Apostolische Bewegungen

Reformiert-Apostolischer Gemeindebund und Neuapostolische Kirche versöhnen sich

(Letzter Bericht: 1/2015, 27-29) Jahrzehntelang standen sich die Neuapostolische Kirche (NAK) und ihre diversen Abspaltungen in herzhafter Abneigung gegenüber. Aber als sich die NAK ab den 1990er Jahren auf den Weg aus der Sektenecke in die Ökumene machte, wurde bald klar, dass diese Art Spannungen ein ernstes Ökumene-Hindernis darstellen und sich mit der Sehnsucht nach guten Beziehungen mit anderen Christen schlecht vertragen – wer sollte einem trauen, der schon im eigenen Hause nicht Frieden halten kann? Aber auch aus innerem Antrieb suchte die NAK eine Beilegung alter Konflikte, die oftmals bis in die Gegenwart schmerzhaft als Riss durch apostolische Familien gingen. Schon 2005 kam es daher zu einer Verständigung mit einer Schweizer Abspaltung von 1954, und 2014 erfolgte die Versöhnung mit der größten apostolischen Abspaltung in Deutschland, der 1955 entstandenen Apostolischen Gemeinschaft (AG) des Apostels Peter Kuhlen. Diese Versöhnung war auch Voraussetzung für die angestrebte Aufnahme als Gast in die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), in der die AG bereits Gastmitglied ist.

Dieser Friedensschluss mit der AG war damals erst nach allerlei Hürden und Rückschlägen zustande gekommen. Aber nun scheint die NAK auf den Geschmack gekommen zu sein – und schreckt dabei auch nicht vor weiteren Schuldbekenntnissen zurück. Am 11. März 2017 versammelte man sich in Greiz im Vogtland, um feierlich eine Versöhnungserklärung mit dem Reformiert-Apostolischen Gemeindebund (RAG) zu unterzeichnen, weitere Gespräche mit Splittergruppen laufen derzeit in Südafrika und den Niederlanden.

Der RAG war entstanden, nachdem 1921 die Apostel Carl August Brückner (1872 – 1949) und Max Ecke (1876 – 1865) mit 6000 neuapostolischen Gläubigen im Apostelbezirk Dresden vom damaligen Stammapostel Hermann Niehaus ausgeschlossen worden waren. Anders als die Entstehung der AG 1955 aufgrund der Endzeitbotschaft von Stammapostel Johann Gottfried Bischoff (Wiederkunft Christi zu seinen Lebzeiten) hatte der Bruch 1921 keinen eindeutigen Anlass. Vielmehr hatte sich Brückner wiederholt kritisch über Niehaus‘ Amtsführung mittels Visionen und Träumen sowie über den damals aufblühenden Personenkult um den Stammapostel geäußert. Außerdem propagierte Brückner eine vorsichtige Reform der Bibelauslegung im Hinblick auf die Berücksichtigung des historischen Kontexts. Als die Spannungen überhandnahmen, warf ihn Niehaus aus der Kirche.

Nach der Spaltung begab sich der RAG recht schnell auf einen liberalen Kurs, der z. B. Bibelkritik, ein Zurücktreten der Naherwartung und ein weniger übersteigertes Amtsverständnis umfasste. Teile des RAG kehrten in den 1930er Jahren sogar in die Landeskirche zurück. Nach 1955 schlossen sich die westdeutschen RAG-Gemeinden Peter Kuhlen an, was natürlich hinter der Mauer keine Option war. Obwohl die Vorfälle fast ein Jahrhundert zurückliegen, gab es bei der Feierstunde nicht wenige, die dem erstaunten Berichterstatter davon erzählten, dass bis in die jüngste Vergangenheit hinein der Riss quer durch die Familien ging und z. B. bei Familienfeiern heikle Themenvermeidungsstrategien erforderte.

Die Greizer Versöhnungsfeier war insofern ein Kuriosum, als einer der Partner offiziell gar nicht mehr existiert: Die ostdeutschen RAG hatten zwar zwei deutsche Diktaturen überlebt, waren aber den Juristen nach der deutschen Wiedervereinigung nicht gewachsen. Man verpasste gewisse vereinsrechtliche Fristen und musste sich 1994 auflösen, damit die Mitglieder als Einzelpersonen in die AG eintreten konnten. Der ehemalige RAG war also genau genommen als Teil der AG bereits seit 2014 mit der NAK versöhnt. Trotzdem wollte man für die heute ca. 600 verbliebenen Gläubigen in den ehemaligen RAG-Gemeinden eine eigene Feier ausrichten, um auch diese alte Streitgeschichte zu begraben.

Die ökumenische Annäherung zwischen Großkirchen, etwa der evangelischen und der katholischen, die am selben Tag einen ökumenischen Gottesdienst in Hildesheim feierten, verläuft in der Regel so, dass sich Experten jahrelang in Kommissionen über dogmatische und historische Fragen kontroverstheologisch austauschen, man umfangreiche Konvergenzdokumente verabschiedet und das Ganze dann feierlich besiegelt wird.

Unter Apostolischen geht es pragmatischer zu, was auch daran liegt, dass die jeweiligen Trennungsgeschichten junge Erinnerung, teils mit lebenden Zeitzeugen sind. Bei dem langjährigen Verständigungsprozess mit der AG hatte es wiederholt bittere Zerwürfnisse über die Interpretation der Ereignisse gegeben, die einst zum Bruch geführt hatten. Aus dieser Erfahrung klug geworden, verzichtete man diesmal fast völlig auf eine historische Aufarbeitung. Beide Seiten erklären ihr Bedauern über die damals „unsachliche und verletzende Form der Auseinandersetzung“ und zeigen sich überzeugt, „dass die Trennung vermeidbar gewesen wäre“. Nur die NAK „entschuldigt sich dafür, dass seinerzeit nicht alle Möglichkeiten der Versöhnung ausgeschöpft wurden. Sie bedauert das durch den Ausschluss hervorgerufene Leid.“ Eine darüber hinausgehende Einordnung, Erklärung und Bewertung der Vorfälle ist von offizieller Seite nicht angestrebt, da mit „dieser Erklärung ein weiteres Kapitel gemeinsamer Geschichte befriedet und abgeschlossen werden kann“. Tiefer bohrte man nicht. Allerdings wies der AG-Apostel Matthias Knauth in seiner Ansprache darauf hin, dass die Erklärung des Stammapostels Wilhelm Leber vom 13. Mai 2013 zur „Botschaft“ Bischoffs von 1955 einen echten Wendepunkt in den Beziehungen markiert habe. Damals hatte Leber erklärt, die NAK halte diese Botschaft seines Amtsvorgängers (und Schwiegervaters) nicht mehr für eine göttliche Offenbarung – mit weitreichenden, bis heute nicht ausbuchstabierten Implikationen für das neuapostolische Amtsverständnis.

Auch bei dieser Aussöhnung wird wieder ausdrücklich keine Kirchengemeinschaft oder gar -vereinigung angestrebt. Und auch diesmal bleiben die theologischen Folgen völlig offen. Diese Versöhnung ist eine menschlich-weltliche, für die zum Beispiel Fragen des Amtsverständnisses irrelevant sind. Solche theologischen Fragen stellten sich allerdings implizit, etwa als der Bezirksapostel für Berlin-Brandenburg, Wolfgang Nadolny, in seinem Grußwort von der „apostolischen Konfessionsfamilie“ sprach. Was bedeutet dies? Rein historisch sind die apostolischen Kirchen miteinander verwandt, theologisch aber liegen die AG, die sich selbst als Freikirche inmitten der Ökumene verortet, und die NAK, für die es ohne Verbindung zu ihren Aposteln nirgends gültige Sakramente gibt, weit auseinander.

Diese Klärungen werden wohl für künftige Generationen aufgehoben. Besonders zu würdigen ist, dass die jüngeren Bemühungen um Friedensschlüsse nicht mehr im Verdacht stehen, rein pragmatisch durch das Streben in die ACK motiviert zu sein. Hier herrscht ein echt christlicher Geist, der Frieden mit dem Bruder sucht und diesen über die historische Genauigkeit stellt. Die ACK-Mühlen mahlen langsamer – an eine Gastmitgliedschaft in der Bundes-ACK ist wohl erst 2018 oder 2019 zu denken.


Kai Funkschmidt