Wer ist Tobias Riemenschneider, dieser neue Player im politreligiösen Raum? Für was für ein Christentum steht er und welche politisch-religiösen Ziele verfolgt er? Der Beitrag von Daniel Rudolphi versucht diese Fragen zu beantworten, indem er Predigten und Vorträge Riemenschneiders aus den letzten acht Jahren analysiert und seine Netzwerke in die USA beleuchtet.
Tobias Riemenschneider – Porträt eines neucalvinistischen Fundamentalisten in Kulturkampfmission

Einleitung
Die WDR-Reihe Monitor1, das ZDF-Format „Die Spur“2 oder die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung3 – das Thema „Rechtes Christentum“ ist in den letzten Wochen und Monaten auf große Resonanz gestoßen. Eine Person stand dabei neu im Fokus: Tobias Riemenschneider, Pastor einer evangelisch-reformierten „Baptistengemeinde“ in Frankfurt am Main.
Riemenschneider predigt mit donnernder Stimme, nimmt Podcasts mit dem rechtspopulistischen Szene-Influencer Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“) auf, wirbt ausdrücklich für die Partei AfD und wird mittlerweile auch umgekehrt von selbiger hofiert. Wer ist dieser neue Player im politreligiösen Raum? Für was für ein Christentum steht er und welche politisch-religiösen Ziele verfolgt er?
Der folgende Beitrag versucht diese Fragen zu beantworten, indem er Predigten und Vorträge Riemenschneiders aus den letzten acht Jahren analysiert und seine Netzwerke in die USA beleuchtet. Er arbeitet heraus, wie Riemenschneider einen politisierten Fundamentalismus mit den Kernmotiven des christlichen Nationalismus verbindet. Dabei wird deutlich, dass der Frankfurter Prediger von einem weltabgewandten, eher unpolitischen Fundamentalismus abrückt, wie er in Deutschland innerhalb des (eher kleinen) christlich-fundamentalistischen Spektrums lange dominierend war.
Ob er und ihm nahestehende Akteure eine Ausnahme bleiben oder ob sich das christlich-fundamentalistische Spektrum innerhalb des deutschen Evangelikalismus ähnlich wie in den USA weiter politisiert, ist momentan offen. Aber schon die betreffende Möglichkeit lässt es lohnend erscheinen, Tobias Riemenschneider und seine Positionen genauer in den Blick zu nehmen.
Die neuapostolische Herkunft
Für eine Erstorientierung ist ein Video aufschlussreich, das in der Gattung des Lebenszeugnisses gehalten ist. Es trägt den Titel: „Ich war in einer Sekte – Wie Jesus mich aus der NAK befreite.“4 Darin deutet der Pastor seine Lebensgeschichte aus der Gegenwartsperspektive. Riemenschneider wird in die Neuapostolische Kirche (NAK) hineingeboren. Als Kind und junger Mann sucht er dort vergeblich nach Menschen, die wortwörtlich an die Aussagen der Bibel glauben – vergeblich. Sein aus innerer Überzeugung entstandener Wunsch, bis zur Ehe enthaltsam zu leben, wird von der NAK nicht unterstützt, die „mit Unzucht kein Problem gehabt“ (vgl. NAK, 7:17) habe. Laut dem Bericht haben sich selbst NAK-Apostel davor gescheut, biblische Aussagen etwa über die Ablehnung von Homosexualität wörtlich auszulegen (vgl. NAK, 14:40-15:00). Die Kirche erschien dem jungen Mann daher je länger je mehr als ungläubig und verweltlicht. So tritt in dieser Jugenderzählung zutage: Von Beginn an stuft Riemenschneider den Wortfundamentalismus als Maßstab für wahres Christentum ein – an dem seine Herkunftskirche scheitert.
Ein weiteres prägendes Motiv der Kindheitserzählung ist die fehlende Heilsgewissheit, eng verbunden mit der Angst vor einer Vorentrückung. Riemenschneider schildert, wie ihn als Kind die Sorge quälte, seine Familie könnte entrückt werden, während er allein, von Gott des Heils nicht für würdig befunden, auf der Erde zurückbleibe (vgl. NAK, 2:58-3:32). Infolge dieser Erfahrung lehnt er die Lehre von der Vorentrückung heute entschieden ab.
Während eines Sommeraufenthalts in Wisconsin begegnet der suchende Jugendliche einer christlichen Großfamilie, die an ein junges Erdalter und die Sechs-Tage-Schöpfung glaubt. Der dort vertretene Kreationismus irritiert und fasziniert ihn zugleich: „Ich merkte, dass Ihr Glaube besser war als meiner. Sie glaubten wirklich der Bibel und lebten danach.“ (Vgl. NAK, 9:31) Der Kreationismus, folgerechter Ausdruck eines ernsthaften Wortfundamentalismus, wird für Riemenschneider – in bewusster Abgrenzung zur NAK – zum Schibboleth eines wahren Christentums.5
Zurück in Deutschland bleibt der junge Mann dennoch zunächst Mitglied der NAK. Er studiert Jura, heiratet eine Frau aus der Kirche und arbeitet als Jurist für Frankfurter Großbanken. In einer schweren Lebenskrise stößt er im Internet auf die „Shocking Youth Message“ des reformierten Evangelisten Paul Washer (vgl. NAK, 12:55). In der Predigt von 2002 konfrontiert Washer die anwesenden Jugendlichen mit der Ansage, viele von ihnen würden ewig verlorengehen, weil sie sich nie wirklich zu Jesus Christus bekehrt hätten. Damit wird auch bei Riemenschneider erneut die drängende Frage nach der Heilsgewissheit aufgeworfen. Auch ist er von der emotionalen Intensität der Rede berührt und fasziniert, vom „Schreien und Weinen“ des Predigers (vgl. NAK, 13:01). Im Rückblick konstatiert Riemenschneider, er sei durch diese Predigt bekehrt worden.
In der Folge kommt der religiös Erschütterte zu der Überzeugung, dass er und seine Familie die NAK verlassen müssen (vgl. NAK, 16:29). Nach erfolglosen Versuchen, in der römisch-katholischen Kirche und bei der traditionalistischen Piusbruderschaft Anschluss zu finden, erfährt er von einem Missionar namens Peter Schild, der in seinem Frankfurter Haus Bibelstunden anbiete. In diesem Kreis findet Riemenschneider endlich die ersehnte geistliche Heimat. Gemeinsam mit seiner Familie bekehrt er sich nun ausdrücklich zu einem Christentum mit neucalvinistisch-fundamentalistischer Prägung und lässt sich erneut taufen.
Peter Schild war von der Heart Cry Mission Society (vgl. heartcrymissionary.com) nach Frankfurt entsandt worden, einer Missionsgesellschaft, die auf den erwähnten Paul Washer zurückgeht. Ihre zentrale „Mission“ besteht darin, Menschen damit zu beauftragen, in ihren Heimatländern Gemeinden mit einem neucalvinistischen, d.h. einem reformiert-fundamentalistischen Profil aufzubauen.6 Die Gemeinde in Frankfurt wird schließlich im Jahr 2016 als Evangelisch-Reformierte Baptistengemeinde (ERB) gegründet. Peter Schild und Tobias Riemenschneider fungieren als die beiden Pastoren. Ihre Einsegnung erfolgt durch die Pastoren der bereits länger bestehenden Evangelisch-Reformierten Baptistengemeinde Wetzlar. Die konfessionelle Grundlage der Gemeinde ist das Baptistische Glaubensbekenntnis von 1689.7
Verbindungen nach Nordamerika
Seit Anfang an pflegt die ERB Frankfurt enge Verbindungen nach Nordamerika, zu Akteuren wie Paul Washer, dem Apologeten James White (vgl. aomin.org) oder dem mittlerweile verstorbenen Prediger Voddie Baucham (vgl. voddiebaucham.org).8 Alle Genannten lassen sich dem konservativ-fundamentalistischen Spektrum des US-Evangelikalismus zuordnen. Sie verbinden eine neucalvinistische Theologie – etwa die Lehre von der absoluten Souveränität Gottes – mit der Praxis der Erwachsenentaufe und einer Bibelhermeneutik, die das Prinzip der Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift (auch in Sachfragen) hochhält.
In den folgenden Jahren kommen weitere Netzwerkpartner hinzu – darunter Joseph Boot, der Leiter des Ezra Instituts (vgl. ezrainstitute.com), und Jeff Durbin sowie Luke Pierson von der Apologia Church in Arizona (vgl. apologiachurch.com). Boot, der 2024 einen Vortrag in Frankfurt gehalten hat,9 vertritt das politreligiöse Konzept der „Theonomie“: Gott, der absolute Souverän über die Welt, sei auch als höchster Gesetzgeber anzusehen, und alle irdischen Gesetze seien am Willen Gottes auszurichten – der den biblischen Texten im Zuge fundamentalistischer Auslegung ohne Weiteres zu entnehmen sei. Ursprünglich geht dieses Konzept, das auch als „Rekonstruktionismus“ firmiert, auf den calvinistischen Philosophen Rousas John Rushdoony zurück. Ziel des von Joseph Boot gegründeten Ezra Institutes ist eine umfassende gesellschaftliche und kulturelle Transformation nach biblischen Prinzipien.10
Jeff Durbin ist ebenfalls Theonomist und gilt zudem als „Abortion Abolitionist“. Vertreter dieser Bewegung setzen sich für die strafrechtliche Verfolgung von Frauen ein, die einen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen haben – bis hin zur Forderung der Todesstrafe. Die New York Times verortet Durbin und seine Bewegung am rechten Rand des Spektrums US-amerikanischer Abtreibungsgegner.11 Durbin hat 2023 und 2024 in Frankfurt gepredigt.12 2024 hat ein Gegenbesuch von Riemenschneider und Schild in Arizona stattgefunden, bei dem Riemenschneider in der Apologia Church gepredigt hat.13 Auch zu Doug Wilson, einem der gegenwärtig bekanntesten Vertreter von Theonomie resp. Rekonstruktionismus, besteht ein direkter Kontakt (vgl. dougwils.com/). Wilson ist eng verbunden mit US-„Kriegsminister“ Pete Hegseth und wird in den US-Medien stark wahrgenommen, weil er für eine Abschaffung des Frauenwahlrechts eintritt und das Patriachat wieder einführen will.14 Sein gesellschaftspolitisches Ideal lässt sich mit den Begriffen „christliche Theokratie“ und „christlicher Nationalismus“ fassen. Theologen haben bei ihm die Aufgabe, Politiker bei der Gesetzgebung zu beraten und zu korrigieren, und dies im Ausgang von einer wortfundamentalistischen Bibelhermeneutik.
Alle hier genannten und untereinander netzwerkartig verbundenen Akteure eint ein neucalvinistisches Profil. Sie befürworten selbstständige Einzelgemeinden, die keiner Denomination angeschlossen sind. Größeren etablierten Netzwerken wie z.B. der Gospel Coalition, stehen sie ablehnend bis kritisch gegenüber. Washer, White, Baucham und Durbin sind reformierte Baptisten, Boot und Wilson hingegen reformierte Presbyterianer. Besonders bei Durbin, Boot und Wilson ist die Theologie von kulturkämpferischen und gesellschaftstransformatorischen Motiven durchdrungen. Wie sich bereits andeutete, gestaltet Riemenschneider die betreffenden Netzwerkverbindungen proaktiv mit. Es wird weiter zu zeigen sein, dass er insbesondere beim Thema „Theonomie“ eigene Impulse setzt, die dann wiederum auf das internationale Netzwerk zurückwirken.
Die Anfänge als Pastor
Nimmt man Internetauftritte zum Maßstab, erscheint Peter Schild in den Anfangsjahren als der deutlich präsentere der beiden Pastoren, zumindest im Hinblick auf Predigten. Die erste wirklich erfolgreiche Internetpredigt der ERB Frankfurt, die heute knapp 70.000 Aufrufe verzeichnet, stammt jedoch von Tobias Riemenschneider. Sie stammt aus dem Jahr 2018 und behandelt die „Frage der Kopfbedeckung“.15 Ihre zentrale Botschaft: Gläubige und getaufte Frauen sollten während des Gottesdienstes oder der Bibelstunde ihre Haare mit einem Kopftuch verhüllen, als „Symbol für die göttliche Wahrheit der Unterordnung“ der Frau unter den Mann (vgl. Kopfbedeckung, 01:27:11). Diese Empfehlung richtet sich ausdrücklich an alle gläubigen Frauen, unabhängig vom Familienstand. Die Argumentation ist biblizistisch: Der einschlägigen Forderung des Paulus (1. Kor 11, 2-16) sollte unabhängig vom historischen Kontext Folge geleistet werden, da die leitende Intention – die symbolische Darstellung der Unterordnung der Frau – weiterhin Gültigkeit besitze. Wenngleich es bei einer eindringlichen Empfehlung bleibt (ohne Verpflichtung), wird die Praxis der Kopfbedeckung als Indikator für wahren Glauben dargestellt und damit implizit Druck auf die Frauen in der Gemeinde ausgeübt.
Größere Aufmerksamkeit innerhalb des deutschen Evangelikalismus erlangte die ERB Frankfurt erstmals 2021 durch einen Podcast zur sogenannten „Causa Olaf Latzel“.16 Im Frühjahr desselben Jahres war ein Eheseminar der St. Martini Gemeinde zu Bremen veröffentlicht worden, in dem sich Olaf Latzel queerfeindlich äußert. Die Folge waren mehrjährige rechtliche Auseinandersetzungen.17 Der Podcast von Riemenschneider und Schild thematisiert den Fall Latzel jedoch nur am Rande; im Zentrum steht vielmehr dessen Rezeption innerhalb evangelikal-fundamentalistischer Kreise. Ausgangspunkt ist die öffentliche Kritik von Michael Kotsch, dem damaligen Vorsitzenden des wortfundamentalistischen Bibelbundes und Dozenten am Bibelseminar Brake, an der Ausdrucksweise Latzels im besagten Seminar. Diese formbezogene Kritik nehmen Riemenschneider und Schild zum Anlass, Kotsch den „wahren Glauben“ abzusprechen. Eine vorbehaltlose Zustimmung zu Latzels Aussagen, und zwar inhaltlich und formal, wird von beiden zum Kennzeichen wahren Glaubens hochstilisiert – und Latzel zum Märtyrer verklärt. Die Schärfe, mit der die beiden Podcaster Kotsch angreifen, indem sie ihm nicht zuletzt die Bezeichnung als „Bruder“ verwehren, wurde in der evangelikalen Welt und auch in fundamentalistischen Kreisen mit großer Irritation wahrgenommen.18
Profilierung während der Corona-Pandemie
Im Hintergrund des besagten Podcasts stehen tiefgreifende Spannungen innerhalb des christlichen Fundamentalismus in Deutschland, die bereits während der Corona-Pandemie zutage getreten waren. Kotsch war Mitautor der Stellungnahme „Jesus im Mittelpunkt behalten – trotz Corona“ aus dem Jahr 2020.19 In der dritten These dieses Dokuments, das von zahlreichen Gemeindeleitern und Bibelschullehrern unterzeichnet wurde, heißt es: „Ethisch falsche oder zweifelhafte Gesetze des Staates, die dem Christen aber die Möglichkeit lassen, richtig zu handeln, müssen nicht bekämpft werden (z. B. Scheidungsgesetze, Ehe für alle etc.).“ Die Stellungnahme ist primär als Positionsbestimmung zum Umgang mit der Corona-Pandemie zu verstehen, nimmt aber auch auf weitere gesellschaftspolitische Themen Bezug.
Für Riemenschneider und Schild steht vor allem jene dritte These im Widerspruch zum Konzept der Theonomie. Aus ihrer Sicht sind weltliche Gesetze, die dem göttlichen Gesetz widersprechen, aktiv zu bekämpfen. Damit wird deutlich, dass der von beiden vertretene Fundamentalismus sehr viel konfrontativer und politisierter auftritt als der eher zurückhaltende, unpolitische Fundamentalismus, für den Kotsch steht. Die Grunddifferenz ist in der Frage zu erblicken, ob die fundamentalistische Weltsicht nur für die gläubige Gemeinde oder für die gesamte Gesellschaft gelten soll.
Riemenschneider hat 2025 im Podcast des rechtschristlichen Influencers Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“) berichtet, dass die ERB Frankfurt während des ersten Lockdowns heimlich Gottesdienste in den Häusern ihrer Gemeindemitglieder gefeiert habe.20 Später wich die Gemeinde in eine Fabrikhalle in einem Gewerbegebiet aus, um dort weiterhin heimlich Gottesdienste abzuhalten. Aus der Retrospektive erzählt der Pastor, dass ihm – angeregt durch ein Gespräch mit Olaf Latzel – früh klar geworden sei, dass er sich während der Pandemie in die vorderste Front stellen müsse (vgl. „Hassprediger“, 14:45). In der Folge habe er auch öffentlich gegen die Maßnahmen Position bezogen.
In verschiedenen Zusammenhängen äußerte Riemenschneider, dass staatlichen Maßnahmen, die dem göttlichen Gesetz widersprechen oder in den Gottesdienst eingreifen, mit Widerstand begegnet werden müsse. In diesem Kontext vernetzte sich die Gemeinde unter anderem über den Arbeitskreis Christliche Coronahilfe (ACCH) mit Akteuren wie Wolfgang Nestvogel von der Bekennenden Evangelischen Gemeinde Hannover.21 Ein Video von Riemenschneider und Schild mit dem Titel „Hilfestellung zur aktuellen Situation“, in dem ausdrücklich vor der Corona-Impfung gewarnt wird, erreichte im Jahr 2021 knapp 150.000 Aufrufe und wurde damit zum bis dahin erfolgreichsten Beitrag der beiden Pastoren. Eine kritische Stellungnahme hierzu veröffentlichte Kotsch im christlichen Medienmagazin PRO.22
Am stärksten rezipiert wurde jedoch die Frankfurter Erklärung/ Frankfurt Declaration, die insbesondere von Riemenschneider, einem der drei Autoren, in die Öffentlichkeit gespielt wurde. Die Erklärung bezeichnet Gott im ersten Paragrafen als „alleinigen Machthaber“ sowie als „höchsten Gesetzgeber für alles menschliche Verhalten“. Im Folgenden wird das Theonomie-Konzept konsequent auf die Coronamaßnahmen sowie auf die Bildungs- und Gesundheitspolitik bezogen. Zu den Unterzeichnern der Erklärunggehören neben vielen deutschen Akteuren mit Nähe zum ACCH auch James White, Voddie Baucham, Jeff Durbin, Joseph Boot und Doug Wilson, daneben Joel Webbon und John MacArthur, der bekannte Gemeindeleiter aus Kalifornien. Paul Washer hingegen fehlt in der Liste der Unterzeichner.23 Im US-Diskurs erfuhr die Frankfurt Declaration viel Aufmerksamkeit, insbesondere durch die Unterschriften von MacArthur und Wilson. Riemenschneider wiederum wurde durch die Frankfurt Declaration zu einem bekannten Vertreter der Theonomie außerhalb Nordamerikas.
Die These vom „dämonischen“ Staat
Eine besonders wichtige Predigt im Wirken von Riemenschneider ist die 2023 gehaltene Ansprache „Wie überleben wir die nächsten Jahre?“.24 Sie basiert auf einem Vortrag, gehalten im Rahmen einer Konferenz der „Deutschen Gemeindemission“ in Alt Golßen vom August 2023. Bei dieser Konferenz traten auch der rechtsfundamentalistische Chefredakteur des Lichtzeichenverlags Thomas Schneider (er verlegt zwei von Riemenschneiders Büchern) sowie der Autor der offen antisemitischen Schrift „Der dritte Weltkrieg“ Michael Windhövel als Redner auf.25
Die leitende These der Predigt: Der Staat ist nicht neutral. Höre der Staat nicht auf Christus, so verwandle er sich in einen „von dämonischen Ideologien verführten Tyrannen“ (vgl. Jahre, 7:45). Es gebe nur zwei Alternativen: „Chaos oder Christus“ (vgl. Jahre, 9:13). Als maßgebliche Übel des modernen Staates benennt Riemenschneider die gezielte Abschaffung des Patriarchats und die Zerstörung der Familie. Die fragliche Entwicklung sei unter anderem auf Feminismus, Rechte für homosexuelle Menschen, auf Scheidungsrechte und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch zurückzuführen, außerdem auf die Auflösung der Geschlechterordnung durch den sogenannten „Transgenderismus“. Der gegenwärtige Staat rangiert in der Predigt als dämonischer Akteur, dem man sich widersetzen und gegen den man sich wappnen müsse (vgl. Jahre, 10:00-18:00).
Im zweiten Teil werden Ratschläge gegeben, wie Christen in einer antichristlichen Gesellschaft „überleben“ können. Grundlegend dafür sei die Entscheidung, ein wiedergeborener Christ und – nach Möglichkeit – Calvinist zu werden sowie eine solide (fundamentalistische) Theologie zu vertreten. Man solle sich eine Gemeinde suchen, die während der Corona-Pandemie auf der „richtigen Seite“ gestanden (also den staatlichen Maßnahmen widerstanden) habe, da Corona ein Test für den Glauben gewesen sei (vgl. Jahre, 34:16–34:22). Männer als Erwerbstätige sollten möglichst in die Selbstständigkeit wechseln, um nicht von einem „gottlosen Arbeitgeber“ abhängig zu sein (vgl. Jahre, 38:28). Auch an Weisung für Frauen fehlt es nicht:
„Heirate früh, bekomme früh Kinder, dann kannst du vielleicht auch mehr als zwei bekommen. Denn die Kinder der Jugend – und insbesondere viele Kinder der Jugend – sind ein Segen vom Herrn (Psalm 127, Vers 4). Und du kannst sie gebrauchen als Waffe im Kampf. Lass dir von der Welt nicht einreden, ‚aber mit 18 bist du noch zu jung zum Heiraten, du musst jetzt dieses und jenes erreichen und erleben‘ […]“ (42:10–42:40).
Darüber hinaus betont Riemenschneider die Notwendigkeit, christliche Schulen zu gründen, um Kinder der „Indoktrination“ durch das staatliche Bildungssystem zu entziehen (vgl. Jahre, 54:09–54:20). Weiterhin warnt der Prediger davor, sich in Verschwörungstheorien zu verlieren (vgl. Jahre, 01:03:20), da dies vom Wesentlichen ablenke. Vielmehr wirbt er für den Postmillennialismus, also die apokalyptische Anschauung, wonach Christus nicht vor (Prämillennialismus), sondern erst nach Ablauf des „tausendjährigen Reichs“ der Endzeit wiederkomme. Während dieser Millenniums-Phase, die in der Gegenwart angebrochen sei, müsse die Königsherrschaft Gottes aktiv vorbereitet werden, bis sie sich schließlich völlig durchsetzen werde (vgl. Jahre, 26:36). Zentrale Motive dieser Predigt, vor allem die Analyse zum Staat, wird Riemenschneider noch des Öfteren aufgreifen, so etwa in dem Vortrag, den er 2025 bei der AfD halten wird.26
Drachentöter: Pro-Rege-Konferenz 2024
Seit 2023 veranstaltet die ERB Frankfurt jährlich die „Pro-Rege-Konferenzen“. Dazu gibt es einen Pro-Rege-Verlag sowie Merchandise-Artikel unter demselben Namen. Die Konferenz im Jahr 2024 trug den Titel „Drachentöterkonferenz“. Neben Riemenschneider und Schild zählten zu den Rednern Joseph Boot, Jeff Durbin und Luke Pierson. Ziel der Veranstaltung war es, die gegenwärtige gesellschaftliche Lage unter endzeitlichen Prämissen zu deuten. Der „Drache“ ist dabei primär eine Metapher für den Satan, der dem „Drachentöter“ Jesus Christus in einem endzeitlichen „Weltkrieg“ endgültig unterliegen wird.27 Dem Wirken des Drachen wurden auf der Konferenz unter anderem „Marxismus“ und „Abtreibungen“ zugeschrieben. Nach Auffassung Riemenschneiders setzt diese Weltdeutung zwingend die Vorstellung eines jungen Erdalters voraus. Denn nur wenn die biblischen Aussagen über den Anfang der Weltgeschichte wörtlich verstanden werden, kann man auch den apokalyptischen Aussagen der Johannesoffenbarung vertrauen und sich des dort verheißenen Sieges über den Drachen/Satan sicher sein.
In einem von Riemenscheider simultan übersetzten Vortrag „Der zweiköpfige Drache des Rassismus“28 vertrat Joseph Boot die Ansicht, Marxismus und „Critical Race Theory“ hätten dazu beigetragen, weiße Menschen pauschal zu Sündenböcken zu erklären. Als Reaktion sei ein „Ethno-Nationalismus“ entstanden. Boot zufolge gehe es in dem Critical-Race-Diskurs jedoch nicht eigentlich um „Rasse“, sondern um die gezielte Zurückdrängung des Christentums als kultureller und moralischer Grundlage europäischer Gesellschaften. Für ihn ist das Christentum aber eine die Gesellschaft zusammenhaltende Kraft. Weder marxistische Konzepte noch ein Ethno-Nationalismus, sondern allein Christus und das Königreich Gottes ermöglichen laut Boot ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft.
In seinem Vortrag „So tötest du die Drachen im Land“ erläuterte Jeff Durbin, wie es der Bewegung der „Abortion Abolitionists“ gelungen sei, nach und nach US-amerikanische Abgeordnete davon zu überzeugen, dass Abtreibung als Mord zu bewerten und dementsprechend auch strafrechtlich zu verfolgen sei.29 Das übergeordnete Ziel dieser Bewegung bestehe in der vollständigen und ausnahmslosen Abschaffung von Abtreibungen. Die Zuhörenden werden aufgefordert, sich auch in Deutschland für ein vollständiges Abtreibungsverbot zu engagieren. Der Vortrag macht deutlich, wie eng das Konzept der Theonomie mit dem Anliegen der Abortion Abolitionists verknüpft ist: Die bestehende Gesetzgebung soll nach biblischen Vorgaben transformiert werden.
Luke Pierson schließlich, ein der Apologia Church angehörender Pastor und enger Vertrauter von Jeff Durbin, sprach sich in seinem Vortrag „Väter, verteidigt eure Häuser“ für eine „Wiedereinsetzung“ des Patriarchats aus. Familien müssten vor Angriffen von widergöttlichen Ideologien geschützt werden, die Pierson auf den „Drachen“ zurückführt beziehungsweise als dämonisch inspiriert einstuft. Die Vaterrolle sei kein soziales Konstrukt, sondern eine von Gott selbst gestiftete Institution.30
Im Rahmen der Pro-Rege-Tagung 2024 wurde das postmillennialistische Endzeitverständnis der ERB Frankfurt und ihrer Netzwerkpartner greifbar. Der endgültige Sieg Christi über Satan gilt zwar als theologisch gesichert, müsse jedoch – so die vertretene Position – auch gesellschaftlich und politisch durchgesetzt werden, etwa durch die gesetzliche Abschaffung der Abtreibung oder die Wiedereinführung des Patriachats. Auch Nichtchristen oder Andersgläubige hätten sich dem Christentum als dem verbindenden Element der Nation unterzuordnen.
Die Riemenschneider-Webbon Kontroverse – Eine Brandmauerdebatte
Im Herbst 2024 entbrannte eine Kontroverse zwischen Riemenschneider und dem US-Pastor Joel Webbon, einem der Mitunterzeichner der Frankfurt Declaration.31 Während in Deutschland davon kaum jemand Notiz genommen hat, war der Streit in den neucalvinistisch-fundamentalistischen Kreisen im angelsächsischen Raum ein Thema, dessen Bedeutung kaum überschätzt werden kann. Auslöser war der Umzug eines jungen Mannes aus der ERB Frankfurt nach Texas, wo er sich der Gemeinde von Webbon anschloss. Auch Webbon ist Neucalvinist, Fundamentalist und Theonomist. Am Rand seiner Bewegung besteht zugleich eine Offenheit für Positionen der Alt-Right Bewegung.
Einige Monate nach dem Umzug teilte der junge Mann ein antisemitisches Meme über den Holocaust. Daraufhin kam es zu einem Zoom-Gespräch zwischen Riemenschneider, Webbon und dem Gemeindemitglied. Was Ersterer nicht wusste: Das Gespräch wurde aufgezeichnet. Der amerikanische Pastor berichtete wenig später in einem Podcast davon und warf Riemenschneider vor, ihn darin unter Druck gesetzt zu haben, das Gemeindemitglied zu „exkommunizieren“. Der Beschuldigte reagierte mit einem eigenen Podcast, den er bei „Eschatology Matters“ veröffentlichte, einer innerhalb des Neucalvinismus ziemlich einflussreichen Podcastreihe. Darin erhob er seinerseits schwere Anschuldigungen gegen Webbon, dem er u.a. eine Nähe zu den rassistischen und offen antisemitischen Positionen von Corey Mahler, einem ehemaligen Pastor der lutherischen Missouri Synod unterstellte.32 Unterstützung erhielt der Deutsche unter anderem von Doug Wilson und James White, die seinen Podcast verbreiteten. Wilson erklärte später in seinem Blog, er sei Teil einer Signal-Gruppe, die Riemenschneider in der Angelegenheit berate.
Webbon leitete daraufhin den heimlich hergestellten Zoom-Mitschnitt an die Podcast-Plattform „Eschatology Matters“ weiter mit dem Vorwurf, Riemenschneider habe Inhalte des Gesprächs falsch dargestellt. Die Hosts von „Eschatology Matters“ zogen die betreffende Episode daraufhin zurück und distanzierten sich von Riemenschneider. Im Zentrum stand dabei die Frage, ob der deutsche Calvinist tatsächlich „Kirchenzucht“ wegen des Memes gefordert hätte. Während er dies in seinem Podcast bestritt, schien der Mitschnitt das Gegenteil zu belegen. Weil selbiger aber nicht veröffentlicht wurde, ist der Sachverhalt nicht nachprüfbar.
Riemenschneider entschuldigte sich für unklare Formulierungen, ohne von seiner Generalkritik an Webbon abzuweichen. Doug Wilson hielt an seiner Unterstützung von Ersterem fest und erklärte die Diskrepanzen zwischen dem Podcast und dem Zoomcall unter anderem damit, dass der Deutsche im Englischen eben kein Muttersprachler sei.
Ein Ergebnis der Auseinandersetzung war die Formulierung der sogenannten Antiochia-Erklärung durch Wilson, Riemenschneider, Boot, Durbin und White. Die Erklärung zielt darauf ab, den christlichen Nationalismus von einem offenen Antisemitismus abzugrenzen, wie er im Umfeld der Webbon-Gemeinde vertreten wird. So lautet einer der zentralen Sätze der Antiochia-Erklärung:
„We deny that it is possible to harmonize the racial and antisemitic theories of Adolf Hitler and neo-pagan doctrines of the Nazi cult with the gospel of Christ and the teachings of scripture.“33
Der Konflikt, der nicht zuletzt durch die Beteiligung des prominenten Pastors Wilson Brisanz gewann, steht exemplarisch für tiefere Spannungen innerhalb des neucalvinistisch-fundamentalistischen Spektrums. Auf der einen Seite stehen Riemenschneider und Wilson: Sie vertreten das Konzept der Theonomie sowie einen „christlichen Nationalismus“, der die Etablierung christlicher Staaten vorsieht; offener Antisemitismus wird von beiden jedoch abgelehnt und als potenzielle Bedrohung für die Glaubwürdigkeit und Integrität der Bewegung gewertet. Auf der anderen Seite steht mit Webbon ein Theonomist und christlicher Nationalist, der eine strategische Offenheit gegenüber antisemitischen Strömungen aufrechterhält.
Unterstützung für die AFD
Erstmals sprach sich Riemenschneider kurz vor der Landtagswahl in Hessen 2024 öffentlich wahrnehmbar für die Wahl der AfD aus. In der Predigt „Jesus und Politik“34, aus der ein viraler Kurzclip hervorging (vgl. Politik, 10:11-10:45), vertritt er die Auffassung, die AfD sei für gläubige Christen unter den großen Parteien die einzige mit dem christlichen Glauben vereinbare Partei (vgl. Politik, 39:00-43:00). Wer die AfD aus Gewissensgründen nicht wählen könne, solle stattdessen eine christliche Kleinpartei unterstützen – oder im Zweifel gar nicht wählen.
Die Unwählbarkeit der etablierten Parteien begründet Riemenschneider vor allem mit deren Haltung zur Abtreibung, die er als „Babymord“ bezeichnet. Zugleich betont er, die AfD sei zwar keine christliche Partei, komme in ihren Positionen jedoch dem Christentum derzeit am nächsten.
Das bislang meistgesehene Video von Riemenschneider mit über 230.000 Aufrufen trägt den Titel „Alice Weidel – Kann man sie wählen?“35 Darin geht der Pastor auf zwei Fragen ein: Darf ein Christ eine lesbische Kanzlerkandidatin wählen? Und: Ist die AfD als rechtsradikal einzustufen? Der Redner stellt klar, dass die Lebensform Alice Weidels zwar der biblischen Ethik widerspreche, dass er bei der Bundestagswahl jedoch nicht die Privatperson, sondern das Parteiprogramm unterstütze (vgl. Alice, 10:00-10:30). Es gelte, zwischen Person und Inhalt zu unterscheiden. Positiv hebt er hervor, dass Weidel sich selbst nicht als „queer“ verstehe, obwohl sie lesbisch sei.
Was die AfD generell angeht, argumentiert Riemenschneider, dass der Begriff „rechtsradikal“ in der öffentlichen Debatte häufig inflationär und unsachlich verwendet werde. Er selbst habe innerhalb der Partei keinen fremdenfeindlichen Hass wahrgenommen. Kritik an Massenmigration hingegen betrachtet er als legitim und mit christlichen Prinzipien vereinbar (vgl. Alice, 11:30–16:00). Er spricht sich für eine „Christianisierung der Politik“ aus, warnt jedoch zugleich vor einer „Politisierung des christlichen Glaubens“ (vgl. Alice, 20:50–21:30). Das primäre Ziel sei nicht der politische Erfolg in einzelnen Sachfragen, sondern die geistliche Umkehr und Bekehrung von politischen Entscheidungsträgern. Als übergeordnetes Ziel müsse die Etablierung eines „christlichen Deutschlands“ (vgl. Alice, 21:16) verfolgt werden, einer Gesellschaft, die sich an biblischen Werten orientiert. Zum Schluss richtet sich der Pastor direkt an Alice Weidel. Er bekundet seine Absicht, ihr bei der Bundestagswahl seine Stimme zu geben, und ruft sie zugleich zur Umkehr zu Gott auf – nicht ohne ihr noch ein persönliches Gespräch anzubieten.
Der bisherige Höhepunkt in Riemenschneiders Engagement für die AfD war dann der 10. Oktober 2025. Hier sprach der Frankfurter auf Einladung der AfD-Fraktion im Berliner Reichstag bei einem Symposium anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Bundesvereinigung „Christen in der AfD“. In seinem Beitrag plädiert der studierte Jurist für eine Aufhebung der „Trennung zwischen Staat und Gott“ und forderte, den Gottesbegriff in der Präambel des Grundgesetzes ausdrücklich christlich zu interpretieren.36 Er behauptet, es gebe keinen neutralen Staat und politische Verantwortung bestehe stets vor Gott als höchstem Gesetzgeber. Staatliche Gesetzgebung habe sich daher am göttlichen Recht zu orientieren – so, wie es in der Bibel niedergelegt sei. Deutschland solle sich explizit als christlicher Staat verstehen.
Mit seinem Vortrag brachte Riemenschneider die Themen „Theonomie“ und „christlicher Nationalismus“ nicht nur in das Reichstagsgebäude. Daneben rückte er einen Diskurs, der bislang vor allem außerhalb Deutschlands geführt worden war, in das Licht der deutschen Öffentlichkeit. Bei der AfD scheint ihm dies gleichsam den Rang des „Lieblingspastors“ der Partei eingetragen zu haben: Im Dezember 2025 durfte er bei der Weihnachtsgala der AfD Sachsen-Anhalt37 eine Andacht halten, im Januar 2026 beim Neujahrsempfang der AfD Hessen38 sprechen.
Darüber hinaus gelingt es Riemenschneider zunehmend, über seine Verbindungen zum reichweitenstarken YouTuber Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“) und zur Christfluencerin Jasmin Friesen („Liebe zur Bibel“) ein jüngeres Publikum zu erreichen. So hat er seinen Adressat:innenkreis in den vergangenen Monaten spürbar erweitert, was auch an der Verdoppelung seiner Instagram-Follower:innen von 3.500 auf über 8.500 sichtbar wird.
Die Ermordung Charlie Kirks und der geistliche Krieg
Die politisch-religiöse Verbundenheit mit der besagten deutschen Influencer-Szene trat auch nach einem Ereignis hervor, das in dieser Szene große einhellige Resonanz auslöste: nach der Ermordung des christlich-rechtspopulistischen US-Polit-Influencers Charlie Kirk am 10. September 2025.39 Riemenschneider deutete diesen Mord als eine Zäsur:
„Wir befinden uns im Krieg. Christen müssen endlich verstehen, dass wir uns in einem geistlichen Krieg befinden. Die Gegenseite hat das längst erkannt – sie schießt bereits scharf. Charlie Kirk ist einer unserer ersten Gefallenen in diesem Konflikt. Doch ich spreche nicht von einem Krieg mit fleischlichen Waffen, auch wenn die Gegenseite solche Mittel einsetzt. Es geht um einen geistlichen Kampf.40
Riemenschneider geht so weit, die (richtige) Reaktion auf den Mord – als angemessen gilt ihm allein die Einstufung Kirks als christlicher Märtyrer – als Indikator für den wahren Glauben von Pastoren anzusetzen.41 Wenn sich ein Pastor nach dem Ereignis nicht affirmativ zu Charlie Kirk verhalten habe, sollte man seine Gemeinde verlassen. In dieser Frage weiß er sich auch wieder in guter Gemeinschaft mit US-amerikanischen Akteuren wie Mark Driscoll, der einige Tage zuvor einen Beitrag mit fast identischem Titel veröffentlicht hatte.42
Spaltung der ERB Frankfurt – Christuskirche und Gnadenkirche
Der Anstieg der medialen Präsenz und öffentlich-politischen Prominenz Riemenschneiders scheint allerdings mit einer Krise vor Ort einhergegangen zu sein. Nachdem vom November 2025 bis Februar 2026 keine Gottesdienst- oder Themenvideos der ERB Frankfurt mehr erschienen waren, veröffentlichte der Frankfurter Pastor am 20.02.2026 eine Stellungnahme, in der er erklärte, dass innerhalb der Gemeinde versucht worden sei, ihn seines Amtes zu entheben und ihn zu exkommunizieren. Dieses Vorgehen sei aus seiner Sicht (und aus der Sicht einer eingeschalteten Anwaltskanzlei) jedoch nicht rechtmäßig gewesen. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe bezogen sich laut der Stellungnahme auf sein Engagement für die AfD sowie auf eine angebliche Veruntreuung von Geldern, die für eine geplante Schulgründung vorgesehen waren. Riemenschneider wies sämtliche Vorwürfe zurück und kündigte an, seine Arbeit fortzusetzen.43
Der Name „ERB Frankfurt“ wird nach Auskunft des Beschuldigten künftig nur noch für den Verein verwendet; die Gemeinde selbst trägt nun den Namen „Christuskirche“. Neuer Co-Pastor ist Paul Sayers von der ERB Kaiserslautern. Offenbar handelt es sich also um eine Gemeindespaltung, die mit einem Zerwürfnis zwischen den ehemaligen Co-Pastoren Riemenschneider und Schild einhergeht. Der Gemeindeteil um Schild führt seine Arbeit nun unter dem Namen „Gnadenkirche“ fort. Bemerkenswert ist, dass die Gnadenkirche weiterhin mit der Gründerkirche der ERB Wetzlar verbunden bleibt, während die Christuskirche um Riemenschneider zunächst isoliert wirkt. In einer Stellungnahme erklärt wiederum die Gnadenkirche:
„Alles Unwahre und Böse, das nun über uns behauptet wird, wollen wir erdulden, ohne uns öffentlich zu verteidigen oder zu rechtfertigen. Wir glauben, dass es gut und heilsam für uns ist, wenn wir erniedrigt werden. Unser Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber schenkt er Gnade.“44
Wie stark sich die Spaltung der ERB auf Riemenschneiders Netzwerke in den USA auswirken wird, ist derzeit offen. Bisher sind keine Statements zur Spaltung von Wilson, Durbin, White oder Washer bekannt. Es fällt aber immerhin auf, dass die Porträts von Riemenschneider und Schild auf der Homepage der Heart Cry Mission Society entfernt wurden.45
Fazit
Für den von Riemenschneider vertretenen Fundamentalismus ist ein augenfällig wiederkehrendes Motiv kennzeichnend: Ob die Enthaltsamkeit bis zur Ehe, die Schöpfung in sechs Tagen, das Tragen von Kopfbedeckungen, der Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen, das kritiklose Gutheißen der Äußerungen von Olaf Latzel, die Stilisierung der AfD zur einzig wählbaren Partei oder eben die Verklärung Charlie Kirks – der Pastor ist fortwährend auf der Suche nach neuen Indikatoren für den wahren Glauben. Verbunden ist damit eine kontinuierliche Radikalisierung und einer zunehmenden Enge, die keinerlei Abweichung zulässt.
Auch in seinem Staatsverständnis zeigt sich Riemenschneider konsequent: Der säkulare, aus seiner Sicht: gottlose Staat erscheint ihm als Bedrohung für Christen – als ein dämonischer Akteur, der durch Corona, die Abschaffung des Patriarchats und den „Transgenderismus“ die Familie zerstören wolle. Da es seiner Auffassung nach keinen neutralen Staat geben kann, müsse dieser christlich geprägt sein, ein Staat also, in dem die „Trennung von Gott und Staat“ aufgehoben ist – eine Art moderner Gottesstaat. Gleichzeitig hat dieser von ihm vertretene christliche Nationalismus offensichtlich eine hohe Radikalisierungstendenz, was dazu nötigt, Brandmauern zum offenen Antisemitismus ziehen zu müssen. Dies zeigt die Antiochia-Erklärung eindrücklich. Ob diese Brandmauern dauerhaft halten, bleibt abzuwarten. Bemerkenswert ist, dass Riemenschneider im angelsächsischen Raum bereits seit Jahren die Diskurse zu den Themen „Theonomie“ und „christlicher Nationalismus“ mitprägt, diese Hintergründe aber in Deutschland bislang nahezu unbekannt sind.
Der Fall Riemenschneider verdeutlicht exemplarisch, welches Verschärfungspotenzial ein politisierter christlicher Fundamentalismus und der damit verbundene Nationalismus entfalten können. Zwar ist der christliche Nationalismus mit dem völkischen Nationalismus der Neuen Rechten nicht deckungsgleich, doch stößt der neucalvinistische Fundamentalist im Umfeld der AfD auf erhebliche Zustimmung. Es scheint also doch eine ideologische Überschneidung zu geben, die gerade eine solche radikale christliche Position für die politische Rechte mindestens zum attraktiven Partner macht. Schon aus diesem politischen Grund – abgesehen von aller genuin theologischen Kritik – bleibt es daher dringlich, weiterhin zu beobachten, in welchem Maße das Konzept des christlichen Nationalismus auch innerhalb des deutschen Evangelikalismus Anklang findet.
Anmerkungen
- Vgl. Monitor, „Radikale Christen in Deutschland: Kreuzzug von rechts“, 11.12.2025, https://www.ardmediathek.de/film/radikale-christen-in-deutschland-kreuzzug-von-rechts/Y3JpZDovL3dkci5kZS9laW56ZWxzdHVlY2tlZnVlcmRva3VzL3BvY19pbXBvcnRfNDAwMzQwNTgxMA. (Datum des Abrufs, wenn nicht anders angegeben: 15.03.2026).
- Vgl. Die Spur, „Christliche Influencer mit rechter Agenda“, 28.1.2026, https://www.zdf.de/video/reportagen/die-spur-224/christfluencer-glaube-freikirchen-100
- Martin Seng, „Mit Gottes Hilfe für und gegen Wokeness“, 25.10.2025, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/medienpolitik/christfluencer-mit-gottes-hilfe-fuer-und-gegen-wokeness-accg-110746563.html
- Vgl. Tobias Riemenschneider, „Ich war in einer Sekte – Wie Jesus mich aus der NAK befreite“, YouTube 30.7.2025, https://www.youtube.com/watch?v=T5Tfcb4rYvQ.
- Vgl. Profundum Austria, „Gott, Bibel und Evolution: Schließt sich das aus? Dialog mit Tobias Riemenschneider“, Youtube 27.8.2025, https://www.youtube.com/watch?v=g2gw0ZzVSkA&t=2823s.
- Vgl. zur Heart Cry Mission Society www.heartcrymissionary.com.
- Vgl. ERB Frankfurt, „Babtistisches Glaubensbekenntnis“, https://erb-frankfurt.de/wp-content/uploads/2022/05/baptistisches_glaubensbekenntnis_1689-3.pdf.
- Ein früher Besuch von White in Frankfurt ist dokumentiert: ERB Frankfurt, James White, „Vom unfreien Willen“, Youtube 28.9.2017, https://www.youtube.com/watch?v=6xuryn8Owko.
- Vgl. Joseph Boot, “Der zweiköpfige Drache des Rassismus”, https://www.youtube.com/watch?v=ZQnNWTNo2NY (YouTube 3.3.2025).
- Vgl. Ezra Institute, „Answering listener questions on theonomy“, https://ezramedia.tv/answering-listener-questions-on-theonomy/.
- Vgl. Elizabeth Dias, „Inside the extreme effort to punish women for abortion“, 01.7.2022, https://www.nytimes.com/2022/07/01/us/abortion-abolitionists.html.
- Vgl. Jeff Durbin, “Stoppt Abtreibung - jetzt!“ - Jeff Durbin, https://www.youtube.com/watch?v=Fx8upCLFpR8, YouTube 22.9.2023; Vgl. Jeff Durbin, „So tötest du die Drachen im Land“, YouTube 10.3.2025, https://youtu.be/ZzlhuaZvVPA?si=erRDOCVvEs3j-3EU.
- Vgl. Apologia Studios, Tobias Riemenschneider, „The belligerent manliness of christ“, YouTube 25.3.2024, https://www.youtube.com/watch?v=TeeuWFPsGuU.
- Vgl. Pamela Brown und Jeremy Herb, „Inside one pastor’s crusade for Christian domination in the age of Trump“, 11.8.2025, https://edition.cnn.com/2025/08/07/politics/pastor-doug-wilson-christian-domination-trump; vgl. Arnd Henze, Mit Gott gegen die Demokratie – Warum der christliche Nationalismus uns alle angeht, Gütersloh 2026, 27ff.
- Vgl. Tobias Riemenschneider, „Die Frage der Kopfbedeckung“, YouTube 21.10.2018, https://www.youtube.com/watch?v=W3fi-tihiyg.
- Vgl. Tobias Riemenschneider und Peter Schild, „Der Fall Olaf Latzel-Antwort auf Michael Kotsch“, YouTube 11.8.2021, https://www.youtube.com/watch?v=4BtU95Nr4z4.
- Vgl. Martin Fritz, „Sündenpredigt oder Sünderhetze? Zu den Volksverhetzungs-Verfahren gegen den bremischen Pastor Olaf Latzel“, ZRW 85,4 (2022), 252–260 (https://tinyurl.com/5n6f9ywm).
- Vgl. Michael Kotsch / Wilfried Plock, „Eine neue Qualität unbrüderliche Kritik“, 28.1.2022, https://www.apologia.info/eine-neue-qualitaet-unbruederlicher-kritik-die-fragwuerdigen-podcasts-gegen-roger-liebi-michael-kotsch-etc-von-tobias-riemenschneider-u-peter-schild-erb-frankfurt/
- Vgl. Michael Kotsch und Wilfried Plock, „Jesus im Mittelpunkt behalten trotz Corona“, https://www.apologia.info/eine-neue-qualitaet-unbruederlicher-kritik-die-fragwuerdigen-podcasts-gegen-roger-liebi-michael-kotsch-etc-von-tobias-riemenschneider-u-peter-schild-erb-frankfurt/
- Vgl. Leonard Jäger, „Hassprediger oder Held – Wie gefährlich ist dieser Pastor wirklich“, YouTube 12.11.2025, https://www.youtube.com/watch?v=4UTX_dPGikg.
- Vgl. hierzu die ausführlichen Analysen zu den Coronastellungnahmen der ERB im Rahmen des Arbeitskreises christliche Coronahilfe, Vgl. Daniel Rudolphi, „Der Staat als ‚Tyrann‘ – Kirche und Staat im rechten Christentum. Eine Netzwerkanalyse“, ZRW 86,5 (2023), 359–375.
- Vgl. Michael Kotsch, „Warum dieses Video der ERB Frankfurt keine Hilfestellung ist“, Pro Medienmagazin, 21.12.2021, https://www.pro-medienmagazin.de/warum-dieses-video-der-erb-gemeinde-frankfurt-keine-hilfestellung-ist/
- Vgl. Hartwig/Lloyd/Riemenschneider, „The Frankfurt Declaration of Christian & Civil Liberties“, https://frankfurtdeclaration.com/. Vgl. Conversations that matter Podcast, „Tobias Riemenschneider on the Frankfurt Declaration“, YouTube 20.9.2022, https://www.youtube.com/watch?v=I_RGrgj0ggA.
- Vgl. Tobias Riemenschneider, „Wie überleben wir die nächsten Jahre“, YouTube 7.09.2023, https://www.youtube.com/watch?v=0OnuCDGDanE.
- Vgl. Deutsche Gemeindemission, „Gemeinde heute. Thementag“, https://gemeindemission.de/2-5-gemeinde-heute-thementag/.
- Siehe unten.
- Vgl. Tobias Riemenschneider, „Der Krieg um die Weltherrschaft“, YouTube, 20.11.2024, https://www.youtube.com/watch?v=FdygvoI_8XY.
- Vgl. Joseph Boot, „Der zweiköpfige Drache des Rassismus“, YouTube, 3.3.2025, https://www.youtube.com/watch?v=ZQnNWTNo2NY.
- Vgl. Jeff Durbin, „So tötest du die Drachen im Land“, YouTube, 10.3.2025, https://youtu.be/ZzlhuaZvVPA?si=erRDOCVvEs3j-3EU.
- Vgl. Luke Pierson, „Väter, verteidigt eure Häuser“, YouTube, 2.12.2024, https://www.youtube.com/watch?v=IPUWqZeP0Qw.
- Die Darstellung der Kontroverse beruht auf folgenden Quellen: Doug Wilson, „Clean Up in Aisle 7“, 29.11.2025, https://dougwils.com/books-and-culture/s7-engaging-the-culture/clean-up-in-aisle-7.html; Jon Harris, „Navigating the Riemenschneier/Webbon Controversy“, Jacob Reume, „The disappeared Riemenschneider Podcast“, 12.11.2024, https://trinitybiblechapel.ca/the-disappeared-riemenschneider-podcast/.
- Vgl. zu Corey Mahler Phil Williams, „Meet the Hitler-loving podcaster who's teaching young Christian men to hate - in the name of God“, Newschannel 5,22.7.2025, https://www.newschannel5.com/news/newschannel-5-investigates/confronting-hate/meet-the-hitler-loving-podcaster-whos-teaching-young-christian-men-to-hate-in-the-name-of-god
- Vgl. Tobias Riemenschneider / Doug Wilson / Jeff Durbin / James White / Joseph Boot, „Antioch Declaration, Antioch Declaration“, https://antiochdeclaration.com/; vgl. Mark Wingfield, „Antioch Declaration exposes a rift among neo-calvinists“, 26.11.2024, https://baptistnews.com/article/antioch-declaration-exposes-a-rift-among-neo-calvinists/.
- Vgl. Tobias Riemenschneider, „Jesus und Politik“, YouTube, 3.10.2023, https://www.youtube.com/watch?v=Z7izgH-ZETg.
- Vgl. Tobias Riemenschneider, „Alice Weidel – Kann man sie wählen?“, YouTube, 05.2.2025, https://www.youtube.com/watch?v=SdWPQhvqGDI.
- Vgl. hierzu die ausführliche Analyse von Martin Fritz, „Ein fundamentalistisches Christentum als Staatsreligion – Die ‚Christen in der AfD‘ lassen sich von Tobias Riemenschneider erbauen“, https://www.ezw-berlin.de/aktuelles/artikel/ein-fundamentalistisches-christentum-als-staatsreligion-die-christen-in-der-afd-lassen-sich-von-tobias-riemenschneider-erbauen/
- Vgl. Tobias Riemenschneider, Instagram Posting 9.12.2025, https://www.instagram.com/p/DSCTH0GDFcJ/; das Wochenmagazin IDEA vermutet etwa, dass die im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalts erwähnten „Baptisten“ nicht auf den Bund der Baptisten, sondern auf Riemenschneiders Gemeindehintergrund abziele: vgl. IDEA, „Baptisten, die AFD und öffentliche Verwirrung“, 21.2.2026, https://www.idea.de/artikel/baptisten-die-afd-und-oeffentliche-verwirrung.
- Vgl. Riemenschneider, Instagram Posting 22.1.2026, https://www.instagram.com/p/DT0X8pRjGJE/?img_index=1.
- Vgl. hierzu Martin Fritz, „Ein apokalyptisches Ereignis. Der Mord an Charlie Kirk und seine Resonanz in Deutschland“, https://www.ezw-berlin.de/aktuelles/artikel/ein-apokalyptisches-ereignis-der-mord-an-charlie-kirk-und-seine-resonanz-in-deutschland/
- Vgl. Riemenschneider, „Charlie Kirk ist tot“, Youtube, 11.9.2025, https://www.youtube.com/watch?v=cWJcMIklcEc.
- Vgl. Riemenschneider, „Charlie Kirk und die Feigheit der deutschen Pastoren“, YouTube, 6.10.2025,https://www.youtube.com/watch?v=tiHaadL_-Mw.
- Mark Driscoll, „Cowardly Pastors and Charlie Kirk“, YouTube, 16.9.2025, https://www.youtube.com/watch?v=Gf5y-SYnM0M.
- Vgl. Tobias Riemenschneider, „Was ist passiert?“, YouTube, 20.2.2026, https://www.youtube.com/watch?v=-iij79-jbUM.
- Stellungnahme auf der Startseite der Gnadenkirche: www.gnadenkirche-frankfurt.de.
- Am 27. März 2026 veröffentlichte Tobias Riemenschneider ein anderthalbstündiges Video, in dem er seine Sicht der Ereignisse noch einmal ausführlicher darlegt und anders als im ersten Video konkret Vorwürfe gegen Peter Schild erhebt. Vgl. Tobias Riemenschneider, Die ganze Wahrheit (YouTube, 27. 3. 2026). Eine vertiefte Analyse der Gemeindespaltung und des dahinterstehenden Konflikts kann im Rahmen dieses Aufsatzes jedoch nicht geleistet werden.



