Kirchenaustritte als Protest gegen eine Politisierung der Kirchen?
In den letzten Jahren hat vor allem die Zeitung Die Welt regelmäßig eine Erzählung verbreitet, wonach die schwindende Kirchenbindung sowie auch Kirchenaustritte mit einer einseitigen politischen Orientierung der Kirchen zu tun hätten.1 Besonders bei der evangelischen Kirche führe eine „linksgrüne“ Ausrichtung zu einer Polarisierung der Kirchenmitgliedschaft und zum Austritt derer, die eine andere politische Orientierung hätten. „Manch einer glaubt, die evangelische Kirche verliert viele Mitglieder, weil sie sich oft einseitig politisch positioniert“, so auch die F.A.Z.2
Solche Thesen sollen im Folgenden einer nüchternen empirischen Prüfung zugeführt werden. Dazu eignen sich die Daten der vor kurzem veröffentlichten 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) besonders gut, weil dort nicht nur zahlreiche Motive zu Kirchenbindung und Kirchenaustritt abgefragt wurden, sondern auch politische Grundorientierungen.3 Die 5.282 Befragten sind repräsentativ für alle in Deutschland lebenden Personen ab dem 14. Lebensjahr, wobei evangelische bzw. katholische Kirchenmitglieder gesondert analysiert werden können.
Zunächst wird nachfolgend aus den Daten ein Index für die politische Grundorientierung der Befragten abgeleitet. Anschließend wird untersucht, ob dessen Verteilung bei den Kirchenmitgliedern oder den kirchlich Engagierten irgendwie von der Verteilung in der allgemeinen Bevölkerung abweicht. Dann werden Zusammenhänge zwischen der politischen Grundorientierung und der Kirchenbindung, den Reformerwartungen an die Kirchen und auch der Austrittsneigung analysiert. Ob bestimmte Motive des Kirchenaustritts mit der politischen Grundorientierung zusammenhängen, wird abschließend eruiert. Dabei werden die Berechnungen immer gesondert für die evangelische bzw. katholische Kirche durchgeführt, da sich dort nicht unerhebliche Unterschiede zeigen. Der Beitrag endet mit Überlegungen, welche Empfehlungen sich aus diesen Befunden für eine strategische Ausrichtung der Kirchen im Handlungsfeld der Politik ableiten lassen.
Liberal-Weltoffene vs. Rechtsautoritäre
Die 6. KMU enthielt viele zu bewertende Aussagen, die sich unter anderem auf folgende Grundhaltungen beziehen: Autoritarismus (z.B. „Wo strenge Autorität ist, dort ist auch Gerechtigkeit“, „Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben“), xenophobe Abwehr von kulturell Fremden (z.B. „Deutschland muss sich stärker von anderen Kulturen abgrenzen, um seine kulturelle Identität zu bewahren“, „Der Islam passt nicht in die deutsche Gesellschaft“), Haltungen zu Fragen der Geschlechterrollen (z.B. „Für eine Frau sollte es wichtiger sein, ihrem Mann bei seiner Karriere zu helfen, als selbst Karriere zu machen“, „Die Diskriminierung von Frauen ist in Deutschland immer noch ein Problem“), Problembewusstsein zum Klimawandel (z.B. „Wenn wir so weiter machen wie bisher, steuern wir auf eine Klima-Katastrophe zu“, „Das Klimaproblem wird von vielen Menschen übertrieben“). Empirisch zeigte sich, dass Autoritarismus, Abwehr gegenüber kulturell Fremden, traditionelle Geschlechterrollenbilder und eine Verharmlosung des Klimawandels untereinander sehr eng zusammenhängen. Deshalb können diese vier Haltungen zu einer einzigen „politischen Grundorientierung“ zusammengefasst werden,4 die für alle Befragten zwischen zwei Polen variiert: An einem Pol sind Personen angesiedelt, die liberal und antiautoritär, weltoffen und ökologisch ausgerichtet und an egalitären, posttraditionellen Geschlechterrollenbildern orientiert sind. Wir nennen sie kurz die „Liberal-Weltoffenen“. Am anderen Pol sind Personen zu finden, die zum Autoritarismus neigen, kulturell Fremden mit einer xenophoben Abwehr begegnen, die Klimakrise nicht sonderlich ernst nehmen und traditionelle Geschlechterrollenbilder vertreten. Wir nennen diese Gruppe kurz die „Rechtsautoritären“, weil ihre kulturalistische Konzeption der Rechtfertigung sozialer Ungleichheit deutlich „rechte“ Züge aufweist.5 Bedenkt man die einschlägig bekannten Positionen politischer Parteien innerhalb dieses Meinungsspektrums, könnten hier zum Beispiel die Grünen als „liberal-weltoffen“ und die AfD als „rechtsautoritär“ eingeordnet werden.
Die Befragten der 6. KMU verteilen sich auf dem Spektrum von liberal-weltoffen bis rechtsautoritär entlang eines Kontinuums. Um die folgenden Befunde ohne komplizierte statistische Methoden leichter nachvollziehbar zu machen, wird nun eine einfache Unterscheidung in Form von Gruppenvergleichen vorgenommen: Jenes Viertel (25 %) der Bevölkerung, das am stärksten zum liberal-weltoffenen Pol tendiert, nennen wir die „Liberal-Weltoffenen“. Sie werden mit jenem Viertel (25 %) verglichen, das am stärksten zum rechtsautoritären Pol tendiert, den „Rechtsautoritären“. Die verbleibenden 50 Prozent dazwischen nennen wir die „Unprofilierten“.6 Mit dieser Bezeichnung soll verdeutlicht werden, dass es sich hier nicht um eine Extremismus-Skala handelt. An den beiden Polen sind also nicht „Extremisten“ mit einer „Mitte“ dazwischen, sondern die „Unprofilierten“ sind schlicht weniger festgelegt oder wollen nach Abwägung eine vermittelnde Position einnehmen.
Zusammenhang mit Populismus, Vertrauen und Engagement
Diese Achse der politischen Grundhaltung von „liberal-weltoffen“ bis „rechtsautoritär“ hängt stark mit „populistischen“ Orientierungen zusammen, die in der 6. KMU gesondert erhoben wurden. Unter „Populismus“ wird in der empirischen Sozialforschung heute verstanden, dass eine – an sich unproblematische – Betonung von Volkssouveränität (bestimmte Entscheidungen sollten nicht Eliten überlassen werden, sondern der Bevölkerung als demokratischem Souverän) in Verbindung mit – an sich unproblematischer – Kritik an den Eliten (eine solche ist sogar wichtig für eine lebendige Demokratie) verknüpft wird mit dem dritten – hochproblematischen – Element eines Antipluralismus, also der irrigen Vorstellung, es gebe eine „einheitliche Volksmeinung“, die von Eliten „verraten“ würde.7 Nur dieses den Populismus letztlich konstituierende dritte Element ist kritikwürdig und gefährlich, weil antipluralistische Haltungen in autoritäre Regime hineinführen und damit im Ergebnis die Demokratie demontieren (während die beiden anderen Bestimmungsmerkmale, für sich allein genommen, eher demokratiestärkend sind). Von den in diesem Sinne „populistischen“ Befragten gehören in der 6. KMU 52 Prozent der Gruppe der „Rechtsautoritären“ an, 43 Prozent den „Unprofilierten“ und nur 5 Prozent den „Liberal-Weltoffenen“. Es gibt also einen engen Zusammenhang zwischen der politischen Grundhaltung und dem Populismus. Letzterer strahlt offensichtlich noch weit in die „unprofilierte“ Mitte hinein aus, wohingegen die „Liberal-Weltoffenen“ weitgehend immun gegenüber populistischen Haltungen zu sein scheinen.
Mittels der KMU-Daten lässt sich auch aufzeigen: Rechtsautoritäre nehmen deutlich mehr Anomie in unserer Gesellschaft wahr als Liberal-Weltoffene. Das bedeutet, sie sehen die Gesellschaft viel stärker als andere in einem regellosen, unsolidarischen Chaos versinken. Rechtsautoritäre haben auch nur sehr geringe Werte beim Vertrauen in Mitmenschen und sie engagieren sich deutlich seltener ehrenamtlich als andere. Das gilt nicht nur für tatsächliches ehrenamtliches Engagement, sondern bereits für die dahinterstehende Grundhaltung: Wer der Aussage „Sich für die Gesellschaft zu engagieren bringt nichts, man bewirkt nicht viel“ zustimmt, ist zu 58 Prozent rechtsautoritär, nur zu 7 Prozent liberal-weltoffen.
In Ostdeutschland ist der Bevölkerungsanteil der Rechtsautoritären nach den KMU-Daten im Übrigen signifikant höher als in Westdeutschland. Gleichzeitig ist in der jüngsten Generation (14–29-Jährige) der Anteil der Rechtsautoritären mit nur 14 Prozent deutlich geringer als bei Älteren.
Kein Zusammenhang mit Kirchlichkeit, aber mit Esoterik
Betrachten wir nun die Bezüge zur Kirchlichkeit, so ist zunächst festzustellen, dass weder unter katholischen noch unter evangelischen Kirchenmitgliedern der Anteil der Liberal-Weltoffenen, Rechtsautoritären oder Unprofilierten wesentlich vom Bevölkerungsdurchschnitt abweicht. Auch die Häufigkeit des Kirchgangs steht in keinem Zusammenhang mit der politischen Grundhaltung. Allerdings ist zu notieren, dass bei den Freikirchen und anderen kleineren christlichen Gemeinschaften ohne Migrationshintergrund der Anteil der Rechtsautoritären signifikant überdurchschnittlich und der Anteil der Liberal-Weltoffenen signifikant unterdurchschnittlich ist.
Bezieht man die politische Grundhaltung auf die in der Erstveröffentlichung der 6. KMU ermittelten „religiös-säkularen Orientierungstypen“,8 dann ist das Ergebnis, dass der Anteil der Rechtsautoritären weder bei den „Kirchlich-Religiösen“ noch bei den „Religiös-Distanzierten“ oder bei den „Säkularen“ wesentlich vom Bevölkerungsdurchschnitt abweicht – jedoch ganz erheblich bei den „Alternativen“, also den „Esoterischen“ und „Hedonistisch-Heterodoxen“: Bei ihnen ist der Anteil der Rechtsautoritären mit 45 Prozent sehr deutlich überhöht. Auch religiöse Intoleranz oder ein Gottesbild, das sich Gott als „Richter“ vorstellt, stehen in einem deutlichen statistischen Zusammenhang mit rechtsautoritären politischen Einstellungen.
Evangelisch Engagierte sind weltoffener
Sieht man von der Teilnahme an Gottesdiensten ab und betrachtet eine darüberhinausgehende Beteiligung am kirchlichen Leben, dann sind unter den in der evangelischen Kirche engagierten Personen die Liberal-Weltoffenen deutlich überrepräsentiert (39 %) und die Rechtsautoritären deutlich unterrepräsentiert (16 %). Bei den in der katholischen Kirche Engagierten sind die Zahlen viel ausgeglichener: Hier entsprechen die Liberal-Weltoffenen (24 %) und die Rechtsautoritären (21 %) fast den Durchschnittswerten in der Gesamtbevölkerung. Ein ähnlicher Befund ist auch bei den Kontakthäufigkeiten der Gesamtbevölkerung zu kirchlichen Einrichtungen feststellbar: Wer in den letzten zwölf Monaten Kontakt zu einer evangelischen kirchlichen Einrichtung hatte, war zu 29 Prozent liberal-weltoffen bzw. zu 17 Prozent rechtsautoritär. Bei den Kontakten zu katholischen kirchlichen Einrichtungen sind die Zahlen wiederum fast ausgeglichen: 21 Prozent linksliberal, 24 Prozent rechtsautoritär.
Wird als Indikator die subjektive Kirchenverbundenheit herangezogen, dann ist zu konstatieren, dass unter den stark kirchenverbundenen Evangelischen die Liberal-Weltoffenen wieder deutlich überrepräsentiert sind (36 %) und die Rechtsautoritären unterrepräsentiert (19 %). Bei den hochverbundenen Katholischen ist es umgekehrt: Hier sind die Liberal-Weltoffenen unterrepräsentiert (15 %), die Rechtsautoritären überrepräsentiert (32 %).
Sieht man bei den Reformerwartungen an die Kirchen von jenen Fragen ab, die selbst einen engen Bezug zu politischen Grundhaltungen haben,9 so ist festzustellen, dass der generelle oder auch spezifische Reformdruck auf die Kirchen nicht von politischen Grundorientierungen abhängt. Egal ob liberal-weltoffen, rechtsautoritär oder unprofiliert: Alle haben erhebliche Reformerwartungen an die Kirchen (vor allem an die katholische Kirche), die im Großen und Ganzen in die gleiche Richtung zu gehen scheinen. Die politische Grundorientierung ist dafür empirisch kein wesentlicher Faktor.
Motive für Kirchenmitgliedschaft und Austritt
Bei den Motiven für die Kirchenmitgliedschaft bzw. für einen erwogenen oder auch schon vollzogenen Kirchenaustritt gibt es hingegen interessante Abhängigkeiten von der politischen Grundhaltung. Bei Rechtsautoritären werden die Mitgliedschaftsmotive „Weil sich das so gehört“ und „Kontakt mit dem Heiligen haben“ überdurchschnittlich häufig genannt. Beides sind Mitgliedschaftsmotive, die in der restlichen Bevölkerung stark zurückgegangen und fast schon marginal sind. Für Liberal-Weltoffene ist hingegen der Einsatz der Kirchen für Hilfsbedürftige, Solidarität und Gerechtigkeit das entscheidende Argument für eine Kirchenmitgliedschaft. Das ist sowohl bei katholischen wie evangelischen Kirchenmitgliedern so.
Deutliche Unterschiede zwischen beiden Kirchen zeigen sich bei den Motiven zum Kirchenaustritt. Bei der evangelischen Kirche spielt die politische Grundhaltung so gut wie keine Rolle für den Kirchenaustritt, denn kaum irgendein genanntes Motiv für erwogene oder tatsächlich vollzogene Kirchenaustritte korreliert wesentlich mit der politischen Grundhaltung; übrigens auch nicht bei der Frage, ob überhaupt ein Kirchenaustritt in Erwägung gezogen wird. Beispielsweise gibt es keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Ärger über kirchliche Stellungnahmen als erwogenem oder tatsächlichem Austrittsgrund und der politischen Grundhaltung. Das wäre aber zu erwarten, wenn die evangelische Kirche durch ihre Stellungnahmen Menschen mit einer bestimmten politischen Orientierung so verprellen würde, dass sie austrittsgeneigter sind. Ein solcher Effekt findet sich jedoch nicht. Bei den austrittsgeneigten liberal-weltoffenen Evangelischen stimmen 21 Prozent voll zu, dass kirchliche Stellungnahmen für ihre Austrittsüberlegungen eine Rolle spielten. Bei den austrittsgeneigten rechtsautoritären Evangelischen sind es ebenfalls 21 Prozent. Für die austrittsgeneigten evangelischen „Unprofilierten“ spielen kirchliche Stellungnahmen eine geringere Rolle (14 %).
Wird gefragt, unter welchen Umständen man gegebenenfalls auf einen schon erwogenen Austritt verzichten würde, gibt es einen signifikanten Effekt: Die Mehrheit der Liberal-Weltoffenen gibt an, eher auf einen Austritt zu verzichten, wenn „sich die Kirche gesellschaftlich-politisch stärker engagieren würde“, die Minderheit der Rechtsautoritären, wenn „sich die Kirche stärker auf religiöse Fragen konzentrieren würde“. Das ist nicht überraschend, denn wir wissen bereits, dass den Liberal-Weltoffenen der Einsatz der Kirche für Hilfsbedürftige, Solidarität und Gerechtigkeit besonders wichtig ist, den Rechtsautoritären eher der „Kontakt mit dem Heiligen“. Diese unterschiedliche Präferenz schlägt bei der evangelischen Kirche aber nicht auf die tatsächlich genannten Austrittsgründe oder die tatsächliche Austrittshäufigkeit durch. Bei den liberal-weltoffenen Evangelischen schließen 33 Prozent einen Austritt kategorisch aus, bei den rechtsautoritären Evangelischen sind es ebenfalls 33 Prozent, bei den politisch „unprofilierten“ Evangelischen 36 Prozent.10
Ganz anders der Befund bei der katholischen Kirche: Hier haben liberal-weltoffene katholische Kirchenmitglieder eine deutlich erhöhte Austrittswahrscheinlichkeit im Vergleich zu rechtsautoritären. Nur 14 Prozent der liberal-weltoffenen Katholischen schließen einen Austritt kategorisch aus, bei den rechtsautoritären Katholischen sind es 32 Prozent, bei den politisch „unprofilierten“ Katholischen 30 Prozent. Liberal-weltoffene katholische Austrittsbereite zeigen, im Vergleich zu rechtsautoritären, eine wesentlich höhere Zustimmung bei den Austrittsmotiven „Kirche ist unglaubwürdig“, „Ärger über kirchliche Stellungnahmen“, „Kann mit dem Glauben nichts mehr anfangen“, „Aufbau der Kirche ist undemokratisch“ und „kirchliche Skandale“. Die rechtsautoritären katholischen Austrittsbereiten stören sich hingegen signifikant häufiger an der Kirchensteuer als die Liberal-Weltoffenen.
Vertrauen in die Kirche
Ein ähnlicher Befund zum Unterschied zwischen beiden Kirchen ergibt sich, wenn untersucht wird, von welchen Faktoren es abhängt, ob katholische bzw. evangelische Kirchenmitglieder Vertrauen in ihre eigene Kirche haben.11 Die beiden bedeutsamsten Faktoren für einen Vertrauensverlust in die jeweils eigene Kirche sind eine schwindende Religiosität (Beta = 0,49 bzw. 0,44) und ein Vertrauensverlust ganz allgemein gegenüber gesellschaftlichen Institutionen (Beta = 0,37 bzw. 0,35). Das ist bei beiden Kirchen so. In Bezug auf die katholische Kirche gibt es aber darüber hinaus noch einen deutlichen Effekt der politischen Grundhaltung (Beta = 0,28) – in dem Sinne, dass sich Liberal-Weltoffene stärker von ihr abwenden als Rechtsautoritäre. Bei der evangelischen Kirche lässt sich hingegen kein relevanter Effekt der politischen Grundorientierung auf das in sie gesetzte Vertrauen feststellen (Beta = 0,07; das ist nur marginal signifikant und praktisch vernachlässigbar), auch nicht in die umgekehrte Richtung. So kann festgestellt werden: In der evangelischen Kirche ist das Vertrauen in bzw. die Bindung an die eigene Kirche von der politischen Grundorientierung quasi unabhängig, ganz anders als in der katholischen Kirche. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass bei den katholischen Kirchenmitgliedern der Vertrauensverlust umso größer ist, je jünger die Befragten sind (Beta = 0,10), während bei den evangelischen Kirchenmitgliedern das Vertrauen in die Kirche nicht vom Alter abhängig ist.
Interpretierende Zusammenfassung
Das Kontinuum von liberal-weltoffen bis rechtsautoritär scheint heute die entscheidende strukturprägende Konfliktdimension politischer Grundhaltungen in Deutschland zu sein. Zahlreiche politische Streitfragen manifestieren sich entlang dieses Spektrums. Rechtsautoritäre Einstellungen sind für die Stabilität der Demokratie gefährlich, weil sie mit erhöhter Anomie-Wahrnehmung, geringem zwischenmenschlichen Vertrauen, Populismus, wenig Sinn für gesellschaftliches Engagement und Solidarität sowie mit religiöser Intoleranz einhergehen. Deshalb sind die Kirchen aufgerufen, sich dazu zu verhalten.
„Esoterische“ und „Hedonistisch-Heterodoxe“ weisen ein erheblich erhöhtes Niveau rechtsautoritärer Einstellungen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung auf. Dagegen zeigen kirchlich Engagierte sowie allgemein Menschen, die in soziale Kontaktfelder der evangelischen Kirchen mehr oder minder stark eingebunden sind, eine deutliche Abweichung hin zum liberal-weltoffenen Pol und weg von rechtsautoritären Einstellungen. Das ist bei der katholischen Kirche nicht so. Ihre Engagierten bzw. ihre sozialen Kontaktfelder entsprechen in Bezug auf die politischen Grundhaltungen dem Bevölkerungsdurchschnitt. Unter den besonders Kirchenverbundenen sind bei ihr die Rechtsautoritären sogar überrepräsentiert.
Ausmaß und Inhalt der Reformerwartungen an die Kirchen hängen bei Katholischen wie Evangelischen nicht maßgeblich von der politischen Grundhaltung ab. Die Häufigkeit und die Motive von Kirchenaustritten stehen bei der evangelischen Kirche in keinem wesentlichen Zusammenhang mit der politischen Grundhaltung. Das ist bei der katholischen Kirche nicht so. Liberal-weltoffene katholische Kirchenmitglieder neigen deutlich stärker zum Austritt als rechtsautoritäre, und ihre Haltung zur katholischen Kirche ist wesentlich kritischer als die der Rechtsautoritären. Eine Ausnahme davon ist die Kirchensteuer, der katholische Rechtsautoritäre kritischer gegenüberstehen als katholische Liberal-Weltoffene.
Bei beiden Kirchen gehen generalisierte Vertrauensverluste vor allem auf schwindende Religiosität und ganz allgemein auf schwindendes Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen aller Art zurück – nicht etwa auf einzelne „Skandale“; ein solcher Ansatz greift zu kurz und kann längerfristige Entwicklungen nicht erklären.12 Bei der katholischen Kirche kommen allerdings „on top“ noch zwei weitere Effekte hinzu, die so bei der evangelischen Kirche nicht feststellbar sind. Während bei der evangelischen Kirche die politische Grundhaltung der befragten Kirchenmitglieder ihr Vertrauen in die evangelische Kirche kaum beeinflusst, wird die katholische Kirche mit einem deutlich stärkeren Vertrauensverlust bei liberal-weltoffenen Katholischen im Vergleich zu rechtsautoritären konfrontiert. Gleichzeitig beschleunigt sich der Vertrauensverlust katholischer Kirchenmitglieder vor allem bei den jüngsten Generationen – ein Effekt, der so bei der evangelischen Kirche nicht feststellbar ist. Dies kann so interpretiert werden, dass in Deutschland politische Grundhaltungen in der katholischen Kirche eine stärker polarisierende und desintegrierende Wirkung entfalten als in der evangelischen Kirche.
Die in der evangelischen Kirche bestehenden aktiven sozialen Netzwerke haben ein stärker liberal-weltoffenes Profil im Vergleich zur Gesamtgesellschaft, ohne dass dies zu einer signifikant erhöhten Distanzierung bei der Minderheit der rechtsautoritären Kirchenmitglieder führen würde. Insofern bleibt bei der evangelischen Kirche eine Polarisierung entlang politischer Grundorientierungen aus. In der katholischen Kirche haben die aktiven sozialen Netzwerke im Durchschnitt kein von der Gesamtgesellschaft abweichendes Profil politischer Grundorientierungen, unter den besonders Kirchenverbundenen gibt es allerdings einen erhöhten Anteil Rechtsautoritärer. Gleichzeitig lässt sich eine stärkere Distanzierung bei den liberal-weltoffenen katholischen Kirchenmitgliedern beobachten. Insofern kann bei der katholischen Kirche von einer zur Desintegration tendierenden Polarisierung entlang politischer Grundhaltungen gesprochen werden, die den allgemeinen Trend nachlassender Kirchenbindung noch verstärkt.
Strategische Konsequenzen?
Aus dem Modell der „Volkskirche“ ist normativ zu folgern, dass es darum gehen sollte, die Mitgliederbindung möglichst nicht von politischen Orientierungen abhängig zu machen und doch gleichzeitig als Kirche in der Lage zu sein, sich klar auch zu politischen Entwicklungen zu positionieren, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt unterminieren. Der evangelischen Kirche scheint dies recht gut zu gelingen, das legen die diskutierten Befunde nahe. Der behauptete Effekt, Menschen würden sich von der evangelischen Kirche abwenden, weil sie sich „linksgrün“ positioniere, ist jedenfalls nicht nachweisbar. Andernfalls müssten Rechtsautoritäre häufiger austreten oder zumindest aus anderen Gründen. Zwar hat die evangelische Kirche ein deutlich liberal-weltoffenes Profil, aber es führt nicht in wesentlichem Ausmaß zur Abwendung politisch anders orientierter Menschen. Insofern kann dieser Kurs beibehalten werden.
Bei der katholischen Kirche hingegen tritt ein solcher Effekt auf, jedoch mit einem anderen politischen Vorzeichen. In der katholischen Kirche ist eine Polarisierung entlang politischer Grundorientierungen zu beobachten, mit dem Effekt, dass es tendenziell die Liberal-Weltoffenen sind, die sich von ihr abwenden. Eine solche Entwicklung ist gefährlich, weil sie dazu neigt, selbstverstärkend zu sein. In den USA geht die dramatische Beschleunigung des Säkularisierungsprozesses in den letzten beiden Jahrzehnten unter anderem darauf zurück, dass sich konservative politische Orientierungen eng mit kirchlich-religiösen Orientierungen verbunden haben, was in der Folge liberal orientierte Menschen in großer Zahl aus den Kirchen treibt.13 Setzt eine solche Polarisierung entlang politischer Konfliktlinien innerhalb einer Kirche erst einmal ein – festzumachen an nach politischer Orientierung differenzierten Austrittsneigungen, wie es derzeit bei der katholischen Kirche in Deutschland beobachtbar ist –, kann dies wohl nur durch deutliche Angebote der Identifikation gestoppt werden, die den Zuspruch der tendenziell wegbrechenden Liberal-Weltoffenen finden. Die bei der Deutschen Bischofskonferenz am 19. Februar 2024 in Augsburg verabschiedete klare Distanzierung von der AfD kann so gelesen werden.
Edgar Wunder (März 2024)
Anmerkungen
- So z.B. der Chefredakteur der Welt, Ulf Poschardt, „Lange nicht so laut gelacht. Über die Realsatiren dieser Zeit“, 13.6.2023, https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus245820462/Gruene-Politik-Lange-nicht-so-laut-gelacht-Ueber-die-Realsatiren-dieser-Zeit.html (letzter Abruf aller in diesem Beitrag genannten Internetseiten am 19.3.2024).
- Reinhard Bingener, „Einfach zu links und zu grün“, F.A.Z., 12.11.2023, https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/links-und-gruen-die-ekd-positioniert-sich-oft-einseitig-19304672.html.eng_fn
- Siehe https://kmu.ekd.de
- Statistisch ist diese Zusammenfassung zu einem gemeinsamen Index hoch reliabel (Cronbachs Alpha = 0,80), also sehr zuverlässig. Insgesamt elf Items zu den genannten vier Aspekten gingen in die Indexbildung mit ein. Die Validität des Indexwerts wurde auch noch mittels eines Dutzends weiterer Items abgesichert, die sich zum Beispiel auf eine allgemeine ökologische Orientierung, Offenheit gegenüber Neuem oder Toleranz bezogen.
- Vgl. zu dem unvermeidlich vagen politischen Richtungsbegriff Martin Fritz, „Rechtes Christentum“, ZRW 87,1 (2024), 65–74, 65–67.
- Die tatsächliche Häufigkeitsverteilung der Befragten auf der Skala ist normalverteilt, aber in Richtung zum liberal-weltoffenen Pol verschoben, was bedeutet, dass – auf diese Weise gemessen – linksliberale Haltungen verbreiteter sind als rechtsautoritäre. Das ist hier aber uninteressant, weil es sicherlich von den konkreten Itemformulierungen abhängig ist, also von der Art der Operationalisierung.
- Vgl. Jan-Werner Müller, Was ist Populismus? (Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2016).
- Vgl. EKD (Hg.), Wie hältst du’s mit der Kirche? Zur Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft. Erste Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (Leipzig: EVA, 2023), 19.
- Zum Beispiel: Sollen sich die Kirchen für Klimaschutz einsetzen? Sollen Frauen innerkirchlich in jeder Hinsicht gleichberechtigt sein? Selbstverständlich gibt es hier starke Zusammenhänge zum vorausgehend dargestellten Skalenwert politischer Grundorientierung, weil in diesen Einstellungen zum Klimawandel und zu Geschlechterrollenbildern mit eingingen; ein solcher Zusammenhang ist quasi tautologisch und deshalb uninteressant.
- Auch die letzte Kirchenaustrittsstudie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD kommt zu dem Ergebnis, dass politische Differenzen in Bezug auf die eigene Kirche ein eher randständiges Phänomen zum Verständnis der Austrittsdynamik sind: Petra-Angela Ahrens, Kirchenaustritte seit 2018. Wege und Anlässe (Baden-Baden: Nomos, 2002), 31.
- Hier kam das sogenannte multivariate lineare statistische Regressionsmodell zum Einsatz.
- Diese Schlussfolgerung geht auf eine lineare Regressionsanalyse zurück, bei der die Einflussfaktoren auf das Vertrauen in die Kirchen untersucht wurden. Unter der Kontrolle der starken Effekte von Religiosität und allgemeiner Vertrauensbereitschaft (in säkulare Einrichtungen) bleibt kein signifikanter Effekt von kirchlichen Skandalen mehr übrig. Dafür spricht auch, dass das Vertrauen in die Kirchen keinen kurzfristigen Schwankungen unterliegt, d.h. es war im gesamten Erhebungszeitraum konstant, auch im Vergleich zu anderen Studien in zeitlich geringem Abstand. Das bedeutet, dass das Vertrauen in die Kirchen durch Pressemeldungen über konkrete kirchliche Skandale kurzfristig nicht wesentlich beeinflusst wird.
- Geoffrey C. Layma u.a., „Secularism and American Political Behavior“, Public Opinion Quarterly 85,1 (2021), 79–100.