Atheismus

Christopher Hitchens ist gestorben

Der Journalist und Autor zahlreicher Bücher Christopher Hitchens ist gestorben. Am 15. Dezember 2011 erlag er 62-jährig einem Krebsleiden. Zahlreiche Nachrufe loben den gebürtigen Briten, der mit 58 Jahren amerikanischer Staatsbürger wurde, für seine Wortgewandtheit, seinen Humor, seine polemische Schärfe, seinen journalistischen Mut und Spürsinn.

In Deutschland wurde er vor allem 2007 mit seinem Bestseller „Der Herr ist kein Hirte – Wie Religion die Welt vergiftet“ bekannt. Darin profilierte er sich als ein Wortführer des sogenannten „Neuen Atheismus“. Sein Charme und seine Rhetorik lassen ihn ruhig und überlegt erscheinen, wo seine Brüder im Geist mit aggressiver Verächtlichkeit auftreten (Richard Dawkins) und Respektlosigkeit zum Programm erheben (Michael Schmidt-Salomon). In der Sache vertritt er die übliche Position des „Neuen Atheismus“, dass alle Religion im Grunde dumm und schädlich sei. Auch wenn er dabei vergleichsweise respektvoll auftritt, kann all seine geschliffene Rhetorik, sein Witz und sein Sinn für Pointen nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sich zwar in der traurigen und brutalen Welt gesellschaftlicher Krisengebiete und in der schönen Welt der Literatur auskennt, seine historischen und religiösen Kenntnisse aber nur mangelhaft sind. Wie so oft ist es auch bei ihm ein Zerrbild des Religiösen, gefertigt vor allem aus Versatzstücken realer Fälle religiösen Missbrauchs, religiöser Einfalt, religiöser Missverständnisse und religiösen Fundamentalismus sowie aus einseitigen und falschen historischen Darstellungen, das zur Darstellung und Abwehr alles Religiösen herhalten muss. Es fehlen ihm Kenntnisse und der Wille zur Differenzierung, um dem vielfältigen Phänomen Religion gerecht zu werden.

Gegen die Religion bringt er die Vernunft, vor allem in philosophischer Tradition, in Stellung, leider auch dies in einseitiger Gegenüberstellung, sowie die Erkenntnisse der Naturwissenschaften. Dabei um ihre Grenzen wissend, sieht er sich, anders als Dawkins, nicht in der Versuchung, beides in religiösen Rang zu heben. Im Glauben, eine Welt ohne Religion sei eine bessere Welt, versäumt es Hitchens, das zum Teil brutale Vorgehen gegen Andersdenkende und Religion in Staaten zu berücksichtigen, die den Atheismus zur Staatsdoktrin erhoben hatten und haben. An dieser Stelle setzt die umfassende Replik „The Rage Against God“ (2010) seines Bruders Peter Hitchens an, ebenfalls ein Journalist, der den christlichen Glauben gegen den „Neuen Atheismus“ verteidigt.

Letztlich deutet die Polemik Christopher Hitchens’ und anderer Vertreter des „Neuen Atheismus“ darauf hin, dass auch ihnen der religiöse und weltanschauliche Pluralismus Probleme bereitet. Offenbar stellt sich ihnen dieser Pluralismus vor allem als Quelle der Gewalt dar, auch wenn sie dies nicht so sagen. Aus ihrer Sicht offenbaren die Konfliktherde dieser Welt, dass Gewalt zum Wesen der Religionen gehört. In ihren Augen wäre die Welt friedlicher, wenn sich überall die abendländische Aufklärung mit ihrem Vernunftdenken und ihrer naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung durchsetzen würde. Ohne dass dies gesagt wird, läuft dieser Wunsch in der Tat auf die Auflösung des religiösen und weltanschaulichen Pluralismus hinaus. Obwohl Atheisten, die diese Ansicht vertreten, einen toleranten und liberalen Individualismus für sich beanspruchen, offenbart ihre Argumentation damit doch eine mal heimliche, mal offene Tendenz zum Totalitären.

Es lohnt sich dennoch, Christopher Hitchens aufmerksam zuzuhören. Aus ihm spricht der Zweifel unserer Zeit. Sich mit diesem Zweifel auseinanderzusetzen, heißt, sich mit der eigenen Zeit und letztlich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Zudem weist Hitchens zu Recht auf religiöse Missstände hin. Er hat bei seiner Polemik gegen das Christentum vor allem die Situation in Nordamerika vor Augen, aber nicht nur diese. Wie wird christliche Bildung an Schulen vermittelt? Wie stehen die Kirchen zum Kreationismus? Wie begegnen Christen Andersglaubenden, wie begegnen sie Atheisten? All das sind ernst zu nehmende Fragen. Richtig ist es, wenn Hitchens religiösen Vertretern, die anderes behaupten, entgegenhält, dass Moral keine religiöse Begründung braucht. Mit ihm kann man bedauern, dass in unserer Zeit intellektuell kraftvolle religiöse Stimmen in der Gesellschaft kaum zu hören sind.


Claudia Knepper