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Tanztheater „Shen Yun“ auf Tournee: Neuauflage im Kampf gegen die KPC

Das chinesische Tanztheater Shen Yun ist in diesem Jahr auf Jubiläumsturnee in vielen deutschen Städten. Rüdiger Braun berichtet über die publikumswirksamen Großveranstaltungen von Falun Gong.

Rüdiger Braun
Plakat am Berliner Hbf

„Shen Yun“, die Tanzshow der 2006 in den USA gegründeten und „weltweit führenden klassischen chinesischen Tanzkompanie“ (https://de.shenyun.org/what-is-shen-yun) wird im (Jubiläums-)Jahr 2026 an 204 Orten weltweit veranstaltet. Im deutschsprachigen Raum gastiert Shen Yun, nach dem Auftakt in der Stadthalle Wien (22.-25.01.) vom 8.-10.02. in Berlin (Deutsche Oper: https://de.shenyun.com/berlin-dob/guest-performance-at-deutsche-oper-berlin), vom 4.-8.03. in Mülheim an der Ruhr (Stadthalle), vom 11.-14.03. in Bremen (Metropol Theater), vom 7.-12.04. in Füssen (Festspielhaus Neuschwanstein) sowie am 2.-24.05. in Frankfurt (Jahrhunderthalle: https://de.shenyun.com/TICKETS).


Beim Erwerb eines Tickets für das von Medien als „bezaubernd“, „atemberaubend“ und „fast überirdisch schön“ beschriebene Kulturtheater „China vor dem Kommunismus“ sollte gleichwohl mit im Blick sein: Die hinter der Tanzkompanie stehende Bewegung Falun Gong/Falun Dafa präsentiert sich selbst als spirituelle Bewegungs- bzw. Kultivierungspraxis, deren Wurzeln nach eigener Aussage „tief in die jahrtausendealte traditionelle chinesische Kultur“ reichen und die – zumeist in großen Stadtparks – ganz niederschwellig zu entspannenden Körperübungen einlädt. Was aber möchte sie mit „Shen Yun“? 


Mit „Shen Yun“ sucht Falun Gong in opulenten Bildern und Tanzeinlagen das China vor dem Kommunismus auf die Bühne zu bringen und dabei zugleich auf die seit 1999 anhaltende Verfolgung ihrer Anhänger durch die Kommunistische Partei Chinas (KPC) aufmerksam zu machen – vielleicht sogar ein Grund mehr, ein Ticket zu erwerben? Doch ist „Shen Yun“ mehr als eine alle Sinne betörende Reise ins alte China. Mit den Darbietungen des Tanz- und Orchesterensembles akquiriert Falun Gong zugleich das nötige Kleingeld, das die Bewegung für den über die eigene Fernsehanstalt New Tang Dynasty Television und die Zeitung Epoch Times lancierten Informationskrieg gegen die chinesische Regierung braucht. Insbesondere die 1999 gegründete und weltweit in über 35 Sprachen vertriebene Epoch Times hat sich, zunächst eine primär gegen die KPC gerichtete Nischenpublikation, in den letzten beiden Jahrzehnten zu einem höchst einflussreichen Akteur in der rechtspopulistischen US-Politik entwickelt: Seit 2016 steht sie mit stramm rechten Positionierungen und der Verbreitung von Verschwörungserzählungen fest an der Seite des gegenwärtigen US-Präsidenten Donald Trump, der aufgrund seines eigenen Auftretens gegenüber der KPC für nicht wenige Anhänger von Falun Dafa mittlerweile fast zu einer Erlöser- bzw. – prosaischer formuliert – Führerfigur im Kampf der Bewegung gegen das kommunistische Regime avanciert ist. In Deutschland hat sich das Online-Portal der Zeitung (Epochtimes) mit Verschwörungserzählungen – insbesondere rund um das Thema Flüchtlinge und Migration –, Desinformation und scharfer Kritik an der deutschen Regierungspolitik mittlerweile zu einem Leitmedium der Neuen Rechten entwickelt.


Nüchtern betrachtet handelt es sich bei Falun Gong (auch Falun Dafa, wörtl. „Dharma-Rad-Praktik“) entgegen der Selbstdarstellung als jahrhundertealte spirituelle Bewegung um eine 1992 von Li Honghzi (geb. 1951) aus der Taufe gehobene Bewegungspraxis, die buddhistisch grundierte Vorstellungen von Erlösung durch (Selbst-)Kultivierung mit kosmologischen Vorstellungen des Daoismus verbindet, sich aber von anderen Qigong-Schulen (qi-gong, wörtl. „Energie-Arbeit“) durch die Selbststilisierung Honghzis als lebender Buddha sowie durch eine spezifische Kosmologie und Heilslehre erheblich unterscheidet: Ethnien/Völker sind verschiedenen Göttern/Himmeln zugeordnet, sollen sich nicht untereinander mischen und bedürfen zudem der Kultivierung/Erlösung durch die von Honghzi begründete Praxis des Falun Dafa.


In diesem exklusiven Anspruch dürfte auch, neben vielem anderen, ein Grund dafür liegen, dass die 1993 offiziell durch die staatliche Qigong-Gesellschaft Chinas approbierte Bewegung im Jahr 1999, unmittelbar nach einer als regierungsfeindlich gelesenen Großdemonstration seiner Anhänger in Peking als illegale Organisation bzw. „böser Kult“ eingestuft und chinaweit verboten wurde. Falun Gong sieht sich seitdem, nunmehr vornehmlich im Ausland aktiv (insbesondere im Internet über ein weit verzweigtes Netz von Websites), in einem endzeitlichen Kampf gegen die KPC, den sie zudem nochmals apokalyptisch auflädt. Falun Gong gibt der tatsächlich alten, bereits von buddhistischen Mönchen, daoistischen Kampfkünstlern und konfuzianischen Gelehrten ausgeübten Bewegungspraxis Qigong eine ihr ursprünglich fremde apokalyptische Prägung: Sie sieht sich in einem endzeitlichen Konflikt zwischen dem „Guten“ bzw. der „Spiritualität“ (Falun Gongs) und dem „Bösen“ bzw. der „Ideologie“ (der KPC) und liest dafür seherische Schriften der Weltliteratur wie z.B. die tiefgreifende Symbolik der Johannesapokalypse als Widerspiegelungen des eigenen Kampfes gegen die KPC. Von all dem ist in der von Falun Gong großflächig plakatierten oder digital lancierten Werbung für „Shen Yun“ (dt. „Rhythmus des Kosmos“) selbst nichts zu lesen. Doch sollte derjenige, der für „Shen Yun“ ein Ticket erwirbt, zumindest wissen, dass er damit auch eine weltanschauliche Agenda, rechtspopulistische Verschwörungsnarrative und schließlich auch Falun Gongs (endzeitlichen) Kampf gegen die kommunistische Partei Chinas (KPC) mit unterstützt.

 

 

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Ansprechpartner

Foto Dr. Rüdiger BraunPD Dr. theol. Rüdiger Braun
Wissenschaftlicher Referent
Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen
Auguststraße 80
10117 Berlin