Vereinigungskirche

Sun Myung Moon 1920 - 2012

(Letzter Bericht: 7/2011, 265ff) Sun Myung Moon, Gründer und Oberhaupt der Tongil-Gyo Vereinigungsbewegung (besser bekannt als Vereinigungskirche), erlag am 3. September 2012 in Seoul/Südkorea im Alter von 92 Jahren den Folgen einer Lungenentzündung. Mit ihm starb die letzte der charismatischen Führergestalten, die die Welle der sogenannten „Jugendreligionen“ seit den 1970er Jahren prägten – wie Bhagwan/Osho, Prabhupada (Hare Krishna-Bewegung), Maharishi Mahesh Yogi (Transzendentale Meditation) oder auch L. Ron Hubbard (Scientology).

Noch vor wenigen Wochen konnte Moon bei dem von ihm gestifteten „Peace Cup“-Fußballturnier dem Hamburger SV zum Sieg gratulieren – der bei diesem Propaganda-Event der Vereinigungskirche übrigens Südkoreas Rekordmeister Seongnam Ilhwa Chunma bezwang (Eigentümer des Fußballclubs: die Vereinigungskirche) und dafür fragwürdige 1,3 Millionen Euro Siegprämie kassierte.

Moon wurde im heutigen Nordkorea geboren. Mit 15 Jahren hatte er nach eigenen Angaben eine Christusvision und sah sich seither beauftragt, dessen Werk auf Erden zu vollenden. 1954 gründete er die Vereinigungskirche (damals „Heilig-Geist-Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums“), die sich zu einer weltweiten Neureligion mit christlichen, neuoffenbarerischen und schamanistisch-spiritistischen Zügen entwickelte und seit 1964 in Deutschland Fuß gefasst hat. Bekannt wurden die „Moonies“ vor allem durch Ehesegnungszeremonien, bei denen Tausende von Neuvermählten oder bereits verheirateten Paaren in Stadien oder gar via Satellit die „Blessings“ (Segnungen) der „Wahren Eltern“ empfingen und Treue und vorbildlichen Wandel gelobten. Oft nahm Moon persönlich die Partnerwahl vor („matching“), nicht selten aus unterschiedlichen Kulturen und ohne dass sich die Paare vor der Hochzeit gesehen hatten, geschweige denn kannten.

Weniger bekannt ist, dass Sun Myung Moon zahlreiche weitere religiöse, karitative und friedenspolitische Organisationen ins Leben gerufen hat und als wohl erster Milliardär Koreas eine beträchtliche Wirtschaftsmacht aufbaute. Zum weitverzweigten Netzwerk der Moon-Organisationen gehören u. a. die „Universal Peace Federation“ (UPF) und die „Women’s Federation for World Peace“, die Studentenorganisation „Collegiate Association for the Research of Principles“ (CARP) sowie die „International Conference on the Unity of Sciences“. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde 1996 die „Familienföderation für Weltrieden und Vereinigung“ gegründet mit der Vision, den Kommunismus zu überwinden und den Weltfrieden durch eine Neuformierung der Vereinigungskirche voranzubringen. Wirtschaftlich erfolgreich war Moon mit Blumen- und Ginseng-Handel, inzwischen gehören ihm weltweit Dutzende Unternehmen in Industrie, Schiffbau, Fischerei, Computerbranche, Gesundheitswesen und anderen Bereichen inklusive Rüstungsfirmen und Medien. So hat der Koreaner 1982 die Zeitung „Washington Times“ als konservative Konkurrenz zur „Washington Post“ gegründet. Sogar in Nordkorea wurde kräftig investiert, etwa in Anteile des Autokonzerns Pyeonghwa Motors. Dazu kommen Universitäten, Schulen und Krankenhäuser. Die Vereinigungskirche galt lange als Beispiel eines destruktiven Kults, dessen Auftreten in den 1970er und 1980er Jahren mit erheblicher Konfliktträchtigkeit einherging. Die autoritären Anweisungen des Religionsgründers, die Radikalität und teilweise Aggressivität der missionierenden Wohngemeinschaften, die Dämonisierung des „satanischen“ Kommunismus gegenüber dem „göttlichen“ Westen, die ungeheuerlichen Selbstanmaßungen Moons im politischen und religiösen Bereich, all dies sorgte für heftige öffentliche Kontroversen – und hatte nicht selten den Bruch von Anhängern mit der Familie und dem sozialen Umfeld zur Folge.

Inzwischen hat es einen offiziell eingeschlagenen Entradikalisierungsprozess gegeben. Man gibt sich nicht mehr so radikal exklusiv. Der Übergang von der „Vereinigungskirche“ zur „Familienföderation“ deutet in diese Richtung. Auch die Öffnung der Segnung für Nichtmitglieder 1992 ist ein Element. Die Paarzeremonie ist offen für alle und wird vor allem als Friedensritual zur Familien- und Weltvereinigung betrachtet. Die Anhänger leben nicht mehr in missionierenden Wohngemeinschaften, sondern haben ihren Platz in der Gesellschaft eingenommen. Dem entspricht, dass es heute ziemlich ruhig geworden ist um die „Moonies“, wofür indessen auch der drastische Mitgliederschwund verantwortlich ist.

Geblieben ist freilich eine umfassende synkretistische Lehre, die kulturell eng mit der hohen Wertschätzung der Familie in Ostasien zusammenhängt. Moon und seine 23 Jahre jüngere Frau Hak Ja Han stehen als „Wahre Eltern“ im Mittelpunkt der Weltgeschichte, ihre Heirat 1960 wurde als Beginn eines Heilszeitalters gedeutet. Die Blutsverbundenheit mit der Moon-Familie und damit der „göttlichen Blutlinie“ ist zentral. 1992 verkündete Moon öffentlich, dass sich in ihm und seiner Frau die Wiederkunft des Messias erfüllt habe. Der Messias sei „der von Gott erwählte Mensch, der das Problem der Ursprünglichen Sünde löst und das verlorengegangene Ideal verwirklicht“. Durch den Messias erhalte Gott die Möglichkeit, die Menschen zu ihm zurückzuführen und sein Ideal zu verwirklichen. Jesus sei letztlich gescheitert – die „Wahren Eltern“ vollenden die Erlösung. Sie sehen ihre Berufung darin, den „Fehler Adams und Evas“ wieder gutzumachen und der Menschheit als Begründer der „Wahren Familie“ zu dienen, indem sie das biblische Schöpfungsideal erfüllen, Osten und Westen versöhnen, Frieden bringen und so Gott trösten. Beschrieben ist diese Mission in dem Grundlagenwerk „Das Göttliche Prinzip“.

Noch vor Kurzem hatte Moon die „Geburt von Gottes Königreich“ Cheon Il Guk (Nation der Einheit auf Erden) in weniger als drei Jahren angekündigt. Ein besonderer Himmlischer Kalender wurde dazu ausgerufen, durch Proklamationen und Zeremonien hatte Moon am 8. Juli 2010 Korea zu Gottes Heimatland erklärt. Alle Grenzen im gesamten Kosmos seien nun beseitigt, das neue Zeitalter der Herrschaft des kosmischen Sabbats sei angebrochen. Der „tatsächliche Beginn“ war von Moon bzw. den „Wahren Eltern“ exakt auf den 13. Januar 2013 terminiert worden.

Wie nun das Lebenswerk zur Weltenrettung von wahrhaft kosmischen Ausmaßen in Zukunft weitergeführt werden soll, ist offen. Moon hinterlässt seine Ehefrau und zehn seiner insgesamt 14 Kinder aus dieser Ehe. Der jüngste Sohn, Hyung Jin Moon, wurde 2008 mit 28 Jahren zum Nachfolger seines Vaters ernannt. Doch soll es auch Zwist in der weitläufigen Familie geben. Es werden Experten zitiert, die die Wirtschaftsaussichten der Vereinigungsbewegung deutlich positiver einschätzen als ihre religiöse Zukunft.

Derzeit sind nach eigenen Angaben etwa drei Millionen Anhänger in rund 200 Ländern missionarisch aktiv. Exmitglieder beziffern die Anhängerzahl auf „nicht mehr als 100000“. In Deutschland sind nach Angaben eines langjährigen Mitglieds 400 Familien zu verzeichnen (REMID gibt 800 Familien in zehn lokalen Gemeinden an, ca. 2400 Personen).


Friedmann Eißler