Gesellschaft

Religion als Schlüssel zu einer integrierten Gesellschaft?

Kann Religion in Zeiten von wachsendem rechten, linken und auch religiösen Extremismus ein entscheidender Integrationsfaktor für die Gesellschaft sein? Kann sie Werte vermitteln und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken? Oder stellt sie selbst ein Einfallstor für Populismus dar? Und wie wird die neu ausgerichtete Deutsche Islam Konferenz mit diesen Fragen umgehen? Wird sie versuchen, integrative Kräfte der islamischen Religion praktisch zu nutzen, oder sich eher auf theoretische Debatten fokussieren?

Über diese Aspekte diskutierten am 10. September 2018 Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin, Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, und Prälat Karl Jüsten. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Tagung „Religion und Geschlechtergerechtigkeit – entscheidende Integrationsfaktoren“ statt (Veranstalter waren u. a.: Deutscher Kulturrat, Deutsche Bischofskonferenz, Katholische Akademie in Berlin).

Der Veranstaltung wurde die Prämisse des Geschäftsführers des Deutschen Kulturrats Olaf Zimmermann vorangestellt, dass Religion in der Gesellschaft an Bedeutung gewonnen habe, der Umgang mit ihr jedoch umstritten sei. So sei kaum eine These zur Integration, die von der Initiative Kulturelle Integration verfasst wurde, so kontrovers diskutiert worden wie die, dass Religion in den öffentlichen Raum gehöre. Diese Frage wurde von den Podiumsteilnehmern zwar einstimmig bejaht, jedoch wurde darüber debattiert, wie sich Religion als integrative Kraft in die Gesellschaft einbringen kann und wo sich Defizite abzeichnen.

Kostka wünscht sich eine größere Nähe der Kirchen zum Menschen. Durch die Akademisierung der Kirche habe diese an Bodenhaftung verloren und dringe so häufig nicht mehr zu den Ängsten und Sorgen der Menschen durch. Auch Jüsten fordert, dass die Kirche näher an den Menschen ist. Er sieht eine integrative Kraft der Kirche gerade in dem Transzendenzbezug ihrer Glaubenslehren, die Menschen in Krisensituationen Halt geben und den Umgang mit weltlichen Veränderungen erleichtern könnten. Religionen können das Zusammenleben einer schnelllebigen und pluralen Gesellschaft nach Jüsten aus diesem Grund positiv bereichern. Kirchen sollten sich jedoch stärker missionarisch ausrichten und ihre Botschaft gezielter in die Gesellschaft tragen. Nur so könne Kirche den Anspruch erfüllen, als Stabilisator der offenen Gesellschaft zu fungieren.

Sowohl Kostka als auch Jüsten betonen, dass Kirche nicht mit dem moralischen Zeigefinger auf Menschen zugehen und primär als Moralagentur in Erscheinung treten dürfe. Stattdessen müssen Kirchen Sinnstiftungsangebote machen, für die Ängste der Menschen offen sein und Hilfestellungen anbieten. Dies gelte nicht nur für die christlichen Kirchen, sondern auch für den Islam. Kostka betont, dass sich Kirchen und islamische Religionsgemeinschaften insbesondere gemeinsam für Wertebindungen einsetzen könnten. Es gehe nicht darum, Trennendes zu ignorieren, sondern Gemeinsamkeiten zu erkennen, Kräfte zu bündeln und gemeinsam für eine tolerante, offene Gesellschaft einzutreten.

Kerber unterstützt diese Rollenbeschreibung von Religion. Allerdings dürfe Religion mit dieser Aufgabe nicht allein gelassen werden. Er fordert auch von staatlichen Vertretern und Politikern eine stärkere Bereitschaft, den Menschen Werte narrativ zu vermitteln, sich ihrer Sorgen anzunehmen und als Problemlöser in Erscheinung zu treten.

Einen wichtigen Ansatz zur Problemlösung sieht Kerber in der Deutschen Islam Konferenz (DIK). Sie wurde 2006 erstmals im Bundesinnenministerium als ein Dialogforum zwischen staatlichen und muslimischen Akteuren sowie zum innerislamischen Austausch eingerichtet. Kerber berichtet, dass in der kommenden Konferenz, die für November 2018 geplant ist, nicht länger verfassungsrechtliche Fragen mit den Verbänden diskutiert werden sollen, da diese in den vergangenen Konferenzen ausgiebig besprochen und Handlungsansätze entwickelt worden seien. Stattdessen solle die Diversität der islamischen Religion, die in religiösen und kulturellen Traditionen, aber auch in der Intensität von Religiosität besteht, stärker wahrgenommen und abgebildet werden. Diesen verschiedenen muslimischen Akteuren sollten die Stärken des kooperativen Religionsverfassungsrechts in Deutschland verdeutlicht und sie sollten dazu ermutigt werden, die darin enthaltenen Möglichkeiten zur religiösen Organisation zu nutzen und sich auch unabhängig von den Verbänden sowie der Idee einer Verkirchlichung des Islam zu organisieren.

Wie sich dieser Ansatz, der stark an die Zielsetzung der ersten Konferenz erinnert, auf die Strukturen der DIK auswirken wird, hat Kerber nicht erläutert. Ziel der Konferenz scheint es jedoch zu sein, die Breite der islamischen Religion auch organisatorisch stärker in Deutschland abzubilden und sich nicht länger darauf zu fokussieren, einen repräsentativen Vertreter des Islam zu bestimmen, sondern die ganze Vielfalt des Religionsverfassungsrechts zur Organisation zu nutzen und dabei auch die Kulturmuslime abzubilden. Auf diese Weise könnte es möglich werden, eine breitere und womöglich noch stärkere Integrationskraft der islamischen Gemeinschaft zu mobilisieren.

Die Veranstaltung kann als klares Plädoyer für öffentliche Religion verstanden werden. Während Kostka und Jüsten dies durch eine stärkere Präsenz sowie eine missionarischere Ausrichtung der katholischen Kirche übersetzen, arbeitet Kerber daran, die Deutsche Islam Konferenz zu einem Ort zu machen, wo die Vielfalt der Muslime sichtbar wird.


Hanna Fülling