Mormonen

Zwischen Weltmission und Wertesehnsucht. Jugendliche entdecken Stephenie Meyers Bis(s)-Romane

Seit 2006 ist Stephenie Meyers Liebesroman „Bis(s) zum Morgengrauen“ (Originaltitel: „Twilight“) in deutschen Buchläden erhältlich. Die Geschichte um den Vampir Edward Cullen und die Highschool-Schülerin Bella Swan ist ein Welterfolg, der sich bisher schon über 42 Millionen Mal verkauft hat. Der Filmstart von „Twilight“ brachte am Premierenwochenende (November 2008) 280 Millionen US-Dollar in die Kinokassen. Mittlerweile erobern die vier Bis(s)-Bände (www.bella-und-edward.de) auch hierzulande die Bestsellerlisten. Allein in Deutschland sind rund 360 Fanclubs entstanden.

In ihren Büchern erzählt die 34-jährige Amerikanerin, die als aktives Mitglied der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (Mormonen) mit ihrem Mann und drei Kindern in Arizona lebt, dass die perfekte Liebe vor allem enthaltsam ist. Auf ihrer Website (www.stepheniemeyer.com) findet man den Hinweis, dass ihr Glaube großen Einfluss auf ihr Leben und Schreiben hat. Es stellt sich schnell die Frage, ob die Bis(s)-Bestseller, die deutliche Parallelelen zu mormonischen Glaubensinhalten aufweisen, als bewusstes Missionsmittel angesehen werden können. Die Mormonen verfügen über ein herausragendes mediales Angebot an Filmen, Spielen, Magazinen und Büchern, mit denen Glaubensinhalte vermittelt werden. Da bei einem bekannten mormonischen Online-Anbieter die Twilight-Saga in der Kategorie „Young Adult / Fiction“ auftaucht, kann wohl angenommen werden, dass die Liebesgeschichte mormonische Grundsätze vorbildlich transportiert. Die wohl auffälligste Parallele ist die sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe. Diese Thematik greift Meyer auf und verpackt ihre Sicht der Dinge elegant. Sie schafft eine Konstellation, die den Geschlechtsverkehr zwischen Bella und Edward unmöglich macht. Der Liebesakt, in dem Edwards Vampirkräfte für Bella lebensgefährlich wären, wird als Kontrollverlust dargestellt.

Um Edward näher sein zu können, entscheidet sich Bella schließlich, auch ein Vampir zu werden. Durch eine gefährliche Verwandlung, bei der die naive Bella der Sterblichkeit entsagt, kann sie ihren Traum verwirklichen. Die Bedingung ist jedoch, dass Edward und Bella heiraten und sie ein Studium beginnt. Damit ist in dem Buch eine weitere Besonderheit der Mormonen verankert: die Notwendigkeit der Heirat für ein vollwertiges Leben. Viele Rezensionen greifen dies kritisch auf und beschreiben die Protagonistin als unemanzipatorisch. Meyer wehrt sich auf ihrer Website gegen den Vorwurf. Feminismus definiert sie als „Möglichkeit zur Selbstverwirklichung“ und erklärt, dass Bella sich bewusst für Liebe und Selbstaufgabe entscheidet.

Wer noch etwas genauer sucht, findet in den Bis(s)-Werken weitere mormonische Glaubensinhalte. Doch es sollte nicht aus dem Blick geraten, dass bestimmte Lebenskonzepte (zum Beispiel die Heirat oder die große Bedeutung der Familie) nicht nur mormonisch verankert sind, sondern genauso gut zum Christentum gehören. Ist es nicht auch möglich, dass Meyer, tief verwurzelt in mormonischen Glaubens- und Gedankenmustern, intuitiv und wie selbstverständlich die eigenen Wertmaßstäbe literarisch umsetzt, ohne dabei bewusst ein missionarisches Anliegen zu verfolgen?

Fest steht: Meyers erfolgreicher Fantasy-Liebes-Mix um Edward und Bella löst bei der Leserschaft Begeisterung aus. Besonders junge Mädchen, Teil einer Generation, die sich von dem unübersichtlichen Angebot der Lebens- und Identitätswelten oft überfordert fühlt, kommen hier mit Werten in Berührung, die Tragfähigkeit und Dauer versprechen – und auch christlicher Natur sind. Möglicherweise findet vor allem der Wunsch nach Halt und Orientierung Ausdruck in der Begeisterung für Meyers fiktive Zeilen – nicht mehr und nicht weniger – und das ist kein schlechtes Zeichen. Die Jugendlichen glauben auf einmal wieder an die eine große Liebe.

Man kann nicht ausschließen, dass Meyer missionarisch wirken möchte. Doch wer festen Halt in seinem Glauben findet, die damit verbundenen Grundsätze und Werte als richtig erachtet, wird sich beim Erfinden einer fiktiven Erzählung kaum davon distanzieren. Warum auch? Ob die Parallelen zum Mormonentum bewusster, gezielter Natur sind, kann deshalb nicht geklärt werden. Wer weiterhin den Vorwurf des Missionsversuches erheben möchte, dem sei er gestattet. Zugeben muss man aber vor allem eins: Es ist ein lesbarer.


Laura Tiziana Corallo, Hannover