Christian Ruch

Krebs - (auch) ein weltanschauliches Problem

Es mag vielleicht überraschen, in einer Zeitschrift für Weltanschauungsfragen einen Artikel über Krebserkrankungen vorzufinden. Doch wie die Beratungspraxis zeigt, können die Deutung und Erklärung von Krebs zu fragwürdigen, wenn nicht sogar lebensgefährlichen Therapieentscheidungen führen, dies vor allem in Bereichen wie Komplementärmedizin, Geistheilung oder ganz allgemein der Esoterik.

Krebs ist aber auch eine theologische Herausforderung und führt direkt in den Bereich der Theodizee: Wie kann es ein (angeblich) liebender Gott, der Herr über eine (angeblich) gute Schöpfung, zulassen, dass Zellen entarten und lebensbedrohliche Krankheiten auslösen? Und auch die Frage, warum der eine Krebspatient geheilt werden kann, ein anderer jedoch nicht und stirbt, kann Patienten und Betroffene an Gott (ver)zweifeln lassen. Zweifellos hat die Onkologie in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht – und doch sind Krebserkrankungen in vielen Fällen immer noch mit unermesslichem Leid verbunden, dies auch durch die aus medizinischer Sicht alternativlosen, aber oft strapaziösen Chemo- und Strahlentherapien. Bisweilen lassen sie dem Patienten, wie etwa im Falle des Bauchspeicheldrüsenkrebses, kaum eine Überlebenschance.

„Warum ich?“

Die Frage, die wohl jeden Krebspatienten im Verlauf seiner Krankheit irgendwann einmal umtreibt, lautet: „Warum ich?“ Mag diese Frage im Falle von falscher Ernährung im Vorfeld von Darmkrebs oder Nikotinsucht im Vorfeld von Lungenkrebs noch einigermaßen nachvollziehbar beantwortbar sein, versagen solche Erklärungsversuche etwa bei Tumoren bei Kindern und Jugendlichen völlig, weil in dieser Altersgruppe exogene Faktoren meistens ausgeschlossen werden können. Wenn man zudem berücksichtigt, dass Krebszellen „eine Nachbildung des normalen Körpers unseres Lebens“ sind, ihr „Dasein der pathologische Spiegel unseres Existierens“1, bekommt die Frage nach der Ursache für Krebs eine zusätzliche, fast philosophische Brisanz.

Dass es oft an plausiblen Antworten auf die Frage „Warum ich?“ fehlt, verhindert nicht, dass immer wieder Erklärungsversuche gesucht und gefunden werden – ganz im Gegenteil. Dazu zählen etwa

  • psychogene Auslöser wie Schocks, Depressionen oder „unterdrückte Gefühle“ (psychologisierender Ansatz),
  • sündhaftes Verhalten oder karmische Vorbelastungen aus früheren Leben (moralisierender Ansatz),
  • schädigende Umwelteinflüsse wie Handystrahlen, Elektrosmog, „geheime Experimente“ etc., die aber von etablierten Wissenschaftlern und/oder Behörden geleugnet würden (verschwörungstheoretisch-pseudowissenschaftlicher Ansatz).

Kommen solche Erklärungsansätze ins Spiel, fällt oft auf, dass sie ein hoch komplexes, multifaktorielles biologisches und aus wissenschaftlicher Sicht nur strukturlogisch begreifbares Geschehen wie die Genese und Ausbreitung von Tumorzellen auf eine monokausale Ursache reduzieren und damit einen Versuch der Komplexitätsreduktion darstellen. Gemeinsam ist allen drei Typen von Antworten, dass der Krebs eben nicht mehr struktur-, sondern subjektlogisch erklärt wird: Am Krebs ist irgendjemand oder irgendetwas „schuld“, und dieser bzw. dieses Schuldige kann klar benannt werden.

Die Frage ist nur: Was eigentlich ist mit der Benennung des Schuldigen gewonnen? Beim verschwörungstheoretischen Ansatz wird zwar die Verantwortung für den Krebs sozusagen delegiert, was aber auch nichts nützt, da die vermeintlich Verantwortlichen kaum zur Rechenschaft gezogen werden dürften. Beim psychologisierenden und moralisierenden Ansatz besteht dagegen die große Gefahr, dass der Krebskranke sich selbst zum Schuldigen erklärt bzw. von seiner Umwelt als solcher deklariert wird: „Du hast Krebs, weil du in einem früheren Leben jemanden umgebracht hast“, oder „Ich bin krank geworden, weilich meine Gefühle immer unterdrückt habe“. Ein berühmtes Beispiel für diese Denkweise ist die wütende Abrechnung „Mars“ von Fritz Zorn (i.e. Federico Angst, 1944 – 1976), einem Lehrer und Spross aus gutem, großbürgerlichem Schweizer Hause, der seine Krebserkrankung dem psychisch schädlichen Klima seines Elternhauses anlastete. „Ich bin jung und reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein. Ich stamme aus einer der allerbesten Familien des rechten Zürichseeufers, das man auch die Goldküste nennt. Ich bin bürgerlich erzogen worden und ein ganzes Leben lang brav gewesen“, lauten die berühmt gewordenen Anfangssätze seiner Anklageschrift.2

Ein weiteres Beispiel für den psychologisierenden Erklärungsansatz bietet die höchst umstrittene und konfliktträchtige „Germanische Neue Medizin“ (GNM) bzw. „Germanische Heilkunde“ des Ryke Geerd Hamer (geb. 1935), dem 1986 die Approbation als Arzt entzogen wurde und der außerdem wegen seiner fragwürdigen medizinischen Diagnosen und Methoden mehrfach vorbestraft ist.3 Hamer will herausgefunden haben, dass eine Art Schockmoment Krebs auslöst. Diesen Schock nannte er nach seinem Sohn „Dirk-Hamer-Syndrom“ (DHS), weil Hamer nach dessen Tod einen Hodentumor bekam, den er heute mit dem Verlust seines Sohnes in Zusammenhang bringt. Das DHS sei „ein schwerer, hochakut-dramatischer und isolativer Konflikt­erlebnisschock, der das Individuum ‚auf dem falschen Fuß‘ erwischt ... Dieser Konfliktschock ... ist aber eine Notwendigkeit, damit der Organismus auf ein Not- oder Sonderprogramm umschalten kann, um überhaupt mit der unvermutet eingetretenen Situation fertig werden zu können. Denn im Augenblick dieses DHS schaltet sich das Sonderprogramm ein, praktisch synchron: In der Psyche, im Gehirn und am Organ und ist auch dort feststellbar, sichtbar und messbar! Im Computertomogramm des Gehirns z. B. sehen diese Veränderungen (Hamersche Herde) dann wie konzentrische Ringe einer Schießscheibe aus, oder wie das Bild einer Wasseroberfläche, in die man einen Stein hat plumpsen lassen ... Rührt man an das DHS eines Menschen, dann bekommt er meist feuchte Augen. Zeichen für seine emotionale Affektivität. Es ist daher wichtig, dass man das DHS sehr gut versteht, denn dann hat man schon die Hälfte der Germanischen Neuen Medizin begriffen ... Eine Sache wie das DHS, die in der gleichen Sekunde im Gehirn als Hamerscher Herd nachzuweisen ist, ist auch religiös-philosophisch nicht länger zu leugnen.“4

Die Deutsche Krebsgesellschaft kam in einer Stellungnahme zu Hamer und der GNM jedoch zu dem Schluss: „Die Vorstellung, dass psychische Faktoren einen Einfluss auf die Entstehung von Krebserkrankungen haben, hat eine lange Tradition. Von Galen, dem Leibarzt des römischen Kaisers Marc Aurel, wurden Krebserkrankungen mit der Melancholie in Verbindung gebracht. Bisweilen wird bis heute von einer Krebspersönlichkeit gesprochen, die gekennzeichnet sei durch Depression, verminderten Ausdruck von Ärger und Wut sowie Selbstaufopferungstendenzen. Ein Konzept, das mittlerweile wissenschaftlich als widerlegt gilt ... Neuere epidemiologische bevölkerungsbasierte Studien aus Dänemark zeigen eindeutig, dass es keine erhöhte Krebshäufigkeit bei Menschen mit Depressionen gibt und auch schwerwiegende psychische Stressfaktoren wie die ernsthafte Erkrankung eines Kindes zu keiner Erhöhung der Krebsinzidenz führen.“5

Beim moralisierenden Erklärungsansatz wird die Verantwortung für die Krebserkrankung, wie bereits erwähnt, mehr oder weniger dem Erkrankten selbst angelastet. So behauptet etwa die pentekostal ausgerichtete Gemeinde Nasiräer in Hannover auf ihrer Internetseite, dass Krankheiten wie Krebs eine Folge der Sünde seien: „Als die Sünde in das Leben des Menschen einsi­ckerte, begann sie zielstrebig ihre zerstörerische Wirkung. Ja, eben die Zerstörung ist eine Eigenschaft, die die Sünde ausmacht. Wie wir bereits früher bemerkt haben, sind alle Geschöpfe Gottes gut und vollkommen. Das Ziel des Teufels ist es, diese Geschöpfe zu zerstören, Gottes Wahrheit zu verdrehen und die Sünde ist eine Waffe in seinen Händen, die zum Erreichen dieser Ziele nötig ist. Wir alle kennen solche Krankheiten wie Krebs oder Aussatz (Lepra). Sie verbindet eine Besonderheit: der Bereich der Kontamination mit dieser Krankheit beschränkt sich nicht auf ein einzelnes Organ, sondern sie breitet sich über den ganzen Körper aus, wenn es nicht gelingt, den Prozess aufzuhalten. Das Wirken der Sünde ähnelt dem Prozess dieser Krankheiten. Mehr noch, die Sünde infiziert nicht nur den Körper, sondern auch die Seele und den Geist des Menschen. Das drückt sich in Folgendem aus: Der Geist, der vom Virus der Sünde infiziert ist, stirbt, er verliert die Gemeinschaft mit Gott und ererbt nicht das ewige Leben (Die Bibel, 1. Mose 2,17). Die Seele füllt sich mit solchen ‚Krankheiten‘ wie Hass, Neid, Rache, Stolz u. dgl. mehr (Die Bibel, Galater 5,19). Das sind eiternde Wunden, die geheilt werden müssen, da sie den Menschen von innen ‚auffressen‘ und ihn nicht ruhig leben lassen. Der Körper des Menschen wird Krankheiten und Gebrechen verschiedener Arten ausgesetzt, die ihn quälen (Die Bibel, Jesaja 1,5-6) ... O, Mensch, sind denn die Folgen der Sünde nicht schrecklich? Wecken sie nicht etwa den Wunsch in uns, gegen sie anzukämpfen, diese Gräuel von sich zu streifen und dadurch anderen zu helfen? Ist es etwa nicht schrecklich, dass den Sünder, der auf der Welt leidet, ewige Qualen heimsuchen werden? Wir glauben, dass jeder wirklich Verständige sich das zu Herzen nehmen wird.“6

Der verschwörungstheoretisch-pseudowissenschaftliche Erklärungsansatz macht, wie schon erwähnt, diverse Umwelteinflüsse für Krebserkrankungen verantwortlich. So behauptet ein in der Schweiz tätiger Arzt auf einer Internetseite des eigentlich für seriöse Fachliteratur bekannten Thieme-Verlags: „Erfahrene Rutengänger ebenso wie viele Naturheiler können bestätigen, dass es kaum einen Krebskranken ohne starke Erdstrahlbelastung gibt (meist in Form von geologischen Verwerfungen, unterirdischen Wasseradern sowie Curry- und Hartmanngittern). Wir haben in der Praxis die Erfahrung gemacht, dass ein guter Energietester mit einer speziellen homöopathischen Test­ampulle (Geovita®) sehr zuverlässig eine Erdstrahlbelastung feststellen kann. Man sollte danach einen guten Rutengänger kommen lassen und das Bett an einen guten Platz stellen.“7

Aber auch konspirative Machenschaften werden als Verursacher von Krebs genannt, und für sie interessieren sich naturgemäß die Anhänger von Verschwörungstheorien. So ist in einem ihrer Internetforen zu lesen, dass die Kosmetikindustrie hinter Hautkrebserkrankungen stecke: „Rein theoretisch ist es möglich, dass, wenn man sich mit Sonnenschutzcreme/-milch einreibt und sich dann in die Sonne legt und die Fette und Öle aus der Sonnenmilch in die Haut einziehen, durch die Wärme der Sonne auf der Haut sich ... PAKs [polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, C.R.] bilden und entsprechend Krebs verursachen können. Mit anderen Worten: Durch die Sonnenmilch erhöht man das Risiko auf Hautkrebs um ein Vielfaches, bzw. schafft sich teilweise überhaupt erst die nötige Grundlage dafür. Klingt jetzt sehr krass, aber überlegt mal, was die Krankheit ‚Krebs‘ für ein Riesen-Geschäft für die Pharma-Industrie ist ... Und jetzt bedenkt noch folgendes: Warum kriegen keine ‚wilden‘ Afrikaner Hautkrebs, sondern nur Westeuropäer, Amerikaner und Menschen anderer ‚zivilisierten‘ (kosmetikverseuchten) Kulturen? Auch in weiten (ich sag jetzt mal ‚unzivilisierteren‘) Teilen Asiens kommt kein Hautkrebs vor, ebenso wenig z. B. bei den Ureinwohnern Amerikas. Warum? Wegen unserer blassen Haut? Dann wäre Melanin (der braune Farbstoff der Haut) doch DER Krebs-Filter schlechthin ... Jedoch zeigt sich, dass gutgebräunte Europäer mit hohem Melanin-Anteil prozentual genauso viel Hautkrebs bekommen. Dafür kann man aber einen direkten, statistischen Zusammenhang zwischen Kosmetikkonsum und Hautkrebsrate feststellen ... Krebs ist keine Krankheit ... Krebs ist ein Geschäft ... und zwar ein verdammt gutes!!!“8 Dass selbst Staatenlenker nicht vor verschwörungstheoretischen Anflügen verschont werden, zeigte sich, als Venezuelas Staatspräsident Hugo Chavez Ende 2011 seine und die Krebserkrankung anderer lateinamerikanischer Politiker den vermeintlich finsteren Machenschaften der USA anlastete.9

Problematische Therapieformen

Fatal an solchen Erklärungsversuchen ist, dass sie oft mit einer Ablehnung wissenschaftlich-medizinischer Therapieformen einhergehen, weil die „Schulmedzin“ nicht als Teil der Lösung, sondern vielmehr des Problems angesehen wird. Die häufige Folge: Es wird auf alternativ-, komplementär- und paramedizinischem Gebiet nach besseren, erfolgversprechenderen Behandlungsmöglichkeiten gesucht, dies auch unter Hinweis darauf, dass die wissenschaftliche Onkologie in ihrer Geschichte zahlreiche Irr- und zweifelhafte Wege gegangen sei10 und, wie gesagt, bei vielen Krebserkrankungen irgendwann selbst einmal mit ihrem Latein am Ende ist.

Patienten, die onkologische Therapien ablehnen, steht mittlerweile eine ganze Palette alternativer Behandlungsformen zur Verfügung. Dazu zählen die v. a. in der anthroposophischen Medizin übliche Mistel-Therapie, verschiedene Formen der Hyperthermie, die Homöopathie und traditionell-chinesische bzw. -tibetische Medizin. Einige dieser Therapien, vor allem jene, die sich speziell der Krebsbehandlung widmen, gelten jedoch als eindeutig nutzlos bis gefährlich, v. a. wenn sie nur alternativ und nicht komplementär zu einer „schulmedizinischen“ Behandlung durchgeführt werden. Dazu zählen die Methoden des bereits erwähnten Ryke Geerd Hamer, die Clark-Therapie der amerikanischen Heilerin Hulda Clark, die „Krebs-Diät“ nach dem österreichischen Heilpraktiker Rudolf Breuß oder die Hochdosis-Vitamin-Therapie des deutschen Alternativmediziners Matthias Rath.

In vielen Fällen sind Patienten, die eine „schulmedizinische“ Behandlung ihrer Krebserkrankung ablehnen, auch besonders offen für geistmagische Praktiken wie das Positive Denken. Dahinter verbirgt sich getreu dem Motto „mind over matter“ die Vorstellung, mittels Geisteskraft die Tumorzellen quasi „zerdenken“ zu können. Bekannt wurde in diesem Zusammenhang v. a. die „Simonton-Methode“, benannt nach dem US-Radiologen und -Onkologen O. Carl Simonton (gest. 2009).11 Er ging davon aus, dass Imaginationen (z. B. sich vorzustellen, wie Krebszellen dahinschmelzen oder dass sie Drachen seien, die von als Ritter imaginierten Immunzellen bekämpft werden) den Kampf gegen Krebs unterstützen könnten. Insofern erinnert die Simonton-Methode an Visualisierungsübungen des tibetischen Buddhismus, wie sie etwa der Nyingma-Lama Tulku Thondup im Westen bekannt machte.12 Simonton selbst verstand seine Methode, die auch die Psychoonkologie beeinflusste, allerdings nie als Alternative zur „Schulmedizin“.

Wie gefährlich es sein kann, allein auf komplementärmedizinische oder geistmagische Praktiken zu vertrauen, zeigt der Fall der Rechtsanwältin und Brustkrebs-Patientin Eva-Maria Sanders, die mit ihrem Buch „Leben! Ich hatte Krebs und wurde gesund“ Ende der 1990er Jahre einem breiteren Publikum bekannt wurde. Nach anfänglichem Vertrauen in die Onkologie wandte sich Sanders immer mehr anderen Angeboten wie der Simonton-Methode, dem Neurolinguisten Programmieren (NLP) oder der „Zellkernklärung“ nach Elisa Dorandt zu. Dabei handelt es sich um eine Art imaginierte Umprogrammierung der eigenen Zellen. Dorandt betreibt in Spanien und Köln eine eigene Akademie, in der Menschen mit psychischen und physischen Problemen zu neuer Lebensqualität verholfen werden soll: „In meinen Intensivkurs“, so schreibt sie auf ihrer Homepage, kommen Menschen, die nach besserer Lebensqualität suchen oder unzufrieden, ausgebrannt, krank sind, Angst, Burnout, Krebs … haben! ... Ich eröffne Ihnen ein neues Weltbild, damit sie mit Ihren Augen die verdrängten lebensvernichtenden Verhaltensmuster – das traumatisierte Leben erkennen. Das geschieht im schöpferischen Funken Ihrer eigenen Cell-Intelligenz = 100%iges Lebenspotenzial … ohne Therapie, Medikamente, Meditation und psychologischen Schnickschnack! ... Mit meiner direkten schöpferischen Art gehe ich in das Epicentrum Ihres verdrängten Emotionalen Mülls. In meiner Erlöserfrequenz nehme ich Sie an die Hand, zeige Ihnen Ihre offenen Zündstoff geladenen ‚Windows‘, die ich direkt sehe und lehre Sie, wie Sie in Sekunden Ihre gefährliche Datenmasse – die BLACK BOX aufbrechen ... Der ganze Körper vibriert, gleicht einem funkelnden Cell-Feuerwerk. Diese orgiastische Entladung ist eine wunderbare Erlösung, die beflügelt und in der 7. Dimension heilt. Ich übe meinen Beruf aus, weil ich diesen Müll bereits bei mir selbst erlöst habe. Deshalb kann diesen Beruf keiner erlernen, sondern muss selbst erlöst sein, sonst explodieren beide.“13 Dorandt lässt auf ihrer Home­page auch eine junge Frau zu Wort kommen, der sie „vom unheilbaren Brustkrebs ins Leben“ zurückgeholfen haben will. „Krankenschwester Kathrin Rygol erzählt, wie sie aus der tödlichen Diagnose Brustkrebs ‚noch 2 Monate‘ mit der eigenen Cell-Intelligenz ins Leben fand.“

Eva-Maria Sanders hatte weniger Glück: Wie ihr Verlag auf Anfrage bestätigte, verstarb sie 2003, sechs Jahre, nachdem ihr Buch herausgekommen war. Auf der Rezensionsseite des Buchversands Amazon klagte denn auch eine Leserin oder ein Leser: „Ich halte dieses, ihr erstes Buch für gar gefährlich, also lebensbedrohlich für die Leser, die an Krebs erkrankt sind. Ihre sehr negativen Äußerungen zur modernen Medizin haben hunderte von Frauen – vor allem viele, die in Sanders Alter waren – veranlasst, ihre Therapien abzubrechen. Viele sind gestorben. Eva-Maria Sanders hat nicht verantwortungsbewusst geschrieben – und gerade das ist, wenn es doch um Leben und Sterben geht, oberstes Gebot!! Eva-Maria Sanders ist im Spätsommer 2003 an den Folgen ihrer Krebserkrankung in der Schweiz gestorben – sie war lange krank. Warum war sie nicht ehrlich zu ihren Lesern?“14 Sanders‘ Fall ist typisch für das Risikopotenzial, das mit einem einseitigen Vertrauen auf geistmagische Praktiken verbunden sein kann, und so kann der Autorin eine gewisse Mitverantwortung zumindest an ihrem tragischen Schicksal wohl kaum abgesprochen werden.

Das Theodizee-Problem

Was Eva-Maria Sanders und vielen anderen, die glaubten, auf bewährte Therapien verzichten zu können, zum Verhängnis wurde, war die Überschätzung der eigenen Selbstheilungskräfte, letztendlich aber auch ein unrealistischer Glaube an die eigene Genesung. Dies ließe sich leicht als Naivität abtun – doch zumindest aus einer theologischen Perspektive ist das nicht ganz so einfach, ist doch das Wirken Jesu stark von der heilenden Kraft des Glaubens geprägt. Darf der krebskranke Christ also nicht auf die heilende Kraft des Glaubens vertrauen – oder zugespitzt gefragt: Was ist sein Glaube wert, tut er es nicht? Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie sich das spirituell Verantwortbare mit dem medizinisch Gebotenen in Einklang bringen lässt. Vielleicht weist Dale A. Matthews‘ Buch „Glaube macht gesund. Spiritualität und Medizin“ einen gangbaren Weg. Der Mediziner erzählt da­rin u. a. von einer Frau, die an Schilddrüsenkrebs litt, sich von der Heilung der blutflüssigen Frau (Mk 5,25-34 par) inspirieren ließ und während des Kommunionempfangs das Gewand des Priesters als „Verkörperung“ Jesu berührte. „Ich war derart von Gottes Liebe überwältigt, dass ich wusste: Ich war geheilt“, berichtet sie.15 Solche modernen Wundergeschichten sind zahlreich in der Literatur über geheilte Krebskranke – das Besondere an Matthews‘ Bericht ist jedoch, dass das Wunder nicht einfach die Notwendigkeit einer medizinischen Behandlung außer Kraft setzte und sich die Patientin ihr nicht aus naivem Glauben entzog, sondern die spirituelle Erfahrung mit einer nüchternen, wissenschaftlich fundierten Betrachtung ihrer Krankheit in Einklang bringen konnte: „Ich hatte das Gefühl, Gott vollendete dabei [mit den medizinischen Therapien, C.R.] einfach die Heilung, mit der er in der Kirche vor dem Altar angefangen hatte.“16 Die Frau hatte das Glück, wieder gesund zu werden. Insofern erfüllte sich dank der modernen Medizin an ihr das Bibelwort „Dein Glaube hat dir geholfen“.

Was aber ist mit all denjenigen, die trotz Glaube und Gebet einerseits und bester Medizin andererseits den Kampf gegen die Krankheit und letztendlich auch ihr Leben verlieren? Lässt sich da nur ein resigniertes „dein Wille geschehe“ seufzen? Warum werden die einen gerettet, die anderen von einem allzu frühen Tod dahingerafft? Wirft Gott irgendwelche Schicksalswürfel? Gerade das Thema Krebs führt, wie bereits anfangs gesagt, in die brennendsten Fragen der Theodizee hinein. Denn diese Form des Leids kann in vielen Fällen eben gerade nicht auf ein menschliche Freiheit missbrauchendes Fehlverhalten zurückgeführt werden, sondern vermag geradezu als die zynische Launenhaftigkeit eines durch und durch unberechenbaren, grausamen Gottes erscheinen. Dieses Leiden in Form von Krankheiten (aber auch Naturkatastrophen) mache daher „theologisch die größten Schwierigkeiten“, wie der katholische Dogmatiker Gisbert Greshake schreibt.17 Dennoch – oder gerade deshalb – wagt er einen Erklärungsversuch: Greshake sieht den Menschen eingebunden in die evolutionären Prozesse der Schöpfung. Dieser Prozess ist jedoch nicht frei von Fehlentwicklungen, der Theologe spricht von der „Zufälligkeit des evolutionären Spiels“.18 Nicht nur der Mensch, sondern die gesamte Evolution, ja die ganze Prozesshaftigkeit der Natur ist durch so etwas wie eine vom Schöpfer geschenkte Freiheit geprägt. „Dass es so etwas wie Krebs gibt ..., ist eine notwendige Folge dessen, dass Evolution sich als Vorentwurf von Freiheit vollzieht, nicht determiniert, nicht notwendig, nicht fixiert, sondern im Spiel, im Durchprobieren von Möglichkeiten, im Zufälligen. Schöpfung, deren Ziel geschöpfliche Freiheit ist, hat nicht die Gestalt einer gefügten und a priori verfügten statischen Ordnung“, so Greshake, der sich hier Gedanken Teilhard de Chardins anschließt.19 Dieses Leid für immer zu beenden, würde bedeuten, dass Gott die Freiheit seiner Schöpfung aufheben müsste. Greshakes Erklärungsansatz trifft sich an diesem Punkt übrigens mit dem des Onkologen Siddhartha Mukherjee, der in seiner „Biografie“ der Krankheit Krebs auf die wichtige Rolle zufälliger Genmutationen bei der Entstehung von Tumoren hinweist: „Der Vormarsch des Krebses ist langsam und langwierig und verläuft über viele Mutationen in vielen Genen bei vielen Zellteilungen“, wobei Mutationen „seltene Ereignisse“ seien. „Genetisch gesprochen, stehen unsere Zellen nicht am Rand des Abgrunds und drohen abzustürzen. Sie werden hinabgezogen: langsam, in einzelnen Schritten.“20

Den von Krebs Betroffenen nützt die Erkenntnis, dass sie die Opfer einer Verkettung von eigentlich gar nicht so wahrscheinlichen Genmutationen geworden sind, die nun mal der Preis für die Freiheit der Schöpfung Gottes sind, natürlich herzlich wenig. „Ist denn die Freiheit (als Voraussetzung der Liebe) wirklich so viel wert, dass für sie als Preis, als ‚Eintrittskarte‘, entsetzliches Leiden gefordert werden darf?“, so nochmals Gisbert Greshake. „Steht hinter unseren Überlegungen nicht doch noch eine sehr sublime Art des Moloch-Gottes, der um die Freiheit und Liebe seiner Schöpfung willen Hekatomben von Leiden zulässt und damit ‚will‘ (insofern auch das ‚Zulassen‘ eine Form des Willens ist)?“21 Ist es nicht sehr menschlich und nur allzu verständlich, wenn sich Krebskranke von diesem „Moloch-Gott“ abwenden, aber auch mit dem strukturlogischen Zufallsprinzip von Genmutationen nichts anfangen können und stattdessen subjektlogisch denkend nach dem Verursacher ihrer Erkrankung (und sei der nur sie selber!) suchen bzw. genauso subjektlogisch denkend meinen, durch eigene Kraft (z. B. mentaler Art) ihre Krankheit besiegen zu können?

Für die Seelsorge sind Krebserkrankungen eine schwere Herausforderung, vor allem dann, wenn keine Heilung mehr möglich ist. „Nur der leidende Gott kann helfen“, lautet ein berühmtes Bonhoeffer-Zitat. Diesen Gedanken anzunehmen und zu ertragen, fällt allerdings schwer in einer Zeit, in der Omnipotenz und Selbsterlösung en vogue sind und nicht zuletzt durch die Esoterik gepredigt werden. Den Mut zu finden, die eigenen Grenzen und auch den Tod zu akzeptieren und sich nicht in geistmagische Illusionen und Allmachtsfantasien zu flüchten, ist damit auch Aufgabe kirchlicher Weltanschauungsarbeit. Unser aller Leben ist, um Kierkegaard zu zitieren, selbst ohne Krebs und Tumorzellen stets „Krankheit zum Tode“, mögen die Geschäftemacher der Gebrauchsesoterik auch noch so sehr anderes behaupten.


Christian Ruch, Chur/Schweiz


Anmerkungen

1 Siddhartha Mukherjee, Der König aller Krankheiten. Krebs – eine Biografie, Köln 2012, 483.

2 Fritz Zorn, Mars, München 1977, 25.

3 Siehe dazu ausführlicher die Informationen der EZW unter www.ekd.de/ezw/Lexikon_2308.php .

4 Zit. nach http://dr-rykegeerdhamer.com/index.php?option=com_content&task=view&id=23&Itemid=34; die angegebenen Internet­seiten wurden zuletzt am 27.8.2012 abgerufen.

5 Zit. nach www.krebsgesellschaft.de/news_detail,,,16104.html .

6 Zit. nach www.pfingstnet.de/index.php?option=com_content&view=article&id=50&Itemid=57&lang=de .

7 Zit. nach www.thieme.de/viamedici/medizin/alternativ/krebskarma.html#anker2.

8 Zit. nach http://woco.at/punbb3/viewtopic.php?id=7  (Schreibfehler im Original).

9 Siehe dazu den Artikel der „tageszeitung“ auf www.taz.de/!84558.

10 Man denke nur an die sehr riskante Hochdosis­chemotherapie, siehe dazu Siddhartha Mukherjee, Der König aller Krankheiten, a.a.O., v. a. 407-420.

11 Siehe dazu ausführlicher www.simonton.ch/de/methode/index.html .

12 Siehe Tulku Thondup, Heilung grenzenlos, München 2001.

13 Zit. nach  http://elisa-dorandt-akademie.com/intensivkurs

14 Zit. nach www.amazon.de  (Kundenrezension vom 8.12.2005).

15 Dale A. Matthews, Glaube macht gesund. Spiritualität und Medizin, Freiburg i. Br. 2000, 82.

16 Ebd.

17 Gisbert Greshake, Warum lässt uns Gottes Liebe leiden?, Freiburg i. Br. 2007, 64.

18 Ebd., 67.

19 Ebd., 69.

20 Siddhartha Mukherjee, Der König aller Krankheiten, a.a.O., 481.

21 Gisbert Greshake, Warum lässt uns Gottes Liebe leiden?, a.a.O., 78f.