Alternative Medizin

Spirituelle Heilungspraktiken breiten sich aus

Alternative Heilmethoden, die angeblich Selbstheilungskräfte aktivieren können, sind beliebt und werden zunehmend auch medizinisch erforscht.

Tobias Esch, Mind-Body-Mediziner und Neurowissenschaftler an der Universität Witten/Herdecke, sieht in der Anwendung von Heilritualen eine vergessene Methode, die einen Placeboeffekt auslösen könne (Selbstheilung als Teil der Medizin, Deutsches Ärzteblatt 111/2014). Er geht von einer inneren Kraft zur Heilung aus, weil dem Körper eine Selbstheilungstendenz innewohne und der Mensch die Fähigkeit zur Selbstbeeinflussung besitze. In einem System von positiver Erwartung und bewusster Wahrnehmung könnten erstaunliche Wirkungen der Selbstregulation erzielt werden. Besonders der Rahmen eines festen Rituals begünstige ungewöhnliche Heilungseffekte. Gestützt auf positive Erfahrungen könne ein Ritual ein „intentionales Wahrnehmungs- und Wahrscheinlichkeitsfenster“ öffnen, das im günstigen Fall zu einer positiven Selbstwirksamkeit führe. In diesem Sinn möchte der Forscher Selbstheilung als einen Teil der Medizin verstanden wissen.

Ungewöhnliche, spontane Heilungsphänomene stoßen nicht nur in der Medizin auf großes Interesse, sondern auch in der Theologie und der Religionswissenschaft. 2015 hat das Institut für Religionswissenschaft an der Universität Bremen einen Sammelband mit Studien zum aktuellen religiösen Heilungs- und Therapiemarkt vorgelegt (Somatisierung des Religiösen, hg. von Gritt Klinkhammer und Eva Tolksdorf. Dort werden insbesondere westliche Heilungsangebote aus dem charismatisch-evangelikalen, dem sufischen und dem esoterischen Spektrum vergleichend in den Blick genommen. Ein Aufsatz befasst sich mit Heilungspraktiken in einer der größten US-amerikanischen charismatischen Megakirchen, der Lakewood Church in Houston (49ff). Die Beobachtungen und Überlegungen beruhen auf mehrwöchigen Feldforschungsaufenthalten vor Ort. Ein weiterer Beitrag stellt ein in den USA populäres evangelikales Diät- und Fitnessprogramm vor (97ff). Ein Betrag berichtet über teilnehmende Beobachtungen und Gespräche an einem Zentrum der „Healing Rooms“-Bewegung (121ff). Eine niederländische Religionspsychologin fasst die Ergebnisse einer Studie zum Thema Religion und Rückenschmerzen“ unter dem Titel „Ich sehe den Rücken nun als einen Segen an“ zusammen (161ff). Sie hat biografische Interviews mit 20 Mitgliedern der Pfingstbewegung, der charismatischen Bewegung, der New-Age-Bewegung und mit Anthroposophen durchgeführt. Eine weitere Studie beschäftigt sich mit der Bedeutung von Gesundheit und Krankheit im Islam, insbesondere im Sufismus (199ff). Ein anderer Religionswissenschaftler hat mehrere „Wirbeltanznächte“ und Workshops im sufischen Kontext beobachtet und analysiert (219ff). In einem weiteren Beitrag geht es um sufische Körperpraktiken und deren Verbreitung in der Berliner Heilungs- und Therapieszene (237ff). Ein Beitrag untersucht die Nutzung komplementärer und alternativer Heilverfahren bei Frauen mit Brustkrebs (283ff). Dazu wurden 169 Patientinnen und Experten interviewt. Übereinstimmend wird die Krankheit als ein Geschehen wahrgenommen, das über die Körpergrenze hinaus auf einen transzendenten Sinnzusammenhang verweist. Eine weitere Studie hat untersucht, wie Ayurveda-Praktizierende ihre Anwendung zwischen Medizin und Religion positionieren (301ff). Dazu wurden neun Anbieter beobachtet und befragt, fünf hatten eine schulmedizinische Ausbildung absolviert und waren approbiert, die anderen vier waren als Heilpraktiker tätig. Die letzte in dem Band dokumentierte Studie verwendet das psychoanalytische Konzept der Gegenübertragung, um die Wirkung spiritueller Heiler besser zu verstehen (339ff). Dazu wurden 24 Heiler und 20 Klienten interviewt sowie acht teilnehmende Beobachtungen an Heilsitzungen durchgeführt. Die Forschergruppe fand bei den Heilern eine „radikale Körper-Empathie“ vor, die in der Beziehung ein intensives Übertragungs- und Gegenübertragungsgeschehen auslöste, das von den Akteuren als religiös erlebt wurde.

Die Vielfalt der Studien und die anregenden Verstehensansätze, die in dem Band dokumentiert sind, weisen auf die Notwendigkeit hin, die religiös-spirituelle Dimension beim Heilungsprozess weiter interdisziplinär zu erforschen. Wie Selbstheilungskräfte aktiviert werden können oder ob gar externe Kräfte im Spiel sind, ist weiter unklar.

Von einer externen Kraftquelle geht die Praxis spirituellen Handauflegens aus. In den USA ist „Therapeutic Touch“ weit verbreitet, hierzulande gehört Reiki zu den fünf populärsten alternativtherapeutischen Methoden. Beim Handauflegen werden die Heilkräfte je nach weltanschaulicher Deutung der Lebensenergie Ki, Gott oder einer anderen kosmischen Kraft zugeschrieben.

In einer Pilotstudie wurden im letzten Jahr 20 Bewohnerinnen und Bewohner aus drei Schweizer Pflegeheimen über einen Zeitraum von fünf Wochen mit der Methode des Handauflegens nach Anne Höfler „Open Hands“ behandelt (Anemone Eglin, Handauflegen hellt die Stimmung auf, NOVAcura 9/2016). Nach eigenen Aussagen haben alle Studienteilnehmer davon in den Bereichen Wohlbefinden und Zufriedenheit profitiert. Auch im kirchlichen Bereich breitet sich „Open Hands“ nach Anne Höfler aus (vgl. dazu die vorstehende Stellungnahme des Arbeitskreises Weltanschauungsfragen der EKHN / EKKW).


Michael Utsch