Friedmann Eißler

„Islamisierung des Lebens“?

Zitate aus den Schriften der Gülen-Bewegung

Die türkisch-islamische Dienstgemeinschaft um den einflussreichen Prediger Fethullah Gülen setzt sich weltweit für Bildung in eigenen Schulen und Nachhilfegruppen, für interkulturelle Projekte und Völkerverständigung sowie für den Dialog der Religionen ein. Sie ist dezentral organisiert und basiert großteils auf dem weit überdurchschnittlichen ehrenamtlichen Engagement der zahllosen wohlintegrierten „Freiwilligen“, die ihre Freizeit der sozialen Umsetzung der Ideale Gülens widmen oder/und als zahlungskräftige Sponsoren auftreten. Unterstützt und getragen wird die Arbeit durch ein dichtes Netz von Wirtschaftsverbänden zumeist türkischstämmiger Unternehmer und ein differenziertes eigenes Medienangebot (z. B. Zaman, Die Fontäne, Ebru, Samanyolu).1

Struktur und Herkunft der Bewegung wie auch die Flexibilität der Lehren Gülens begünstigen das weitgehend säkulare Erscheinungsbild der Cemaat („Gemeinschaft“, so eine Eigenbezeichnung, ebenso Hizmet „Dienst“). Religion wird nicht öffentlich thematisiert geschweige denn in den Vordergrund gestellt, Mathematikwettbewerbe und Großveranstaltungen wie zuletzt die „Deutsch-Türkische Kulturolympiade“ in Frankfurt a. M. lassen von einer religiösen Motivation praktisch nichts erkennen.

Kritik richtet sich selbstverständlich nicht gegen eine religiöse Motivation als solche, pauschale Urteile oder gar Verurteilungen haben keinen Platz. Doch wenn die religiöse Motivation einhergeht mit Positionen und Haltungen, die den Konsens über Grundrechte und Grundwerte der freiheitlich-demokratisch verfassten Gesellschaft infrage zu stellen geeignet sind, ist sachgemäße Kritik nötig. Dies ist in unterschiedlichen Milieus insbesondere des konservativen Islam in je unterschiedlicher Weise der Fall. Dies ist auch der Fall in der Gülen-Bewegung, auch wenn die kritisch zu betrachtenden Inhalte bislang öffentlich kaum zur Kenntnis genommen und diskutiert werden. Macht man sich freilich die Mühe, das Schrifttum von Fethullah Gülen zu lesen, so bekommt man einen Eindruck von der Ideologie, die etwa in den „Lichthäusern“ (verbindliche Wohngemeinschaften) an interessierte junge Menschen vermittelt wird. Hier wird der „Dienst“ für die Sache Gottes eingeübt, der höchste Opferbereitschaft sowie religiöse und soziale Verpflichtung erfordert.

Die in den inneren Kreisen gepflegte Beschäftigung mit den religiös-ideologischen Inhalten einerseits und die nach außen angebotenen gesellschaftlichen Aktivitäten andererseits werden weitgehend getrennt. Damit schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Diese Trennung entspricht der in „westlichen“ Gesellschaften vorangeschrittenen „Privatisierung“ der Religion als persönliche Angelegenheit (und kommt daher einem öffentlichen Interesse entgegen, erscheint „modern“ etc.); und sie verschafft den Gülen-Anhängern mehr oder weniger unbeachtete Freiräume für die (interne) Pflege eines äußerst konservativen islamischen Gedankenguts, das entschieden größerer öffentlicher und kritischer Aufmerksamkeit bedürfte.2 Genau hier entsteht eine Diskrepanz der Aktionsebenen, die von Kritikern der Gülen-Bewegung als Intransparenz beklagt wird.

An dieser Stelle kann nur eine eingehende Auseinandersetzung mit Fethullah Gülens Schriften angeregt werden. Zur Einführung folgen deshalb einige ausgewählte Originalzitate aus Schriften Gülens und aus dem Gülen-nahen Fontäne-Verlag in der jeweiligen deutschen Übersetzung (sofern nicht ursprünglich deutsch). Zitate sind notwendigerweise Ausschnitte ohne ihren Zusammenhang, was zu der Bemerkung Anlass gibt, dass die Auswahl sorgfältig und mit Blick auf das Gesamtverständnis Gülens erfolgt ist. Sie ist leicht erweiterbar und begründungsfähig. Nicht der prozentuale Anteil am Gesamtwerk macht die Brisanz von Positionen deutlich, sondern ihr systematischer Stellenwert und damit ihre hermeneutische Bedeutung fürs Ganze.

Zitate zu den Themen Religion und Islam allgemein

„Ein erfolgreiches Dienen im Islam in Übereinstimmung mit dem Weg des Propheten ist nur durch eine Islamisierung des Lebens mit all seinen Institutionen möglich.“ (Der Prophet als Befehlshaber, IV)

„Der Westen besitzt die wissenschaftliche, technologische, ökonomische und militärische Vorherrschaft. Der Islam aber verfügt über einen noch viel wichtigeren und lebensnotwendigeren Faktor: den Glauben. Die Religion des Islam ... hat sich ... ihre Menschenfreundlichkeit und ihre Moralität über 14 Jahrhunderte hinweg bewahrt.“ (APM, 40)

„Die Religion hat den Angriff eines Unglaubens, der auf Wissenschaft und Philosophie basiert, keineswegs schon jetzt überstanden.“ (APM, 40)

Gesellschaft, Religion, Demokratie

„[W]ährend sich die Religion ganzheitlich mit Wesen und Leben des Menschen beschäftigt ..., befassen sich politische, soziale und wirtschaftliche Systeme und Ideologien nur mit bestimmten Teilbereichen des gesellschaftlichen Lebens. Darüber hinaus sind sie auf das Diesseits beschränkt und ziehen ein Leben nach dem Tode meistens nicht in Betracht.“ (APM, 18)

„Der Glaube [an einen Gott etc.] unterliegt keinem Wandel. Dies gilt auch für … die universellen ethischen Werte, die bereits von den Gesellschaften der ersten Menschen anerkannt und akzeptiert wurden. Wenn wir also die Religion und insbesondere den Islam mit der Demokratie vergleichen, dürfen wir dabei nicht aus den Augen verlieren, dass Demokratie keine messbare Größe ist und in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich verstanden wird. Die Religion hingegen hält verschiedene [unveränderliche, bleibende; F.E.] Regeln und Werte für das menschliche Leben bereit ... Der Hauptausgangspunkt, das Hauptziel und die unveränderlichen Prinzipien des Islam, die von diesem Hauptausgangspunkt und Hauptziel bestimmt werden, spielen auch für die Bestimmung der Prinzipien für die veränderlichen Seiten des menschlichen Lebens eine wichtige Rolle. In diesem Sinne spricht sich der Islam nicht explizit für eine bestimmte Regierungsform aus ... Stattdessen gibt er Grundprinzipien vor, die den Staatsgebilden der Menschen einen gewissen Spielraum lassen. Staatsstruktur und Regierungsform sind den äußeren Rahmenbedingungen anzupassen, ohne dass die Grundprinzipien verletzt werden.“ (APM, 18f)

„Der Islam betont, dass das Recht absolute Priorität besitzt. Gerechtigkeit und Gesetz sind im Islam grundlegende Dinge. Jedes Individuum hat demnach bestimmte Rechte, die der Gesellschaft nicht geopfert werden dürfen. Glaube, Vernunft (Recht auf eine gesunde Seele und einen gesunden Geist), Leben, Eigentum und Familie stehen unter besonderem Schutz. Diese Grundprinzipien bilden die Quelle für die Glaubensfreiheit ...“ (APM, 20)

Kommentar: Der hier gebrauchte Begriff des „Rechts“ zielt wesentlich auf die Scharia. Im islamischen Recht wird die absolute Verpflichtung auf jedem Menschen zustehende Rechte von allen maßgeblichen Autoritäten hervorgehoben. Es sind genau die genannten fünf (arab. din, ‘aql, nafs, mal, ‘ird),3 die nach klassischer Lehre die Intention der Scharia ausmachen. Die Bewahrung dieser Intention ist maslaha, d. i. das Eintreten für das Gemeinwohl der muslimischen Umma entsprechend der Umstände.4 Wenn zugleich das Gleichheitsprinzip des Islam stark gemacht wird (APM, 20), kommt dies einer Beanspruchung der Autorität des Islam für die ganze Gesellschaft gleich.

Innerhalb der Gülen-Bewegung kann der Verteidigung der fünf Prinzipien und damit des schariarechtlichen Kerns des Islam als Form des Dschihads besonderes Gewicht verliehen werden: „Einem weiteren authentischen Hadith zufolge wird ein Mensch, der bei der Verteidigung seines Lebens, seines Intellektes, seines Besitzes, seiner Nachkommenschaft oder seiner Religion stirbt, als Märtyrer betrachtet. Das friedfertige Bemühen um die Bewahrung dieser fünf essenziellen Grundpfeiler des Lebens wird auch als eine Form des Dschihads verstanden.“ (Die Fontäne 45/2009, 47)5

„Die Prinzipien, die in diesen Aussagen ... zum Ausdruck kommen, und die Grundprinzipien der Demokratie, der ‚Selbstregierung des Volkes‘, führen also zum gleichen Ziel.“ (APM, 21)

„Der Islam tritt für einen Staat ein, der auf einem ‚gesellschaftlichen Abkommen’ basiert6 ... Die Beziehungen zwischen den Menschen sollten dem Islam zufolge nicht auf ‚Stärke’, sondern auf ‚Recht’ aufbauen.“ (APM, 22)

Kommentar: Mit „Stärke“ wird auf das Mehrheitsprinzip demokratischer Verfassungen angespielt, mit „Recht“ auf islamische Prinzipien und Schariawerte.

„[I]n all den Diskussionen [werden] viel zu selten die degenerierten moralischen und religiösen Werte der Gesellschaft oder das fragwürdige gängige Freiheitsmodell oder das Problem der instabilen familiären Strukturen angesprochen. Dabei zeigt sich doch bei genauerer Betrachtung, dass die hierzulande vertretenen philosophischen Werte in dieser Form kaum länger aufrecht zu erhalten sind.“ – „Pessimismus, Hoffnungslosigkeit und Aggressionen sind menschlich, sie sind tief im menschlichen Wesen verankert. Aber sie können und müssen unbedingt unter Kontrolle gehalten werden. Dieser simplen, aber umso bedeutenderen Wahrheit weigert man sich, ins Auge zu blicken. Der Mensch ist ein Geschöpf, dem ein Mittelweg in den Grenzen von ‚Erlaubtem und Verbotenem’ aufgezeigt werden muss. Solange dies nicht geschieht, können sich überall und jederzeit neue Katastrophen ereignen.“ – „Solange sich Individuen und Gesellschaft von religiösen Werten abwenden und allein auf die kraftlosen Statuten der Gesetze vertrauen, werden die jungen Menschen vergeblich nach einer glücklichen Zukunft suchen und wird die übrige Gesellschaft ihren Frust zu spüren bekommen.“ (Muhammet Mert anlässlich eines Amoklaufs an einer deutschen Schule, in: Die Fontäne45/2009, 42f)

„Ziel des gesellschaftlichen Systems ist dem Islam zufolge, dass Mensch und Gesellschaft tugendhaft sind und dadurch das Wohlgefallen Gottes erlangen. Das Prinzip gegenseitiger Unterstützung und der Solidarität ersetzt im Islam das Prinzip des Konflikts ... Ziel der gesellschaftlichen Ordnung ist das Hervorbringen reifer und aufgeklärter Menschen, was dadurch erreicht werden soll, dass die Seele des Menschen geschult wird. Die Gesellschaft soll Barrieren gegen die Angriffe von Gelüsten errichten und die Seele dazu anregen, sich den erhabenen Dingen zu widmen und die Menschen zufrieden zu stellen. Auf diese Weise soll sie [die Gesellschaft! F.E.] die Menschen zur Vervollkommnung ermutigen und sie zu echten menschlichen Wesen machen. Recht verlangt nach Einheit an Stelle von Uneinigkeit und Streit ... Die Demokratie ist ein System, das Zeit braucht, das sich entwickelt und entwickeln muss.“ (APM, 22f)

Kommentar: Auch hier liegt religiös geprägte Sprache vor, die freilich verstanden werden will: Der „Mittelweg“ ist eine wichtige islamische Eigendefinition (nach Sure 2,143 u. a.). Die Grenzen von „Erlaubtem und Verbotenem“ (Halal und Haram) sind klassisch und verbindlich Gegenstand der Scharia. Dem „Teufelskreis der Degeneration“ (Muhammet Mert in „Die Fontäne“ 45/2009) ist nur durch Einhegung (Kontrolle, Barrieren ...) der individuellen Freiheit zu entkommen, welche als Reduktion auf Eigenwillen und Triebbefriedigung verstanden wird. Ziel ist daher eine schariarechtlich formierte Gesellschaftsordnung (Tugendhaftigkeit, Seelenschulung, „erhabene Dinge“, Wohlgefallen Gottes sind ganzheitliche, schariaorientierte islamische Werte), die ganz am Wohl und Recht des Kollektivs ausgerichtet ist (Kollektivrecht steht über Individualrecht, was insbesondere im Blick auf Frauenrechte, Religionsfreiheit und andere Grundrechte zu Konzepten führt, die dem gesellschaftlichen Konsens zuwiderlaufen). Konflikt, Streit und kraftlose (da menschliche) Gesetze sind Kennzeichen der Demokratie – Solidarität, Einheit (Schuraprinzip etc.) und „religiöse Werte“ sind hingegen Kennzeichen einer islamischen Verfassung.

„Die Demokratie sollte also alle Seiten des Menschen berücksichtigen ... Die Demokratie sollte ihren Horizont erweitern ... Islamische Prinzipien von Gleichheit, Gerechtigkeit und Toleranz können ihr dabei helfen.“ (APM, 23)

„Ihnen (den Regierenden) ist Gehorsam entgegenzubringen, so lange ihre Anweisungen nicht der Scharia zuwiderlaufen. Ungehorsam ist keineswegs mit Auflehnung gleichzusetzen.“ (Koran A. Ünal, 238, zu Sure 4,59)

Kommentar: Der Demokratie, wie sie heute ist, fehlt laut Gülen die Würdigung der spirituellen und geistigen Ebene, wie sie in der islamischen Scharia zu finden sei. Islam und Schariawerte erscheinen als notwendige Ergänzung zum westlichen Konzept, das als schwer defizitär beschrieben wird (komplementäres Denken). Nicht selten wird pauschale Kritik am „Westen“ geübt, der zudem grundsätzlich im Gegenüber zum „Islam“ gesehen wird und dadurch primär religiös definiert erscheint („die Christen“).

Frauen

„Keine Weltanschauung oder Religion hat das Recht, vom Islam eine Entschuldigung für seine Gebote zu fordern, insbesondere für jene, die Frauen betreffen. Ganz im Gegenteil steht jede andere Weltanschauung verglichen mit dem Islam wesentlich schlechter da. Alle entsprechenden Untersuchungen zeigen, dass die Frauen in nahezu sämtlichen ‚Religionen’ und Systemen einen geringeren Stellenwert besaßen, woran sich bis in die heutige ‚zivilisierte’ Welt hinein nicht viel geändert hat. Zeiten, in denen der Islam wirklich bewusst praktiziert wurde, waren für die Frauen hingegen goldene Zeitalter.“(Koran A. Ünal, 233, zu Sure 4,34)

„Außerdem ist es (wenn auch nicht immer) ein besonderes Merkmal der Frauen, dass sie sich leichter von Gefühlen leiten lassen und mehr zu Vergesslichkeit neigen ... Selbstverständlich wird es immer Frauen geben, die ein besseres Gedächtnis haben als Männer, ebenso wie es Männer gibt, die eher gefühlsbetont handeln als Frauen. Aber in Angelegenheiten, die gesellschaftliche Belange betreffen, wird nicht die Ausnahme, sondern die Norm in Betracht gezogen.“ (Koran A. Ünal, 146)

Der Mann hat das Erziehungsrecht und das Züchtigungsrecht über seine Frau: „... Hier geht es keinesfalls darum, dass Frauen nur deshalb geschlagen werden dürfen, weil sie Frauen sind. Vielmehr darf diese Vorgehensweise nur dann angewandt werden, wenn es um eine eindeutig uneinsichtige Frau geht, die sich nicht korrekt verhält, um eine Frau, die eine Verweigerungshaltung einnimmt, im Hinblick nicht nur auf die Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten, sondern auch auf ein moralisch einwandfreies Verhalten. Kurz gesagt: Eine solche Frau tut nicht nur ihrer eigenen Familie Unrecht, sondern auch sich selbst ... Allerdings rät der Islam den Frauen auch nicht, ihre Männer im Bett allein zu lassen oder sie ihrerseits zu schlagen. Hinter all diesen Empfehlungen steckt wohl der Gedanke, dass der Islam die Frau vor den gewalttätigen Ausbrüchen ihres Mannes, der sich ja ohnehin fehlverhält, schützen will.“ (Koran A. Ünal, 232f, zu Sure 4,34)

„Eine Frau verliert das Anrecht auf Respekt, wenn sie sich unsittlich benimmt.“ (Koran A. Ünal, 228)

Gewaltanwendung?

„Deshalb müssen sich die Gläubigen nach Kräften darum bemühen, der fitna ein Ende zu setzen, also die Vorherrschaft des Unglaubens zu brechen, sodass Gott keine Teilhaber zur Seite gestellt und Sünden vermieden werden. Mit diesem Ziel vor Augen ist die Aufnahme von kriegerischen Handlungen gerechtfertigt, ebenso wie im Verteidigungsfall.“ (Koran A. Ünal, 445, zu Sure 8,39)

Kommentar:  fitna ist die Unordnung, die aus der Auflehnung gegen Gott und seine Gesetze entspringt, ein Grundübel in der Gesellschaft, schlimmer als Mord. Wo solche Unordnung entsteht, muss sie bekämpft und ihr jeglicher Boden entzogen werden, zur Not auch mit Gewalt. Wer dabei getötet wird, stirbt als Märtyrer. Fällt „Gott Teilhaber zur Seite stellen“ unter fitna, so steht jeder Christ generell unter dem Verdikt solcher Auflehnung, denn dieser Ausdruck (arab. schirk) charakterisiert im Koran den christlichen Glauben an Jesus Christus als Sohn Gottes.

„Neben der moralischen Stärke, die einem gesunden Glauben und solider Gottesfurcht entspricht, müssen sich Gläubige auch mit hochentwickelten Waffen ausrüsten. Gewaltanwendung hat einen bedeutenden Stellenwert beim Erlangen eines erstrebten Ergebnisses. Deshalb dürfen Gläubige ihr nicht gleichgültig gegenüberstehen.“ (Der Prophet als Befehlshaber, 40)

„Einer der wichtigsten Punkte, der bezüglich des Dschihad erwähnenswert ist, ist der, dass ein gläubiger Mensch nicht vom Schlachtfeld fliehen kann. Er muss im Kampf standfest sein und darf seinem Feind im Kampf nicht den Rücken kehren.“ (Der Prophet als Befehlshaber, 44)

Schule und Bildung

„Die Schule ist ein Ort, in dem das nötige Wissen über dieses und das kommende Leben vermittelt wird.“ (APM, 64)

Die Europäer sahen sich in ihrer Geschichte – im Gegensatz zur islamischen Welt – „mit einem Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft konfrontiert. In der Folge entfernte sich die Religion von der Wissenschaft, und viele Menschen brachen mit der Kirche. Diese Situation begünstigte schließlich den Aufstieg von Materialismus und Kommunismus ... Als Besitzer eines Glaubenssystems mit einer anderen Geschichte und Essenz haben wir dem Westen, ... aber auch der Menschheit in ihrer Gesamtheit einiges zu bieten.“ (APM, 67f)

„Die Religion leitet die Wissenschaft an, bestimmt ihr wahres Ziel und stellt ihr moralische und universelle menschliche Werte zur Verfügung. Würde diese Tatsache im Westen verstanden und diese Verknüpfung von Wissenschaft und Religion stärker betont, lägen die Dinge anders.“ (APM, 70)


Friedmann Eißler


Literatur

APM: M. Fethullah Gülen, Aufsätze, Perspektiven, Meinungen, Mörfelden-Walldorf 2004

Der Prophet als Befehlshaber: M. Fethullah Gülen, Der Prophet Muhammad als Befehlshaber, Kaynak-Verlag, Izmir/Türkei o. J.

Koran A. Ünal: Ali Ünal, Der Koran und seine Übersetzung mit Kommentar und Anmerkungen, Fontäne-Verlag, Offenbach a. M. 2009

Die Fontäne, Vierteljahreszeitschrift für Religion, Kultur und Wissenschaft, Offenbach a. M., 45/2009


Anmerkungen

1 Siehe allgemein Friedmann Eißler, Die Gülen-Bewegung, in: MD 7/2011, 271-275 (s. auch www.ekd.de/ezw/Lexikon_2487.php ).

2 Wie die Gülen-Bewegung zu dieser „Zweigleisigkeit“ kommt und wie sie diese begründet, müsste ausführlicher dargelegt werden, wozu hier nicht der Raum ist. S. dazu aber meinen Artikel Islamisierung profaner Arbeit als Dienst an der Menschheit. Zum Bildungsideal Fethullah Gülens, in: Reinhard Hempelmann (Hg.), Religionsdifferenzen und Religionsdialoge, EZW-Texte 210, Berlin 2010, 175-194.

3 Für „Glaube“ steht wörtlich „Religion“ (din), womit im Allgemeinen der Islam gemeint ist; statt „Familie“ heißt es genauer „Würde“ oder auch „Ehre“, was traditionell insbesondere auf den Schutz der Ehre der Frauen bezogen wird. Es wird auch mit „Nachkommenschaft“ übersetzt.

4 Vgl. zu dem zumal in der Diasporasituation wichtigen islamrechtlichen Konzept der maslaha, das zur flexiblen Anpassung von Schariabestimmungen an kontingente Erfordernisse dient, Tilman Nagel, Das islamische Recht. Eine Einführung, Westhofen 2001, 84-89. 253-275; Ralph Ghadban, Tariq Ramadan und die Islamisierung Europas, Berlin 2006, 126-135.

5 Der Autor geht an der Stelle übrigens so weit zu behaupten, aus diesem Bemühen sei letztlich auch „der moderne Katalog der Menschenrechte“ hervorgegangen. Und weiter: „Der Islam betont also die unveräußerlichen Rechte und die Würde jedes einzelnen Individuums und garantiert all diese Rechte in perfektem Einklang mit dem Wesen des Menschen“ (ebd.).

6 S. dazu Friedmann Eißler, Wasatiyya – ein islamischer „Mittelweg“, in: MD 5/2010, 163-170, und ders., Islam und Islamismus. Aspekte des Islam in Europa zwischen Mythos und Minderheitenpolitik, in: Matthias Petzoldt (Hg.), Europas religiöse Kultur(en), Theologie – Kultur – Hermeneutik Bd. 14, Leipzig 2012, 97-124 (im Druck).