Mormonen

Beobachtungen bei der dritten deutschsprachigen Apologetik-Konferenz

(Letzter Bericht: 4/2012, 152; vgl. 6/2011, 226ff) Am 15. Juni 2013 fand in Darmstadt nach 2009 und 2011 die dritte Konferenz der deutschsprachigen Sektion der „Foundation for Apologetic Research and Information“ (FAIR) unter dem Motto „Kritische Fragen? Glaubenstreue Antworten!“ statt. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, gängige Kritikpunkte am Glauben der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (Mormonen) so zu bearbeiten, dass für gläubige Mormonen und potenzielle Konvertiten plausible Antworten herauskommen. FAIR ist von den Leitungsstrukturen der Kirche unabhängig und bietet ein Forum für offene Diskussion– freilich im Rahmen der Diskussionskultur einer Gemeinschaft, die hierarchisch von lebenden Propheten geführt wird.

Die sieben Redner– Frauen kamen nur aus dem Publikum zu Wort– waren keine Theologen, sondern, wie bei den Mormonen üblich, ehrenamtliche Funktionsträger mit bürgerlichen Berufen. Der Vortragsstil war weniger akademisch als konfessorisch: Fast alle stiegen mit einem persönlichen Bekenntnis zur rechten Lehre und zum Propheten Joseph Smith ein und beendeten ihren Vortrag mit „Amen“.

Inhaltlich ging es um kritische Glaubensfragen, die dem denkenden Mormonen entweder in seinem Umfeld begegnen oder die sich ihm bei eigener kritischer Reflexion aufdrängen. Warum kamen z.B. Joseph Smiths Visionen oft erst viele Jahre nach ihrem angeblichen Empfang zur Sprache, und zwar genau dann, wenn sie gerade passend schienen? Legt sich da nicht eine opportune Rückdatierung durch den Propheten nahe? Und wieso finden sich in ganz Amerika keine archäologischen Spuren der gesamten im Buch Mormon beschriebenen Geschichte? Was hat es mit dem „Buch Abraham“ auf sich, das Joseph Smith nach eigenen Angaben aus einigen ägyptischen Papyri übersetzt hatte, die Jahrzehnte später aber von Ägyptologen als Ausschnitte aus dem ägyptischen Totenbuch identifiziert wurden, ohne jede Ähnlichkeit mit Smiths „Übersetzung“? (Das Buch Abraham ist als Teil aller vier heiligen Schriften der Mormonen vollständig auf www.lds.org zugänglich.)

Eine kurze Geschichte der mormonischen Polygamie lieferte der kanadische Arzt Greg Smith. Er erklärte diese ausschließlich religionssoziologisch und -psychologisch, unter anderem durch die Bedürfnisse einer jungen Religionsgemeinschaft, die zur Identitätsfindung eine „moderate Spannung zur Umwelt“ brauche, weswegen man die Praxis nach den ersten 50 Jahren auch wieder suspendieren konnte. Er war einer der wenigen, die das historisch-kritische Fragen explizit für legitim und offenbar auch für spannend hielt.

Insgesamt aber überwogen die Stimmen, deren Zwischentöne eher so klangen, als seien das historische Denken und das kritische Fragen zwar leider irgendwie nötig, prinzipiell aber eher ein Problem. Manche Redner schienen das nachforschende Fragen, dem sie sich widmeten, selbst nicht richtig zu finden. Einer antwortete auf Argumente von „selbsternannten Kritikern“ (wer würde eigentlich legitime Kritiker ernennen?) und nahm an, die Fragen Außenstehender hätten vor allem das Ziel, in der Kirche Glaubenszweifel zu säen. Die Polemik hielt sich aber in Grenzen und kam vor allem in jenen Vorträgen vor, in denen auch die apologetische Argumentation rational nur schwer nachvollziehbar war. Hier wurden schon das behandelte Thema sowie die daraus folgende Kritik nicht immer umfassend und fair dargestellt, und am Ende stand dann einfach ein Aufruf zum Sprung in den Glauben und das Vertrauen auf den Propheten und die heiligen Schriften.

Trotzdem gab es auch hier einige überraschende Momente und Einsichten. Marvin Perkins versuchte z.B. zu zeigen, dass das Mormonentum, in dem Schwarze erst 1978 zum Priestertum zugelassen wurden, anfangs durchaus nicht nach Hautfarbe diskriminiert habe. Vielmehr seien „schwarz“ und „weiß“ an den entsprechenden Stellen im Buch Mormon nur Metaphern für moralische Kategorien (würdig und unwürdig). Die exegetische Herleitung war zwar schwach, und die historische Aufarbeitung von 150 Jahren mormonischer Diskriminierung Schwarzer wurde von Perkins als unwichtige „curiosity question“ abgetan, doch auf die Rückfrage einer jungen Frau, ob seine Argumentation nicht logischerweise auch Frauen im Priesteramt ermögliche, antwortete er sinngemäß: „Ja. Und ich warte darauf, dass Gott eine entsprechende Botschaft an die Erste Präsidentschaft [das oberste Leitungstriumvirat] geben wird, sodass Frauen auch priesterliche Ämter übernehmen können, so wie er es 1978 bei der Ordination von Schwarzen tat.“ Das hört man von Mormonen nur selten öffentlich. Zum Abschluss bot der Österreicher René Krywult einen Überblick über die Entwicklung der Trinitätslehre von der Alten Kirche bis ins 20. Jahrhundert und legte danach dar, inwiefern das Buch Mormon nach seiner Auffassung „ganz klar eine trinitarische Theologie“ lehre. Der polemikfreie und verständlich argumentierende Vortrag war in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen ist die um echtes Verstehen bemühte Beschäftigung mit christlicher Theologiegeschichte bei Mormonen selten. Denn entsprechend dem eigenen Selbstverständnis ist die christliche Kirche mit den ersten Aposteln verschwunden und erst mit Joseph Smith 1830 wiedererrichtet worden. Daher begegnen die meisten Mormonen den 1800 Jahren Kirchengeschichte dazwischen ohne großes Interesse, wodurch das Gespräch oft einseitig bei mormonischen Selbstdarstellungen stehenbleibt, ohne Neugier auf den Gesprächspartner. Zum anderen fällt auf, dass sich diese und andere mormonische Selbstdarstellungen bisweilen (zunehmend?) bemühen, die Kompatibilität der eigenen Lehren mit den christlichen zu belegen. Dabei wird die Auslegung der eigenen Tradition auf christliche Theologumena hin orientiert, was früher kaum der Fall war. Hier sucht man Anschluss an die christliche Tradition, aber ohne den Weg der „Community of Christ“ (bis 2001 „Reorganized Church of Jesus Christ of Latter Day Saints“) gehen zu wollen, die „ja fast eine normale Freikirche geworden sind und das Buch Mormon kaum noch lesen“, wie ein Teilnehmer im Pausengespräch anmerkte.

Angesichts der vielen Lehrunterschiede und des ungebrochenen mormonischen Exklusivismus ist allerdings zweifelhaft, ob das Bemühen um Anschluss an die christliche Tradition wirklich erfolgversprechend ist, jedenfalls im Sinne einer Anerkennung durch die ökumenische Christenheit. Derzeit sind sich alle christlichen Kirchen darin einig, die Mormonen als Neuoffenbarungsreligion mit christlichen Ursprüngen zu sehen. Theologische Abgrenzung muss allerdings nicht mit sozialer Ausgrenzung einhergehen. Denn auch auf der jetzigen Grundlage gibt es in Deutschland an manchen Orten eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Mormonen in interreligiösen Strukturen.

Alle Vorträge der Konferenz sollen in den nächsten Wochen auf der deutschen FAIR-Webseite www.deutsch.fairlds.org veröffentlicht werden.


Kai Funkschmidt