Komische Oper Berlin, Messias-Projekt Tempelhof

Offener Brief von Arnold Groh, Berlin, 8. September 2024

Am 21. September feierte die szenische Interpretation von Georg Friedrich Händels Oratorium „Der Messias“ in einem Hangar des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof Premiere. Bei dem monumentalen Projekt der Komischen Oper Berlin wirkt eine große Zahl von Sängerinnen und Sängern aus Berliner Chören mit, nicht zuletzt aus Kirchenchören. Sie haben in der Inszenierung eine fanatische Menge christlicher Suizidgegner zu verkörpern, welche die unheilbar krebserkrankte Protagonistin von ihrer Entscheidung abbringen wollen, ihrem absehbar qualvollen Leben mit ärztlicher Hilfe ein selbstbestimmtes Ende zu setzen. Der Oratorienchor fungiert in der Inszenierung mithin als Instrument der Kritik an einer christlich begründeten Ablehnung assistierten Suizids. Diese Kritik kann in der Pauschalisierungstendenz der Darstellung auch leicht als generelle Christentumskritik verstanden werden, womit die Gehalte des Oratoriums gewissermaßen konterkariert würden. Über die betreffende Darstellungsabsicht wurden die Laiensängerinnen und -sänger, zum Teil selbst Christinnen und Christen, allzu lange im Dunkeln gelassen. Dieser Vorwurf wird in dem offenen Brief eines Sängers erhoben, den wir im Folgenden abdrucken. Der Brief dokumentiert ein aktuelles Beispiel für einen problematischen Umgang mit kontroversen ethisch-religiösen Überzeugungen im Bereich der öffentlichen Kultur. Er kann als Plädoyer gegen pauschale Kritik und für mehr Sensibilität hinsichtlich der letzten Orientierungen anderer gelesen werden, auch im Falle der Kunst und auch im Falle christlicher Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Frühjahr dieses Jahres wurden Mitglieder aus Laienchören eingeladen, am Messias-Projekt der Komischen Oper Berlin mitzuwirken. Wie Hunderte andere habe auch ich daraufhin dieses Projekt mit großer Freude begonnen; in erster Linie deshalb, weil wir gerne Händels „Messiah“ singen. Der Verlauf des Projekts hat aber nicht nur mich dazu bewogen, jetzt nicht weiter mitzumachen. Der wesentliche Grund besteht darin, dass die Inhalte, die in dem Bühnenstück vermittelt werden, nicht korrekt kommuniziert wurden. Die Größe des Projekts brachte es mit sich, dass es bisher keine Möglichkeit des Austauschs gab; die Größe des Problems hat mich nun zu diesem offenen Brief bewogen.

Es ist klar, dass es nicht zuletzt Kirchenchöre sind, in denen der „Messiah“ gesungen wird. Ein Großteil der Mitglieder dieser Chöre steht auch inhaltlich hinter den wunderbaren Texten dieses Chorstücks von Händel. Wäre bei der Anwerbung zum Messias-Projekt transparent kommuniziert worden, dass das Bühnenstück ein fulminantes Plädoyer für Sterbehilfe ist, wären viele Kirchenchor-Mitglieder gar nicht erst erschienen. Auch der vom Regisseur gezogene Vergleich von Jesus Christus mit der Protagonistin hätte viele abgeschreckt. Es erscheint deshalb als Kalkül, dass die Information über den Inhalt erst viel zu spät erteilt wurde. Es gab bereits im Mai und Juni die Probenwochenenden, es wurden den Teilnehmenden bis zu 120 Euro für Kleidung ausgezahlt, und wir mussten zur Anprobe der Kostüme kommen. Wir haben Urlaubs- und Dienstpläne so eingerichtet, dass wir ab Ende August zu den zeitintensiven Proben kommen können. Aber erst Ende August wurde uns mitgeteilt, worum es überhaupt in dem Bühnenstück geht. Und das in einer sehr knappen, nicht nur akustisch inadäquaten Form, weshalb einige möglicherweise gar nicht so recht verstanden haben, was gemeint war. Das war insofern geschickt gemacht, als zu dieser Zeit die Mitglieder der Laienchöre ihre Teilnahme bereits fest eingeplant hatten, so dass die Wahrscheinlichkeit des Abspringens vom Projekt gering war.

In den Proben wurden dann tatsächlich stark polarisierende ideologische Inhalte deutlich. Die Chormitglieder mussten einen christlichen Mob spielen, der mit Schildern für das Leben demonstriert und fanatisch auftritt. Die Protagonistin, die sich entschließt, aus dem Leben zu scheiden, wird zu einer Heiligen verklärt – die Chormitglieder sollen beim Halleluja vor ihr auf die Knie gehen, und es senkt sich eine Art riesiger Heiligenschein von der Decke, der die Protagonistin einschließt und die fanatischen Christen ausschließt. Es ist zumindest ethisch fragwürdig, Menschen szenisch für ein Christen-Bashing einzusetzen, wobei sie sehr einseitig Kritiker der Sterbehilfe darstellen sollen. In den Regieanweisungen wurde explizit und vehement dazu aufgefordert, äußerst fanatisch und als Masse aggressiv zu wirken. Eine differenzierte Betrachtung, bei welcher auch die Perspektive der Andersdenkenden in gleichem Maß vermittelt wird, war und ist nicht vorgesehen. Eine derartige Reduktion einer religiösen Gruppe auf ein negatives Klischee schafft Feindbilder, wie wir eigentlich aus der Geschichte wissen sollten. Und leider geschieht genau dies in dem Messias-Projekt.

Natürlich gibt es künstlerische Freiheit; dies ist ein freies Land, und Menschen können ihre Meinung frei äußern. Aber wenn andere rekrutiert werden, Meinungen anderer in künstlerischer Form auszudrücken, sind die Menschenrechts­as⁠pekte des full, free, prior and informed consent zu respektieren. Geschieht dies nicht, ist das eine Form von Missbrauch. Und insbesondere dann, wenn durch Vorenthaltung von Information ihre Gutgläubigkeit ausgenutzt wird, um zu erreichen, dass sie gegen ihre Überzeugung handeln, liegt zudem Manipulation vor.

Es war nicht nur sehr geschickt, die Menschen aus Laienchören über Monate hinweg so weit einzubinden, dass sie sich dem Projekt verpflichtet fühlen, bevor sie über die ideologische Intention des Stückes informiert wurden. Gleiches geschieht auch mit den Zuschauern. In den Ankündigungen ist sehr diffus von „einer Frau, die in der Blüte ihres Lebens mit dem eigenen Tod konfrontiert wird“ und von einem „Plädoyer für die Hoffnung“ die Rede. Das kann vieles heißen. Auch hier werden Menschen überrascht oder gar geschockt sein, wofür Händels „Messiah“ herhalten muss. Aber wie wir aus der Kognitionsforschung wissen, wird der hohe Eintrittspreis dafür sorgen, dass die meisten letztlich versuchen werden, es schön zu finden. Die Musik und die Inszenierung zielen auf die emotionale Vermittlung einer Weltsicht. Das ist völlig legitim. Es wäre auch ethisch korrekt, wenn den Interessierten und Konzertbesuchern schon zuvor gesagt würde, was sie mit dem Ticket erwerben.

Mit freundlichen Grüßen,

Prof. Dr. Arnold Groh

Laubenheimer Str. 36, 14197 Berlin