Gesellschaft

Skrupellose Sektenbeauftragte?

Ende vergangenen Jahres fand sich in der "Zeitschrift für Rechtspolitik" (ZRP), Heft 11/2001, 495-500, ein Aufsatz von Martin Kriele zum Thema "Religiöse Diskriminierung in Deutschland". Zu diesem Thema, genauer gesagt: zu seiner Wahrnehmung dieser Fragestellung hat der Autor, emeritierter Professor für öffentliches Recht und Mitherausgeber der genannten Zeitschrift, schon häufiger publiziert. Zuvor hatte Kriele in dem von Gerhard Besier und Erwin K. Scheuch herausgegebenen Werk "Die neuen Inquisitoren. Religionsfreiheit und Glaubensneid" der Arbeit der kirchlichen Sekten- und Weltanschauungsbeauftragten "faschistoide Züge" attestiert (vgl. dazu MD 8/1999, 251f). In fröhlicher Unbekümmertheit unterstellte er ihnen obendrein Ressentiments gegen jede Form "differenzierter Geistigkeit". Vor diesem Hintergrund ist es beinahe schon schmeichelhaft, wenn Kriele nunmehr den kirchlichen Sektenbeauftragten nur noch Realitätsverlust und Skrupellosigkeit nachsagt bzw. wenn sie in seinen Augen "seltsame Charaktere" sind (vgl. ZRP, 496ff).

Nun ist der Umgang mit Pauschalurteilen dieser Art immer wenig ersprießlich und man fragt sich, ob eine Entgegnung Sinn macht. Da aber der Text in bestimmten Kreisen herumgereicht wird, soll zumindest auf die falschen Tatsachenbehauptungen kritisch eingegangen werden. So unterstellt der Autor Zusammenhänge zwischen kritischen Äußerungen eines Sektenbeauftragten zum "Schöpferischen Zentrum OASE" ( in 23730 Neustadt/Holstein) und einem Brandanschlag auf dieses Haus: "Gegen (das Zentrum OASE) entfesselte der für die Region zuständige Sektenbeauftragte eine Kampagne der üblen Nachrede. Willfährige Journalisten stellen sich in seinen Dienst. Kurz darauf ging das riedgedeckte Haus, während die Mitglieder darin schliefen, in Flammen auf. Die Kriminalpolizei stellte Brandstiftung fest. Die Täter sind bis heute nicht gefunden. Bevölkerung und Medien unterließen die sonst übliche Mithilfe bei der Aufklärung. Der Sektenbeauftragte wurde Bundestagsabgeordneter und erhielt trotz dieser Geschehnisse das Bundesverdienstkreuz."

Da kein Name genannt wird, ist unklar, welcher Sektenbeauftragte gemeint sein könnte. Dr. Hans-Peter Bartels (SPD), Mitglied des Deutschen Bundestages und Mitglied des Verteidigungsausschusses schrieb am 18. Dezember 2001 in einem Leserbrief an die "Zeitschrift für Rechtspolitik": "Da ich von 1995 bis 1998 Leiter der Informations- und Dokumentationsstelle ‚Sekten und sektenähnliche Vereinigungen' bei der Ministerpräsidentin des Landes Schleswig-Holstein war und 1998 für den Wahlkreis Kiel in den Bundestag gewählt wurde, könnte es sein, dass mit Ihrer phantasievollen Schilderung ich gemeint sein soll. An Ihrer Geschichte wären dann allerdings allein diese zwei Tatsachenbehauptungen korrekt. Ihre Unterstellungen der ‚üblen Nachrede', des Indienststellens ‚willfähriger Journalisten' und implizit der geistigen Brandstiftung sind ebenso infam wie Ihre freundliche Nachricht von der angeblichen Verleihung des Bundesverdienstkreuzes mir neu ist." Der Brief endet mit dem Hinweis an Martin Kriele: "Sie sollten als renommierter juristischer Hochschullehrer auf solchen Unfug verzichten können."

Die Urheber das Brandanschlags auf die OASE konnten bis heute nicht ermittelt werden. Man fragt sich schon, warum ein anerkannter Jurist solche Verschwörungstheorien konstruiert. Eine Deutung bietet Ingo Heinemann (Aktion für Geistige und Psychische Freiheit - AGPF) an. Auch er schrieb einen Leserbrief, den die Redaktion der Zeitschrift ZRP jedoch nur stark verkürzt abdrucken wollte. Zu den gestrichenen Passagen gehört der Hinweis von Heinemann, dass Kriele möglicherweise die nötige Distanz zum Thema fehlt. "Seine Ehefrau Alexa Kriele bietet auf diesem Psychomarkt u.a. Heilung und Gewichtsreduzierung mittels angeblicher Eingebungen von Engeln an. Über die Rolle ihres Ehemannes sagte sie im Fernsehen (Boulevard Bio am 7. 3. 2000 zum Thema ‚Die Geister, die ich rief'): ‚Also, um ehrlich zu sein - wäre er nicht gewesen, es gäbe kein einziges Buch und wahrscheinlich auch nicht die Engelstunden... Und die Bücher sind nur möglich, weil er das gesprochene Wort in geschriebenes Wort umredigiert.' Kriele ist also nicht nur Ghostwriter, sondern möglicherweise auch Initiator des Angebots." (Vgl. hierzu auch MD 5/2000, 157ff.) Es drängt sich der Verdacht auf, dass Martin Krieles Feindbild Ausdruck der Solidarisierung mit seiner Gattin und deren ungewöhnlicher Arbeit als "Engeldolmetscherin" ist. Falls dem so ist, helfen keine Argumente. Schade nur, dass die Engel, mit denen Alexa Kriele zu kommunizieren glaubt, ihren Gatten nicht vor fehlerhaften und unsachgemäßen Darstellungen schützen. Aber vielleicht wollen sie das auch gar nicht. (Zahlreiche Dokumente zum Thema finden sich unter: http://www.AGPF.de/kriele1.htm.)

Andreas Fincke