Stefan Knobloch

Mehr Religion als gedacht! Wie die Rede von der Säkularisierung in die Irre führt

Stefan Knobloch, Mehr Religion als gedacht! Wie die Rede von der Säkularisierung in die Irre führt, Herder Verlag, Freiburg 2006, 204 Seiten, 16,60 Euro.


Vorbilder und Bekenntnisse in Glaubensfragen sind heute sehr gefragt. Die Popularität des Papstes kann als ein Indiz dafür gelten. Auch Fernseh-Prominente geben sich als gläubig zu erkennen oder zeigen sich an christlichen Inhalten interessiert. Im Frühjahr erschien Hape Kerkelings viel beachteter Pilgerbericht auf dem Jakobsweg, jetzt erzählt Nina Ruge biblische Geschichten für Kinder. Kehrt nach einer Phase der diesseitsorientierten Säkularisierung (Aufklärung, Wirtschaftswunder) die Religion wieder in die Mitte der Gesellschaft zurück? Oder ist die Rede von der Säkularisierung ein Mythos, weil in der Gesellschaft ein relativ stabiles Grundbedürfnis nach religiöser Orientierung besteht?

Der emeritierte Mainzer Pastoraltheologe und Kapuziner Stefan Knobloch hat sich in seinem neuen Werk diesen Fragen sehr grundlegend und analytisch gestellt. Nach seiner Überzeugung greifen Beschreibungen, die von einer zunehmenden Gottlosigkeit ausgehen, zu kurz.

Aufgrund seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Thema lehnt Knobloch vordergründige Situationsbeschreibungen zu einer abnehmenden Religiosität oder einer scheinbar raumgreifenden Religions- oder Gottlosigkeit ab. In einem ersten Analyseschritt fragt er nach den Gründen derartiger Zuschreibungen. Er macht deutlich, dass die Religionswissenschaften und die Religionssoziologie nicht in der Lage sind, eine inhaltlich-begriffliche Definition der Religion vorzulegen. Sie können nur die religiösen Phänomene und ihre Auswirkungen beschreiben. Was hinter der Religion stehe, sei Thema und Gegenstand der Theologie. Der Autor kritisiert deshalb eine rein funktionale Verwendung des Religionsbegriffs und stellt diesen Entwürfen Ansätze mit einem substantiellen Religionsbegriff gegenüber.

Wie auch an anderen Stellen des Buches wird in dieser Passage deutlich, wie gut es dem Autor aufgrund seiner Sachkenntnis und Lehrpraxis gelingt, komplexe Zusammenhänge präzise darzustellen und auf den Punkt zu bringen. Seine Beschreibungen sind inhaltlich dicht und kompakt, deshalb erfordern sie ein aufmerksames und gründliches Lesen, sind aber ohne Fachjargon und deshalb Vorwissen verständlich. Auch die Verweise wurden auf das Notwendigste beschränkt.

Den beiden Ansätzen eines funktionalen und substantiellen Religionsbegriffs weist Knobloch Lücken nach, weshalb er es für unabdingbar hält, sich mit dem theologischen Verständnis der Religion zu befassen. Dabei stellt er besonders die vielfach unentdeckte transzendentale Bezogenheit des Menschen heraus, die nach seiner Meinung in der christlichen Religion vollends zur Geltung komme.

Im zweiten Teil seines Buches widmet sich Knobloch der oben angesprochenen Frage, ob denn nun die „good old religion“ wiederkehre oder ein epochaler Umbruch des religiösen Felds zu verzeichnen sei. Mit Recht verweist er hier auf die Begrenztheit religiöser Typologien, die er am Beispiel von zwei Forschungsprojekten verdeutlicht (Detlef Pollack, Glaube und Individualisierung; Hans-Georg Ziebertz, Religiöse Orientierungen westdeutscher Jugendlicher). Im Vergleich beider Typologien kann der Autor überzeugend nachweisen, dass empirische Religiositätsstudien aufgrund der unterschiedlichen Rahmenbedingungen ihrer Forschungsansätze und Forschungsziele nur eine begrenzte Gültigkeit hinsichtlich der tatsächlichen Religiositätsprofile der Menschen von heute haben.

Den gegenwärtigen Paradigmenstreit innerhalb der Religionssoziologie fasst Knobloch mit den „Kampfbegriffen“ Säkularisierung und Individualisierung zusammen. Er knüpft seine Überlegungen weiterhin an das Konzept der Individualisierung an, indem dieses freilich genauer als „paradoxe Verschränkung von Privatisierung und Entprivatisierung“ bestimmt wird. Knobloch konstatiert gegenwärtig eine neue Sensibilität für das Geheimnishafte des Lebens, das er als Herausforderung für die Religion ansieht. Sehr deutlich gibt sich der Autor hier als Rahner-Schüler zu erkennen, zumal er sich ausdrücklich auf dessen theologische Anthropologie stützt. Nach Bezugnahmen auf das II. Vatikanische Konzil und auf Rahners Verständnis vom Menschen als „Wesen des Geheimnisses“ münden seine Überlegungen in Vorschläge, wie religiös Suchende, Gläubige und im kirchlichen Kontext Handelnde Orientierung und Wegweisung erhalten können. Knobloch sieht gegenwärtig deutliche Signaturen für einen epochalen Umbruch der Religion, der es der Kirche bei geschicktem Agieren leicht mache, das verborgene Geheimnis des Menschen, nämlich seine konstitutive Verwiesenheit auf Gott, zu bergen. Neben anderen Anregungen für die religiöse Kommunikation empfiehlt er, sich mehr über Lebens- und Glaubenserfahrungen auszutauschen.

Das Buch ist didaktisch klug konzipiert und vorbildlich strukturiert. Es stellt die richtigen Fragen, ist in seinen Analysen scharfsinnig und kommt zu klaren Antworten. Dass diese aus evangelischer Sicht an manchen Stellen anders ausfallen würden (natürliche Theologie, Selbsttranszendenz), liegt in der Natur der Sache und bedarf keiner weiteren Erklärung. Wer aktuelle Kriterien für die Wahrnehmung und Beschreibung von Religiosität sucht, ist mit dieser Publikation bestens bedient. Hier ist ein tragfähiger Brückenschlag von der empirischen Religionsforschung zu praktisch-theologischen Konsequenzen in katholischer Perspektive gelungen, dem auch evangelische Christen wichtige Anregungen entnehmen können.


Michael Utsch