Peter R. Gerke

Gibt es einen Gotteswahn?

Gedanken zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube

Das Thema Naturwissenschaft und christlicher Glaube sorgt in der Öffentlichkeit für Diskussionsstoff – und weiterhin für weltanschauliche Kontroversen. Die Wissenschaft kann nicht alles erklären und kann deshalb keinen Totalanspruch auf die Erklärung der Welt erheben. Diese Ansicht vertritt Peter R. Gerke in seinem Diskussionsbeitrag, den wir nachfolgend dokumentieren. Vor dem Hintergrund der neueren Hirnforschung nimmt er darin eine Verhältnisbestimmung zwischen Naturwissenschaft und christlichem Glauben vor.


Viele Philosophen und Hirnforscher bejahen die Titelfrage, und der Erfolgsautor Richard Dawkins bestätigt das in seinem Buch „Der Gotteswahn“, weshalb er sich auch zum „Gegner der Religion“ erklärt hat. Zwar sei unsere Welt ziemlich kompliziert, doch werde objektive Wissenschaft schließlich auch die letzten Fragen des Universums beantworten können. – Stimmt das?

Der Mensch kann denken, das heißt, er hat dank seiner Sprache die Möglichkeit geschaffen, Zusammenhänge beliebiger Art zu überlegen. Er kann Bücher lesen, Reden halten, seinen Urlaub planen. Er hat unsere Welt erforscht und ihre Naturgesetze gefunden. Doch einst fühlte er sich allein und verlassen in einer ungezähmten Natur, und er wandte sich um Schutz an Übermenschliches – an Gott. Ist Gott nun Teil dieser Welt? Dann sollte auch er den Naturgesetzen gehorchen, dann wäre er überflüssig. Oder steht er außerhalb, also über dieser Welt? Wie aber sollte er dann in diese Welt eingreifen können? Er müsste ja die Naturgesetze außer Kraft setzen, um wirksam zu werden. Oder hat sich der Mensch getäuscht, und seine Naturgesetze, die auf den Gesetzen der Logik (bzw. der Mathematik) aufbauen, sind noch gar nicht vollständig? Oder gibt es auf Erden sogar Phänomene außerhalb unserer Naturgesetze, außerhalb menschlicher Logik und menschlicher Forschung? Diese Frage ist hier zu diskutieren.

Das Qualia-Problem

Menschliches Denken findet im Gehirn statt, von dort wird auch menschliches Handeln gesteuert. In diesem Gehirn gibt es um die 100 Milliarden Nervenzellen (Neurone), deren Tätigkeit darin besteht, in kleineren oder größeren Gruppen aktiviert („gefeuert“) zu werden und dabei schwache elektrische Impulse (ca. 80 Millivolt) auszusenden. Die Impulse werden über Nervenfasern (Axone) an andere Nervenzellen weitergegeben, um diese unter bestimmten Umständen zu feuern. Eine Nervenzelle kann über sog. Synapsen von um die 10000 anderen Nervenzellen elektrische Impulse als Signale empfangen, so dass sich ein eng verflochtenes Netzwerk insbesondere in der menschlichen Großhirnrinde ergibt. Sprachliche Gedanken werden dort also durch Muster schwacher elektrischer Impulse von gefeuerten Nervenzellen repräsentiert. Ähnliches geschieht übrigens auch im Computer: Auch er funktioniert auf der Basis schwacher elektrischer Impulse. Hier spricht man aber nicht von Gedanken, sondern von Information!

Ich denke also und befehle mir: „Hol’ einen Apfel aus dem Keller!“ Ich steige die Stufen hinab. Schickt mich nun der Gedanke in den Keller, oder sind es die Nervenzellen, die diesen Gedanken erzeugt haben? Natürlich müssen dann weitere feuernde Nervenzellen meinen Körper in den Keller befördern; wie sollten ihn denn allein Gedanken bewegen können? Denn Gedanken sind nichts Physikalisches wie elektrische Impulse. Wie soll etwas Nicht-Physikalisches etwas Physikalisches wie meine Beine in Bewegung setzen? Philosophen haben ein sog. „Trilemma“ erdacht: 1. Gedanken sind nicht etwas naturgesetzlich Physikalisches. 2. Gedanken sind im Bereich des Physikalischen kausal wirksam. 3. Der Bereich des Physikalischen ist kausal geschlossen, d. h. physikalische Wirkungen sind nur durch physikalische Ursachen möglich.

Natürlich ist der zweite Satz unzutreffend! Die Aufforderung zum Kellergang erfolgt durch Nervenzellen, die mich den Gedanken „in den Keller gehen“ fassen lassen, aber damit zugleich den Kellergang durch weitere Nervenzellen veranlassen. Philosophie und Hirnforschung reihen das Gedankenproblem in eine Gehirnkategorie „Qualia“ ein, deren Mitglieder zwar existieren, aber nichts bewirken, da sie nicht den Naturgesetzen angehören. (Gedanken sind nichts Chemisches und nichts Elektrisches!) In diese Kategorie fallen damit also nicht nur Gedanken, sondern auch alles, was wir wahrnehmen und fühlen, also gesehene Bilder, gehörte Geräusche, geschmeckte Weintrauben, sowie auch Freude und Leid, also unsere Emotionen. Nicht das gehörte Geräusch bewirkt etwas, sondern die Nervenzelle, die das Geräusch erzeugt hat. Wie allerdings diese Nervenzelle (oder eine Anzahl von Nervenzellen gemeinsam) für uns Menschen ein Geräusch erzeugen kann, ist naturwissenschaftlich unerklärlich. Die Antwort auf die zuvor gestellte Frage lautet also: Ja, es gibt etwas außerhalb der Naturwissenschaften Existierendes, das aber selbst naturgesetzliches Geschehen nicht beeinflussen kann. Ist diese Schlussfolgerung richtig?

Der Fall „heiße Herdplatte“

Folgendes habe ich selbst erlebt: Eine Frau legte ihre Hand versehentlich auf eine elektrische Herdplatte, die erst kurz vorher abgeschaltet worden war. Die Platte glühte nicht mehr, war aber noch sehr heiß. Die Frau verbrannte sich die Hand, weil sie keinen Schmerz fühlte und ihre Hand von der Herdplatte nicht zurückzuckte. Schmerz ist als Gefühl aber nicht Teil der Naturgesetze und trotzdem wirksam! Er schützt zum Beispiel vor Verbrennungen. Schmerz kann Leben retten, wenn er etwa eine Blinddarmentzündung signalisiert. Dazu kommt noch ein zweites Phänomen: Menschen, die Gliedmaßen verloren haben, leiden oft unter „Phantomschmerzen“, also z. B. Schmerzen in einer Hand, die gar nicht mehr vorhanden ist.

Schmerz wird also im Gehirn von Nervenzellen erzeugt, die uns Menschen den Ort eines Defektes melden, um damit eine Beseitigung zu ermöglichen. Erstens: Wie können elektrische Impulse der Nervenzellen Schmerz erzeugen? Zweitens: Wie wandert das Schmerzgefühl von den erzeugenden Nervenzellen im Gehirn im Normalfall zu einer brandgefährdeten Hand oder gar zu einer nicht mehr vorhandenen Hand? – Offenbar bringt das allein unser Gehirn fertig, aber wie? Und natürlich ist der Schmerz ein notwendiges Signal zum Erhalt unserer Gesundheit!

Wann ist in der Evolution der Schmerz entstanden? Da kann man natürlich nur Vermutungen äußern, da sich bei Ausgrabungen keine Spuren finden lassen. Einzellige Lebewesen entstanden auf unserem Planeten vor dreieinhalb Milliarden Jahren aus Molekülen, die durch „Selbstorganisation“ zu „Zellen“ zusammenfanden und sich vermehren konnten. Das heißt, Vermehrung ist ein wesentliches Kriterium des Lebens! Vielzellige Pflanzen gibt es erst seit 500 Millionen, Säugetiere seit 175 Millionen Jahren. Aufrechter Gang begann vor zwei Millionen Jahren, der moderne Mensch betrat unseren Planeten vor weniger als hunderttausend Jahren. Wie eine solche Entwicklung entstehen konnte, hat Charles Darwin bereits im 19. Jahrhundert erkannt: Die Eigenschaften von Lebewesen verändern sich geringfügig von Generation zu Generation, aber nur nützliche Veränderungen setzen sich in den folgenden Generationen durch. Aus solchen günstigen Zufällen entstanden neue Arten wie etwa die Wirbeltiere vor 400 Millionen Jahren, zu denen ja auch der Mensch gehört.

Vom Einzeller bis zum Menschen ist es also ein weiter Weg, und ich nehme an, dass nicht bereits am Beginn dieses Weges die Lebewesen schmerzempfindlich waren, denn z. B. die Flora braucht dieses Phänomen nicht für ihre Existenz. Zum besseren Verständnis konstruiere ich ein Modell dieser Entwicklung, indem ich annehme, dass es Mäuse ohne Schmerzempfindung gibt. Natürlich haben diese Mäuse keine Vorstellung von Leben und Tod wie der Mensch; sie existieren einfach, ohne sich dessen bewusst zu sein. Deshalb besteht für sie auch kein Anlass, vor Katzen zu fliehen. Wenn sie gefressen werden, gehen sie nur „kaputt“ wie ein Auto oder ein Computer. Die Folge ist ein starker Rückgang der Mäusepopulation, die Katzen feiern Triumphe. Dann entsteht in einem Mäusewurf zufällig das Schmerzgefühl. Nun wird es ein sehr unangenehmes Erlebnis, gefressen zu werden! Einige Mäuse haben das Glück, mit zerfetzten Schwänzen vor Katzen zu fliehen. Deren Nachfahren lernen nun, dass es vernünftig für Mäuse ist, von vornherein vor Katzen die Flucht zu ergreifen! – Wie aber sieht es dagegen mit einer Schnecke aus? Sie kann wegen ihrer Trägheit nicht vor Fressfeinden fliehen und braucht deshalb auch kein Schmerzgefühl, um eine Flucht zu erlernen. Und das gilt selbstverständlich auch für alle Pflanzen.

Das Phänomen der Subjektivität

Natürlich kann ich nur vermuten, dass die Maus Schmerzen fühlt. Schmerz ist ein subjektives Phänomen, nur ich selbst kann ihn wirklich fühlen. Dagegen sind den Naturgesetzen gehorchende Geschehnisse im Prinzip objektiv für jedermann in identischer Weise erkennbar! Und so kann ich auch nur annehmen, dass mein Nachbar Schmerz verspürt, wenn er „aua“ ruft, weil ihm bei der Reparatur seines Gartenzauns ein Holzblock auf den Fuß gefallen ist. Da ich mich aber nicht für ein einzigartiges Exemplar der Menschheit halte, bin ich sicher, dass auch mein Nachbar schmerzempfindlich ist. Allerdings kann ich nicht davon ausgehen, dass die Quantität seines Schmerzes, also dessen jeweilige Stärke und Art, auch einem von mir selbst empfundenen Schmerz entspricht. Es gibt keine objektive Schmerztabelle. Ich halte auch nicht (wie zuvor gezeigt) allein uns Menschen für schmerzempfindliche Geschöpfe.

Schmerz lässt sich also nur qualitativ und nicht naturwissenschaftlich quantitativ beschreiben. Er existiert deshalb außerhalb einer naturgesetzlichen Ursache-Wirkung-Beziehung. Kurz gesagt: Die Naturwissenschaften beschreiben objektiv erkennbare Phänomene, während der Mensch und viele Tiere sich und ihre Umwelt subjektiv erfahren. Dieser Vorgang ist in hohem Maße wirksam und widerspricht damit hochgradig dem Postulat der Wirkungslosigkeit der erwähnten Qualia! Aber wie können sie denn wirken?

Warum es Gefühle gibt

Schmerz zu „erfinden“, war ein genialer Schritt innerhalb der Evolution, denn er signalisiert dem Lebewesen einen Störfall oder Missstand, ohne diesen Missstand selbst aufwändig beseitigen oder von vornherein vermeiden zu müssen! Für das jeweilige Lebewesen (z. B. den Menschen) sind im Prinzip ja zahllose und auch nie zuvor erfahrene Missstände möglich; sie können deshalb auch nicht alle von vornherein mit geeigneten Gegenmaßnahmen im Gehirn vorbedacht sein. Deshalb lautet das Rezept für dieses Gehirn: Ein Missstand wird durch „Schmerz“ erkannt und gemeldet. Das Lebewesen wird nun ausprobieren, durch welche Aktivitäten der Schmerz gemildert wird oder wieder verschwindet. Und wenn das gelungen ist, folgt ein weiterer ganz wichtiger Schritt: Die für die Schmerzbehandlung erfolgreiche Gegenmaßnahme wird im Gehirn gespeichert, so dass sie wiederholbar ist. Jener Missstand kann also für das Lebewesen künftig positiv beeinflusst oder von vornherein vermieden werden! Das Lebewesen lernt aus der Erfahrung, indem es Verbindungswege durch das Netz der Nervenzellen probeweise aufbaut, bis der Missstand beseitigt ist. Dieses Probieren läuft sogar naturgesetzlich ab, nur die selbst nicht tätige Veranlassung des Vorgangs „Schmerzbeseitigung“ geschieht außerhalb der Naturgesetze! Abgesehen von diesem Umstand geht also alles „mit rechten Dingen“ zu! Insofern ist in bestimmter Weise sogar die zweite Trilemma-Aussage richtig: Gedanken sind veranlassend im Bereich des Physikalischen wirksam!

Aber es gibt ja nicht nur Missstände für ein Lebewesen, die es zu beseitigen gilt. Es gibt auch positives Erleben, das sich ebenso wie der Schmerz in Gefühlen äußert! Wir Menschen spüren es als Freude, Glück, Jubel. Aber auch Mäuse mögen etwas wie Freude empfinden, wenn sie fressenswertes Material entdeckt haben. Es ist positives und negatives Erleben, es sind also unsere Emotionen, die auf das Leben der „höheren Kreatur“ (im Gegensatz zu nur funktionierenden Lebewesen wie Schnecken, Bäume oder Bakterien) wesentlich Einfluss nehmen, ohne dass sie selbst aktiv in dieses Leben eingreifen müssen! Wie aber zeigt sich bei uns Menschen diese Beeinflussung? Wir wollen viel Geld verdienen, wir wollen anderen Menschen helfen, wir wollen einen erholsamen Urlaub erleben. Einfach gesagt: Auch wir Menschen streben für uns positives Erleben an und versuchen, negatives zu vermeiden. Auch für uns sind es Gefühle von Freude, aber auch Trauer und Schmerz, also Emotionen, die das bewirken. Sie sind die Triebfedern unseres Verhaltens und Strebens! Ohne Gefühle würden wir antriebslos irgendwo herumliegen.

Zweifel an der Wirksamkeit von Gefühlen

Skeptiker, die hinsichtlich Qualia ja zu Recht auf der Gültigkeit des dritten Trilemmasatzes bestehen, übersehen also offenbar, dass Gefühle menschliche Handlungsabläufe ja nicht ausführen, sondern vielmehr diese nur veranlassen. Was könnten denn derartige Veranlassungen sein? Ein Beispiel: Ein Marathonläufer will den Sieg beim nächsten Wettkampf erringen, um stolz und glücklich zu werden. Der Mensch hat also ein Ziel, das er erreichen will. In der Folge beginnt er zu trainieren, quält sich Monate lang in Hitze und Kälte, Sturm und Regen, um sein Ziel zu erreichen. Schließlich findet der Wettkampf statt, und dieser Läufer gewinnt tatsächlich! Er steht auf dem Siegertreppchen und ist überglücklich. Jetzt erst werden die Nervenzellen aktiviert, die subjektives (also unerklärliches) Glücksgefühl erzeugen! Nur um dieses Glücksgefühl zu erreichen, ist der Marathonläufer mit strapaziösem Training tätig geworden. Der Vorgang wird als unvergessliche Erinnerung gespeichert, wird vielleicht auch zum Anlass für einen Wiederholungsversuch. Diese Erfahrungen macht der Marathonläufer also nicht als naturgesetzlich funktionierende Maschine, sondern als ein subjektives Wesen – als ein „Ich“, das sich selbst erlebt!

Nun aber die spannende Frage: Wie kommt denn dieses „Ich“ auf die Idee, die Strapazen des Trainings noch einmal auf sich zu nehmen? – Sehr einfach: weil es dieses Siegesgefühl noch einmal erleben will! Aber dieser Wunsch ist doch auch nur ein subjektiver Gedanke, der keine physischen Wirkungen hervorbringen kann! Wie kommen Wünsche und Vorhaben zur naturgesetzlichen Ausführung?

Eine kleine Geschichte: Für die freundliche Aufbewahrung von Babys sind häufig „Körbchen“ vorgesehen, an deren Rand zur Erheiterung von Kind und Eltern niedliche Gegenstände wie Püppchen oder Glöckchen befestigt sind. Als junger Vater unseres ersten Kindes war ich nun gespannt, wann der hoffentlich intelligente Sohn nach dem Glöckchen greifen würde. Ich wurde enttäuscht! Das Ärmchen bewegte sich intensiv, aber ziellos. Der Griff zum Glöckchen unterblieb. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, bis der gezielte Griff zum Glöckchen endlich erfolgte! Immerhin ist aus dem Baby ein erfolgreicher Arzt geworden. Aber wie ist diese schwache Anfangsleistung zu erklären? Das Menschenbaby ist ein „Nesthocker“, es muss ungeheuer viel lernen, bis es seine Glieder beherrschen kann. Bei den ziellosen Armbewegungen berührte das Baby schließlich zufällig auch das Glöckchen und brachte es zum Klingen. Das war eine Überraschung, ein emotionales, also subjektives Ereignis. Und erst damit verbunden erfolgte die Speicherung der Bewegung für den Zugriff zum Glöckchen. Das Baby konnte nun das Glöckchen läuten, wenn es den subjektiven Wunsch dafür verspürte. Der Glöckchenwunsch war mit dem Bewegungsvorgang verbunden, das Baby hatte den Zugriff zum Glöckchen gelernt!

Genauso probieren auch wir als Erwachsene so lange, bis ein gewünschtes Ziel erreicht ist. Daraus folgen Zufriedenheit oder Triumph, wie es bei dem Marathonläufer geschah. Und damit wird auch die erfolgreiche neuronale Konfiguration gespeichert, so dass wir sie hinfort unmittelbar aufrufen können! Wir müssen uns vor Augen halten, dass dieses einfache Verfahren von der Babyzeit an wirksam ist und zur Speicherung unzähliger bewährter Lebensabläufe führt. Wir wählen den jeweils passenden Gedanken aus! Und das ist kein langer Suchvorgang, wenn wir uns bereits in einer gewohnten Situation befinden. Das gilt also auch für den eingangs erwähnten Kellergang, um einen Apfel zu holen. Schon als Kleinkind habe ich gelernt, dass es einen Keller gibt und dass man daraus etwas holen kann. Also war es der Gedanke, der mit den ihm zugehörenden Nervenzellen jene Nervenzellen aktivierte, die mich in den Keller brachten. Wenn wir aber vor neuen Situationen stehen, müssen wir erneut probieren, eine zufriedenstellende Problemlösung zu finden! Das entspricht allen unseren praktischen Erfahrungen wie etwa in Sport und Wissenschaft. Wir sind nicht a priori Wissende und Könnende, sondern wir müssen das von Fall zu Fall erst werden!

Ein weiterer Fall von Subjektivität

Es gibt etwas zweites Unerklärliches: Woher kommt es eigentlich, dass wir in unserem Gehirn nicht elektrische Impulse von Nervenzellen empfinden, sondern eine Landschaft sehen? Warum hören wir Sprache und Musik und nicht Impulsgeknatter? Warum spüren wir nicht das Kribbeln elektrischer Impulse, sondern die wohlige Wärme eines Vollbades? Bereits ein Kribbeln elektrischer Impulse in unserem Gehirn wäre ein unerklärliches Phänomen, tatsächlich aber erleben wir mit diesen elektrischen Impulsen unsere „fünf Sinne“! Wir sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken außerhalb jeder Naturwissenschaft. Und diese Empfindungen sind aufs Genialste an die Ereignisvielfalt unserer Umwelt angepasst! Aber was hat das mit Subjektivität zu tun?

Freilich, auch mein Nachbar sieht wie ich grüne Blätter an der Buche vor seinem Haus. Wie ich sieht er das rote Licht der Ampel. Augenärzte können feststellen, welche Farben wir vielleicht nicht unterscheiden können. Aber ob der subjektive Farbeindruck meines Nachbarn völlig dem meinen gleicht, entzieht sich der Objektivierbarkeit. Ein Zweites kommt hinzu: Unsere subjektiven Gefühle können nur auf subjektives Erleben reagieren, nicht aber objektive elektrische Impulsfolgen verstehen, um unsere Reaktionen zu veranlassen.

Ich vergleiche das mit einem Roboter, dessen „Gehirn“ häufig, wie auch das des Menschen, auf der Basis schwacher elektrischer Impulse funktioniert, nämlich wenn dieses Gehirn ein Computer ist. Aber sieht der Roboter das Auto, das er zusammenbaut? Wir Menschen können das nicht entscheiden, weil das Sehen ja auch für den Computer ein subjektives, für uns Menschen nicht erkennbares Phänomen außerhalb der Naturgesetze wäre. Aber ein solches Phänomen ist für den Roboter überflüssig, so wie der Schmerz für die Schnecke überflüssig ist! Denn der Mensch hat das Robotergehirn so programmiert, dass es die gewünschte Aufgabe erfüllt.

Sein eigenes Gehirn jedoch muss der Mensch selbst programmieren. Und dabei findet er auch Hilfe! Anders gesagt: Der Mensch entwickelt sich vom Säugling zum Universitätsprofessor durch aufeinander aufbauendes Lernen, wie zuvor schon angesprochen. Lernen heißt hier: nachmachen, was vorgemacht wird. Das kann aber nicht heißen: Die Konfiguration (das Muster) aktivierter (gefeuerter) Nervenzellen im Gehirn des Lehrenden wird identisch in das Gehirn des Lernenden übertragen und dort auf eine identische Nervenzellen-Konfiguration abgebildet. Vielmehr bedarf es für den Wissenstransfer von Lehrer zu Schüler geeigneter nichtphysischer Transportmittel, zum Beispiel der Sprache. Und wenn der Schüler das Gelehrte „kapiert“ hat, im Schülergehirn also das Wissen in geeignete Nervenzellen übertragen wurde, dann entsteht dort ein Erfolgsgefühl und damit auch das Speichern des Gelernten! Das Vorgemachte muss sich also dem Lernenden subjektiv sichtbar, hörbar, riechbar usw. präsentieren. Vormacher sind Lehrende: zunächst die Eltern, später berufliche Lehrer und Meister. Und schließlich gibt es auch noch eigenes „Lernen aus Erfahrung“, es gibt Entdecken und Erfinden, womit sich die Menschheit – nicht immer zu ihrem Vorteil – weiterentwickelt. Um es noch einmal zu wiederholen: Das System „Mensch“ ist sehr wesentlich ein subjektives System, also unerklärlich!

Diese Macht der Subjektivität wird besonders deutlich mit dem Erwerb der Sprache! Die Sprache schafft Ausdrucksmittel, die uns Menschen alles Mögliche und Unmögliche zu denken und Mögliches zu tun erlaubt. Bereits das Kleinkind beginnt das Sprechen zu erlernen, indem es versucht, von Mutter oder Vater vorgesprochene Worte nachzusprechen. Aber es kann die elterlichen Worte ja nicht identisch nachsprechen, denn dazu ist seine Stimmlage viel zu hoch. Vaters Bass zu kopieren, ist ihm nicht möglich. Vorgemachtes auf physikalischer Ebene nachzumachen, wie z. B. später beim Erlernen handwerklicher Fähigkeiten, ist also für das Kind nicht möglich. Doch glücklicherweise erfährt das Gehirn des Kleinkinds nicht physikalische Frequenzstrukturen, sondern elterliche Wortstrukturen, die es in seiner eigenen Stimmlage nachsprechen kann! Das Kleinkind ahmt also unerklärliche Klang- und Geräuschkonfigurationen der Eltern und nicht schwache elektrische Impulse von Nervenzellen nach! Wir Menschen könnten das Sprechen und damit auch das (sprachliche) Denken nicht erlernen, wenn es die Subjektivität nicht gäbe! Sogar die von uns definierten Naturwissenschaften sind demnach nur Kinder der unerklärlichen Subjektivität.

Wie aber kommen viele Hirnforscher dann auf die Idee, dass wir Menschen allein den Naturgesetzen gehorchen? – Sie haben eben nicht alles bedacht! Ich nenne zwei Beispiele. Da heißt es erstens seitens eines bekannten Hirnforschers: „Jeder Folgezustand im Gehirn ist durch seinen jeweils vorhergehenden Zustand naturgesetzlich determiniert.“ Das trifft zwar für die Handlung selbst zu, nicht aber für deren Veranlassung! Ohne Anlass entsteht keine neue Handlung! – Was jedoch mit bereits gelernten Handlungen geschehen kann, zeigt Beispiel zwei: Es gibt ein berühmtes Experiment, in dem Probanden eine verabredete (und sicher zuvor ausprobierte, also „gelernte“) Handlung erst bewusst wird, nachdem sie kurz zuvor bereits mit dieser Handlung begonnen haben! Also ist die Steuerung menschlichen Handelns durch den unerklärlichen Willen gar nicht nötig? Das mag hier sogar stimmen, denn es gibt viele Handlungen, die keine Willenssteuerung erfordern, weil sie zuvor z. B. erprobt bzw. gelernt worden sind. Menschen arbeiten am Fließband und denken schon an den Feierabend, ein Autofahrer reißt das Steuer herum, um einen Unfall zu vermeiden, ohne diese Reaktion erst gedanklich zu beschließen. Alles, was wir bereits können, steht uns ohne Gedankenarbeit zur Verfügung. Auch sprachliches Formulieren haben wir schon als Kleinkinder gelernt, und deshalb können wir uns jetzt auch ganz auf den sachlichen Inhalt z. B. einer Rede konzentrieren.

Noch eine Anmerkung zur hier so oft erwähnten „Speicherung“ von bedeutungsvollen Erfahrungen: Es geht also für das Individuum um die mehr oder weniger lange Festigung elektrischer Wege im Gehirn in Abhängigkeit von der emotionalen Bedeutung dieser Wege. Dieser wichtige Vorgang wird von der Hirnforschung noch unzureichend verstanden, weil ja häufig die Wirksamkeit unserer Emotionen (also „Qualia“) bisher nicht erkannt ist. Hier winken noch Nobel-Preise!

Zum guten Schluss

Eines ist also sicher: Die Naturgesetze reichen nicht aus, um den Menschen und damit auch das Universum, in dem der Mensch lebt, zu erklären. Aber das ist nicht der einzige Grund für das Eingeständnis, nicht alles zu wissen. Offenbar ist unser Universum in einem „Urknall“ entstanden, aus dem heraus es sich nun immer weiter verbreitet. Aber was war vor dem Urknall? War es das Nichts? Doch wie konnte aus dem Nichts ein Etwas werden? Ein Etwas nämlich, das als Energie entstand, Materie schuf und daraus Gefühle und schließlich den denkenden Menschen werden ließ. War es ein Zufall? – Nein, denn der Zufall braucht bereits ein Etwas, auf das er einwirken kann. Also war es ein Plan, muss es eine von uns Menschen nicht zu begreifende Macht geschaffen haben. Milliarden Menschen nennen sie „Gott“! Als die denkenden Menschen dieses Unerklärliche so nannten, wussten sie noch nichts von einem Universum. Sie wussten auch nichts von Naturgesetzen und deren nur begrenzter Macht. Heute aber sollten Wissenschaftler in der Lage sein, diese Begrenztheit zu erkennen und nicht einen „Gotteswahn“ zu postulieren!

Einen wichtigen Begriff aber hat der Autor Richard Dawkins doch geprägt, nämlich das „egoistische Gen“. Er stützt sich damit auf die bereits von Darwin erkannte Tatsache, dass sich Leben nur durch günstige Zufälle in der Generationenfolge positiv weiterentwickeln kann, wenn auch oft auf Kosten geringer entwickelten Lebens. Für den Menschen als denkendes Wesen hat jedoch dieses egoistische Prinzip auch im Alltag besondere Bedeutung. Auf eine kurze Formel gebracht heißt das für den Menschen: „Selber essen macht dick!“

Vor 2000 Jahren aber gab es einen Menschen, in dem die Christen Gottes Sohn erkennen. In seiner Bergpredigt lehrte er, worauf es in der Gemeinschaft der denkenden Menschen ankommt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Leider sind wir diesem Aufruf in all den Jahren bisher nur spärlich gefolgt. Deshalb gilt noch immer im weitesten Sinne das Prinzip der Selbstbereicherung auf Kosten anderer.

Unbedingt dringlich ist es aber nun geworden, zum Wohle der uns nachfolgenden Generationen eigene Ansprüche zurückzustellen, weil sie durch die von uns verschuldete Klimaerwärmung unseren Planeten zunehmend unbewohnbar machen können. Bereits häufen sich Umweltkatastrophen! Hier dürfen wir nicht abwarten und auf Gottes Hilfe hoffen. Wir müssen selbst im christlichen Sinne tätig werden, müssen unsere Ansprüche zurücknehmen und nicht nur darüber reden.


Peter R. Gerke, Gräfelfing


Literatur

Peter R. Gerke, Empedokles, Information und die künstliche Seele, Frankfurt a. M. 2005