Freigeistige Bewegung

Die organisierten Konfessionsfreien: Wie viele sind sie denn nun?

(Letzter Bericht: 3/2017, 102f) Anfang des Jahres veröffentlichte der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst e. V. (REMID) im Internet seine aktuellen Mitgliederzahlen für die organisierten Konfessionsfreien.1 Genannt wurde die erstaunliche Zahl von 0,4 Millionen. Da REMID die einzelnen Positionen erläutert, konnte man leicht nachrechnen und kam bei flüchtigem Überfliegen auf gut 40 000. Ein Schreib- oder Rechenfehler lag also nahe. Nachdem die Quote von 400 000 organisierten Konfessionslosen gelegentlich zitiert wurde, habe ich REMID angeschrieben. Zu meinem Erstaunen teilte mir REMID jedoch mit, man habe sich nicht verrechnet. Und weiter: „Wir glauben dem HVD [Humanistischer Verband Deutschlands], dass er ein Umfeld von 300 000 Menschen erreicht. Außerdem rechnen wir die Zahl der Linksextremist_innen des Verfassungsschutzberichtes u. ä. mit hinein.“

Es ist ein Unterschied, ob man die Zahl organisierter Konfessionsfreier nennt oder ob man berichtet, wie viele Menschen eine Organisation nach Auskunft ihres Pressesprechers erreicht. Wenn jemand „Essen auf Rädern“ von der Caritas bestellt, wird er auch im weiteren Sinne von der katholischen Kirche „erreicht“. Das sagt jedoch nichts darüber aus, wo und wie er weltanschaulich organisiert ist.

Weiter teilte REMID mit: „Wir unterscheiden zwischen kirchenförmigen Organisationen und solchen, die eher eine ‚Bewegung‘ darstellen. Der Begriff des ‚Umfeldes‘ wurde bei neuen religiösen Bewegungen wie Hare Krishna (ISKCON) etabliert. Er meint mehr als das Lesen eines Buches oder das Sehen einer Fernsehsendung. Er bedeutet … einen organisatorischen Bezug. Wir verwenden solche Zahlen heute bei neuen religiösen Bewegungen, Freikirchen und neuerdings bei organisierten Konfessionsfreien.“ Der Hinweis auf das Umfeld ist nicht unberechtigt. Im Bereich der Esoterik würde man von „Szenen“ sprechen. In der Tat sind in manchen (neu-)religiösen Milieus die Anhänger und Sympathisanten nicht unbedingt Mitglieder bzw. als solche bestimmbar. Das prominenteste Beispiel im Bereich der klassischen Sondergemeinschaften stellt nach wie vor die Christengemeinschaft dar. So nennt das VELKD-Handbuch Weltanschauungen in seiner jüngsten Auflage die Zahl der Mitglieder verbunden mit der Formulierung: „hinzu kommen zahlreiche Freunde, die nicht Mitglieder sind“.2

In dieser Weise hervorgehoben, kann man durchaus ein Umfeld benennen, wobei jede Festlegung auf konkrete Zahlen schwierig ist – zumindest plausibel sollten sie sein. Bei den von REMID präsentierten Zahlen besteht das Problem darin, dass das Umfeld des HVD die nahezu 20-fache Zahl der Mitglieder erreichen würde. Das ist unrealistisch. Apropos Realismus: Es ist bedauerlich, dass es kaum verlässliche Mitgliederzahlen aus der Szene der organisierten Konfessionslosen gibt. Allein die in den letzten Jahren über den HVD kolportierten Zahlen machen erstaunliche und nicht nachvollziehbare Sprünge. Ich deute diese Unsicherheit als einen Hinweis darauf, dass die Mitgliederentwicklung alles in allem unerfreulich ist und hinter den Erwartungen zurückbleibt. Einen aktuellen Orientierungspunkt gibt es: In seinem jüngsten Buch schreibt Horst Groschopp: „Insgesamt hat das ‚säkulare Spektrum‘ gegenwärtig ungefähr die gleiche Mitgliederstärke wie 1914: etwa 25-30.000 Personen.“3 Diese Zahl präsentiert Groschopp auch in seinem kenntnisreichen Essay „Das ‚Säkulare Spektrum‘ in Deutschland (2017)“.4

Die Frage nach den Mitgliederzahlen ist letztlich eine Frage nach dem politischen Einfluss und der Bedeutung einer Organisation. Daher noch eine Beobachtung, die für unser Thema erhellend ist: Im vergangenen Semester habe ich an der Universität Erfurt ein Seminar zu atheistischen und humanistischen Organisationen in Deutschland gehalten. Bei der Lektüre zentraler Texte des HVD und eines Essays über den weltlichen Sinn des Weihnachtsfestes von Joachim Kahl5 wurde deutlich: Eine große Zahl der Studierenden findet diese weltlich-humanistischen Positionen sympathisch, anregend und fühlt sich diesen Positionen nahe. Aber dennoch waren sie einhellig der Meinung, dass sie niemals in einem solchen Verband Mitglied werden wollten. Die lässige Reaktion vieler Studierender: „Wozu?“ Unter Berücksichtigung meiner Erfahrungen aus diesem Seminar könnte ich einerseits die Zahl der Sympathisanten und des Umfelds konfessionsfreier Organisationen auf mehrere Millionen hochspekulieren und andererseits auf wenige Tausend kleinrechnen.


Andreas Fincke, Erfurt


Anmerkungen

  1. http://remid.de/info_zahlen/konfessionsfreie .
  2. Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, hg. von Matthias Pöhlmann und Christine Jahn im Auftrag der Kirchenleitung der VELKD, Gütersloh 2015, 340.
  3. Horst Groschopp, Pro Humanismus. Eine zeitgeschichtliche Kulturstudie, Aschaffenburg 2016, 142.
  4. Vgl. https://fowid.de/meldung/saekulares-spektrum-deutschland-2017.
  5. Vgl. www.diesseits.de/menschen/kommentar/1417474800/mittwinterzeit-nachchristlichem-sinn .