dem Körper, dem Verstand und dem Thetan, einer Art unsterblichen Seele. Jeder Thetan existiere bereits seit Bestehen des Universums und wandere von Mensch zu Mensch. Wenn jemand stirbt, verlasse ihn der Thetan, um sich einen neuen Körper zu suchen. Im Laufe der Zeit habe nun der Thetan zahlreiche negative Erfahrungen gemacht, die Spuren hinterlassen haben – die „Engramme“. Diese Engramme sollen verantwortlich für Krankheiten, Sucht und Verbrechen sein. Die Scientology-Organisation verspricht, mithilfe bestimmter Methoden die Engramme löschen zu können, damit jeder Einzelne und später die ganze Menschheit gereinigt („clear“) werde. „Clear“ nennen die Scientologen den Zustand, nachdem alle Engramme gelöscht wurden. Erst dann, so Hubbard, sei ein leidfreies Leben möglich.

Trotz vieler Parallelen zur Psychotherapie bemühte sich Hubbard intensiv darum, die Überlegenheit der von ihm entwickelten Psychotechniken darzustellen. Seit vielen Jahrzehnten ist allerdings durch die Psychotherapieforschung erwiesen, dass weniger bestimmte Techniken und Methoden den Behandlungserfolg einer Therapie ausmachen, sondern die Qualität des Vertrauens in der therapeutischen Beziehung. Das Konzept der Auditing-Behandlung erfordert allein die strenge Befolgung festgelegter Regeln. In allen Fällen hat sich der „Auditor“ streng an den exakten Ablauf der möglichst täglich abzuhaltenden Auditing-Sitzungen zu halten. Ziel ist es, an die frühesten verdrängten negativen Eindrucksbilder heranzukommen, um diese „auszulöschen“.

Obwohl Hubbard das Auditing deutlich von der Hypnose abheben wollte, wird bei diesem Vorgehen beim Patienten eine leichte hypnotische Trance erzeugt. Der gefühlsmäßige Zugang zu belastenden Erinnerungen wird dadurch intensiviert. Wodurch genau aber die „negative Ladung“ der Engramme „gelöscht“ werden kann, das bleibt eines der offenen Fragen bei diesem heftig umstrittenen Verfahren.

Letztendliches Ziel des Dianetik-Auditings ist die Entwicklung eines neuen Menschen, der im Zustand „clear“ von allem Negativen und Belastenden befreit sein soll. Scientology stellt das Auditing bis heute als ihre zentrale religiöse Technologie dar. Die Fragetechnik soll dazu dienen, Menschen zu Wahrheit und Erlösung zu bringen. Hubbard entwickelte ein komplexes Graduierungssystem, mit dem ein Student sein Bewusstsein schulen und höhere Bewusstseinsstufen bis hin zur Unsterblichkeit erreichen könne. Studierende des „Speziellen Saint-Hill-Unterweisungskurses“ etwa müssen 31 Bücher Hubbards lesen, 29 Ausbildungsfilme anschauen, 12 000 Seiten Text in den Bänden für Auditoren studieren sowie 447 Vorträge Hubbards auf Video ansehen.

Alle Schriften und aufgezeichneten gesprochenen Worte Hubbards werden von Scientologen verehrt und sorgfältig studiert. Das Gesamtwerk soll 3000 Vorträge, 84 Filme, drei enzyklopädische Reihen, über 500 Romane und Kurzgeschichten und mehr als 500 000 gedruckte Seiten über Dianetik und Scientology umfassen.

Praxis und Organisationsstruktur

Scientology verheißt, den Menschen in die „totale Freiheit“ zu führen. Als Einstieg wird oftmals ein kostenloser Persönlichkeitstest mit 200 Fragen verwendet, der angeblich Stärken, tatsächlich aber vor allem Schwächen aufzeigt. Hier setzt das „Therapieangebot“ in Form von schrittweise immer teurer werdenden Psychokursen ein, die in einem verschachtelten System zu immer mehr Freiheit und Macht führen sollen. Betroffene erzählen, dass sie mehrere tausend, manchmal sogar mehr als 50 000 Euro investiert haben. Im Mittelpunkt dieser Psychokurse steht das „Auditing“ (s. o.). Aussteiger vergleichen eine Auditing-Sitzung jedoch oftmals mit einer „Gehirnwäsche“.

Ziel der Scientology-Kurse ist der sog. „Operierende Thetan“ (OT). Der OT „ist mit seiner Umgebung so vertraut gemacht worden, dass er den Punkt erreicht hat, völlig Ursache von Materie, Energie, Raum, Zeit und Denken zu sein“ (New Era 1998, 688). Diese Wunschfigur schaffe und verändere das physikalische Universum allein durch sein Wollen. Unberührt von Leiden und Leidenschaften, Schwäche und Scheitern sei ein OT nie mehr Opfer, sondern nur noch Beherrscher seines Schicksals.

Scientology ist eine Ideologie und eine Organisation mit grenzenlosem Machtanspruch. Die Logik ist simpel: „Da Scientology die totale Freiheit bringt, hat sie auch das Recht, die totale Unterordnung zu fordern“ (Hubbard). Jeder, der sich der Scientology-Organisation in den Weg stellt oder sie kritisiert, gilt als Feind und Verbrecher. Bei Scientology gilt jedes Abweichen von der eigenen Ideologie als „Verbrechen“. Abtrünnige und Kritiker der Organisation werden auch als „antisoziale Persönlichkeiten“ oder als „suppressive persons“ bezeichnet (New Era 1998, 684). Mehr oder weniger deutlich wird bei Scientology gesagt, dass solche „Feinde“ zu vernichten sind. Aussteiger erzählen von „Straflagern“.

Zahlreiche Unter- und Tarnunternehmen machen den Konzern trotz seiner straffen Hierarchie unübersichtlich. Weitaus größer als die „Kirchen“ sind die Erziehungs- und Wirtschaftsabteilungen, die Hubbards Techniken in der Organisationsentwicklung („WISE“) und im sozialen Bereich (‚ABLE“) anwenden. Diese verschachtelte Organisationsstruktur lässt nur schwer eine Antwort auf die Frage finden, auf welchen Begriff Scientology organisatorisch und sachlich zu bringen ist. Formal ist jede Scientology-Mission ein eigener eingetragener Verein. Trotz geschickter Werbefeldzüge – als Verfechter der Menschenrechte in der Psychiatrie (KVPM), als Notfallseelsorger („Ehrenamtliche Geistliche“) in Krisenregionen oder als Bildungsinitiative getarnt – sind die Mitgliederzahlen in Deutschland in den letzten Jahren laut Verfassungsschutzberichten auf 3000 Personen gesunken. Aber die Erfahrung lehrt, dass die bloße Mitgliederzahl wenig über den wirklichen Einfluss einer Organisation aussagt.

Einschätzung

Aus psychologischer Sicht

Das scientologische Auditing enthält gravierende psychologische Irrtümer. Dazu gehört die Vorstellung, negative Erinnerungen könnten auf technisch-suggestivem Wege gelöscht werden. In der psychologischen Erforschung der Emotionen ist man längst darüber hinaus, Gefühle naiv als positive und negative Energieladung zu verstehen. Vielmehr kann aus negativen Emotionen durchaus ein konstruktives Bewältigungsverhalten entspringen. Dagegen können positive Gefühle auch zu Fehlverhalten führen, wenn beispielsweise dadurch die kritische Selbst- und Fremdeinschätzung vernachlässigt wird.

Emotionen scheinen bei Scientology eher bedrohlich und gefährlich zu sein. An oberster Stelle steht planvolles, zielgerichtetes und kontrolliertes Handeln. Aus der psychologischen Entscheidungsforschung wissen wir aber, dass gerade die Emotionen als maßgeblicher Richtungsgeber bei einer persönlich wichtigen und sinnvollen Handlung fungieren. „Frei von seinen Emotionen“ zu sein, wie es Scientology propagiert, ist demnach kein Vorteil, sondern ein Mangel. Natürlich soll den Emotionen nicht kopflos Folge geleistet werden. Aber die Einbeziehung der subjektiven Empfindung ist aus psychologischer Sicht gerade bei Entscheidungen unverzichtbar. Das Entwicklungsziel charakterlicher Reife ist eine in die Persönlichkeit integrierte Emotionalität, nicht aber die technische Kontrolle bedrohlicher Gefühle. Darüber hinaus haben im scientologischen „Auditing“ therapeutische Beziehungsqualitäten wie Echtheit und Mitgefühl keinen Platz.

Hubbards Modell vom reaktiven und analytischen Verstand erinnert an den alten Streit zwischen Verstand und Gefühl. Bei Hubbard wird das kontrollierende, funktional-kalte Denken dem intuitiven Erspüren vorgezogen. Damit wird dem Menschen ein wesentlicher Bestandteil seiner Persönlichkeit entzogen. Erinnerungen stehen meistens in Verbindung mit bestimmten Gefühlsqualitäten. Negative Gefühlserfahrungen aber auslöschen zu wollen, würde bedeuten, einem Menschen wichtige Lebenserfahrungen zu rauben. Im Lebensrückblick spielen gerade Phasen der Krise, des Zweifelns und des Scheiterns eine wichtige Rolle. Wenn negative Erfahrungen gelöscht werden, kann man nie aus Fehlern lernen, sondern macht sich abhängig von einem externen „Auditor“. Das Ziel der eigenverantwortlichen Lebensführung kann damit nicht erreicht werden.

Das scientologische Kurssystem kann unter bestimmten Umständen gefährlich werden. Denn ihre Mitarbeiter sind bestens geschult, gerade Menschen in einer Umbruch- oder Krisensituation mit vollmundigen Erfolgsversprechen zu locken und in das kostspielige Kurssystem einzuschleusen. Durch spezielle Techniken sollen die angeblich grenzenlosen Potenziale des menschlichen Geistes verfügbar gemacht werden.

Aus politischer Sicht

Bereits 1995 kam ein juristisches Gutachten zu dem Schluss, Scientology sei eine neue Form des politischen Extremismus. Theorie und Praxis der Organisation erfüllten alle Merkmale einer totalitären Organisation: ideologischer Alleinvertretungsanspruch, strenger Dogmatismus, eine abgeschlossene Organisationsstruktur, Führerkult und totale Unterordnung der Mitglieder, eine ideologische Fachsprache mit zum Teil neu definierten Begriffen. Dieses Gutachten bildete eine wesentliche Stütze für den Beschluss der Innenministerkonferenz im Juni 1997, Scientology vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Bis heute wird die Organisation in den meisten Bundesländern beobachtet. Eine Klage der Scientology-Organisation, die Überwachung in Deutschland einzustellen, wurde 2008 wegen der nachweislichen Bestrebungen gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung höchstrichterlich abgewiesen.

Nicht allein was Scientology vertritt, sondern auch wie sie ihre Ideologie durchsetzt, fordert zu Widerspruch heraus. Das Verführerische von Scientology liegt darin, dass manche ihrer Trainingsmethoden zur Erzeugung von Unempfindlichkeit und Durchsetzungskraft durchaus wirksam sind und dass ihr ideelles Konzept − wenn auch in wahnhaft übersteigerter Weise − mit seiner Power-Verheißung an manche akzeptierten „Werte“ der Leistungsgesellschaft anknüpfen kann. Manche karriereorientierten Menschen hoffen, mittels der scientologischen Psychotechniken mehr Durchsetzungskraft und Erfolg zu erhalten. Wie sehr sie sich mit den rigiden Methoden selbst schaden, fällt ihnen meistens zu spät auf.

Es ist bekannt, dass zahlreiche Firmen bei Scientology bzw. scientologynahen Organisationen Mitarbeiterschulungskurse belegten. Aussteiger berichten von Plänen der Scientology, die gesamte deutsche Wirtschaft zu infiltrieren, ihren politischen Einfluss zu vergrößern und in der gesamten deutschen Gesellschaft die Macht zu übernehmen („Clear Germany“). Selbst wenn das maßlos übertrieben sein sollte, so unterstreicht die Idee jedoch den politischen Anspruch der Scientology-Organisation. Nach über zwei Jahrzehnten intensiver Debatten über die Gefährlichkeit der Scientology-Organisation in der Öffentlichkeit, in den Parteien und in den zuständigen Fachgremien ist es allerdings ruhiger um diese Gruppe geworden.

Aus kirchlicher Sicht

Das scientologische Menschenbild ist mit dem Menschenbild des Christentums unvereinbar. Während der christliche Glaube von der Liebe und Zuwendung Gottes zu dem auf diese Liebe angewiesenen Menschen spricht, hat Scientology einen Menschen vor Augen, der sich selbst zum Gott machen will. Ihre Ideologie ist brutal, rücksichtslos, ausbeuterisch und gefährlich. Sie hat sehr wenig mit einer Religion oder Kirche gemeinsam, auch wenn Scientology das immer wieder behauptet und vereinzelt mittels seltsamer Gutachten zu belegen versucht.

Dass Krisen, Grenzen, Verlusterfahrungen und Scheitern zum Menschsein dazugehören und zu würdigen sind, wird im scientologischen Machbarkeitsdenken ignoriert. Gefährlich sind die Scientologen insbesondere wegen ihres Menschenbildes, das in jeder Seele nur eine zu optimierende Maschine sieht. Maschinen haben weder Rechte noch eine eigene Würde.

Michael Utsch, August 2021


Literatur

Quellen

Hubbard, L. Ron (1990): Dianetik. Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit. Kopenhagen

New Era Publications International (Hg., 1998): Was ist Scientology?, Kopenhagen


Berichte ehemaliger Mitglieder

Handl, Wilfried (2010): Das wahre Gesicht von Scientology, Wien.

Remini, Leah (2016): Troublemaker – wie ich Hollywood und Scientology überlebte, München.

Wright, Lawrence (2013): Im Gefängnis des Glaubens. Scientology, Hollywood und die Innenansicht einer modernen Kirche, München.
 

Sekundärliteratur

Diringer, Arnd (2007): Die Brücke zur völligen Freiheit? Organisationsstruktur, Dogmatik und Handlungspraxis der Scientology-Organisation, EZW-Texte 188, Berlin.

Hauser, Linus (2010): Scientology, Geburt eines Imperiums, Paderborn.

Küfner, Heinrich / Nedopil, Norbert / Schöch, Heinz (Hg., 2002): Gesundheitliche und rechtliche Risiken bei Scientology, Lengerich.

Utsch, Michael (Hg., 2008): Wie gefährlich ist Scientology? EZW-Texte 197, Berlin.


Internetseiten mit kritischen Informationen über Scientology

https://www.stmi.bayern.de/sus/verfassungsschutz/scientologyorganisation/index.php.

https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/Startseite/Arbeitsfelder/Scientology-Organisation (Abruf: 15.7.2021).