Neuheidentum

Magische Kanäle: Neue Hexen gehen auf Sendung

(Letzter Bericht: 11/2004, 434f) Anhänger neureligiöser Gruppen und Anbieter aus der Esoterik-Szene wie der Bruno-Gröning-Freundeskreis nutzen in Deutschland schon seit längerem die Möglichkeit, ihre Ideen über die in lokalen Kabelnetzen empfangbaren „Offenen Kanäle“ zu verbreiten. Dabei handelt es sich um Hörfunk- oder Fernsehsender, deren Programm von Bürgern gestaltet und verantwortet wird. Vom Offenen Kanal wird ihnen die erforderliche Infrastruktur und Produktionstechnik kostenfrei oder gegen ein geringes Entgelt zur Verfügung gestellt – für Interessensgruppen ein lukratives Angebot, um eine größere Öffentlichkeit zu erreichen.

In Österreich sind die neuen Hexen seit längerem auf Sendung. Bereits seit sechs Jahren nutzen sie die Möglichkeiten des „freien Radios“. Einmal pro Monat läuft dort das zweistündige Programm „Witches on Air“ (dt. Hexen auf Sendung), das über „Radio Orange 94.0 – das freie Radio“ in Wien ausgestrahlt wird. Die Sendung kann lokal über UKW empfangen, aber auch im Internet angehört und als Datei heruntergeladen werden (www.wurzelwerk.at). Ständige Moderatorin des Magazins ist die neue Hexe „Lady Purple“ (Jg. 1972), seit 1998 beim Sender beschäftigt und seit den Anfängen für „Witches On Air“ zuständig. Als Interessensgebiete nennt die Dame Schamanismus, Reiki, Tarot und Rituale. Darüber hinaus engagiert sie sich im neuheidnischen Verein „WurzelWerk“ („Altes Wissen – neue Pfade“) mit Sitz in Wien.

Die Beiträge ihrer Radiosendung kreisen um die Themen Hexen, Heidentum, Brauchtum, spirituelle und magische Traditionen. Nach den Richtlinien des Senders darf, wie sie betont, keinerlei rassistisches, sexistisches und faschistisches Gedankengut verbreitet werden. Außergewöhnlich großen Raum nimmt in ihrer Programmgestaltung die Musik rund um Hexerei und Naturspiritualität ein. In diesem Jahr scheinen ihr allmählich die Ideen auszugehen. Die österreichische neue Hexe sucht seit Mitte des Jahres 2006 ehrenamtliche Nachwuchsmoderatoren. Im Internet wurde auf www.wurzelwerk.at ein Forum eingerichtet, auf dem Nutzer ihre Ideen und Gestaltungsvorschläge für das Programm einbringen können. Es wurde auch eine Umfrage gestartet, um zu erfahren, welche Schwerpunkte „Witches On Air“ in Zukunft haben sollte. Selbst wenn die Nachfolge in der Moderation der Sendung bereits geklärt ist, bleibt die inhaltliche Ausrichtung weiter ungewiss, da „Lady Purple“ für entsprechende Überlegungen und Ratschläge künftig kaum mehr zur Verfügung stehen dürfte. Sie scheint sich vorerst ganz auf das erste deutschsprachige Hexen-TV-Magazin zu konzentrieren. Jeden dritten Mittwoch im Monat moderiert sie „Hagazussa“ – eine einstündige Fernsehsendung, die über den Wiener Fernsehsender Okto ausgestrahlt bzw. per „Web Stream“ im Internet (www.okto.tv) verfolgt werden kann. Auf der Internetseite des Senders, der sich als Ergänzung zum öffentlich-rechtlichen und privat-kommerziellen Fernsehen versteht, heißt es über „Hagazussa“: „Das erste deutschsprachige TV-Magazin rund ums Thema Hexen, Heiden, Magie und mehr. Abseits des Esoterik-Booms und der Licht&Liebe-Szene moderiert Lady Purple zynisch, weise und oftmals sehr konkret durch die Sendung.“ Neben Hexen, Heiden, Paganismus und Magie soll es auch um Kräuter, Lifestyle, Buchtipps und Veranstaltungshinweise aus der Hexen-Szene gehen. Bislang wurden fünf Sendungen zu „Hag und Besen“, Räuchern, Voodoo und Chaosmagie produziert, die man auch auf CD bestellen kann.

Neue Hexen und Neuheiden wissen die Möglichkeiten der neuen Medienwelt für eigene Zwecke geschickt zu nutzen. Es bleibt aber die Frage, ob es der neuen Hexe „Lady Purple“ und ihren Mitstreitern auch in Zukunft gelingen wird, inhaltliche Beiträge und Berichte zum Thema „herbeizuzaubern“, um „Hagazussa TV“ am Leben erhalten können.


Matthias Pöhlmann