Michael Utsch

Wie christlich ist die Transpersonale Psychologie?

Ken Wilber, ein einflussreicher Vertreter der Transpersonalen Psychologie, ist ein beeindruckender Vielschreiber – und kluger Marketingchef seiner eigenen Gedanken.1 Wilber hat bisher etwa 20 Bücher veröffentlicht, die in 30 Sprachen übersetzt wurden. Der autodidaktische Philosoph gilt als einer der am meisten gelesenen und übersetzten akademischen Autoren in den USA. Die meisten seiner Werke sind auch in deutscher Sprache erschienen. Die Publikationen des heute 57-Jährigen reichen von seinem frühen New-Age-Buch „Halbzeit der Evolution“ (dt. 1984), das den Weg des Menschen vom „animalischen bis zum kosmischen Bewusstsein“ nachzeichnet, bis zu seinem 880-seitigen Hauptwerk „Eros, Kosmos, Logos“ (dt. 1996). Diese Kosmo- und Anthropologie versucht, Einsichten östlicher Weisheitslehren und westliche Naturwissenschaften zu bündeln und zu integrieren. Deshalb werden die Grenzen zwischen verschiedenen Wissenschaftszweigen bewusst überschritten. Das Buch behandelt vornehmlich Teile der Physik, Biologie, Soziologie, Psychologie und Wissenschaftsgeschichte. Darüber hinaus fließen aber auch religiöse und esoterische Gedanken ein. Wilbers Ziel ist es, miteinander konkurrierende Denksysteme zu versöhnen und eine übergeordnete „Theorie von allem“ zu schaffen. Seinen Kritikern unterstellt Wilber mangelnde Einsichtsfähigkeit aufgrund ihrer gar nicht oder nur in geringem Maße geübten spirituellen Praxis.2

Große öffentliche Resonanz erhielten seine einfühlsame Beschreibung der Sterbebegleitung seiner krebskranken Frau und die Veröffentlichung eines spirituellen Tagebuchs.3 Inhaltlicher Schwerpunkt der Arbeiten Wilbers, der die wichtigsten Impulse nach eigenen Angaben primär aus seiner zen-buddhistischen Meditationspraxis bezieht, ist der Entwurf einer „Integralen Psychologie“.4 Wenn die Psychologie die Seele in ihrer Totalität begreifen will, dann muss sie, so Wilber, über den Streit divergierender Schulrichtungen hinauswachsen. Das von ihm entwickelte Modell könne dies leisten, weil es die Erkenntnisse und Forschungsergebnisse aller Schulen der Wissenschaft von der Psyche – von Ost bis West, vom Altertum bis in die Neuzeit – im umfassenden Bild einer integralen Psychologie vereine.

Bei aller Theorie wird Wilber nicht müde, immer wieder die Bedeutung der spirituellen Praxis zu betonen. So wirbt aktuell ein „Starter Kit“ mit dem Slogan: „Theorie verstanden? Nun lebe sie!“5 Es geht also vornehmlich darum, die persönliche Alltagsgestaltung nach integralen Werten und Strategien vorzunehmen. Für 199 Dollar können fünf DVDs, zwei CDs, drei Bücher, Poster, Arbeitshilfen und noch mehr als komplettes Programm erworben werden, um „den Körper, das Denken und den Geist im eigenen Selbst, der Kultur und Natur zu transformieren“.

Um die Seele „integral“ zu erfassen, hat Wilber komplexe Modelle zwischen der individuellen Bewusstseinsentwicklung und anderen Bereichen hergestellt. Dazu hat er auch neue Begriffe kreiert – Wilberianer kennen sich bestens aus mit Quadranten, Level, Linien, Ebenen, Stufen und Bereichen. Man könnte Wilber als einen Systemfanatiker bezeichnen – selbst sein publizistisches Schaffen teilt er in bisher fünf Phasen ein (Wilber I-V). Deutet sich mit der Ankündigung eines neuen Werkes nun ein weiterer Entwicklungsschritt an? Der Erscheinungstermin seines neuen Buches „Integral Spirituality“ wird vom Verlag für den 30. November 2006 in Aussicht gestellt. Aber schon jetzt kursieren PDF-Manuskripte rund um den Globus, die auf das Buch neugierig machen sollen – bei Internet-Buchhändlern sind sogar schon deutschsprachige Rezensionen zu finden! Das „Integral Institute“, als Weiterbildungsstätte und Netzwerkknoten des integralen Systemansatzes von Wilber persönlich geleitet, gestattet es darüber hinaus Besuchern ihrer Internet-Präsenz, schon vorab ein Kapitel der kommenden Neuerscheinung herunterzuladen.6 In einem Interview einer spirituellen Szene-Zeitschrift kann man lesen: „Wilber, der bekannteste Bewusstseins-Philosoph der heutigen Zeit, war bisher vorrangig dem monistischen Ansatz verpflichtet, den er aus der Advaita-Tradition Indiens sowie dem Buddhismus übernommen hat. In seinem im Herbst erscheinenden neuen Buch macht er nun eine spektakuläre Hinwendung zum Gott als dem grundsätzlich Anderen, dem man sich hingibt und durch dessen Gnade man Erlösung erfahren kann. Dieses personale Gottesbild, dass vor allem dem Christentum, Judentum und dem Islam zugrunde liegt, hebt Wilbers Werk auf eine ganz neue Stufe von Komplexität.“ Diese Behauptung kann ohne die Lektüre des noch unveröffentlichten Buches nicht beurteilt werden. Allerdings würde eine echte Anerkenntnis des Geheimnisses und der Wirklichkeit Gottes als personales Gegenüber zentralen Grundlagen von Wilbers System widersprechen, so dass diese Ankündigung eher wie eine weitere Werbemaßnahme im randchristlichen Milieu wirkt.

Wilbers Absicht, seine Leser bei der Höherentwicklung ihres Bewusstseins zu begleiten, steht in Konkurrenz zur traditionellen seelsorgerlich-geistlichen Begleitung („spiritual direction“), die ein fester Bestandteil nahezu aller religiösen Traditionen ist und auch im Christentum fest verwurzelt ist. Ein transreligiöser, „integraler“ Ansatz spiritueller Weiterentwicklung ist kritisch daraufhin zu hinterfragen, wie eine inhaltlich offene und weltanschaulich unbestimmte spirituelle Begleitung aussehen soll. Der Mystik-Experte Josef Sudbrack hält dieser universalisierenden Sichtweise vor: „Es widerspricht dem Reflexionsstand heutiger Wissenschaft und schlägt dem Mystiker, der sein Innerstes darin findet, ins Gesicht, wenn man einen kalten, so genannten ‚objektiven‘ Begriff von Mystik konstruiert und die ‚subjektive‘ Individualität der Mystiker darin aufgehen lässt. (...) Es gibt keine ‚reine‘ Erfahrung (...). Je näher man der existentiellen Erfahrung kommt, desto mehr spielt die persönliche Weltanschauung (...) eine Rolle“.7

Transpersonal meint „das Persönliche überschreitend“ oder „jenseits der Person“. Diesem Ansatz liegt eine a-personale Seelenlehre zugrunde. Wilber hat den Versuch unternommen, ein klar umrissenes weltanschauliches Konzept asiatischer Herkunft mit wissenschaftlichen Methoden und Kriterien der empirischen Sozialwissenschaft zu verbinden. Diese Voraussetzungen werden jedoch nicht hinreichend reflektiert. Im asiatischen Denken wird die Individualseele mit einem universellen, unsterblichen Weltgeist gleichgesetzt – „Atman ist identisch mit Brahman“. Streng genommen enthält der zusammengesetzte Begriff der Transpersonalen Psychologie einen Widerspruch: Wie soll mit seelenkundlichen Methoden etwas erforscht werden, was sich jenseits der Seele befindet?

Ein amerikanischer Religionsphilosoph hat der Transpersonalen Psychologie in grundsätzlichen Punkten widersprochen.8 Auf welcher Grundlage könne Wilber eine Erfahrung des gesamten Kosmos interpretieren, wenn doch auch die Möglichkeit bestünde, dass Gott außerhalb des geschaffenen Kosmos existiere? Ob es eine Wirklichkeit jenseits der materiellen und spirituellen Welt gebe, könne weder bewiesen noch widerlegt werden. Wilber hingegen setze voraus, dass über den Bereich des nondualen Kosmos hinaus die Wirklichkeit aufhöre. Er werte theistisch-dualistische Positionen ab, die von der Begegnung mit einem transzendenten Gott – also einem Wesen außerhalb des nondualen Kosmos – berichten. Auf welcher erkenntnistheoretischen Grundlage, so fragt Adams, sei eine solche spirituelle Erfahrung in Wilbers Augen weniger wertvoll als eine Erfahrung der Nondualität? In Wilbers Modell rangiere der Theismus auf dem „mythischen“ Niveau der Bewusstseinsentwicklung und befinde sich damit um einige Stufen niedriger als der nonduale Wahrnehmungsmodus. Weiterhin bemängelt Adams, dass Wilber eine willkürliche Quellenwahl getroffen hat, indem er ständig auf die nonduale Vedanta-Tradition von Shankara Bezug nehme. Er ignoriere dualistische Traditionen im Christentum und Hinduismus, die ebenfalls einflussreich seien, aber nicht in sein Denkmodell passen.

Kürzlich hat Harald Walach, der selber an der englischen Universität Northampton einen postgraduierten Studiengang in Transpersonaler Psychologie und Bewusstseinsstudien anbietet,9 in einem Aufsatz wichtige Kritikpunkte an Wilbers System zusammengefasst. Er konstatiert, dass die Perspektive der Transpersonalen Psychologie in den letzten Jahren in der internationalen Forschung und Praxis zunehmend an Bedeutung gewinnt.10 Ähnlich wie Adams wirft Walach diesem Ansatz idealistische Systemspekulationen vor, die den einzelnen sprachlichen und kulturellen Horizont zu wenig berücksichtigten. Man könne die „naive Hochschätzung östlicher Kulturen und deren vermeintliche Überlegenheit gegenüber westlichen Kulturen“ in der Transpersonalen Psychologie nur mit Verwunderung zur Kenntnis nehmen. Dass ein kontemplatives Wissen den gleichen epistemologischen Status wie naturwissenschaftliche Erkenntnis habe, hält Walach für einen Kategorienfehler und einen folgenschweren Irrtum.

Ohne Zweifel gibt es Gemeinsamkeiten zwischen der Transpersonalen Psychologie und dem christlichen Glauben, die an anderer Stelle näher ausgeführt worden sind.11 So entspricht die folgende Beschreibung eines Karmelitermönchs ganz der transpersonalen Sichtweise: „In einer mystischen Erfahrung dringt eine tiefe Schicht der Wirklichkeit in das Bewusstsein ein. Eine Wirklichkeit, die immer da war, die man aber nicht gewahrte, deren man sich nicht bewusst war (...). Sie durchbricht die Grenze des wachen Bewusstseins. In diesem Sinn wird Mystik auch ‚Bewusstseinserweiterung‘ genannt“.12 Dennoch sind unüberwindbare Gegensätze offensichtlich, die der Fähigkeit der „Unterscheidung der Geister“ bedürfen, um nicht Seelisches mit Geistlichem zu verwechseln und Psychologie und Spiritualität naiv miteinander zu vermischen. Es bleibt spannend, diesen Klärungsprozess weiter zu verfolgen.


Michael Utsch


Anmerkungen

1 Vgl. www.kenwilber.com.

2 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Ken_Wilber.

3 Mut und Gnade (1996), Einfach „das“ (2001).

4 Deutsche Ausgabe Freiamt 2001.

5 Vgl. www.myILP.com.

6 „Got the theory? Now get a life!” – vgl. www.integralspirituality.org.

7 Josef Sudbrack, Mystik. Sinnsuche und die Erfahrung des Absoluten, Darmstadt 2002, 47.

8 George Adams, A Theistic Perspective on Ken Wilber’s Transpersonal Psychology, Journal of Contemporary Religion 17/2 (2002), 165-179. Die Einladung der Herausgeber dieser renommierten religionswissenschaftlichen Zeitschrift, auf Adams’ Kritik zu reagieren, hat Wilber nicht angenommen.

9 Vgl. http://www.northampton.ac.uk/courses/postgraduate/detail/?id=0286

10 Harald Walach, Transpersonale Psychologie – Psychologie des Bewusstseins: Chancen und Probleme, Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie 55 (2005), 1-11.

11 Michael Utsch, Transpersonale Psychologie und christlicher Glaube: Gemeinsames und Trennendes, in: ders., Johannes Fischer (Hg.), Im Dialog über die Seele, Münster 2003, 153-164.

12 Bruno Borchert, Mystik. Phänomene, Geschichte, neue Wege, Königstein 1994 (niederl. Original 1989), 11.