Martin Anlauf

„Welcome Home“

Eindrücke von der Berliner Hillsong-Gemeinde

 

Schauplatz 1: Lobpreiskonzert

Alexanderplatz, 8. September 2018, 20 Uhr: Auf dem Berliner Alexanderplatz findet das fünfte „Berliner Fest der Kirchen“ statt, organisiert vom Ökumenischen Rat Berlin-Brandenburg. Um 20 Uhr erlebt es in einem Lobpreiskonzert mit der Band der Berliner Hillsong-Gemeinde seinen Abschluss. Während also die zahlreichen Ausstellungsstände schließen und die Dämmerung hereinbricht, wird die Hauptbühne Schauplatz eines mittleren Spektakels. Eine kurze Begrüßung, dann legen die etwa zwölf Musikerinnen und Musiker los, bunte Lichter zucken über die Bühne, die Nebelmaschine verbreitet weißen Dunst. Das „Fest-der-Kirchen“-Banner ist in diesem Tumult nicht mehr leicht zu erkennen. Da außerdem die Liedtexte fast ausschließlich auf Englisch und nicht immer gut zu verstehen sind und der Stil kaum von säkularer Musik zu unterscheiden ist, könnte man sich zunächst tatsächlich auf einem normalen Popkonzert wähnen.

Das Musikteam auf der Bühne springt ausgelassen umher, hebt in typisch charismatischer Anbetungshaltung die Arme und animiert das Publikum zum Klatschen, Tanzen und Mitsingen. Vorne an der Bühne sammelt sich der „harte Kern“, hier wird am wildesten getanzt und am lautesten gejubelt. Einige filmen mit ihren Smartphones. Insgesamt besteht das Publikum wohl aus 500 bis 1000 Menschen, ist vorwiegend zwischen 15 und 30 Jahren alt und ethnisch bunt gemischt, zum Großteil aber doch ohne sichtbaren Migrationshintergrund.

Die Lieder sind vorwiegend sehr jung, viele stammen aus der Feder von Hillsong-Songwritern. Inhaltlich sind sie einfach gestrickt. Schlüsselworte sind u. a. „Liebe“ und „Freiheit“, die meisten sind in der Ich-Du-Perspektive zwischen Mensch und Gott bzw. Jesus gehalten. Der Blick ist also einerseits auf Gott gerichtet, auf seine grenzenlose Liebe und das Gute, dass er „mir“ getan hat und tut – und zugleich immer auf „mich“, auf meine Niedrigkeit und Erhöhung, meine Dankbarkeit und völlige Hingabe an Gott allein. Der Blick auf Gott geht letztlich fast immer durch die Brille der subjektiven Erfahrung, die „ich“ mit ihm gemacht habe. Die Lieder leben also ganz von der stark empfundenen Beziehung und wollen diese weiter vertiefen, es geht ihnen nicht um Intellektualität, sondern um Leidenschaft. Dazu passen auch die vielen Wiederholungen und die Einfachheit der Texte.

Nach einer rockigen Phase, beginnend mit dem Hillsong-Hit „Real Love“1, kommt etwa in der Mitte des Konzerts ein ruhigerer Abschnitt mit zurückhaltender Instrumentierung. Dann ist nach einigen weiteren lauten Liedern und einem großen Trommelwirbel, nach genau eineinhalb Stunden, plötzlich Schluss. Moderation gibt es nicht während des Konzerts, nur ein Lied nach dem anderen und kurze Animierungsrufe der Sängerinnen und Sänger zwischendrin. Noch eine Zugabe und ein paar abschließende Worte des Moderators, dann ist das „Fest der Kirchen“ vorbei.

Schauplatz 2: Gottesdienst

Prenzlauer Berg, Kino in der Kulturbrauerei, 9. September, 11 Uhr: Wer nach diesem ersten Eindruck Genaueres über die Hillsong-Gemeinde erfahren will, kann einen der drei Sonntagsgottesdienste besuchen, die derzeit im großen Saal des Kinos in der Kulturbrauerei stattfinden. Man wird von Schildern mit dem Gemeinde-Slogan „Welcome Home“ begrüßt, und – zumindest in meinem Fall – auch persönlich: Eine junge Frau spricht mich freundlich an (mit du, so wie alle in der Gemeinde) und begleitet mich, als ich mein Einverständnis signalisiere, in die dritte Reihe des großen Saales, wo schon ein anderes Gemeindemitglied sitzt. Als der Gottesdienst schließlich beginnt, ist der Saal (452 Sitzplätze) gut gefüllt. Den Einstieg bildet wie beim Konzert ein dynamisches Lied,2 auch die Musizierenden sind zumindest zum Teil dieselben wie am Vortag. Die Bühnenshow sorgt in Verbindung mit der enthusiastischen Gemeinde und dem abgedunkelten Raum für die intensive Stimmung, die für Hillsong typisch ist.

Die Musik bzw. musikalische Untermalung durchzieht praktisch ohne Unterbrechung den gesamten Gottesdienst. Traditionelle liturgische Formen gibt es nicht, stattdessen gliedern sich die eineinhalb Stunden in eine Lobpreiszeit zu Beginn, eine motivierende Ansprache des Pastors Mark Wilkinson, einen (verglichen mit der Landeskirche) ausgedehnten Kollektenaufruf mit Ankündigung der bevorstehenden „Events“ und eine etwa halbstündige Predigt, die in einen Aufruf mündet, das eigene Leben neu Jesus zu übergeben. Der Inhalt der Predigt weist eine deutliche Kontinuität mit dem Inhalt der Lobpreislieder des Konzerts auf; wieder steht nicht das Intellektuelle, sondern es stehen das Gefühl und die Beziehung im Mittelpunkt. Es geht im Wesentlichen darum, dass Gott sich das Bild jedes Einzelnen wie ein Tattoo auf die Hand geschrieben habe; mit dem Bild des Tattoos werden einerseits die Unauslöschlichkeit der Annahme durch Gott und andererseits die Schmerzen assoziiert, die Gott für die Beziehung zu den Gläubigen auf sich genommen habe. Der Predigtstil ist locker und ausgelassen, Wilkinson erweist sich als guter Redner und Entertainer.3 Die Gemeinde hört zu, viele lachen und beteiligen sich mit bestätigenden Rufen wie „Come on!“, „Amen!“ oder „So good!“. Die Predigt und der gesamte Gottesdienst spielen sich in englischer Sprache ab. Wer will, kann eine Simultanübersetzung ins Spanische, Portugiesische oder Deutsche bekommen, doch davon scheinen nicht viele Gebrauch zu machen.

Die Vielfalt der Sprachen spiegelt bereits die Internationalität wider, der größte Teil der Anwesenden scheint aber deutscher Herkunft zu sein. Die meisten sind wohl 20 bis 30 Jahre alt, möglicherweise sind etwas mehr Frauen als Männer dabei, auch viele junge Familien. Zufrieden, studentisch, modisch sehen sie aus.

Schauplatz 3: Glaubensunterricht

Prenzlauer Berg, Stadtkloster Segen, 11. September, 19 Uhr:Heute ist ein Abend unter dem Motto „(En)large learning“ angesetzt. Der Raum ist diesmal eine kleine Kirche, der Rahmen etwas intimer: Es soll um das geistliche Wachstum der Gemeindemitglieder gehen. Der Referent ist der extra aus England angereiste Bruder von Joyce Wilkinson, die neben ihrem Mann Pastorin der Gemeinde ist.

Da ich zu früh gekommen bin und abseits sitze, sprechen mich wieder mehrere junge Leute an, die sich für mich interessieren; wir reden auf Deutsch, Englisch oder Spanisch. Schließlich geht es los: Wieder ein Lied zum Aufwärmen – diesmal etwas getragener –,4 dann eine kurze Ansprache des Pastorenehepaars, dann betritt der Redner die Bühne. Auch er versteht sein Handwerk, redet größtenteils frei, gut verständlich und sucht regelmäßig die Interaktion mit den etwa 100 Zuhörerinnen und Zuhörern.

Im Zentrum steht heute der Glaube; es ist der erste von drei Abenden zu diesem Thema. Wenn dein Glaube stark ist, ist alles möglich, so der Grundtenor. Gott hat für dich ein Leben vorgesehen, das besser und erfüllender ist als jedes Leben, das du je auf eigene Faust leben könntest. Dieses Leben musst du aber bewusst annehmen, und zwar durch einen immer stärkeren und festeren Glauben, frei von Zweifeln, an Gott und seine biblischen Verheißungen. Wenn du dein Leben auf diese Weise ganz Gott anvertraust, wird er dich bestens versorgen; alles, worum du im Glauben bittest, wird Gott geschehen lassen. Was er dir schenkt, ist dann natürlich nicht nur für dich da, sondern soll geteilt werden, um immer noch mehr Glück und Fortschritt im Reich Gottes bewirken zu können.

Hillsong Berlin

Zur Einordnung der Beobachtungen soll nun eine Beschreibung des Selbstverständnisses und der Charakteristika der Berliner Gemeinde und der weltweiten Hillsong Church folgen. Dazu wurden Gespräche mit Gemeindegliedern und Pastor Mark Wilkinson, Hillsongs Internetauftritt sowie verschiedene Fachartikel ausgewertet.

Die Berliner Gemeinde ist in ihrer erst zehnjährigen Geschichte stark gewachsen, erlebt derzeit einen Babyboom und strahlt, zumindest auf den ersten Blick, einen grenzenlosen Optimismus aus. Ein wichtiges Leitmotiv ihres Selbstverständnisses ist das Wachstum, sowohl in qualitativer als auch quantitativer Hinsicht: Qualitativ in dem Sinne, dass die Stärkung des Glaubens und der Gottesbeziehung sowie der Auswirkungen derselben auf das tägliche Leben ein zentrales Anliegen darstellt. Wie die Gemeindeleitung betont, sollen die Gläubigen damit nicht unter Druck gesetzt, sondern vielmehr ermutigt werden, gerade angesichts oft schwieriger und auch leidvoller Alltagserfahrungen. Der quantitative Aspekt äußert sich in einem ausgeprägten missionarischen Bewusstsein. Um Menschen für die Botschaft Jesu zu gewinnen, werden auch die Formen des Gemeindelebens immer wieder erneuert und verbessert, um so ansprechend wie möglich zu sein. Dazu passt die Flexibilität und Mobilität der Gemeinde, die sich unter anderem in den verschiedenen Umzügen zeigt, die hinter und wohl auch noch vor ihr liegen.

Ein weiteres Leitmotiv ist die schon mehrfach erwähnte Beziehung, und zwar wiederum in zweifacher Hinsicht. Erstens geht es inhaltlich immer um die persönliche Beziehung zwischen Gott und Mensch, alle anderen theologischen Themen werden diesem untergeordnet. Aus Pastor Wilkinsons Sicht macht die persönliche Beziehung zu Jesus einen Menschen überhaupt erst zum Christen; alles andere vermeintliche Christentum sei dagegen bloße „Religion“. Zweitens wird den zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Gemeinde eine große Bedeutung beigemessen, sowohl für die gegenseitige Bereicherung als auch für die Gewinnung und Bindung von Mitgliedern. Die „Familie“, wie die Gemeinde gerne bezeichnet wird, kommt ohne formelle Mitgliedschaft aus, nicht aber ohne starkes ehrenamtliches Engagement, auch finanzieller Art, da sie sich ausschließlich über Spenden finanziert. Nach eigenen Angaben verfügt sie derzeit über 188 ehrenamtlich Mitarbeitende, sechs Vollzeit- und vier Teilzeitangestellte.

Die Verbindungen zur weltweiten Hillsong Church und eine entsprechende Prägung waren von Anfang an vorhanden: Der aus Nordirland stammende Mark Wilkinson hat mit seiner Frau fünf Jahre am Hauptstandort in Sydney verbracht, wo sie das hauseigene Leadership College durchliefen, und danach sieben Jahre lang in der Hillsong-Gemeinde in London gearbeitet. Von dort aus wurde vor zehn Jahren die Berliner Neugründung gestartet. Zunächst unter dem Namen „Berlin Connect“ ins Leben gerufen, wurde die Gemeinde in diesem Jahr schließlich ganz an das globale Hillsong-Netzwerk angeschlossen und auch ihr Name entsprechend geändert. Sie ist somit der Kirchenleitung in Sydney untergeordnet, wenngleich sie als eingetragener Verein in Deutschland formell eigenständig bleibt. Ökumenische Kontakte innerhalb Berlins und Deutschlands haben sich besonders seit dem vergangenen Jahr entwickelt; so kam auch das oben beschriebene Konzert zustande. Interessanterweise ging die Initiative hierzu nicht von der Gemeinde, sondern vom Organisationsteam des „Festes der Kirchen“ aus, und zwar noch bevor die Zugehörigkeit zu Hillsong im Namen verankert wurde.

Trotz ihrer mit ca. 900 Gottesdienstteilnehmerinnen und -teilnehmern verhältnismäßig kleinen Größe zeigt die Gemeinde viele charakteristische Merkmale einer sogenannten „Megakirche“5. Hier ist zunächst das ausgeprägte Wachstumsprogramm zu nennen, das als Legitimation und Kriterium des gemeindlichen Handelns dient. Inhaltlich kommt die lehrmäßige Konzentrierung auf wenige, überkonfessionell annehmbare Grundaussagen hinzu. Auch der Wille zum diakonischen Engagement, die Homogenität des erreichten gesellschaftlichen Milieus, die große Bedeutung von Kleingruppen zur Einbindung der Gemeindeglieder, die charismatische Person des Gemeindeleiters, die große Bedeutung des Engagements von Laien, die Vermittlung eines besonderen Gemeinschaftsgefühls durch zahlenmäßige Größe, der Entertainment-Charakter des Gottesdienstes und die zentrale Rolle gefühlsbetonter Musik, auf die noch zurückzukommen sein wird, passen ins typische Muster einer Megakirche.6 In allen diesen Aspekten ähnelt die Gemeinde der weltweiten Hillsong-Kirche, die nun in den Blick zu nehmen ist.

Hillsong global

Die Hillsong Church wurde 1983 vom Ehepaar Brian und Bobbie Houston in einem Vorort von Sydney in Australien als „Hills Christian Life Centre“ gegründet. Ab den 1990er Jahren entwickelte sie eine bemerkenswerte internationale Ausstrahlung, insbesondere durch ihre Musik, die unter dem Namen „Hillsong“ veröffentlicht wurde und derart prägend für die öffentliche Wahrnehmung wurde, dass dieser Name schließlich für die ganze Gemeinde übernommen wurde.7 Nach eigenen Angaben umfasst sie heute etwa 100 Ortsgemeinden in 21 Ländern und zählt 130 000 wöchentliche Gottesdienstteilnehmerinnen und -teilnehmer. In Deutschland ist sie in Konstanz, Düsseldorf, München und Berlin vertreten.

Die Wurzeln der Hillsong Church liegen in der Pfingstbewegung. Bis heute ist sie Mitglied in der Vereinigung „Australian Christian Churches“ (ACC), die aus den pentekostalen „Assemblies of God“ hervorgegangen ist. Gegenwärtig befindet sie sich allerdings in einem Prozess der Ablösung von der ACC, was Brian Houston damit begründet, dass Hillsong sich „nicht mehr als australische Kirche mit globalem Fußabdruck, sondern vielmehr als globale Kirche mit einer australischen Basis sieht“8; man wolle aber weiter eng zusammenarbeiten. Die offiziellen Glaubensgrundsätze wurden von der ACC übernommen, allerdings mit einigen Abweichungen, die auf eine leichte Distanzierung vom klassischen Pfingstlertum hindeuten: Die Zungenrede wird als Geistesgabe zwar erwähnt, aber nicht als obligatorische Beglaubigung der Geisttaufe bezeichnet; statt der Hoffnung auf „gesundes und wohlhabendes (prosperous) Leben“ wird die Hoffnung auf „gesundes und gesegnetes (blessed) Leben“ formuliert. Außerdem ist ein Artikel über die Bedeutung der Kirche eingefügt. Alles in allem besteht Ähnlichkeit zur Glaubensbasis der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA), gegenüber der sich aber doch ein pentekostaler Einschlag bemerkbar macht.9 Das selbsterklärte Ziel, „die Welt zu erreichen und zu beeinflussen durch den Aufbau einer großen auf Christus zentrierten und in der Bibel gegründeten Kirche, die Denkweisen verändert und Menschen befähigt, zu führen und in jedem Lebensbereich Wirkungen zu erzielen“10, sowie die von Hauptpastor Brian Houston verfasste Vision11 zeigen die stark missionarische Ausrichtung.

Auffällig ist, dass Hillsong-Neugründungen fast ausschließlich in sehr großen Städten stattfinden, „charakterisiert durch globale kulturelle Strömungen, wirtschaftlichen Einfluss und hoch entwickelte Kommunikations-Infrastruktur“12. Passend dazu pflegen die Gemeinden nach Miranda Klaver „einen kosmopolitischen, konsumorientierten Lebensstil und ziehen vorrangig junge, sozial aufsteigende, gut qualifizierte Berufstätige an, kreative, modische junge Leute, die eine postmoderne urbane Subkultur teilen“13. Dadurch sei das angesprochene Milieu über die Ländergrenzen hinweg in einigen Aspekten ähnlich. Das „Franchise-Modell“, durch das überall auf der Welt die gleiche „Hillsong-Erfahrung“ vermittelt werden soll, erweist sich somit nach Klaver als nicht kultur- und kontextunabhängig, vielmehr sei es auf die Bedingungen der globalen Großstadt zugeschnitten14 und transportiere eine bestimmte globale pentekostale Kultur.15 Um angesichts dieses Universalismus in den einzelnen Gemeinden dennoch ein Gefühl der Geborgenheit und persönlichen Gemeinschaft zu stärken, werden Metaphern wie „Familie“ und „Zuhause“ betont.16

Aus ökonomischer Perspektive ist für die immense Strahlkraft der Hillsong Church das „Branding“ (auf Deutsch etwa: Markenbildung) von großer Bedeutung. Nach Tanya Riches und Tom Wagner hängt der Erfolg einer Kirche heute maßgeblich davon ab, ob sie eine „distinct personality” und bestimmte Bedeutungen, Assoziationen und Gefühle repräsentieren und in einer starken, ansprechenden Marke auf dem Markt der Konsumgesellschaft feilbieten kann.17 Wichtige „Markenzeichen“ von Hillsong sind die weltweit stark standardisierten Gottesdienste18 und – in hervorstechender Weise – die Musik.

Die Musik

In den 1990er Jahren war es Darlene Zschech, die u. a. mit dem Lied „Shout to the Lord“ international für Aufsehen sorgte; die Band „Hillsong United“ füllt seit Jahren weltweit Konzerthallen; zahlreiche Studio- und Live-Alben sind erschienen und erscheinen weiterhin.19 Dabei lassen sich über die Zeit markante Entwicklungen nachweisen, wie Riches und Wagner herausgestellt haben. Während manche inhaltliche Schwerpunkte wie der subjektiv-persönliche Zeugnischarakter oder die christologische Zentrierung gleichblieben,20 gingen typisch pfingstlerische Merkmale zugunsten größerer ökumenischer Offenheit zurück: Gegenüber der Anrede des Geistes nahm die trinitarische Anrede zu, gegenüber der Geisttaufe allgemeine Bekehrungsmotivik, gegenüber der Verheißung von Wohlstand die Verheißung

der Gegenwart Gottes im Leid. Stilistisch ist im Vergleich zur Frühzeit, in der mit vielfältigen Einflüssen aus geistlicher wie säkularer Musik experimentiert wurde, seit den 2000er Jahren ein Rückgang an Variation zugunsten eines einheitlichen, markebildenden (s. o.) „Hillsong-Sounds“ festzustellen.21

Was auf dem oben beschriebenen Konzert beobachtet wurde, trifft im Großen und Ganzen auf die Hillsong-Musik überhaupt zu. Ihr Zweck ist nicht intellektuelle Mitteilung, sondern die Versetzung in einen emotionalen Zustand, in dem die Beziehung zu Gott erlebt, in der intensiv gebetet und innere Heilung erfahren werden kann. Elisha McIntyre führt aufgrund der starken Ich-Zentriertheit den Erfolg der Musik etwas polemisch auf die Ausrichtung auf die „Trinity of I, Me, My“22 zurück. Ferner unterstreicht sie die Bedeutung, die die große Nähe zur Popkultur insbesondere für junge Menschen habe: Die Coolness und Attraktivität dieser Kultur werde übernommen, aber ohne alle Elemente, die aus christlicher Sicht sündhaft seien; man müsse also nicht auf Coolness verzichten, um Christ zu sein, und keine Jugendidole in der säkularen Kultur suchen, da auch die christliche Kultur nun solche Idole bereithalte.23

Einschätzung

Die Berliner Hillsong-Gemeinde zeigt weniger das pentekostale Erbe als die für Megakirchen typische konfessionelle Neutralität, wobei von Neutralität natürlich nur innerhalb des Evangelikalismus24 die Rede sein kann. Aus der Perspektive der akademischen Theologie in Deutschland erscheinen ihre liturgischen Standpunkte sehr progressiv, ihre sonstigen theologischen dagegen sehr konservativ und ihre Botschaften zum Teil einseitig und sehr einfach. Damit soll nicht in Abrede gestellt werden, dass die Gemeinde viel Potenzial zeigt, besonders jungen Menschen Glaubenserfahrung zu vermitteln, sie zu ermutigen und zu fördern. Die Herzlichkeit gegenüber neuen Mitgliedern und die Vitalität des Gemeindelebens sind große Stärken. Dennoch sollen an dieser Stelle drei (selbstverständlich nicht erschöpfende) kritische Anmerkungen formuliert werden. Einschränkend sei dazu gesagt, dass sie zum einen auf kaum mehr als einer Momentaufnahme beruhen und dass zum anderen die angesprochenen Tendenzen sich m. E. zwar leicht aus Art und Inhalt der Verkündigung ergeben können, aber nicht unbedingt in der Intention der Gemeindeleitung liegen.

Erstens ist es wichtig, die Tatsache zu würdigen, dass auch das Leben im Glauben immer bruchstückhaft bleibt. Der Bezug auf die starken biblischen Heilsverheißungen ist zwar berechtigt, doch er darf nicht den Blick darauf verstellen, dass auch Christinnen und Christen immer wieder mit sinnlos erscheinendem Leid zu kämpfen haben, dass auch bei ihnen Hoffnungen unerfüllt bleiben und die Weiterentwicklung der Persönlichkeit nur bis zu einem gewissen Grad gelingt.

Zweitens darf Glaube nicht als Leistung verstanden werden, die der Mensch von sich aus erbringen kann. Wenn Glaube zu einer Art psychischem Kraftakt wird, zu dem jeder mit dem nötigen Willen fähig ist, kann psychischer Druck entstehen. Zweifel können dann als unzulässig und als Schwäche empfunden werden; auch die mangelnde Verbesserung der Lebenssituation kann auf mangelnden Glauben zurückgeführt werden und Schuldgefühle auslösen. Als Korrektiv ist die reformatorische Einsicht heilsam, dass Glaube ein unverfügbares Geschenk Gottes ist und nicht einfach aus dem eigenen Willen heraus entstehen und stärker werden kann. In jedem Fall bedarf es auch einer sensiblen Begleitung besonders der Zweifelnden und Ringenden, um die plakativen Aussagen der Predigten zu ergänzen. Wie sehr dies in der Berliner Hillsong-Gemeinde geschieht, entzieht sich meiner Kenntnis.

Angesichts der dominanten Rolle des Gefühls in den Gottesdiensten und insbesondere der Musik erscheinen drittens Impulse von Romano Guardini bedenkenswert. Er spricht sich dagegen aus, die Gebetstexte im Gottesdienst zu stark emotional aufzuladen, da es den durchschnittlichen Gläubigen nicht möglich sei, im Alltag dauerhaft in einer entsprechenden Stimmung zu sein. Werden sie durch die Liturgie dennoch zu ihr gedrängt, bestehe die Gefahr, dass sie sich entweder zu einem Gefühl zu zwingen versuchen, was das geistliche Empfinden unecht mache, oder die entsprechenden Sätze kühler auffassen, als sie gemeint seien, und damit entwerten.25 Gebete sollen darum nach Guardini „auf einen wohl starken und tiefen, aber ruhigen Ton gestimmt sein“26 und nur zurückhaltend zu bestimmten Gefühlen anregen. Es ist anzunehmen, dass Hillsong besonders solche Menschen anzieht, die mit starker Emotionalität keine Schwierigkeiten haben; doch auch für sie ist es sicher hilfreich, die Fallstricke einer solchen Spiritualität nicht zu verdrängen.


Martin Anlauf, Leipzig


Anmerkungen

  1. Eine offizielle Aufnahme findet sich unter www.youtube.com/watch?v=t0kmvXlDBYI  (Abruf der Internetseiten: 9.10.2018).
  2. Es handelt sich um den Titel „Alive“: www.youtube.com/watch?v=qEvEVALLjNQ .
  3. Unter https://soundcloud.com/search?q=hillsongberlin  sind viele seiner Predigten als Audiostream verfügbar.
  4. „O Come to the Altar“: www.youtube.com/watch?v=rYQ5yXCc_CA .
  5. Zum Begriff vgl. Reinhard Hempelmann, Megakirchen, in: MD 1/2018, 34-38.
  6. Vgl. zu allen genannten Merkmalen Thomas Kern/Uwe Schimank, Megakirchen als religiöse Organisationen: Ein dritter Gemeindetyp jenseits von Sekte und Kirche?, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 65 (2013), 285-309.
  7. Vgl. ein Interview unter www.abc.net.au/austory/the-life-of-brian/9169458 .
  8. Aus einem offenen Brief von Brian Houston, https://hillsong.com/media-releases/statement-from-pastor-brian-houston-wayne-alcorn-re-hillsong-church-acc  (Übersetzung vom Vf.).
  9. Vgl. https://hillsong.com/what-we-believe;  zur ACC: www.acc.org.au/about-us ; vgl. auch die ausführlichere Doctrinal Base unten auf der Seite; zur DEA: https://ead.de/ueber-uns .
  10. https://hillsong.com/vision  (Übersetzung vom Vf.).
  11. Vgl. ebd.
  12. Miranda Klaver, Church Planting in the Media Age: Hillsong Church, in: Interkulturelle Theologie – Zeitschrift für Missionswissenschaft 2-3/44 (2018), 234-246, 238 (Übersetzung vom Vf.).
  13. Ebd., 234 (Übersetzung vom Vf.).
  14. Auch in der 2014 aktualisierten „Vision“ von Hauptpastor Brian Houston werden „global cities“ und „cities of influence“ erwähnt. Vgl. https://hillsong.com/vision .
  15. Vgl. Klaver, Church Planting (s. Fußnote 12), 235.
  16. Vgl. ebd., 244.
  17. Vgl. Tanya Riches/Tom Wagner, The evolution of Hillsong music. From Australian pentecostal congregation into global brand, in: Australian Journal of Communication 39/1 (2012), 17-36, 17-20.
  18. Vgl. dazu die Skizze in Klaver, Church Planting (s. Fußnote 12), 240f.
  19. Vgl. den kurzen geschichtlichen Abriss in Riches/Wagner, The evolution of Hillsong music (s. Fußnote 17), 21-24.
  20. Vgl. Tanya Riches, The Evolving Theological Emphasis of Hillsong Worship (1996 – 2007), in: Australasian Pentecostal Studies 13 (2010), 87-133, 117f.
  21. Vgl. Riches/Wagner, The evolution of Hillsong music (s. Fußnote 17), 24-33.
  22. Elisha McIntyre, Brand of Choice: Why Hillsong Music is Winning Sales and Souls, in: Australian Religion Studies Review 20/2 (2007), 175-194, 184, dort zit. nach Gary Parrett.
  23. Vgl. ebd., 179-186.
  24. Vgl. dazu die Definition von David Bebbington, wiedergegeben in: Michael Hochgeschwender, Evangelikalismus: Begriffsbestimmung und phänomenale Abgrenzung, in: Frederik Elwert/Martin Radermacher/Jens Schlamelcher (Hg.): Handbuch Evangelikalismus, Bielefeld 2017, 21-32, 27f.
  25. Vgl. Romano Guardini, Vom Geist der Liturgie, Mainz/Paderborn 201997 (1. Aufl. 1918), 23.
  26. Ebd., 23.