Alexander Warnemann / Oliver Koch

Einfach und bequem alles verändern?

Kritische Anmerkungen zu "Access Consciousness"

„Es ist fantastisch: Die Berührung von 32 Punkten am Kopf sind der energetische Schlüssel, um alles aufzulösen, was dich möglicherweise daran hindert, in deine volle Kraft, Kreativität und Handlungsenergie zu kommen.“1 Mit diesen Worten beginnen die Werbeflyer zu Veranstaltungen von „Access Consciousness“. Abgebildet ist ein menschlicher Kopf, an dem farbige Punkte markiert sind. Ihnen sind Themen zugeordnet: Kommunikation, Zeit und Raum, Heilung, Geld, Hoffnung und Träume, Kontrolle, Wahrnehmung, Band der Implantate, Sexualität, Altern usw. Werden diese Punkte mithilfe der Methode „Access Bars“ stimuliert, sollen die „stagnierenden Energien [der jeweiligen Lebensbereiche] in Bewegung gebracht und aufgelöst“2 werden. Das ist eigentlich alles, so einfach geht das. Betrachtet man allerdings Hintergründe, Herkunft und Praxis genauer, ergibt sich ein differenzierteres und problematischeres Bild.

Uns als Weltanschauungsbeauftragte erreichen diverse Anfragen zu Access Consciousness: von der Frage, ob Anbietern kirchliche Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden können, bis hin zu Beratungsanfragen wegen handfester Konflikte innerhalb von Firmen oder Familien. So ruft ein besorgter Ehemann an, dessen Frau seit einiger Zeit Access Bars praktiziert und nun alle Familienmitglieder mit dieser Methode behandeln möchte; oder eine ehrenamtlich engagierte Christin, die sich fragt, ob die Methode mit ihrem Glauben vereinbar ist; und schließlich ein Angestellter eines ambulanten Pflegedienstes, dessen Firma seit einiger Zeit Access Consciousness praktiziert und nun die Mitarbeiter nicht nur zu Kursbesuchen animiert, sondern sie auch dazu motivieren will, die Methode beim pflegebedürftigen Kundenstamm zu bewerben.

Ein Kursabend

An diversen Orten bieten sogenannte „Certified Access Consciousness Facilitatoren“ ihre Dienste an. Präsentiert und beworben durch den „Frankfurter Ring“3 konnte man in Frankfurt am Main ein ganzes Wochenende in diesem Kontext verbringen: Beate Nimsky bot, gemeinsam mit ihrem Ehemann Martin, zunächst am Freitag einen Abendvortrag zu „Access Bars“ an (Kosten: 20 Euro). Es folgten am Samstag ein „Aufbaukurs: Access the Body“ (290 Euro) und am Sonntag die Ausbildung zum „Access Bars Practitioner“ (270 Euro). Wir besuchten den Abendvortrag (1.9.2017).

Beate Nimsky ist nach eigenen Angaben systemischer Coach und Unternehmensberaterin. Sie führt gemeinsam mit ihrem Mann ein Unternehmen für „intrinsische Kompetenz“ und begleitet besonders Unternehmen im Kontext von Zusammenführungen und Fusionen, um eine gemeinsame Kultur zu erarbeiten. Ihr auf der Homepage veröffentlichter Kundenstamm kann sich sehen lassen: Diverse mittelständische bis große Wirtschaftsunternehmen sowie viele, v. a. genossenschaftliche Banken haben ihre Dienste genutzt, darunter auch die Evangelische Bank.4

Nimsky berichtete in ihrem Vortrag, sie habe zwei Unfälle im Jahr 1987 als eine Art „Weckruf“ verstanden und sich danach intensiv mit Energiearbeit in Form von Tai Chi oder Chi Gong beschäftigt. 2014 sei sie während einer Situation mit hohen Anforderungen und viel Stress in Kontakt mit „Access Bars“ gekommen. Nach nur einer Sitzung habe sie endlich wieder richtig schlafen können, Spannungskopfschmerzen hätten aufgehört, und nach kurzem weiterem Praktizieren sei auch ihre Katzenallergie verschwunden.5 Die Methode – bloße Stimulation der 32 Punkte am Kopf und Zitieren eines sogenannten „Clearingsatzes“ – habe sie so überzeugt, dass sie 2015 mehrmals dem Gründer von Access Consciousness, Gary Douglas, hinterhergereist sei und sich von ihm persönlich in allen Techniken habe ausbilden lassen.

Nimsky baute an dem Abend in humorvoller und souveräner Art geschickt einen Spannungsbogen auf, der sich am Beispiel des „Clearingsatzes“ deutlich machen lässt: Im Kontext ihrer persönlichen Heilungserlebnisse sprach sie den Clearingsatz in rasender Geschwindigkeit aus und vertröstete die Zuhörer bzgl. Einzelheiten auf später. Diese Methodik durchzog den Vortrag. Er sollte neugierig machen auf mehr – ein „Appetizer“.

Nach der Erklärung des Hintergrundsystems (s. u.) der Access Bars sollten sie exemplarisch praktiziert werden. Die 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemischten Alters sollten einander zwei Bars geben. Dies gestaltete sich so: Der Empfangende bekam vom Gebenden die Fingerspitzen an klar definierten Punkten des Kopfes aufgelegt. Dadurch fließe dann „höchste Energie“ und lösche die dort gespeicherten alten Muster, die den jeweiligen Punkten zugeordnet seien. So befinde sich hinter den Ohren das sogenannte „Band der Implantate“, in dem „alle Gedanken, Ideen, Glaubenssätze, Sichtweisen, Einstellungen und Informationen eingelagert“6 seien. Nachdem der Partner seine Fingerspitzen auf diese Punkte gelegt hatte, sagte er dreimal hintereinander: „Band der Implantate, Band der Implantate, Band der Implantate“ und daraufhin den Clearingsatz: „Right and Wrong – Good and Bad – POD and POC – All 9, Shorts, Boys and Beyonds“ (s. u.). Nach einiger Zeit konnte gefragt werden, ob ein bestimmtes Thema hochkomme, welches der Empfangende dann benennen konnte.

Während dieser Zeit sollen Energien fließen und Informationen gelöscht werden. Dies mache sich durch Wärme oder Kribbeln in den Händen bzw. im ganzen Körper bemerkbar. Am Vortragsabend bestätigten mehrere der gebenden Teilnehmer, dass sie gespürt hätten, dass „ganz viel Energie geflossen“ sei. Zahlreiche Empfangende sagten, dass sie sich „leichter fühlten“ oder dass sie „eine Veränderung gespürt“ hätten. Ein Teilnehmer gab an, nichts gespürt zu haben, was laut Nimsky noch nie vorgekommen ist und wohl daran liege, dass derjenige sich noch nicht genug eingelassen habe.

Nimsky wies darauf hin, man könne die Access Bars auch bei sich selbst anwenden, aber wenn es ein anderer tue, sei die Wirkung „100 Mal intensiver“. Eine Sitzung dauert von wenigen Minuten bis zu eineinhalb Stunden und kostet zwischen 70 und 95 Euro.7

Waren am Beginn des Abends die Aussagen über die Wirkung von Access Bars noch gemäßigt, so entwickelte sich im weiteren Verlauf eine aufschlussreiche Dynamik. Schließlich erwähnte Nimsky diverse Heilungserfahrungen von Teilnehmern ihrer Kurse. So habe sie etliche Spontanheilungen erlebt, besonders bei Neurodermitis. Aber auch bei ADHS gebe es Erfolge sowie bei der Behandlung des Down-Syndroms bis hin zu Krebs. Da man bei dieser Methode nichts falsch machen könne, sei sie zuversichtlich, dass sie sich bald wie ein „guter Virus“ weltweit ausbreiten werde. Vermutlich werde man sogar erleben, dass es in einigen Jahrzehnten keine Krankenkassen mehr geben müsse, denn alles und jeder könne geheilt werden.

Interessant sind auch die Aussagen über ein zugrunde liegendes gesellschaftsutopisches Weltbild und den religiösen Hintergrund: Auf die Frage, wie die Welt aussähe, wenn alle Menschen die Methode praktizierten, antwortete sie mit hohem ethischem Movens: Es gäbe dann keine Kriege mehr, keine Umweltverschmutzung, die Welt würde schlicht besser werden. Darauf angesprochen, dass ja anscheinend ein Reinkarnationsgedanke hinter dem System stehe, sagte sie, das sei wohl das, was zurzeit am wahrscheinlichsten anmute. Denn die in den 32 Punkten am Kopf gespeicherten Informationen seien teilweise hunderte bis tausende von Jahren alt. Das könne man nur dadurch erklären, dass wir immer wiederkehren.

Die Stimmung des Abends war gelöst und heiter. Auch kritische Fragen seitens der Teilnehmer wurden zugelassen. Als jedoch nach dem Hintergrund des Gründers von Access Consciousness gefragt wurde, hatten wir den Eindruck, dass Nimsky ausweichend reagierte: Die Methodik sei „zu ihm in einer Art Traum gekommen, als er in Kontakt mit einem ganz besonderen Energiefeld war“.

Im Laufe des Vortrags wurde Werbung für eine Weiterführung der Kurse gemacht, die aber nicht aufdringlich oder vereinnahmend war. Wir fragen uns dennoch, ob der Satz des Gründers Gary Douglas stimmt: „Das Schlimmste, was bei der Methode passieren kann, ist, dass Sie einen entspannten Abend haben. Das Beste ist, dass sich Ihr Leben komplett ändert.“8

Zwei Gründerfiguren

Zwei US-Amerikaner spielen im System von Access Consciousness eine besondere Rolle: Gary Douglas ist der Gründer, der später dazugestoßene Dain Heer wird als „Co-Creator“ bezeichnet. Biografische Angaben finden sich nur sehr spärlich.

Douglas wird vorgestellt als Bestseller-Autor, internationaler Redner und Business-Innovator. Er sei am 1. Januar 1950 im Mittleren Westen der USA geboren und dann in San Diego, Kalifornien, in einer Mittelschichtfamilie aufgewachsen.9 Er habe ein Psychologiestudium abgeschlossen und dann als Makler in Santa Barbara gearbeitet.

In diversen Sekundärtexten10 zu Access Consciousness wird eine Nähe des Gründers bzw. eine Methoden-, Struktur- und Inhaltsanalogie von Access Consciousness zu Scientology und ihren Praktiken konstatiert. Es fällt aber schwer, klare Beweise für Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten zu finden. In einer Reaktion auf einen kritischen Text in der Houston Post bestätigt Access Consciousness zwar, dass Douglas sich im Scientology-nahen Umfeld bewegt habe, und er habe auch untersucht, was Scientology anzubieten habe.11 Wenig später ist dort jedoch zu lesen, Douglas habe nichts mit L. Ron Hubbard gemein, und es gebe wesentliche Unterschiede. Diese werden vor allem in einer gegenüber dem Scientology-System behaupteten Freiheit gesehen, speziell gegenüber der hohen Verbindlichkeit in Scientology als religiösem System mit Zentren auf der ganzen Welt mit einer hierarchischen Befehlskette.12 „Im Gegensatz dazu hat Access Consciousness LLC fast keine Organisation. Es gibt kein Hauptquartier, keine Zentren, sehr wenig Struktur und keine Einschreibungspolitik.“13

Die Jahre 1989 bis 1991 scheinen prägend für die Entstehung des Systems „Access Consciousness“ gewesen zu sein. Auf der Homepage heißt es: Gary begann, „eine Reihe pragmatischer Werkzeuge zum Wohlbefinden zu entwickeln, und 1991 fasste er sein Wissen unter dem Namen Access Consciousness zusammen.“14 Diverse Primär-und Sekundärquellen schildern dies anders. So sei Douglas „in dieser Zeit auch aktives Medium [gewesen] und [habe] diesbezügliche Inhalte [Punkte und Wirkweisen von Access Consciousness] gechannelt erhalten“15. Besonderen Kontakt soll er zu Grigori Jefimowitsch Rasputin (1869 – 1916) gehabt haben, dem sagenumwobenen russischen Wanderprediger und hellsichtigen Geistheiler, der Kontakte zur Zarenfamilie hatte, die ihm allerdings zum Verhängnis wurden. Seine Alkoholexzesse, sexuellen Orgien und angeblichen Wunderheilungen ließen ihn unter dem Namen „the mad monk of Moscow“ berühmt werden.16 Darüber hinaus channelte Douglas diverse andere Entitäten, so auch eine Gruppe nichtmenschlicher Wesenheiten („Novians“, s. u.).17 Seit der Gründung von Access widmet er sich vollständig der Verbreitung der Methode durch Seminar- und Vortragstätigkeit.

Um die Jahrtausendwende kam Dain Heer in Kontakt zu Douglas. Heer beschreibt diese Begegnung als eine Art Initiation. Douglas sei in seine Praxis gekommen und habe ihn gebeten, chiropraktisch in Gebieten zu arbeiten, die er noch nie betreten habe. Er solle nur sich selbst vertrauen. Allein durch dieses Zutrauen sei er dann in energetische Sphären gekommen, die er nie zuvor betreten habe: „In that moment, I stepped into a space of being I didn’t know existed. In that space I had access to me, to my knowing. What I learned that day was the beginning of a way of working with bodies and energies that I call the ‚Energetic Synthesis of Being‘.“18

Dain Heers Doktortitel, mit dem er auf Plakaten und in seinen Publikationen wirbt, löst in Deutschland Irritationen aus. Eine Nachfrage brachte Klarheit: In den USA können sog. „Chiropraktoren“ (mit „k“ geschrieben) nach mehrjährigem Studium der Chiropractic das Kürzel „DC“ (Doctor of Chiropractic) tragen (in Deutschland nicht als Doktortitel anerkannt).19

Hintergründe und Praxis

„Access Consciousness“ wurde 1990 von Gary Douglas in Santa Barbara in Kalifornien gegründet.20 Zunächst hieß die Organisation „Access“, dann „Access Energy Transformation“ und jetzt „Access Consciousness“. Es gibt diverse andere Namen für Methoden, Kurse und Angebote. Nach Eigenaussage ist das System mittlerweile in über 170 Ländern vertreten und hat das Leben von „mehr als 30.000 Menschen verändert“.21

Kurz nach seiner ersten Channeling-Begegnung mit Rasputin soll Douglas nach Colorado gereist sein, um an einem Meditationscamp teilzunehmen. Dort soll er eine Gruppe von nichtmenschlichen Wesen, die er „Novians“ nennt, gechannelt haben. Diese sollen Douglas das ursprüngliche Wissen über die grundlegende Methode von Access Consciousness, die Access Bars, vermittelt haben. Als „Access Bars“ wird die Einstiegsmethode bezeichnet. Sie ist der Ausgangspunkt eines nahezu unübersichtlichen Kursangebots. Access geht immer von einem erfahrenen Defizit aus und stellt die Möglichkeit in Aussicht, dass durch den Besuch der Kurse die eigenen Grenzen einfach und effektiv überwunden werden können.

Ein Beispiel für den mystisch-mirakulösen Hintergrund ist der „Clearingsatz“, der in der Praxis eine bedeutende Rolle spielt. In diversen Sekundärquellen22 sowie am Kursabend wird er wie folgt erläutert: Dieser Satz „Right and Wrong – Good and Bad – POD and POC – All 9, Shorts, Boys and Beyonds“ könne auch in anderen Sprachen gesagt werden, entfalte aber im Englischen seine „höchste Energie“. „POD“ bezeichne den „Point of Destruction“, also einen Punkt der Zerstörung unmittelbar nach einer Entscheidung. Dann wird im dualistischen Sinne der Gegenpunkt, nämlich der „POC“ genannt, der „Point of Creation“, Punkt des Entstehens von Gefühlen und Gedanken. „All 9“ bezeichne neun energetische Schichten, die man durchlaufen müsse, um zum Urgrund der Gedanken zu kommen. Diese Schichten müssen „gecleart“ und entfernt werden. „Shorts“ stehe für: Was ist bedeutend daran? Was ist unbedeutend daran? Was ist die Strafe / der Lohn dafür? „Boys“ stehe für eine „geschlossene Sphäre“ und verkörpere ein zwiebelartiges Symbol, durch dessen Schichten man mühsam zum Kern komme. „Beyonds“ soll ein Begriff sein, der Gefühle und Empfindungen beschreibt, die „das Herz einfrieren“, bzw. „alles, was uns in die Totenstarre verfallen lässt“.

Inhaltlich halbwegs sicher eruierbar ist lediglich die Einstiegsmethode Access Bars mit ihrer oben beschriebenen Praxis, da alle anderen Kurse nach Eigenaussage „immer wieder den aktuellen Erfordernissen angepasst werden, sodass kein Kurs dem anderen ähnelt“23. Da die Inhalte nicht veröffentlicht werden, ist es schwierig, etwas darüber zu sagen. Die folgende, aus unterschiedlichen Quellen24 gewonnene Zusammenstellung ist lediglich exemplarisch, also nicht vollständig: 1. Access Bars. 2. The Foundation. 3. Choice of Possibilities. 4. Access Core Classes. 5. Access Body Classes. 6. Access Facelift. 7. Molecular De-Manifestation. 8. Speciality Programs. Die Kurse werden entweder live angeboten oder in einem System von Telelearning-Classes in Audio- oder Video-Streaming kostenpflichtig verbreitet. Dazu kommt ein Merchandising-Programm mit Online-Shop (Verkauf von T-Shirts, Kappen usw.).

Access Consciousness bietet laut Eigenbeschreibung „Werkzeuge und Fragen an, um alles, was du dir wünschst, auf andere und leichtere Art zu kreieren und die Dinge in deinem Leben zu ändern, die du bis jetzt nicht ändern konntest“. Es gehe um „Schritt-für-Schritt Prozesse …, die dich darin unterstützen, im täglichen Leben bewusster zu sein und deine Barrieren zu beseitigen, die du dem Empfangen gegenüber aufgebaut hast. Dann wird das Leben zum Abenteuer von: Was würde ich gerne wählen? Was würde ich gerne kreieren? Wie viel Spaß kann ich haben, am Leben zu sein?“25

Strukturell betrachtet handelt es sich zunächst um ein vom Anwender je nach eigener Interessenlage zusammenstellbares, in sich differenziertes Kurssystem, das es ihm ermöglichen soll, die „Access-Tools“ anzuwenden, um die von ihm angestrebten Ziele zu erreichen. Dabei bauen die Kurse teilweise aufeinander auf bzw. sind von der Teilnahme an vorhergehenden Kursen abhängig. Kritiker weisen darauf hin, dass für Außenstehende Inhalte, Techniken und Abläufe der Kurse nur oberflächlich beschrieben werden.26

Interessant ist nun, dass die von Access Consciousness thematisierte Verwirklichung der eigenen Ziele in einem umso stärkeren Maße erfolgt, je mehr man die Anwendung der Tools vertieft bzw. damit der eigenen Persönlichkeit die Möglichkeit gibt, sich weiterzuentwickeln. Dies liegt im Ermessen des Anwenders – pointiert ausgedrückt: Der Kunde ist selbst verantwortlich, wenn er hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Exemplarisch wird das an den – in sich wiederum differenzierten und spezialisierten – Facilitatorenkursen deutlich.27 Facilitators sind nach Aussage von Access Consciousness zu nichts weniger in der Lage, als einen Beitrag zu leisten, die bestehende Welt zu verändern,28 indem sie die Access-Consciousness-Kurse leiten. Um diesen Rang zu erreichen, ist die Teilnahme an verschiedenen, teilweise von Gary Douglas und Dain Heer selbst angeleiteten Kursen sowie das Studium von vorher zu erwerbendem Material notwendig;29 außerdem schließen sich regelmäßig zu absolvierende Folgekurse an.30 Selbstverständlich kann auch hier wiederum eine weitergehende Spezialisierung erfolgen.31

Access Consciousness muss nicht notwendigerweise das einzige Angebot der Facilitatoren darstellen, sondern kann auch Teil ihres Gesamtangebots sein.

Es fällt auf, dass sich Access Consciousness in Bezug auf die Preisstruktur bedeckt hält und konkrete Summen erst nach persönlicher Anmeldung, d. h. nach Eingabe von Namen, Anschrift und E-Mail-Adresse, zu nennen bereit ist.32

Verbreitung

Bei den von Access Consciousness angebotenen bzw. unter diesem Namen firmierenden Kursen, Techniken etc. handelt es sich um markenrechtlich geschützte Produkte eines Lizenz- und Franchisesystems. Das Kurssystem inkl. der zertifizierten Practitioners und Facilitatoren soll einer unkontrollierten Verbreitung gegenwirken, wodurch eine gewisse Exklusivität gewahrt wird. Außerdem erfolgt durch das System der zertifizierten Practitioners eine immer intensivere Anbindung an das Access-Consciousness-System („Elitenbildung“), nicht zuletzt durch die für die Beibehaltung der Lizenzierung notwendige regelmäßige Teilnahme an Kursen.33 Anfang 2018 weist die Homepage34 allein in Deutschland 114 Practitioner und 24 Facilitatoren aus, Tendenz steigend.

Natürlich werden zur Verbreitung und Bewerbung die heute üblichen Kanäle gewählt. So ergibt eine einfache Suchanfrage unter dem Stichwort „Access Consciousness“ bei einem bekannten Internetversandhändler über 400 Treffer (Januar 2018). Auch die deutschsprachige Webpräsenz35 zeigt sich detailliert; der Webshop (z. T. auf Englisch) bietet u. a. (downloadbare) Literatur.36 Die Verbreitung der Produkte erfolgt über einen eigenen Verlag;37 ebenso können Access-Produkte aber auch von Lizenznehmern über deren Vertriebskanäle erworben werden.38 Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auch auf die Möglichkeit, sich über die sozialen Medien zu informieren.39 Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist schließlich die persönliche Ansprache, die in den einzelnen Veranstaltungen geschieht, hier kann etwa über die Schilderung eigener Erfahrungen („Testimonial-Effekt“) Überzeugungsarbeit geleistet werden.

Einschätzungen

Aus evangelisch-theologischer Sicht fußen die Angebote von Access auf einem synkretistischen System verschiedener esoterischer Kontexte und Methoden, etwa Channeling und Jenseitskontakten des Gründers, gepaart mit Reinkarnationsvorstellungen. In der Praxis begegnet eine Mischung aus übertriebenen Heilungsansprüchen, Motivationstrainings, positivem Denken und Energieflüssen.

Der Clearingsatz macht einen mirakulösen Eindruck, er fungiert anscheinend als eine Art Mantra, das quasi-religiös in verborgene Energie- und Bewusstseinsschichten eindringt und sie verändert. Aus neurowissenschaftlicher Sicht ist der naiven Vorstellung zu widersprechen, man könne komplexe mentale Prozesse wie Gedanken, Ideen, Glauben, Emotionen und Haltungen durch die Berührung bestimmter Kopfregionen verändern. Wegen der neuronalen Netzwerkstruktur des Gehirns sind zahlreiche Hirnregionen an mentalen Prozessen beteiligt, keinesfalls lassen diese sich an bestimmten Stellen lokalisieren. Das Menschenbild ist mechanistisch und kann nicht mit dem christlichen Menschenbild eines einzigartigen, gottebenbildlich geschaffenen Individuums in Einklang gebracht werden. Die Vorstellungen von zu löschenden Speicherchips im Kopf muten transhumanistisch an und sind auch aus psychologischer Perspektive problematisch.

In Berichten von Betroffenen findet sich das Element der weitergegebenen Verantwortlichkeit: Funktioniert etwas nicht so, wie es sich der „Kunde“ wünscht, ist er für seinen Zustand selbst verantwortlich bzw. noch nicht so weit in seinem Fortschreiten gekommen. Da ist es nur ein schwacher Trost, wenn Wiederholungskurse zur Hälfte des ursprünglichen Preises angeboten werden.

Betroffene berichten von finanziellen, psychischen und sozialen Belastungen, etwa dass persönliche Beziehungen in Mitleidenschaft gezogen werden. Schulmedizinisch anerkannte psychotherapeutische Verfahren werden seitens Access zwar nicht aktiv abgelehnt, aber doch im Vergleich mit dem eigenen Angebot als veraltet und zweitklassig eingeordnet bzw. faktisch infrage gestellt. So schreibt z. B. eine Access Consciousness praktizierende Psychologin, dass „Depressionen, Angstzustände, ADHS, Autismus und andere geistige Krankheiten … einfach in ungeahnte Möglichkeiten und ein weitaus besseres Leben umgewandelt werden können, als man es sich je hätte vorstellen können“40.

Ebenfalls problematisch erscheinen uns die konkreten Heilungsversprechen, die in den Kursen gegeben werden. In Werbematerialien wird versucht, Wirkungen durch „elektrophotonische Bildgebungskameras“ (etwa die esoterische Kirlianfotografie41) zu beweisen.42 Ob die Methode dann wirklich so „fantastisch“ ist wie versprochen, müssen Schulmediziner beurteilen.

Der Reiz dieser Methode liegt sicherlich darin, dass eine schnelle, unkomplizierte und scheinbar risikolose Verbesserung aller Lebensbereiche angeboten wird. Es wird jedoch eine Freiheit beworben, von der Aussteiger und Kritiker berichten, dass sie so nicht existiere. Im Gegenteil: Das Kurssystem und seine Inhalte würden geheim gehalten, seien teuer und gäben sich einen pseudowissenschaftlichen Anstrich.

Anbieter von Access-Methoden wollen gelegentlich kirchliche Räumlichkeiten nutzen; von einer Zusage raten wir ausdrücklich ab.


Alexander Warnemann und Oliver Koch


Anmerkungen

  1. Werbebroschüre „Access Consciousness“.
  2. Ebd.
  3. Der „Frankfurter Ring“ ist eine Plattform mit Magazin und Internetauftritt, die im Rhein-Main-Gebiet Vorträge und Seminare für „Körper, Geist und Seele“ organisiert. Siehe auch www.frankfurter-ring.de  (Abruf der Internetseiten: 26.1.2018).
  4. Vgl. www.nimsky.de/kundenerfolge
  5. Siehe auch das Booklet: Beate Nimsky, Access Consciousness: Vortrag 5. September 2017 um 19:30 Uhr im Kurhaus Bad Krozingen, 3.
  6. Ebd., 4.
  7. www.accessconsciousness.com/en/micrositesfolder/accessbars/about-access-bars .
  8. Vgl. www.accessconsciousness.com/de/about/meet-the-creators/gary-douglas .
  9. Vgl. http://web.archive.org/web/20121027034348 /http://www.accessschism.com:80/accessorigins.htm ; www.psiram.com/de/index.php/Access_Consciousness  (Analogien zu Scientology), hier bes. inhaltlich, methodisch und bezogen auf das Kurssystem; www.houstonpress.com/news/whats-behind-gary-douglass-scientology-knockoff-6596177, hier bes. die biografische Nähe von Gary Douglas zu Scientology und dem persönlichen Umfeld; www.womenofgrace.com/blog/?p=29444 , hier ein Verweis auf die gemeinsamen okkulten Hintergründe.
  10. „He did investigate what Scientology had to offer“, http://accessscam.com .
  11. Vgl. ebd.
  12. Ebd.
  13. www.accessconsciousness.com/de/about/meet-the-creators/gary-dougla.
  14. Booklet „Beate Nimsky, Access Consciousness: Vortrag 5. September 2017“, Bad Krozingen“, 3.
  15. Vgl. Douglas Smith: Und die Erde wird zittern. Rasputin und das Ende der Romanows, Darmstadt 2017.
  16. Vgl. http://web.archive.org/web/20121027034348 /http://www.accessschism.com:80/accessorigins.htm .
  17. http://drdainheer.com/about/dains-story .
  18. Sie müssen sich in Deutschland zusätzlich der Heilpraktikerprüfung unterziehen, um die Heilkunde ausüben zu dürfen. Chiropraktoren finden sich z. B. in der Deutschen Chiropraktoren-Gesellschaft (DCG): www.chiropraktik.de ; www.chiro-center.de/de/qualifikation-chiropractor.html .
  19. Vgl. http://web.archive.org/web/20121027034348 /http://www.accessschism.com:80/accessorigins.htm
  20. www.accessconsciousness.com/de/about/what-is-access .
  21. Psiram, YouTube, Kursabend mit Beate Nimsky.
  22. Aussage von Beate Nimsky auf Anfrage der Autoren.
  23. www.accessconsciousness.com ; www.psiram.com/de/index.php/Access_Consciousness ; Kursmaterialien von Beate Nimsky und Stefan Tietzmann.
  24. www.accessconsciousness.com/de/about/what-is-access .
  25. Vgl. Psiram (s. Fußnote 25). Auch das von Nimsky bereitgestellte Informationsblatt bleibt nach Ansicht der Verfasser hinsichtlich des Ablaufs und konkreter Inhalte eher vage.
  26. Vgl. www.accessconsciousness.com/de/facilitators/becoming-a-facilitator.
  27. „As a Certified Facilitator you are stepping into being a contribution to more consciousness being available on this planet and to everyone who chooses it. This is a huge gift to opening up a greater possibility for the end of limitation, destruction and judgment on this planet – or at the very least to begin to change the world we live in now“ (ebd.).
  28. Vgl. www.accessconsciousness.com/en/facilitators/becoming-a-facilitator/becoming-a-certified-facilitator .
  29. Vgl. ebd. Dabei behält man sich eine Änderung der Anforderungen vor, weil sich Access Consciousness jederzeit ändere: „Please note: These requirements can change at any time and there may be additional requirements as Access Consciousness changes all the time and we would like you to be at the creative edge of consciousness.“
  30. So ist etwa Beate Nimsky nicht nur „Access Bars Practitioner“, sondern auch „Access Bars Facilitator“, außerdem „Certified Access Facilitator“, „Body Access Facilitator“, „Access Facelift Facilitator“, „Right Voice Master Class Facilitator“, vgl. www.accessconsciousness.com/de/facilitators/#?PageSize=10&SortBy=lastName&Descending=false&CurrentPageNumber=12&FacilitatorCountries=Germany . Kritiker bemängeln, dass „gesundheitlich relevante Versprechungen durch (auch von Laien angebotene) AC-Leistungen gemacht [werden], wie sie das deutsche Heilmittelwerbegesetz aber ausdrücklich verbietet“, Psiram (s. Fußnote 25)
  31. www.accessconsciousness.com/de/about/faqs/international-pricing-policy : „Die Preisstruktur ... benutzt ein modernes und automatisiertes System der internationalen Preisgestaltung. Je nachdem, in welchem Land du lebst, bezahlst du entweder 100 %, 80 % oder 65 % des Preises in US-Dollar. Auf diese Weise geben wir jedem dieselbe Möglichkeit, an Kursen teilzunehmen, egal wo er lebt. Um die korrekte und persönliche Preisgestaltung auf dieser Seite zu sehen und eine noch einfachere Nutzung zu ermöglichen, kreiere dein kostenloses, persönliches Konto!“
  32. Vgl. http://ger.accessconsciousness.eu/bf-training
  33. www.accessconsciousness.com/de/facilitators/#?  
  34. http://ger.accessconsciousness.eu/foundation .
  35. www.accessconsciousness.com/de/access-shop .
  36. Vgl. www.psiram.com/de/index.php/Access_Consciousness.
  37. Vgl. https://accessyourlife.energy/shop ; hier wird von Nadine Grigoleit u. a. eine sog. Soulbottle Access Consciousness® Edition angeboten.
  38. Vgl. etwa www.facebook.com/search/top/?q=access%20consciousnesswww.youtube.com/results?search_query=access+consciousness+deutsch . Exemplarisch sei hier nur auf die Beiträge von Susanna Mittermaier verwiesen, vgl. www.youtube.com/watch?v=xmnaenWZQAs . Die z. T. hoch spezialisierte thematische Ausrichtung der einzelnen Access-Consciousness-Angebote wird hier gut erkennbar, so bietet etwa Kerstin Reithmayr einen speziellen Kurs zur Ernährung an; vgl. www.youtube.com/watch?v=OV-FX39xRJU .
  39. Susanna Mittermaier: Pragmatische Psychologie, veröffentlicht von Access Consciousness Publishing, o. O., 2014.
  40. Vgl. hierzu Stiftung Warentest: Die andere Medizin, 190: „Kirlianfotographie ist zur medizinischen Diagnostik nicht geeignet.“
  41. Werbeprospekt „Access Consciousness“, 101: „Eine hochmoderne Kirlian-Kamera und digitale Technologie erfassen und bewerten Fingeremissionen, die sich auf die Energiemeridiane der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) beziehen.“