Der katholische Theologe und Leiter des Gebetshauses Augsburg, Johannes Hartl, nimmt in seinem YouTube‑Format ‚Hartls Senf‘ die ‚liberale Theologie‘ ins Visier. Von einer wirklichen Auseinandersetzung mit ihr kann jedoch keine Rede sein. Der theologische Diskurs gerät hier vielmehr zur Scheindebatte gegen selbst errichtete Pappkameraden.
„So stirbt der Glaube“ – Der katholische Influencer Johannes Hartl warnt vor der „liberalen Theologie“

„Johannes Hartl (* 17. Januar 1979 in Metten) ist ein deutscher Philosoph, römisch-katholischer Theologe, Buchautor, Referent, Webvideoproduzent und Gründer des Gebetshauses Augsburg.“1 Die Kurzcharakteristik auf Wikipedialässt beim Beschriebenen ein vielfältiges berufliches Engagement erkennen. Eines der Hauptwirkungsfelder wird dabei nur angedeutet. Johannes Hartl ist nämlich nicht nur irgendein „Webvideoproduzent“ (vulgo: YouTuber), sondern ein Großer unter den christlichen Social-Media-Playern. Mit knapp 140.000 Abonnent:innen auf seinem YouTube-Kanal und gut 120.000 Followern auf Instagram, dazu 37.000 „Freunden“ auf Facebook, hält Hartl zweifellos eine Spitzenposition unter den reichweitenstärksten christlichen Influencern. Und es kommt ihm in dieser Social-Media-Welt auch zweifellos ein Alleinstellungsmerkmal zu: Als promovierter Theologe – seine Dissertation widmet sich der theologischen Aneignung sprachphilosophischer Theorien (daher wohl auch die Wikipedia-Titulierung als „deutscher Philosoph“)2– kann Hartl als „der Intellektuelle“ unter den deutschsprachigen Christfluencer:innen gelten.
Für diesen besonderen Zuschnitt seiner Medienarbeit3 steht nicht zuletzt die YouTube-Reihe „Hartls Senf – Aktuelle Themen. Tief gedacht“. Unter dem leicht selbstironischen Titel nimmt der Theologe regelmäßig Stellung zu verschiedensten aktuellen Themen aus Politik, Gesellschaft, Kultur, Religion und Kirche. Dabei unterstreicht nicht zuletzt die Bücherwand im Hintergrund den intellektuellen Anspruch seiner Kommentare.
Ende Januar hat Hartl in der besagten YouTube-Reihe einen gut halbstündigen Beitrag über die „liberale Theologie“ veröffentlicht. Diese Themenwahl macht neugierig. Bekanntermaßen gehört Hartl selbst eher zum konservativ-christlichen Spektrum, genauer: zu einem konservativen, dabei aber neocharismatisch geprägten Katholizismus, der mitunter auch mit dem Etikett „katholikal“ (kombiniert aus „katholisch“ und „evangelikal“) gekennzeichnet wird. Die von ihm initiierten Events wie die „Mehr-Konferenz“ des Gebetshauses Augsburg sind Treffpunkte einer überkonfessionellen christlichen Szene mit neocharismatisch-evangelikalem Einschlag, die von evangelikalen4 wie von konservativ-katholischen Medien5 und sogar von katholischen Traditionalist:innen6 gefeiert oder mindestens gewürdigt werden können. Von daher erwartet man von Hartl eine primär kritische Auseinandersetzung mit der „liberalen Theologie“. Aber welche Akzente wird er setzen, welche Argumente vorbringen?
Die „liberale Theologie“ als Gegenstand konservativer Identitätsbildung
Die Erwartung einer kritischen Stellungnahme wird erst recht dadurch genährt, dass die „liberale Theologie“ und alles „Liberaltheologische“ oder „Liberalchristliche“ in konservativ-katholischen wie evangelikalen Diskursen häufig als negativer Identitätsmarker fungiert. Denn Identität braucht Abgrenzung. Und wenn man unter konservativen Christen in irgendetwas übereinkommt, dann darin, dass die „liberale Theologie“ entschieden abzulehnen sei. Gerade im Zusammenhang eines überkonfessionellen christlichen Konservativismus kann dieses Gegenbild (oder „Gegnerbild“) eine wichtige Identitätsklammer bieten. In der Ablehnung dieser modernen Fehlform von Theologie und Christentum weiß man sich verbunden, über alle konfessionellen oder frömmigkeitsstilistischen Differenzen hinweg. Man ist sich einig: Mit den „Liberalen“ halte der „Zeitgeist“ Einzug in die Theologie und mit ihm theologische „Beliebigkeit“ und religiöse Auflösung: Bibel-, Gott- und Christusvergessenheit, Relativismus, Oberflächlichkeit, Formlosigkeit und überhaupt jede Art von Unglauben – bei diesem Opponenten sieht man im Grunde alles zusammenkommen, was den Niedergang des Christentums in Deutschland ausmacht. „Liberale“ Christen seien daher gar nicht wirklich als Christen anzusehen, so heißt es mitunter, und sollten sich am besten mit einem anderen, eigenen Religionsnamen bezeichnen.7
Bemerkenswerterweise funktioniert dieses Gegenbild von „falscher Theologie“ und „verkehrtem Christentum“ auch bei denen, die kaum etwas über die fragliche theologische Strömung wissen. Was unter „liberaler Theologie“ verstanden wird, ist häufig so vage und summarisch, dass es kaum bestimmten Personen oder Personengruppen zugeordnet werden kann. Ein einziger Name aus der jüngeren Theologiegeschichte fällt regelmäßig, um zu identifizieren, wer ungefähr gemeint ist: Rudolf Bultmann (1884–1976), der Auslöser des großen Streites um die „Entmythologisierung“ der Bibel.8 Ansonsten giltals „liberale Theologie“ eben diejenige Art von theologischem Denken, deren Einfluss für die „Verzeitgeistigung“ der Kirchen – häufig sind hier wohlgemerkt die evangelische und die katholische Kirche gemeint – verantwortlich ist.
Was in den angesprochenen Diskursen als „liberale Theologie“ firmiert, hat demnach nichts mit der spezifischen Strömung des 19. Jahrhunderts zu tun, auf die der Ausdruck ursprünglich angewandt wurde. Es beschränkt sich auch nicht auf den weiteren Begriff, der sich nach dem zweiten Weltkrieg – wesentlich durch die Theologiepolitik der dominierenden „dialektischen Theologie“ – als Bezeichnung einer Richtung innerhalb der protestantischen Theologie durchgesetzt hat. Der Einschluss von katholischer Theologie und Kirche zeigt, dass der Begriff noch deutlich weiter gebraucht wird. Gemeint ist im Grunde alles, was eben nicht „konservativ“ ist, nicht „traditions“- oder „bibeltreu“, sondern irgendwie traditions- und bibelkritisch. Identität braucht Abgrenzung, dazu braucht man ein Gegenbild des Eigenen, das geeignet ist, alles Abgelehnte in sich zu versammeln.
„Amputierter Glaube“
Aber nun äußert sich Johannes Hartl über die „Liberale Theologie“, in seiner Reihe mit dem Untertitel „Aktuelle Themen. Tief gedacht“. Hier spricht nicht irgendein konservativer Influencer, sondern ein Intellektueller, ein promovierter Theologe und Philosoph – wie wird er sich zu diesem Abgrenzungsdiskurs und seinem Leitbegriff verhalten? Wie wird er, ein systematisch-theologisch und theologiegeschichtlich Gebildeter, den Begriff fassen? Welche Differenzierungen wird er vornehmen, welche Autor:innen hervorheben? Und wie wird er dabei seinem Vermittlungsanliegen nachkommen und seinem Publikum vorwiegend aus theologischen Laien die zur Debatte stehenden theologischen Grundfragen und Grundpositionen vor Augen führen?
Man klicktauf den Link und landet auf der YouTube-Seite – und sobald der Blick auf das Vorschaubild (thumbnail) des Videos fällt, stellt sich jähe Ernüchterung ein: „So stirbt der Glaube“, steht da in großen Lettern, das Wort „stirbt“ sticht in grellem Gelb hervor (daneben Hartl, sportiv-chic wie immer, in weinrotem Sakko und feuerrotem Rolli, in warnender Geste). Dieser Titel, maximal reißerisch und plump polemisch, lässt die Erwartungen auf eine interessante theologische Auseinandersetzung umgehend zusammenschrumpfen. Wer einen solchen Titel wählt, verrät seine Gesamtabsicht: Hier soll eine verkehrte und schädliche Form von Theologie theologisch diskreditiert werden.
Klickt man weiter auf „Play“, wird die Befürchtung bestätigt. Die Einführung des Referates macht sogleich deutlich: Abgesehen von ein bisschen Ethik bleibe in der liberalen Theologie „vom Glauben nicht viel übrig“ (0:38). Mit „leichter Überheblichkeit“ gegenüber weniger „aufgeklärten“, „rückständigeren“ Christen (0:53) verabschiedeten sich liberale Theologen im Glauben von allem möglichen „alten Zeug“ (1:04). Das Ergebnis aber sei ein „amputierter Glaube“ (0:23).9 Schon nach einer Minute muss allen Zuschauer:innen hinreichend klar geworden sein: Finger weg von diesem theologiechirurgischen Unternehmen!
Aufklärungsphilosophie? Aufklärungstheologie? Oder liberale Theologie?
Im Weiteren ist es nicht immer leicht, den roten Faden des Referats zu erkennen. Denn der kurzen Exposition folgen erst einmal längere Passagen, wo Hartl den „gedanklichen Wurzeln“ (1:09) der liberalen Theologie in der Aufklärung nachgeht. Das ist zwar historisch plausibel, weil die liberale „Art, Theologie zu betreiben“, irgendwie tatsächlich „aus der Aufklärung kommt“ (2:52). Ansonsten ist aber notorisch unklar, auf welche geistesgeschichtliche Größe sich Darstellung und Kritik beziehen: Aufklärungsphilosophie, Aufklärungstheologie und liberale Theologie verschwimmen miteinander.
Der Aufklärung und ihren „Grundanliegen“ (10:52) wird dabei immerhin ein gewisses geistesgeschichtliches Recht zuerkannt. Begründet wird dies mit Verweis auf den islamischen Fundamentalismus: „Wenn man das nicht versteht, möge man mal in Iran schauen oder nach Saudi-Arabien, um zu sehen, wie Religion auch aussehen kann ohne Aufklärung, also ohne kritisches Hinterfragen, ohne Autonomie des Einzelnen.“ (10:58) Der ebenso naheliegende Hinweis auf den christlichen Fundamentalismus fehlt.
Auch im Ganzen des Referats gewinnt die liberale Theologie gegenüber der Philosophie und Theologie der Aufklärung kein eigenes Profil, nicht zuletzt deshalb, weil kaum einzelne Positionen benannt oder gar beschrieben würden. Es fallen lediglich zwei einschlägige Namen aus dem 19. Jahrhundert, Albrecht Ritschl und Adolf von Harnack, zusammen mit dem Schlagwort einer ethikfokussierten Religion. (Wer solches von Harnack sagt, kann dessen „Vorlesungen über das Wesen des Christentums“ nicht gelesen haben.) Aus dem 20. Jahrhundert wird genau ein Name erwähnt: Rudolf Bultmann. Gegenwartspositionen kommen gar nicht vor, obwohl die liberale Theologie als gegenwärtige Strömung angegriffen wird.10
Hartls Bild der „liberalen Theologie“
Nimmt man, wie Hartl es tut, Aufklärung und liberale Theologie summarisch zusammen, wird von ihm – wenn auch mit überaus vagem Quellenbezug – ein überaus klares Bild gezeichnet: Initiiert von der Aufklärung tritt eine Theologie auf den Plan, die durch lauter Verluste gekennzeichnet ist: Aufgrund ihrer Offenbarungs-, Bibel- und Wunderkritik hält sie Jesus für einen „mehr oder weniger normalen Menschen“ (7:23). Sie glaubt nicht mehr an Wunder und Auferstehung, an Sünde, Hölle und Sühnetod, an Teufel, Engel und Dämonen. Außerdem lehnt sie die biblisch-traditionelle Sexualmoral ab und auch den Alleingeltungsanspruch des Christentums. Übrig bleibt nach Hartl nicht viel mehr als „existenzielle Betroffenheit“ (8:06) und die Aufforderung zu „ethischem Handeln“ (8:19) – und damit eine „banalisierte Form von Religion“ (11:32) mit einem „zahnlosen Gott“ (11:39), einer „banalisierten Form von Erlösung“ (13:50) und ganz viel „Relativismus“ (7:35; 14:50).
Trifft dieses Bild etwas Substanzielles, das liberaltheologische Positionen verbindet? Das ist schwer zu beurteilen, weil es kaum konkrete Bezüge gibt. Nur so viel lässt sich sagen: Ja, vieles an einschlägigen Theologien ist kritikwürdig. Auch manch „Banales“ findet sich – so wie in anderen Theologien auch. Aber man sollte es sich mit der Kritik nicht zu leicht machen. Sonst fällt der Vorwurf der Banalität auf den Kritiker selbst zurück. Er erweckt sonst den Eindruck, bloß einen „Strohmann“ zu basteln, um für die eigene Position den Anschein von Tiefe zu erzeugen. Solche freihändigen Kontrastverfahren nutzen weder Theologie noch Christentum, sondern lediglich den Abgrenzungs- und Selbstbestätigungsbedürfnissen einer bestimmten christlichen „Szene“.
Probleme der Feindbildkonstruktion
Hartls Bild der liberalen Theologie erweist sich als wenig originell. Es werden die geläufigen Klischees wiederholt, die schon lange im Umlauf sind.11 Nähere Kenntnisse einschlägiger Theologien sind dafür nicht nötig und bei Hartl auch nicht erkennbar. Und die Konstruktion des einheitlichen Bildes fordert einige historische und sachliche Gewaltsamkeiten, die das Resultat wenig seriös erscheinen lassen.
So erhebt der katholische Theologe gegenüber Aufklärung/liberaler Theologie zwei klassische Vorwürfe: Er kritisiert einerseits ihren Rationalismus, der wenig Sinn für Intuition und Emotion übriglasse, andererseits einen Ethizismus, d.h. die Fokussierung nicht auf Spiritualität, sondern auf „ethisches Handeln“. Theologiegeschichtlich einigermaßen Bewanderte werden sich dabei die Augen reiben. Denn just einer der Klassiker der liberalen Theologie, Friedrich Schleiermacher, hat in seinen Reden über die Religion (1799) herausgestellt: Religion ist im Ursprung weder Wissen („Rationalismus“) noch Handeln („Ethizismus“), sondern Gefühl. Tatsächlich kommt Schleiermacher bei Hartl auch vor, aber an anderer Stelle: Er wird dafür kritisiert, dass es ihm zufolge bei der Religion nicht mehr um „geoffenbarte Wahrheit“ gehe, sondern um „Gefühligkeit“ (7:46). Was dort vermisst wird, wird hier bemängelt – wie Hartl beides zusammenbringt, bleibt sein Geheimnis.
Relativismus und Ideologieanfälligkeit
Wie bereits angesprochen, erblickt Hartl ein typisch liberaltheologisches Problem in ihrem „Religionsrelativismus“, d.h. in der Haltung, für keine Religion den „Anspruch“ gelten zu lassen, „tatsächlich der Weg zu Gott zu sein“ (7:36). Die gefährliche Folge: Man könne den eigenen Glauben nicht mehr ungebrochen bejahen. Hartl führt für diese Position Lessings Ringparabel an. Aber er hat das berühmte Gleichnis offenbar nicht richtig verstanden. Nach Lessing lässt sich nicht herausfinden, wer den echten Ring besitzt. Damit ist aber nicht etwa gesagt, dass es „nicht die eine wahre Religion gibt“ (so Hartl), sondern dass sich religiöse Wahrheitsansprüche nicht objektiv erhärten lassen. Diese Einsicht ist schlagend. Wie man trotzdem authentisch glauben kann, ist eine der wichtigen Fragen der liberalen Theologie. Hartl pocht stattdessen einfach darauf, dass religiöse Wahrheitsansprüche unverzichtbar seien – und weicht dem Problem damit aus.
Ferner darf natürlich auch die These einer besonderen Ideologieanfälligkeit der liberalen Theologie nicht fehlen. Belegt wird das von Hartl mit einer NS-Offenheit in den 1930er Jahren. Doch so eindeutig liegen die Dinge historisch nicht – wie allein ein Blick auf die protestantische Theologie der Zeit offenlegt. Zwar gab es tatsächlich „liberale“ Theologen (wenn man den Begriff sehr weit nimmt), die glühende Nazis waren (z.B. Emanuel Hirsch). Aber auch theologischer Antiliberalismus machte keineswegs NS-immun (Werner Elert, Friedrich Gogarten, Otto Weber u.a.). Vielmehr zeigten viele Antiliberale eine Neigung zu staatlichem Autoritarismus und eine entsprechende Distanz zur Demokratie, während sich viele Liberale aktiv für die Weimarer Republik einsetzten (z.B. Friedrich Naumann und Ernst Troeltsch). Im Übrigen hätte auch ein Blick auf gegenwärtige Tendenzen im US-Christentum zu einer differenzierteren Sicht der Problematik führen können: Offenbar ist auch ein dezidiert traditions- und/oder bibeltreues Christentum gegenüber politischen Ideologien nicht gefeit.
Das ambivalente Verhältnis zum kritischen Verstand
Am Ende seines Referates kommt Hartl zur „Wurzel des Problems“ (33:12) der liberalen Theologie: kritischer Verstand und Zweifel. Dabei wird er seltsam zweideutig. Einerseits bejaht er Verstand, Kritik und Zweifel ausdrücklich (34:22). Andererseits disqualifiziert er sie aufs Schärfste. Denn er identifiziert die Stimme des Zweifels – ein sehr beliebter Move in der evangelikalen Apologetik – mit der „Stimme der Schlange“ bzw. „des Teufels“ in Gen 3,1 („Sollte Gott gesagt haben…?“; 33:34). Und führt den Zweifel auf den egoistischen Willen zurück, zu tun, „was mir heute in den Kram passt“, ohne mich dem Willen Gottes „unterzuordnen“ und zu „unterwerfen“ (33:58). Glaube wird im Letzten zu einer Sache des gehorsamen Willens, sich der Wahrheit Gottes „nicht zu verschließen“ (34:33). Das soll wohl heißen: Der Gehorsam muss am Ende auch den Verstand zum Schweigen bringen. Das Hören auf seine kritischen Einwände kann im Glauben allenfalls ein Zwischenspiel sein.
Das Vermittlungsanliegen der liberalen Theologie
Auch wenn er die Aufklärung pauschal würdigt, lässt Hartl insgesamt wenig Verständnis für das zentrale religiöse Anliegen der liberalen Theologie erkennen: die Versöhnung von Glauben und intellektueller Wahrhaftigkeit. Liberale Theolog:innen sind der Überzeugung: Es muss auch unter den weltanschaulichen Bedingungen der Gegenwart möglich bleiben, mit gutem Wahrheitsgewissen Christ zu sein. Daher müssen wir das Christentum in einer Weise zu begreifen suchen, die an die Tradition anschließt, die es aber zugleich Menschen plausibel macht, die ihren kritischen Verstand nicht auszuschalten in der Lage sind. Weil es sonst zu einer Sache für wenige wird, die kein Problem damit haben, sich gegenüber dem „Zeitgeist“ von heute zu verschließen – und sich dem Geist vergangener Zeiten zu unterwerfen.
Das Programm einer solchen liberalen Theologie hat der erwähnte Friedrich Schleiermacher treffend auf den Punkt gebracht:12 Sie muss das Wesentliche des Christentums, das, worauf es wirklich ankommt im Glauben, immer wieder neu für die eigene Gegenwart beschreiben und dabei zwischen Tradition und Gegenwart vermitteln. Sie muss im Zuge dessen auch manches, was Christen früher als „wesentlich“ erschien, als etwas Unmaßgebliches an den Rand schieben oder sich davon verabschieden. Sollte das Christentum zum Beispiel mit dem Fürwahrhalten der Jungfrauengeburt Jesu stehen und fallen? Dann würde es für viele Zeitgenossen von vornherein obsolet. Man kann aber diese Frage getrost offenlassen und damit an der Peripherie des Christlichen verorten, weil der Kern des Glaubens davon unberührt bleibt.
Verlust oder Gewinn?
Tatsächlich gehört es also zu einer „liberaltheologischen“ Haltung, Elemente des traditionellen Christentums zu relativieren oder auch zu negieren, weil sie für Zeitgenossen zu einer unübersteigbaren Glaubenshürde geworden sind (oder zu werden drohen). So erklärt sich das Bild, das Hartl von der liberalen Theologie zeichnet: Aus der Sicht eines konservativ-traditionalistischen Christentums bringt sie nichts als Verlust, Relativierung und Banalisierung. Sie greift an, was auf diesem Standpunkt für das Wesentliche am christlichen Glauben gehalten wird.
Es gibt aber auch eine andere Sicht. Demnach gelingt es der liberalen Theologie, den Glauben für Menschen offenzuhalten, denen manche Vorstellungen des überlieferten Christentums den Zugang verstellen oder das Gewissen beschweren. Auch wenn der Gedanke für Theologen wie Hartl eine Zumutung ist: Nicht wenige Christen (m/w/d) sagen von sich, dass sie nur dank der liberalen Theologie an ihrem Glauben festhalten konnten. Für sie immerhin bedeutet diese unbefangene Art von Theologie nicht Relativierung, sondern Rettung; nicht Banalisierung, sondern Befreiung; nicht Verlust, sondern großen Gewinn. Erst wenn diese Seite ernsthaft mit in Betracht gezogen wird, kann die kritische Auseinandersetzung mit dieser Richtung der gegenwärtigen Theologie adäquat und ausreichend differenziert ausfallen – in einer Weise, die über den ritualisierten Kampf gegen „Pappkameraden“ hinausführt.
Martin Fritz, 05.02.2026
Links:
Johannes Hartl, Liberale Theologie: aufgeklärt – oder geistlich leer?, YouTube, 23.1.2026, https://www.youtube.com/watch?v=yszRx2kEPVc
Art. „Johannes Hartl“, wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Hartl
Martin Fritz, Neues Stichwort „Liberale Theologie“, ezw-berlin.de, 1.7.2024, https://www.ezw-berlin.de/aktuelles/artikel/neues-stichwort-liberale-theologie/ (dort auch weitere Literatur)
Martin Fritz, „So stirbt die theologische Seriosität… Zu Johannes Hartls „Senf“ über die Liberale Theologie, Instagram (@ezw.berlin @pfrdrfritz), 3.2.2026, https://www.instagram.com/p/DUTNEGvDQhh/?img_index=1
Literatur:
Ulrich Barth, Symbole des Christentums. Berliner Dogmatikvorlesung, hg. v. Friedemann Steck, Tübingen: Mohr Siebeck 2021
Martin Fritz, Liberale Theologie, in: Zeitschrift für Religion und Weltanschauung 87/5 (2024), 395–407 (https://tinyurl.com/3p83u9za)
Martin Fritz, Schleiermachers Idee theologischer Bildung, in: Arnulf von Scheliha/Jörg Dierken (Hg.): Der Mensch und seine Seele. Bildung – Frömmigkeit – Ästhetik. Akten des Internationalen Kongresses der Schleiermacher-Gesellschaft in Münster, September 2015 (SchlA 26), Berlin/Boston: de Gruyter 2017, 165–182 (https://tinyurl.com/4nkzpjd9).
Anmerkungen
- Art. „Johannes Hartl“, wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Hartl.
- Seine Dissertation im Fach Systematische Theologie trägt den Titel „Metaphorische Theologie: Grammatik, Pragmatik und Wahrheitsgehalt religiöser Sprache. Studien zur systematischen Theologie und Ethik“ und ist 2008 (22021) im Münsteraner Lit-Verlag erschienen.
- Zu Hartls Medienarbeit gehören auch Interviews in Formaten anderer Produzenten. In jüngerer und jüngster Zeit haben einige solche Interviews in der Social-Media-Öffentlichkeit Irritationen hinsichtlich Hartls politischer Gesinnung bzw. seines politischen Verantwortungsbewusstseins ausgelöst. So ließen die Auftritte im Podcast „Ben ungeskriptet“ (Folge 236: Warum du ohne Glauben nicht leben kannst, 18.10.2025) sowie beim Alternativmedium „Nius“ (Philosoph Johannes Hartl: „Wir sind als Gesellschaft wirklich in Gefahr, Abschied von der Realität zu nehmen“, 27.1.2026, https://nius.de/schuler!-fragen,-was-ist/news/philosoph-johannes-hartl-gesellschaft-abschied-von-realitaet) bei vielen die Frage aufkommen, ob in ihnen bei Hartl eine Nähe zum politischen Rechtspopulismus zum Ausdruck komme oder ob er mangels Abstandswahrung zu den betreffenden Medien – womöglich unwillentlich, also aus Naivität – zumindest zur Aufwertung eines derartigen Kulturkampfunternehmertums beitrage. Hartl hat dazu bislang m.W. nicht ausführlicher öffentlich Stellung genommen.
- Vgl. „‚Mehr‘-Konferenz überwindet konfessionelle Gräben“, idea.de, 7.1.2026, https://www.idea.de/spektrum/mehr-konferenz-ueberwindet-konfessionelle-graeben.
- Vgl. „Mehr-Konferenz: Gemeinsam auf Jesus fokussieren“, die-tagespost.de, 7.1.2026, https://www.die-tagespost.de/kirche/aktuell/gemeinsam-auf-jesus-fokussieren-art-270864.
- Vgl. Ellen Kositza, „The Sound Of Joy – bitte?“, Sezession, 6.1.2026, https://sezession.de/70574/the-sound-of-joy-bitte. Kositza gehört zum Autorenkreis der „Sezession“, einem zentralen Organ der Neuen Rechten in Deutschland, und ist mit deren Herausgeber Götz Kubitschek verheiratet.
- Vgl. Martin Fritz, „‚In Zeiten wie diesen‘. Theologische Beobachtungen zum evangelikalen Erfolgspodcast von J. Highholder und J. Neubauer“, Teil 3, ezw-berlin.de, Dezember 2024, https://www.ezw-berlin.de/aktuelles/artikel/in-zeiten-wie-diesen-teil-3.
- Bultmann hatte bis zum Ende etwa der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts signifikanten Einfluss auf die protestantische Exegese. In der Systematischen Theologie schwand seine Bedeutung schneller. Abgesehen von der lokalen Klassikerpflege in der Marburger Rudolf-Bultmann-Gesellschaft wird er im Grunde nur noch als Protagonist der Theologiegeschichte behandelt – echte „Bultmannianer“ wird man derzeit in der akademischen Theologie kaum mehr finden.
- In den Kommentaren zum Instagram-Post des Verf. wurde darauf hingewiesen, dass in dieser Metapher eine Abwertung von Behinderung transportiert wird, die den christlichen Grundwerten widerspreche; vgl. Martin Fritz, „So stirbt die theologische Seriosität… Zu Johannes Hartls „Senf“ über die Liberale Theologie, Instagram (@ezw.berlin @pfrdrfritz), 3.2.2026, https://www.instagram.com/p/DUTNEGvDQhh/?img_index=1.
- Für alle Interessierten sei hier einer der gewichtigsten liberaltheologischen Entwürfe der Gegenwart genannt: Ulrich Barth, Symbole des Christentums. Berliner Dogmatikvorlesung, hg. v. Friedemann Steck, Tübingen: Mohr Siebeck 2021.
- Eine der wichtigsten Quellen für die verbreiteten Stereotypen innerhalb der evangelischen Theologie ist die einstmals sehr verbreitete Theologiegeschichtsdarstellung vonKarl Barth, Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert. Ihre Vorgeschichte und ihre Geschichte, Zürich: Evangelischer Verlag 1947.
- Siehe dazu Martin Fritz, „Schleiermachers Idee theologischer Bildung“, in: Arnulf von Scheliha/Jörg Dierken (Hg.): Der Mensch und seine Seele. Bildung – Frömmigkeit – Ästhetik. Akten des Internationalen Kongresses der Schleiermacher-Gesellschaft in Münster, September 2015 (SchlA 26), Berlin/Boston: de Gruyter 2017, 165–182 (https://tinyurl.com/4nkzpjd9).
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