Alternativkultur

„Empire me - Der Staat bin ich“. Ein Dokumentarfilm über „Gegenwelten“

Wenn einem ein Pullover nicht passt, dann ist er zu weit oder zu eng für die eigene Statur geworden. Konsequenterweise kauft man sich einen neuen. Wenn einem ein Gesellschaftssystem nicht passt, dann ist es zu eng oder zu weit für die eigenen Ideen eines sozialen Lebens. Der erste Schritt führt zum Protest, der nächste zur neu geschaffenen und selbst gewählten Alternativgesellschaft. Weltweit gibt es hunderte sogenannter „Gegenwelten“ – alternative Sozialformen, die mehr oder weniger unabhängig von ihrer vorgefundenen Gesellschaftsordnung leben. Paul Poet porträtiert in seinem Dokumentarfilm „Empire me – Der Staat bin ich“ (2012) sechs von ihnen. Alle sind sie im Laufe der vergangenen 60 Jahre entstanden und könnten unterschiedlicher nicht sein.

Poet zeigt zuerst zwei Mikrostaaten. „Sealand“, eine ehemalige Seefestung von der Größe eines halben Fußballfeldes, zehn Kilometer von der Südostküste Englands entfernt, und „Hutt River“, ein Farm-Areal von 75 Quadratkilometern Größe im Westen Australiens. Deren Gründer konnten aufgrund von Lücken im rechtlichen System die wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit für ihr Gebiet durchsetzen, wenn sie völkerrechtlich auch nicht anerkannt sind. Nun agieren sie als selbsternannte Prinzen und Könige ihrer Hoheitsgebiete, ihre Nachkommen haben Anspruch auf den „Thron“. Wer dort einreist, bekommt einen Stempel in den Reisepass oder muss gar ein Visum vorzeigen.

Zwar keine selbsternannten Mikrostaaten, dafür aber organisierte, kommunenartige Gemeinschaften mit eigenen Zielen und Regeln, sind „Damanhur“ und das „Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung“ (ZEGG). Damanhur versammelt bereits 1000 Bürger in einer Föderation von Nukleo-Gemeinschaften (20 bis 30 Personen) auf einem eigenen Gelände in Norditalien. Hier versuchen die Damanhurianer, in Kontakt mit den „eigenen tiefsten Anteilen“, mit der Natur und dem Kosmos zu kommen. Dazu tragen spirituell-esoterische Kurse wie „Astral Reisen Stufe 1-3“ bei, gleichermaßen auch Orakelrituale im Tempel 30 Meter unter der Erde oder meditative Konzerte in der Natur, wo auch der Gesang von Pflanzen gehört werden will. Das ZEGG in Bad Belzig, 80 Kilometer südwestlich von Berlin in Brandenburg, verfolgt ebenso eine Lebensweise, die ein harmonisches Zusammenleben mit sich, den Mitmenschen und der Natur ermöglichen soll, ist dabei aber nicht in dieser Weise esoterisch wie Damanhur. Vielmehr wird hier auf dem Gelände eines ehemaligen Olympiadorfes von 1936 neben Ökologie und Politik die Freiheit der Liebe und der Sexualität in den Mittelpunkt gerückt.

Von diesen beiden eher abgelegenen Gemeinschaften schwenkt Poet zu einer Stadt mitten in der Stadt: Christiania – eine „Freistadt“ im Kopenhagener Stadtteil Christianshaven. Sie zeichnet sich durch ein ökologisches Anliegen und ein reges kulturelles Leben der alternativen Szene aus. Entscheidungen werden gemeinschaftlich getroffen, Hierarchien gibt es nicht. Der Konsum und Vertrieb von Cannabis wird öffentlich geduldet und auf der „Push-Street“ öffentlich praktiziert. Gestalten mit großen, samtenen Hüten, Piercings und Dreadlocks verleihen Christiania das Flair einer bunt gemischten Hippie- und Punkstadt.

Auch die im Film zuletzt gezeigte Gegenwelt führt mit dem auf Zeit angelegten Projekt der schwimmenden Städte von Serenissima ein alternatives Spektakel auf. Eine 30-köpfige, vornehmlich amerikanische Crew manövriert drei Flöße aus Schrott und Brettern von Slowenien quer über die Adria nach Venedig. Die Frage, ob es sich nun um Schiffe handelt oder um Kunst und ob es dafür bestimmte Vorschriften gibt, führt auch die slowenische Küstenwache in die Ratlosigkeit. Serenissima will Menschen inspirieren, die Dinge neu zu denken.

Acht Jahre lang hatte Paul Poet knapp 100 „Gegenwelten“ erkundet. Der 40-jährige Österreicher beschreibt sich selbst als Veteran der Punk- und Undergroundszene und sympathisiert mit den Akteuren der „Gegenwelten“. Dennoch übt er hin und wieder indirekt Kritik – etwa mit kritisch fragenden Kommentaren zu den esoterischen und vereinnahmenden Praktiken Damanhurs oder mit Bildern, die Straßenschlachten zwischen der dänischen Polizei und den Bewohnern Christianias zeigen.

Weiterführende Informationen zum Film finden sich auf www.empire-me.net.


Karin Walther, Erlangen