Online-Seminar zur Rituellen Gewalt
Das polarisierende Thema „Rituelle Gewalt“ erlangte im vergangenen Jahr 2023 auch in Deutschland wie schon zuvor in der Schweiz einige mediale Aufmerksamkeit. Besondere Reichweite erzielten dabei zwei Beiträge: ein ausführlicher Artikel im Spiegel im März 2023,1 in dessen (zeitlicher) Folge die „Beratungsstelle Organisierte sexuelle und rituelle Gewalt“ des Bistums Münster geschlossen wurde,2 sowie und vor allem die Sendung von Jan Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“ vom 8. September 2023. Dort setzte sich Böhmermann in satirischer Weise kritisch mit Michaela Huber als der wesentlichen Vertreterin der Rituelle-Gewalt-Theorie im deutschsprachigen Raum auseinander. Die Sendung wurde teils sehr positiv aufgenommen, teils massiv kritisiert (bis hin zu gerichtlichen Klagen). Aufgrund der Beschwerden entschied der ZDF-Fernsehrat im Dezember 2023 mit knapper Mehrheit, sie aus der ZDF-Mediathek löschen zu lassen.3
Explizit vor dem Hintergrund der genannten Veröffentlichungen veranstaltete die Gruppe Frauen* der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) am 20. und 27. November 2023 jeweils von 18.00 bis 20.15 Uhr ein zweiteiliges Online-Seminar unter der Überschrift „Rituelle sexuelle Gewalt – auch mit satanischem Hintergrund“. Die Absicht dieser von der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg akkreditierten Veranstaltung war es laut Ankündigungstext, gerade im Gegenüber zur problematisierten Polemik Jan Böhmermanns „über den aktuellen Kenntnisstand zu dieser Form sexueller Gewalt zu informieren und uns mit der kritischen Debatte zu diesem Thema auseinanderzusetzen. Ziel dieser Veranstaltung ist, über rituelle Gewalt zu informieren, sie vorstellbar zu machen und Berater*innen/Psychotherapeut*innen Handlungsstrategien zu eröffnen.“4 Auch in der Anmoderation der ersten Online-Veranstaltung betonten die Organisatorinnen, dass es darum gehe, sich mit dem Thema differenziert und wissenschaftlich fundiert auseinanderzusetzen.
Bei der Veranstaltung sprach eine als „Erfahrungsexpertin“ eingeführte Frau, die aus der Perspektive einer Betroffenen von ihren Erfahrungen mit ritueller Gewalt, Traumatisierung, dem Leben mit einer Dissoziativen Persönlichkeitsstörung (DIS) sowie der langen Suche nach geeigneten Therapeuten berichtete. Zum anderen referierte Monika Bormann, im Ruhestand befindliche Psychologische Psychotherapeutin und Traumatherapeutin sowie Vorstandsmitglied der DGVT, die im Bereich der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der römisch-katholischen Kirche engagiert und zugleich die langjährige Therapeutin der erstgenannten Frau war. Ihr kam die Aufgabe zu, sowohl die psychologisch-wissenschaftliche als auch die psychotherapeutische Perspektive einzubringen. Bei den Seminarabenden folgte jeweils auf den biographisch-narrativen Bericht der Betroffenen ein Vortrag der Therapeutin zum Thema. Die Teilnehmenden hatten über den Chat die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Angesichts der sehr hohen Teilnehmerzahl – an den beiden Abenden waren jeweils gut 700 Personen zugeschaltet – mussten die Moderatorinnen dabei natürlich eine Auswahl treffen. Gerade beim zweiten Seminar entwickelten sich im Chat eigenständige, angesichts der Teilnehmerzahl oft unübersichtliche Diskussionsstränge.
Rituelle Gewalt und ihre theoretischen Hintergründe
Während es am zweiten Abend vor allem um therapeutische Fragen zum Umgang mit Menschen ging, die mit einer DIS leben und diese auf erlittene rituelle Gewalt zurückführen, beschäftigte sich der erste Abend vornehmlich mit dem Thema rituelle Gewalt als Ursache einer in die DIS mündenden Traumatisierung. Hierzu berichtete die Erfahrungsexpertin aus ihrer Kindheit in einer von Vernachlässigung und Gewalt geprägten Familie. Die geschilderten Zustände würden an sich bereits ausreichen, zumindest aus Sicht des psychologischen Laien, um eine Traumatisierung zu erklären. Sie führten dazu, dass die Kinder der Familie vom Jugendamt in verschiedenen Kinderheimen untergebracht wurden. In diese Zeit – die Berichtende war damals fünf oder sechs Jahre alt – fallen auch die Erinnerungen an die rituelle Gewalt, die ihr in einer heute nicht mehr bestehenden Lungenklinik zugefügt worden sei.
Bei einem ersten Klinikaufenthalt sei sie gemeinsam mit anderen Kindern von Männern, die wie Soldaten gekleidet waren und Englisch sprachen, geschlagen und sexuell missbraucht worden. Die eigentliche rituelle Gewalt habe sie aber bei einem etwas späteren, längeren Klinikaufenthalt erlitten. Sie berichtete davon, wie sie und sechs weitere Kinder wiederholt nachts im Keller der Klinik, in einem Raum mit glimmenden Räucherstäbchen und brennenden schwarzen Kerzen, von in schwarzen Kutten vermummten Männern sexuell missbraucht und gefoltert worden seien. An einem Abend sei sie vom „Hohepriester“ der Gruppe in den Wald geführt und dort lebendig begraben worden. Zurück im Keller habe er sie, ihre Hand mit einem Messer leitend, dazu gezwungen, auf die übrigen Kinder einzustechen und sie umzubringen. Sie selbst habe nach Aussage des „Hohepriesters“ nur deswegen überlebt, weil ihr Geburtstag auf einem satanistischen Feiertag liege. Einige Tage später habe in der Kapelle der Klinik eine Trauerandacht mit sechs Kindersärgen stattgefunden. Nach der offiziellen Erklärung seien die Kinder an Windpocken verstorben. Zurück im Kinderheim habe sie lange Zeit immer wieder Albträume von in schwarze Kutten gekleideten Männern und von der Trauerfeier gehabt. Indessen habe sie an all diese Geschehnisse zunächst keine aktive Erinnerung mehr gehabt. Erst mit der Geburt ihrer eigenen Tochter seien die Erinnerungen wieder ausgelöst worden. So habe sie im Anschluss an die Geburt einen starken inneren Befehl verspürt, ihre Tochter zu töten. Sie habe diese Stimmen zunächst unterdrückt. Dann aber sei ihr klar geworden, dass sie auf die geschilderte Weise missbraucht worden sei. Zu diesem Zeitpunkt habe sie sich aber in keiner Therapie befunden – damit verwahrte sie sich mehrfach gegen den Verdacht, ihr könne die Erinnerung in einer Therapie suggeriert worden sein. Vielmehr seien die Erinnerungen bei verschiedenen Innenpersonen des DIS-Systems durchweg vorhanden gewesen. Lediglich die Alltagsperson, der sogenannte Host, habe davon nichts gewusst.
Das anschließende Referat von Monika Bormann hatte das Ziel, die theoretischen Hintergründe zur rituellen Gewalt zu erläutern. Dabei verwendete sie einen weiten, relativ unspezifischen Begriff, wonach „rituelle (ritualisierte) Gewalt […] organisierte sexualisierte Gewalt mit irgendeinem ideologischen Hintergrund (satanisch, christlich, politisch …)“ sei. In diesem Zusammenhang kam nun auch ihr „Erfahrungshintergrund“ in der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der römisch-katholischen Kirche ins Spiel: Als gläubige Katholikin, als die sie sich selbst beschrieb, gab sie ihrer tiefen Erschütterung darüber Ausdruck, dass Sakramente (wie die Beichte) für sexuelle Gewalt missbraucht werden können. Fälle von sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche wurden von ihr als Beispiele für rituelle Gewalt insgesamt gedeutet. Eine Differenzierung zwischen diesen (unbezweifelten und fraglos zu verurteilenden) Taten kirchlicher Amtsträger einerseits und den berichteten satanistisch-rituellen Gewaltverbrechen andererseits erfolgte im Referat ebenso wenig wie die notwendige Diskussion der umstrittenen Frage, ob solche satanistischen Zirkel überhaupt existieren. Dies wurde durchweg vorausgesetzt. Fragen aus dem Chat zur Existenz solcher Gruppen oder zum Fehlen kriminologischer Belege einschlägiger Taten wurden nicht ernsthaft aufgenommen.
Da die Täter ritueller sexualisierter Gewalt wüssten – so Bormann –, dass ihre Taten strafbar sind, müssten sie das Schweigen der Opfer gewährleisten. Dazu würden sie nicht nur Drohungen oder Hypnosetechniken anwenden, sondern durch den Gebrauch exzessiver Gewalt gezielt Traumafolgestörungen verschärfen. Die Gewalt diene also dem Selbstschutz der Täter. Denn die Kinder könnten umso weniger von den Taten berichten, je stärker sie infolge der Traumatisierung dissoziieren würden. Hier wie an anderen Stellen wurde deutlich, dass Bormann von der in der Psychologie umstrittenen These ausging, eine DIS könne gezielt und gesteuert von Tätern verursacht werden. Bormann setzte sich zudem mit der von ihr so bezeichneten „False-Memory-Bewegung“ auseinander. Dazu äußerte sie sich zunächst zur generellen Fehlbarkeit von Wahrnehmung und Gedächtnis. Auch im Rahmen einer Therapie sei Suggestion selbstverständlich möglich, aber in hohem Maß unprofessionell. Wenn einmal erfolgreich installiert seien Suggestionen nicht mehr von echten Erinnerungen zu unterscheiden. Der „False-Memory-Bewegung“ warf die Therapeutin vor, die Unsicherheit von Wahrnehmung und Gedächtnis nicht generell zu thematisieren, sondern nur im Kontext von ritueller Gewalt mit satanistischem Hintergrund. Hierbei sah sie Parallelen zum Umgang mit sexuellem Missbrauch im Allgemeinen, wie er vor dreißig Jahren üblich gewesen sei: Wieder neigten viele zur Infragestellung der Opferberichte. Schließlich beschrieb sie die DIS als besonders schwere Form der Dissoziation, die für die Betroffenen die Funktion habe, mit schwersten Formen wiederholter Gewalt umgehen zu können: Die traumatisierenden Erlebnisse würden auf verschiedene dissoziierte Persönlichkeiten verteilt, die in der Regel nichts voneinander wüssten und auch nicht miteinander kommunizieren könnten.
Zur Therapie einer durch rituelle Gewalt verursachten DIS
Am zweiten Seminarabend ging es um die therapeutische Begleitung von Menschen mit einer DIS, die aufgrund von Traumatisierung durch rituelle Gewalt eingetreten ist. Zunächst berichtete die Erfahrungsexpertin von ihrer Odyssee durch verschiedene Kliniken und Therapiepraxen. Der Tenor dieses Berichtes bestand darin, dass sie sich in der Regel nicht verstanden und mit ihren Erlebnissen nicht ernstgenommen gefühlt habe. Noch als die Diagnose der DIS bereits erfolgt war, sei es ihr schwergefallen, hilfreiche Therapieansätze zu finden, bis endlich der langjährige Kontakt zu Monika Bormann zustande kam. Selbige wies im Anschluss darauf hin, wie entscheidend es für den Therapieerfolg sei, „das Unglaubliche zu glauben“. Die DIS als Diagnose sei für die Therapeuten wie für die Betroffenen gleichermaßen herausfordernd. Indes sei es unabdingbar, mit den verschiedenen Innenpersonen ins Gespräch zu kommen, um eine dauerhafte Kommunikation zwischen den Innenpersonen und der Alltagsperson zu ermöglichen. Fundamental sei für sie als Therapeutin der Grundsatz, dass sie selbst nie mehr wissen könne als die Betroffenen selbst. Ebenso wichtig sei die Maxime, den Patientinnen niemals Erinnerungen vorzugeben. Das Ziel einer Therapie könne nicht darin bestehen, dass das DIS-System wieder eine einheitliche Person werde. Dieses System sei entstanden, damit die Person überleben könne. Das Ziel müsse vielmehr darin liegen, durch die Kommunikation zwischen den Innenpersonen und der Alltagsperson die mit der Dissoziation verbundenen Amnesien zu verhindern.
Einschätzung
Der Fokus der Veranstaltungsreihe lag auf dem therapeutischen Umgang mit einer DIS. Die Fragen nach der faktischen Realität des Erlebten wie nach der Existenz von Gruppierungen, die organisierte rituelle Gewalt im Kontext satanistischer Rituale durchführen, wurden nicht diskutiert. Auch die Annahmen, dass eine DIS gezielt von Tätern erzeugt werden könne oder dass diese dauerhaft mind control über ihre Opfer ausübten, blieben unhinterfragt. All das wurde implizit und explizit vorausgesetzt. Anfragen aus dem Chat im Blick auf Belege oder Studien zu den besagten Thesen wurden in der Diskussion nicht aufgenommen. Im Chat selbst gab es wiederholt ablehnende Reaktionen anderer Teilnehmer auf solche Fragen. Oft wurden sie als prinzipielle Bestreitung einer Traumatisierung oder der Existenz der DIS als Krankheitsbild überhaupt interpretiert (ein Reaktionsmuster, das auch in vielen Äußerungen zur Böhmermann-Sendung zu beobachten war). Einige Male wurde auch das Narrativ der für die Opfer von Gewalt kämpfenden Therapeutinnen bemüht, die aufgrund ihres Engagements von der Öffentlichkeit und den Medien massiv verfolgt würden. Insgesamt konnte die Veranstaltungsreihe so dem eigenen Anspruch, eine wissenschaftlich fundierte, nüchterne Stimme im aufgeheizten und polarisierten Diskurs zu sein, leider nicht gerecht werden.
Andreas Oelze, Stuttgart (Juni 2024)
Anmerkungen
- Beate Lakotta und Christopher Piltz, „Im Teufelskreis“, Der Spiegel 11/2023, 36–42.
- Vgl. die Meldung des Bistums Osnabrück vom 13.3.2023: „Bistum Münster schließt Beratungsstelle Organisierte sexuelle und rituelle Gewalt“, https://www.bistum-muenster.de/startseite_aktuelles/newsuebersicht/news_detail/bistum_muenster_schliesst_beratungsstelle_organisierte_sexuelle_und_rituelle_gewalt (letzter Abruf aller in diesem Beitrag genannten Internetseiten: 21.3.2024).
- Vgl. u. a. „ZDF muss Böhmermann-Sendung aus Mediathek löschen“, Der Spiegel, 9.12.2023, https://www.spiegel.de/kultur/tv/jan-boehmermann-zdf-magazin-royale-ausgabe-ueber-verschwoerungstheorie-aus-mediathek-entfernt-a-c87de157-236b-4a61-9514-de2b6cc1461c?sara_ref=re-xx-cp-sh
- Seminarbeschreibung auf der Internetseite der DGVT, https://www.dgvt.de/veranstaltungen/?inv=983f214022dd237675.