Julia Shaw

The Memory Illusion. Remembering, Forgetting, and the Science of False Memory

Julia Shaw: The Memory Illusion. Remembering, Forgetting, and the Science of False Memory, Random House, London 2017, 288 Seiten (dt. Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht, Heyne Verlag, München 2018, 304 Seiten, 10,99 Euro).

Was Gedächtnisforschung mit Weltanschauungsarbeit zu tun? Eine Menge, aber das heißeste Eisen, das sei vorweggenommen, fasst die Autorin erst auf den letzten 60 Seiten an. Doch bietet auch der Anmarschweg allemal spannende Aussichten.

„Ich meine mich zu erinnern …“ Jeder kennt das Gefühl, dem eigenen Gedächtnis sei nicht ganz zu trauen. Nicht zu Unrecht. Schon wenige Wochen nach einem Gruppenausflug im Freundeskreis sind sich zwei Beteiligte uneinig, ob eine bestimmte Person dabei war oder nicht. Womöglich ist sich jeder zunächst ganz sicher, aber für beide – es seien denn Konstruktivisten – ist klar: Einer irrt sich.

Besonders häufig betrifft dies Kindheitserinnerungen. Der Neurologe Oliver Sacks („Zeit des Erwachens“) berichtet in seiner Autobiografie detailreich über die Landung einer Brandbombe 1940 im elterlichen Garten in London. Nach der Veröffentlichung wies ihn sein älterer Bruder darauf hin, dass sie beide bei dem Ereignis nachweislich gar nicht dabei gewesen seien. Sie waren nämlich aufs Land evakuiert worden, Sacks sei damals aber von der lebhaften Schilderung des Vorfalles in einem Brief von daheim sehr beeindruckt gewesen. Nachdem er wusste, dass sein Gedächtnis ihn getrogen hatte, verglich Oliver Sacks die fiktive Erinnerung mit anderen, nicht zweifelhaften, und fand, dass sich die eingebildete Erinnerung und richtige Erinnerungen, unbeeindruckt von seinem Wissen, noch immer genau gleich real anfühlten (ähnlich wie sich beim Betrachten optischer Täuschungen oder Zaubervorführungen Wissen und Erleben widersprechen). Nicht nur das Gefühl war gleich. Sondern moderne Gehirnuntersuchungsmethoden zeigen auch, dass diese fiktiven Erinnerungen neurologisch nicht von realen zu unterscheiden sind. Beide aktivieren dieselben Hirnregionen. Der Neurologe Gerald M. Edelman etwa spricht angesichts solcher Beobachtungen anstatt von „erinnern“ (remember) lieber von „wiedererschaffen“ (re-create).

Alle Menschen bilden solche „Erinnerungen“ an Kindheitserlebnisse aus, besonders anhand von Erzählungen und Fotos, die in der Familie tradiert werden. Millionen Menschen „erinnern“ sich an ihre Geburt oder sogar an den Mutterleib. Wir wissen aber: Aus hirnphysiologischen Gründen können Menschen erst gegen Ende des dritten Lebensjahrs bleibende Erinnerungen bilden.

Das Buch der deutsch-kanadischen Psychologin und Gerichtsgutachterin Julia Shaw (South Bank University London) führt den Leser in die Grundlagen der Gedächtnisforschung gut verständlich ein. Das ist alltagsnah, oft unterhaltsam und löst regelmäßig zustimmendes Nicken des Wiedererkennens aus. Die Unterscheidung von semantischem Gedächtnis, episodischem Gedächtnis und Metagedächtnis, die Bedeutung unserer Erinnerungen für Identitätsempfinden und Selbstbild, die Plastizität des Gedächtnisses und die Mechanismen, die dazu führen, dass sich mit jedem „Aufruf“ einer Erinnerung kleine Änderungen einschleichen, das alles wird anschaulich unter Darstellung der Forschungslage gezeigt. Bemerkenswert ist vor allem das Ausmaß des Phänomens. „Fraglich ist nicht, ob eine Erinnerung falsch ist, sondern in welcher Weise sie falsch ist“, sagt Shaw öfter in Interviews.

Der spannendste Punkt: Das Gedächtnis ist aktiv manipulierbar. Seit über 50 Jahren haben Forscher – allen voran die amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus (University of California) – in diversen Versuchen immer wieder gezeigt, wie schnell man Menschen, besonders Kindern, Erinnerungen an Ereignisse „einpflanzen“ kann, die nie stattgefunden haben. Schon drei „Fantasiereisen“ genügen oft, um eine stabile „Erinnerung“ zu schaffen, die sich völlig echt anfühlt. Wie ihren Vorgängern gelang es auch Shaw 2015 in Kooperation mit Stephen Porter, einem Veteran der Gedächtnisforschung, in einer Versuchsreihe mit Studenten Erinnerungen zu suggerieren. Sie überzeugte die Probanden, sie hätten als Teenager eine Straftat begangen, bei der die Polizei gekommen sei. Obwohl am Anfang alle Versuchsteilnehmer dies zurückwiesen, war nach drei Sitzungen ein (überraschend hoher) Anteil der von 70 % überzeugt, das Ereignis habe stattgefunden, und die Probanden begannen, es aktiv mit Details auszuschmücken. Auf YouTube gibt es eine Reihe kurzer Dokumentationsfilme über diese verblüffenden Versuche. Immer wieder wurde beobachtet, dass Probanden, insbesondere Kinder, auch dann noch an diesen induzierten Erinnerungen festhielten, wenn sie über den Versuch aufgeklärt wurden. Alle Vorgängerstudien allerdings kamen zu Ergebnissen im Bereich von nur ca. 25 %. Shaw verschweigt im Buch allerdings, dass ihre hohe „Erfolgsrate“ bald kritisiert wurde und sie methodische Fehler in einer nachgereichten Publikation korrigieren musste.

Die Gedächtnisforschung ist für die Weltanschauungsarbeit zunächst relevant, weil bei konfliktträchtigen Gruppen oft sogenannte „Aussteigerberichte“ als Quelle verwendet werden. Beim Umgang mit diesen taucht der Vorwurf auf, wer an einem Bericht Zweifel hege, bezichtige die Betreffenden der „Lüge“. Die Gedächtnisforschung zeigt nun, dass Erinnerungen nicht gelogen, aber dennoch falsch sein können, sodass z. B. ein eindeutigeres „Sektenopfer“-Narrativ konstruiert wird, das sich echt und zugleich emotional besser anfühlt als die realen Ereignisse. Tatsächlich wäre eine solche Evolution des Gedächtnisses vollkommen im Einklang mit dem, was man über die Veränderung des menschlichen Gedächtnisses allgemein weiß – wir alle adaptieren unsere Vergangenheit.

Der heikelste Teil dieser „False Memory“-Forschung taucht erst gegen Ende des Buches im Kapitel „Satan, sex, and science“ auf. Hier kommt Shaws Tätigkeit als forensische Psychologin zum Tragen: Es gibt eine verbreitete Theorie betreffs Erinnerungen an sexuellen Missbrauch in der Kindheit, die unterdrückt und wiedergewonnen werden. In der Praxis geschieht dieses „Wiederfinden“ fast ausschließlich durch bestimmte Psychotechniken im Kontext von Psychotherapien, die ursprünglich nicht wegen Traumata begonnen hatten. Demnach seien die traumatischen Erlebnisse zum Schutz des seelischen Gleichgewichts „verdrängt“ worden und könnten nur in der Therapie wieder ausgegraben werden – selbst da, wo sich die Patienten (meist Frauen), anfangs an keinerlei Missbrauch erinnern. Das große Problem von Ansatz und Methode: Die traumauslösenden Ereignisse können nie direkt nachgewiesen, sondern nur aus den in einer Psychotherapie hervorgerufenen Erinnerungen rekonstruiert werden – ein klassischer Zirkelschluss.

Diese Theorie von den „verdrängten“ (Trauma-)Erinnerungen ist weit verbreitet und sogar umgangssprachlich geworden. Sigmund Freud hatte sie popularisiert – war aber, nachdem seine Patientinnen plötzlich begannen, scharenweise sexuellen Missbrauch zu „erinnern“, recht bald selbst skeptisch geworden und hatte die Theorie wieder verworfen.

Die meisten Menschen denken jedoch bis heute, dass Erinnerungen an Traumata etwas Besonderes seien. Das Problem ist: Das stimmt auch, aber genau andersherum, als die Allgemeinheit glaubt: Traumaerinnerungen werden nicht unwillkürlich „verdrängt“ oder „unterdrückt“. Die Gedächtnisforschung zeigt im Gegenteil sehr konsistent, dass traumatische Ereignisse wesentlich resistenter gegen das Vergessen und Verfälschen sind als Alltägliches. Das Gedächtnis ist umso zuverlässiger, je mehr ein Ereignis (a) ein hohes Maß an Überraschung erzeugt, (b) wichtige Folgen für die Betroffenen oder die Allgemeinheit hat und (c) mit emotionaler Erregung (Angst, Trauer, Wut) einhergeht. Die Theorie der „verdrängten Traumaerinnerung“ widerspricht also diametral den Erkenntnissen wissenschaftlicher Gedächtnisforschung. Darum fanden Forscher auch keine Menschen, die nachweisliche Kindheitserinnerungen aus dem KZ ohne es zu wissen „verdrängt“ und erst in der Therapie „wiedergefunden“ hätten.

Dieser Bereich des Themas betrifft u. a. den sogenannten „rituellen Missbrauch“, ein verschwörungstheoretisches Narrativ, demzufolge Netzwerke „honoriger“ Bürger Kinder über Jahre rituell missbrauchen und teilweise ermorden sollen. Dieses in der Forschung als „Satanic Panic“ bekannte Phänomen führte in den USA, Großbritannien und Australien in den 1980er und 1990er Jahren zu Hexenjagden, Gerichtsverfahren und manchmal Inhaftierung Unschuldiger. Zurzeit versuchen in Deutschland Psychotherapeutinnennetzwerke, die Theorie vom rituellen Missbrauch erneut zu verbreiten, obwohl in den USA und Frankreich bereits mehrfach Therapeuten verurteilt wurden, weil sie Klientinnen falsche Erinnerungen an früheren sexuellen oder rituell-sexuellen Missbrauch suggeriert hatten. (Das Thema wird übersichtlich dargestellt in: Hans Delfs: False Memory. „Erinnerungen“ an sexuellen Missbrauch, der nie stattfand, Lengerich 2017).

„The Memory Illusion“ ist ein wichtiges Buch. Dass es ein Bestseller und die Autorin ein Star wurde, liegt freilich nicht an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen oder bahnbrechenden Versuchen, sondern an der hohen Medientauglichkeit der Autorin (das ist nicht trivial, denn das Ausmaß der Beeinflussbarkeit des Gedächtnisses hängt u. a. mit der Persönlichkeit des Versuchsleiters zusammen). Inhaltlich werden nur alte Forschungsergebnisse zusammengefasst und in Wiederholungsversuchen bestätigt.

Der große Wert des Buches liegt aber darin, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse von Elizabeth Loftus und anderen zur Entstehung von „false memories“ popularisiert. „Let’s tell everyone they [false memories] exist, that they can look and feel like real memories, and that we can even misremember highly emotional and traumatic events“ (239). Die Autorin trägt so dazu bei, die Öffentlichkeit vor der neuerlichen Verbreitung therapeutischer Verschwörungsmythen und Hexenjagden rund um den „rituellen Missbrauch“ zu schützen.

Dem Werk fehlt leider jene stilistische Leichtfüßigkeit, die angelsächsische populärwissenschaftliche Publikationen oft auszeichnet. Wer kann, greife wenigstens zum etwas biederen, aber immerhin lesbaren Original, denn die Übersetzung schickt den Leser auf eine sprachlich unangenehm holprige Reise.


Kai Funkschmidt