Freidenker

„Glaubst du noch oder denkst du schon?“

Unter diesem kecken Motto hat seit einigen Monaten eine „Giordano Bruno Stiftung“ in Mastershausen (Hunsrück) ihre Arbeit aufgenommen. Die Stiftung hat sich die „Förderung des evolutionären Humanismus“ zur Aufgabe gemacht, man möchte „die Grundzüge eines naturalistischen Weltbildes sowie einer säkularen, evolutionär-humanistischen Ethik/Politik ... entwickeln und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen“. Sie wurde maßgeblich von dem Unternehmer Herbert Steffen ins Leben gerufen. Steffen fördert bereits seit vielen Jahren die Arbeit und das Werk von Karlheinz Deschner, dem Autor der auf insgesamt zehn Bände angelegten „Kriminalgeschichte des Christentums“ und weiterer kirchenkritischer Bücher. Herbert Steffen und seine Mitstreiter möchten mit der neuen Stiftung jedoch nicht nur die Kirchen und Religionen kritisieren, sondern „attraktive säkulare Alternativen“ entwickeln. In einem Prospekt der Stiftung heißt es: „Wir leben in einer Zeit der Ungleichzeitigkeit: Während wir technologisch im 21. Jahrhundert stehen, sind unsere Weltbilder mehrheitlich noch von Jahrtausende alten Mythen geprägt. ... Wir verhalten uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung über einen Jumbojet übertragen wurde.“

Die Giordano Bruno Stiftung bemüht sich um Öffentlichkeitsarbeit, organisiert Diskussionsveranstaltungen, fördert aufklärerische Literatur und ist im Internet präsent. Im Januar 2005 hat man eine „Forschungsgruppe Weltanschauungen“ (fowid) gegründet. Diese verfolgt das Ziel, umfassende Informationen „zur sozialen Akzeptanz religiöser oder weltlicher Weltdeutungen zu erheben, auszuwerten und öffentlich zugänglich zu machen“. In dem bereits zitierten Prospekt werden die Ergebnisse der Untersuchungen schon mal vorweg genommen, wenn es heißt, das zu eruierende empirische Wissen sei u.a. bedeutsam für die Politik, „die in der Regel eine weit größere religiöse Bindung der Bevölkerung unterstellt, als faktisch vorhanden ist...“ Ein entsprechendes Internetportal wird voraussichtlich im November 2005 die Arbeit aufnehmen.

Eine weitere Idee, für die sich die Stiftung engagiert, betrifft die Gründung eines „Zentralrats der Konfessionsfreien in Deutschland“ (ZdKiD). In den Kreisen der organisierten Freidenker, Humanisten und Atheisten wird seit einiger Zeit diese Anregung diskutiert. Die Idee hat manches für sich: Ein solcher Zentralrat könnte möglicherweise die Position der Konfessionslosen in der Öffentlichkeit stärken, er wäre ein Ansprechpartner für Journalisten. Auch hat der Begriff „Zentralrat“ große Attraktivität, weil er an den bekannten „Zentralrat der Juden“ oder an den „Zentralrat der Muslime“ erinnert. Ein zugkräftiges Motto ist auch schon gefunden: „Konfessionslose aller Bundesländer – vereinigt euch!“ Gegen die Idee spricht, dass von den etwa 20 Millionen Konfessionslosen in Deutschland nur etwa 20.000 in einem humanistischen bzw. in atheistischen Verbänden organisiert sind und dass die mannigfachen Verbände in vielen wichtigen Fragen unterschiedliche Positionen einnehmen. Diese disparaten Positionen sind beträchtliche Hindernisse auf dem Weg zu einem „Zentralrat der Konfessionslosen“. Schier unlösbar jedoch ist die Frage nach der Legitimation: Wie kann man alle Konfessionslosen repräsentieren, wenn nur Vertreter der organisierten Konfessionslosen mitarbeiten? Und wie können 0,1 Prozent der Konfessionslosen Sprachrohr der gesamten säkularen Szene sein?

Wie dem auch sei: Alle diese Ideen zeigen, wie sich die Kirchenkritiker und Atheisten neu organisieren, ihre Kräfte bündeln und mit Ideen auf die Gebildeten unter den Verächtern der Religion zugehen. Mitte März 2005 präsentierte der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) eine Studie, die man beim renommierten Allensbacher Institut für Demoskopie in Auftrag gegeben hatte. Die Studie erstaunt – weniger wegen der Ergebnisse, als vielmehr wegen kühner Sprünge bei der Deutung. Gefragt wurde nicht etwa, wie bekannt der HVD landesweit ist und wie dieser oder jener zur Arbeit des Verbandes steht. Man hat sich vielmehr beim HVD drei Schwerpunkte überlegt, die man in der eigenen Arbeit für zentral erachtet und nach der Akzeptanz dieser Themen in der Bevölkerung gefragt. Den Befragten wurde ein Kärtchen mit folgendem Text vorgelegt: „Der HVD vertritt diese Lebensauffassung:

• ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben, das auf ethischen und moralischen Grundüberzeugungen beruht

• ein Leben frei von Religion, ohne den Glauben an einen Gott

• andere weltanschauliche und religiöse Lebensauffassungen zu achten und zu respektieren.“

Dem schloss sich die Frage an: „Einmal alles zusammengenommen: Entspricht das ihrer eigenen Lebensauffassung voll und ganz, überwiegend, eher nicht oder gar nicht?“ 7 Prozent der Befragten entschieden sich für „voll und ganz“, 42 Prozent hielten dies für „überwiegend zutreffend“, 21 Prozent für „eher nicht“ und 25 Prozent für gar nicht zutreffend. Daraus folgert der HVD: 49 Prozent der Deutschen stimmen der Lebensauffassung des HVD zu – und sind damit quasi stille Sympathisanten. Das wäre eine gewaltige Zahl! Die Problematik dieser Umfrage bzw. ihrer Interpretation besteht darin, dass ein Verband sich selbst überlegt, wofür er steht und dann die breite Zustimmung zu den festgestellten Themen als Zustimmung zu seiner Organisation bzw. Arbeit wertet. Wenn die Kirchen bei einer solchen Umfrage sagen, sie stehen für Toleranz, den Schutz der Menschenrechte und für die Bewahrung des Regenwaldes etc., dann werden sie auch beachtliche Zustimmung erfahren. Aber: Erfahren sie damit als Kirchen Zustimmung, oder geht es hier nicht in erster Linie um die zustimmungsfähigen Themen?

Es kann hier nicht ausführlicher auf die Allensbachumfrage eingegangen werden. Entscheidend jedoch ist, wie der HVD die Ergebnisse publizistisch auswertet: Er unterstreicht, dass 7 Prozent der Bevölkerung die Lebensauffassung des HVD „voll und ganz“ mittragen. Das wären immerhin 4,23 Millionen Bundesbürger. Für diese 4 Millionen wird man sich als Sprachrohr profilieren wollen. Auch wenn die Öffentlichkeit diesem gedanklichen Kurzschluss nicht folgt – etwas davon verfängt. So hat selbst der Evangelische Pressedienst (epd) am 17. März 2005 erstaunlich blauäugig über diese Studie und ihre Ergebnisse berichtet. Zahlreiche Kirchenzeitungen haben in Unkenntnis der Dinge die Meldung nachgedruckt. In den Kirchen herrscht teilweise große Unbedarftheit den Kirchen- und Christentumskritikern gegenüber. Vielfach scheint man noch nicht realisiert zu haben, was es bedeutet, dass inzwischen jeder dritte Bundesbürger konfessionslos ist und einige der kirchenkritischen Verbände sich in der Öffentlichkeit durchaus attraktiv präsentieren. Konkurrenz, so sagt man, belebe das Geschäft. Dazu gehört allerdings, zur Kenntnis zu nehmen, dass man sich in Konkurrenz befindet.

Vgl. www.giordano-bruno-stiftung.de / www.fowid.de / www.humanismus.de

Andreas Fincke