Michael Koch

Alte Fragen - neue Antworten

Die Neuapostolische Kirche überrascht seit Anfang des Jahres die interessierte Öffentlichkeit mit einer Reihe von „Lehrkorrekturen“, die dem Außenstehenden unspektakulär erscheinen mögen und dennoch höchst bedeutsam sind (vgl. MD 3/2006, 108). Die jüngsten Neuerungen betreffen etliche Veränderungen in dem neuapostolischen Grundlagenwerk „Fragen und Antworten“. Das katechismusartige Büchlein war zuletzt 1992 neu aufgelegt worden. Die vorliegende „Änderungsmitteilung“ beweist, dass es den Verantwortungsträgern in der NAK mit ihrem Erneuerungsbemühen ernst ist. Die Lehrkorrekturen sind für weltweit etwa 10 Millionen neuapostolische Christen verbindlich. Wir haben deshalb Michael Koch, der als Angehöriger der Neuapostolischen Kirche im Webmagazin glaubenskultur.de seit 10 Jahren kritisch-konstruktiv über die NAK berichtet, um eine erste Sichtung der Änderungen gebeten.


Die Neuapostolische Kirche International hat eine umfangreiche „Änderungsmitteilung“ für den bisher gebräuchlichen neuapostolischen Katechismus „Fragen und Antworten“ (letzte Ausgabe 1992) herausgegeben.1 Insgesamt 23 Fragen wurden bearbeitet oder neu formuliert.

Zum Apostelamt

Die Neuerungen beginnen mit Frage 130: „Soll die Wirksamkeit der Apostel nur eine begrenzte Zeit dauern?“ Hier trägt man der Tatsache Rechenschaft, dass die Formulierung „Tag der Ersten Auferstehung“ offiziell abgeschafft wurde. Hieß es zuvor: „Das Apostelamt wird also auf Erden bleiben bis zum Tag der Ersten Auferstehung, da der Herr wiederkommen wird, um seine durch der Apostel Wirken vollendete Gemeinde nach seiner Verheißung zu sich zu nehmen (...).“ So heißt es nun: „Das Apostelamt wird also auf Erden bleiben bis zur Wiederkunft Christi (...).“ Die alte Formulierung tauchte erstmals in der Ausgabe von 1952 auf.

Zum Stammapostelamt

Mit der Neuformulierung von Frage 177 wird die Stellung des obersten neuapostolischen Geistlichen korrigiert. 1992 wurde festgehalten: „Der Stammapostel ist als das sichtbare Haupt der Kirche Jesu Christi in allen ihren Angelegenheiten oberste Instanz.“ Nun lautet die Antwort auf die Frage „Welche Stellung nimmt der Stammapostel innerhalb der Neuapostolischen Kirche ein?“: „Jesus Christus ist das Haupt der Kirche, der Stammapostel das Haupt der Apostel. Als oberste geistliche Autorität leitet er die Neuapostolische Kirche in allen religiösen Angelegenheiten.“ Der alte Zusatz „Er wird von den Mitgliedern der Neuapostolischen Kirche als Repräsentant des Herrn auf Erden angesehen und weiß sich selbst als Gehilfe des Glaubens seiner Brüder und Geschwister“ ist ersatzlos gestrichen worden.

Die 1992-Version lieferte für das Stammapostelamt in der Antwort zu Frage 177 folgende Begründung: „Es ist der Wille Jesu, daß seine Kirche ein sichtbares Haupt habe, zu dem die Apostel und alle Gläubigen aufschauen (vgl. Johannes 21, 15-17). Dadurch wird das Werk des Herrn zielbewußt und einheitlich geführt.“ Nun wird seine Existenz ausführlicher und mit mehr biblischen Beispielen begründet: Die Stellung des Stammapostels sei vergleichbar mit derjenigen des Apostels Petrus, „dem Jesus den Auftrag gab, die Brüder zu stärken (vgl. Lukas 22,32) und die Gläubigen zu ‚weiden’ (vgl. Johannes 21,15-17)“. Außerdem sei Petrus „nach der Himmelfahrt Christi als sprechender Mund der Apostel“ aufgetreten und habe „bei der Gründung der Gemeinde Christi an Pfingsten die bahnbrechende Predigt“ gehalten. Zuvor habe er „dafür gesorgt, dass Matthias in dem Kreis der Apostel die Stelle des Judas Iskariot einnahm“. Auch fungierte er „vor dem Hohen Rat als Sprecher“, habe „als Apostel die ersten Zeichen und Wunder“ getan und „aufgrund göttlicher Offenbarungen die Heidenmission (Kornelius-Geschehen)“ eingeleitet. Ferner „führte er auf der Apostelversammlung in Jerusalem ein gewichtiges Wort (vgl. Apostelgeschichte 11 und 15)“.

Konkreter wird nun auch die Einsetzung des Stammapostels beschrieben: „Aus der Schar der Apostel wird jener Apostel in das Stammapostelamt berufen, der von Gott dem amtierenden Stammapostel gezeigt wurde. Hat der bisherige Stammapostel seinen Nachfolger nicht benannt, wird der Stammapostel durch die Bezirksapostelversammlung oder Apostelversammlung aus dem Kreis der Bezirksapostel, Bezirksapostelhelfer und Apostel gewählt.“ Zuvor hieß es knapp: „Aus der Schar der Apostel wird jener Apostel in das Stammapostelamt gerufen, der durch besondere Zeugnisse von Gott dem amtierenden Stammapostel bzw. dem Kreis der Apostel offenbart wurde.“ Nach den damals gültigen Statuten des Schweizer Vereins „Neuapostolische Kirche International“, in dem alle Apostel der NAK vereinigt sind, war eine Wahl des Kirchenoberhauptes in jedem Fall vorgesehen. Dies hatte Richard Fehr in seiner Amtszeit abgeschafft.

Das Besondere an der Überarbeitung von Frage 178 „Welche Aufgaben fallen dem Stammapostel zu?“ ist die Eingliederung der Lehre zur Schlüsselvollmacht. Zunächst wird Matthäus 16,18.19 als Begründung dafür angeführt, dass Petrus die „Schlüssel des Himmelreiches“ erhielt: „Diese Worte lassen erkennen, dass es um Grundlegung, Gestaltung und Vollendung der Gemeinde Christi geht. ‚Lösen und Binden‘ bedeutet hier, ‚für erlauben‘ bzw. ‚für verboten‘ erklären. Ferner besagt diese Bibelstelle: Was Apostel Petrus auf Erden tat, hat vor Gott, der im Himmel thront, Gültigkeit.“ Die Schlüsselvollmacht beinhalte „die lehramtliche Vollmacht, die das Verkündigen neuer Offenbarungen des Heiligen Geistes und die Reinhaltung der Jesulehre einschließt“ und „die lenkende Vollmacht, die das Leben in der Gemeinde nach göttlichem Gebot regelt“. Beides entspreche „dem Auftrag an Apostel Petrus, die Einheit innerhalb der Gemeinde herbeizuführen und zu sichern“. Diese „umfassende Vollmacht“ übe „nach unserer Erkenntnis der Stammapostel aus“.

Wie schon aus der neuen Antwort zu Frage 177 deutlich wurde, begründet die NAK das Stammapostelamt aus dem Neuen Testament heraus. Das ist insofern interessant, weil sie jetzt die alttestamentlichen Argumente, wie sie unter Frage 179 angeführt waren, nicht mehr erwähnt. In der Ausgabe 1992 hieß es zu „Warum ist das Stammapostelamt eine Einrichtung gemäß göttlicher Ordnung?“: „In der Reichsgottesgeschichte ist der Grundsatz der göttlichen Führung, der auch im Stammapostelamt Verwirklichung findet, klar zu erkennen: Immer erwählte Gott einen Mann, dem er besonderen Auftrag zur Führung seines Volkes gab, und bekannte sich zu ihm.“ Dann wurden Mose, Josua, Gideon, David und Salomo als Beispiele aufgeführt. Nun ist die Frage leicht umformuliert: „Woraus lässt sich ableiten, dass das Stammapostelamt eine Einrichtung nach göttlicher Ordnung ist?“, und sie ist knapper beantwortet: „Es ist der Wille Jesu, dass seine Kirche von einem Stammapostel geleitet wird, zu dem die Apostel und alle Gläubigen aufschauen (vgl. Matthäus 16,18). Aus all den schon in Fragen 177 und 178 genannten Bibelstellen ist zu folgern, dass Apostel Petrus im Kreis der Apostel einen herausgehobenen Platz einnahm.“ Davon leite sich die „besondere Position ab, die der Stammapostel heute in der Neuapostolischen Kirche“ inne hat.

Zum Amt des Diakons

Die Überarbeitung der Frage 187 trägt zum einen dem Umstand Rechnung, dass zwar das Unterdiakonenamt noch fortbesteht, aber keine neuen mehr ordiniert werden. Zum anderen wurde die Antwort von sprachlichen Wolken befreit. Hieß es zuvor: „Der Diakon und Unterdiakon soll ein Zeuge der Wahrheit sein und dadurch denen helfen, die noch in Unwissenheit und Irrtum stehen. Es soll allen Gliedern der Gemeinde ein Vorbild im Glauben, Gehorsam, in Liebe und Eifer, Treue und Friedfertigkeit sein.“ So lautet die Antwort jetzt nüchterner: „Der Diakon bzw. Unterdiakon soll unseren Glauben in der Gemeinde und in seinem Umfeld bezeugen. Er soll überall ein Vorbild im Glauben und Gehorsam, in Liebe und Eifer, in Treue und Friedfertigkeit sein.“ Der letzte Satz wurde im Gegensatz zu der älteren Version um den Zusatz erweitert: „... und unterstützt die Priester bei der Seelsorge“. Die ’92-Version hatte noch den Schlusssatz: „Als Unterdiakone wachsen vornehmlich junge Amtsbrüder in diesen Dienst als Knecht Gottes hinein.“ Er entfiel ersatzlos.

Zu den Sakramenten

Auch die Definition von Sakramenten, wie sie in Frage 192 gegeben ist, wurde überarbeitet. Die alte Fassung lautete: „Sakramente sind heilige Handlungen, durch die Gott mit dem Menschen einen Bund schließt, der Gott mit seinem von ihm erwählten Volk verbindet. Sie werden von den Gesandten Gottes vollzogen und bilden die unentbehrlichen Grundlagen, Kinder Gottes zu sein.“ Nach der neuen Fassung sind sie „Zeichen des Neuen Bundes, heilige Handlungen, bei denen die unsterbliche Seele Gott geweiht und übereignet wird. Sie [die Seele – d. Verf.] hat damit Teil am Leben Jesu Christi.“ Sakramente seien „Gnadenmittel für den einzelnen und erfassbare Zeichen heiligender Gnade“. Die Spendung werde „äußerlich sichtbar vollzogen“ und löse eine „inwendige Wirkung aus“.

Zur Abendmahlsfeier

Nachdem Mitte der 1990er-Jahre der sonntägliche Nachmittagsgottesdienst abgeschafft wurde, bei dem es auch Abendmahl gab, und statt dessen der Mittwochabendgottesdienst durch eine weitere Feier des Heiligen Abendmahls aufgewertet wurde, war die Neufassung der Frage 217 „Wie oft wird das Heilige Abendmahl gefeiert?“ notwendig geworden. Nun heißt es: „Das Heilige Abendmahl wird in allen Gottesdiensten gefeiert.“ Zuvor galt: nur „in den Gottesdiensten am Sonntag und an kirchlichen Feiertagen“. Bis in die 1980er Jahre war die Abendmahlsfeier nur für den morgendlichen Sonntagsgottesdienst vorgesehen. Nachmittags wurde jedoch noch einmal eine „kleine Abendmahlsfeier“ zelebriert, in deren Rahmen jene Gemeindemitglieder vor dem Altar die Hostie empfangen konnten, die aus irgendwelchen Gründen den Morgengottesdienst nicht besuchen konnten. Es etablierte sich aber die negative Sicht, dies sei für den Einzelnen ein „Spießrutenlaufen“. Daher wurde Ende der 1980er Jahre festgelegt, dass die gesamte Gemeinde am nachmittäglichen Abendmahl teilnimmt. Durch den Wegfall des Nachmittagsgottesdienstes wurde dann die zweite Abendmahlsfeier auf den Wochengottesdienst verlegt.

Zum Geistverständnis in der Versiegelung

Eine weitere Anpassung an die neue Terminologie der NAK ist in Frage 222 „Was bewirkt der Besitz des Heiligen Geistes in uns?“ zu finden: Hier hieß es u.a. „Er ermöglicht die Zubereitung unserer Seelen auf den Tag der Ersten Auferstehung (...).“ Die letzten fünf Worte wurden gestrichen und wie schon in Frage 130 ersetzt durch die neue Begrifflichkeit „... die Wiederkunft Christi zur Heimholung der Seinen (...).“ Gleiches gilt auch für die Antwort zu Frage 229: „Welche Voraussetzungen hat der Konfirmand zu erfüllen?“ Da hieß es im zweiten Satz: „Er muß wissen, daß er zum Volke Gottes zählt und damit berufen ist, an der Ersten Auferstehung teilzunehmen.“ – „... an der Heimholung der Braut Jesu Christi teilzuhaben“ lautet jetzt die Formulierung.

Zur neuapostolischen Eschatologie

Komplett überarbeitet wurde auch der siebte Teil des Katechismus zum Thema „Zukunft und Ewigkeit“. Dieser war erst 1992 neu aufgenommen worden und beinhaltet die neuapostolische Eschatologie. In der Neufassung sind fünf weitere Fragen hinzugefügt; wesentliche Änderungen wurden in der Abfolge der endzeitlichen Ereignisse vorgenommen. Diese werden zudem nun ausführlicher dargestellt. Die NAK rückt von der Gleichsetzung der Begriffe „Erste Auferstehung“ mit „Wiederkunft Christi“ ab und arbeitet deutlicher heraus, dass es nach ihrem Verständnis zwei „Wiederkünfte“ gibt: einmal das „heimholende Kommen“ Jesu und zum anderen dessen „abermaliges Kommen auf die Erde“, um diese mit den Seinen zu regieren.

In der 1992-Ausgabe werden folgende wesentlichen eschatologischen Ereignisse chronologisch aufgeführt: „1. die Vollendung der Gemeinde Jesu Christi 2. die Erste Auferstehung 3. die Hochzeit des Lammes 4. die Wiederkehr Jesu Christi mit seiner Gemeinde auf die Erde sowie das Binden Satans 5. die Herrschaft Jesu Christi auf Erden (Tausendjähriges Friedensreich) 6. das Jüngste Gericht 7. die neue Schöpfung.“

Nun lautet der Ablauf: „1. Die Vollendung der Gemeinde Jesu Christi. 2. Das Kommen Jesu Christi zur Heimholung der Gemeinde als Braut. 3. Die Hochzeit des Lammes und parallel dazu die große Trübsal auf Erden. 4. Die Wiederkehr Jesu Christi mit seiner Gemeinde auf die Erde. 5. Das Binden Satans. 6. Die Auferstehung der Zeugen Christi aus der Zeit der großen Trübsal (Märtyrer). 7. Die Aufrichtung des tausendjährigen Friedensreiches mit uneingeschränkter Herrschaft Jesu Christi. 8. Das Endgericht. 9. Die neue Schöpfung.“

Es fällt auf, dass die NAK hier auf die Begrifflichkeit „Erste Auferstehung“ verzichtet. Stattdessen wird bemerkt: „Die in Nr. 2 und 6 genannten Vorgänge umfassen die beiden Ereignisse der ersten Auferstehung.“ In der neuen Frage 260 heißt es erklärend: „Zunächst umfasst sie [die „erste Auferstehung“ – d. Verf.] die Auferstehung der Toten in Christus und die Verwandlung der auf Erden lebenden Brautseelen und deren gemeinsame Entrückung zur Hochzeit des Lammes und in die ewige Gemeinschaft mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. (...) Dann umfasst sie die Auferstehung der Märtyrer, also der Menschen, die in der Zeit der großen Trübsal hier auf Erden aufgrund ihres Bekenntnisses zu Jesus Christus und zum Wort Gottes getötet wurden (vgl. Offenbarung 20,4; 6,9-11).“

Die bis zum Erscheinen der Änderungsmitteilung gepflegte Gleichsetzung von „erster Auferstehung“ und „Wiederkunft Jesu“ wurde unter Stammapostel Johann Gottfried Bischoff (Amtszeit 1930-1960) etabliert. In den „Fragen und Antworten“ von 1938 wurde erstmals festgehalten: „Nach den gegebenen Verheißungen wird die Kirche Christi in naher Zukunft den Grad der Vollendung erreicht haben, der die Voraussetzung zur Wiederkunft Christi ist. Darnach wird Jesus zu einem Zeitpunkt, der keinem Menschen bekannt ist (Matthäus 24, 36; Apostelgeschichte 1,7), wiederkommen und die Erstlinge und Überwinder aus dem Totenreich und aus den Lebenden mit sich vereinigen. Das ist die erste Auferstehung, an die sich die Hochzeit des Lammes mit diesen seinen Auserwählten (Brautgemeinde) anschließt.“2

Diese Gleichsetzung von Parusie und „erster Auferstehung“ wurde damals als bahnbrechende Erkenntnis gewertet. Zuvor ging die NAK noch davon aus, dass die Wiederkunft Christi erst nach der „Hochzeit im Himmel“ stattfindet. Im Lehrbuch von 1916, das unter Stammapostel Hermann Niehaus (Amtszeit 1905-1930) entstand und bis in die 1930er-Jahre unverändert nachgedruckt wurde, listet sie die entsprechenden endzeitlichen Ereignisse in folgender Reihenfolge auf: „Auferstehung, Verwandlung und Entrückung der Erstlinge und die anschließende Hochzeit des Lammes mit seiner Braut“ – „Ausreife der Menschheits- und Erdenzustände“ – „Wiederkehr und persönliche Erscheinung Jesu Christo mit seinen Heiligen und den Engeln seiner Macht auf die Erde“. Das Lehrbuch kennt zwar auch die „erste Auferstehung der Erstlinge“ und die „Verwandlung der lebenden Auserwählten“, spricht dann aber nur von deren gemeinsamer „Entrückung zu Gott und Jesu Chisto“3 ohne Erscheinen Jesu auf der Erde.

Nachdem das „Wiederkommen Jesu“ nach vorn geordnet wurde, war auch eine Korrektur des 2. Glaubensartikels notwendig geworden, der zuvor die allgemein-christliche Formulierung beinhaltete: „... von dannen er wiederkommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten“. Seit der Ausgabe von 1952 fehlt diese Zweckangabe der Parusie im neuapostolischen Glaubensbekenntnis.4 Interessant ist in diesem Zusammenhang noch, welche Neuerungen sich jetzt in der Darstellung des Geschehens nach der „Hochzeit des Lammes“ ergeben haben. In der 1992-Ausgabe wird das Geschehen folgendermaßen beschrieben: „Mit seinen Erwählten, dem königlichen Priestertum, richtet der Herr das Tausendjährige Friedensreich auf und gibt der Welt eine neue Ordnung“ (257). Jetzt wird das in einer eigenen Frage (258) so ausgedrückt: „Nach der Hochzeit des Lammes erfolgt Jesu abermaliges Kommen auf die Erde. Er wird sichtbar in das Geschehen auf Erden eingreifen und mit eisernem Stab regieren (vgl. Offenbarung 19,15.16), wie dies auch die Seinen tun werden (vgl. Offenbarung 2,27).“ Die NAK lässt also die Begrifflichkeit „Kommen“ wieder zu, die sie zuvor vermied.

Die Lehrkorrektur unter Bischoff hat sich zum elementarsten Identitätsmerkmal der Neuapostolischen Kirche popularisiert. Daher steht die NAK gegenwärtig unter dem Druck, die Wiederkunft Jesu auf jeden Fall an erster Stelle im Ablauf des endzeitlichen Geschehens zu belassen. Dass sie die Gleichsetzung mit der „Ersten Auferstehung“ aufgebrochen hat und deutlicher in zwei „Kommen des Herrn“ unterscheidet, zeigt jedoch, dass hier eine Sensibilisierung stattgefunden hat.

Eine weitere bedeutende Neuerung im eschatologischen Teil der „Fragen und Antworten“ liegt in der Definition, wer zu den „Erstlingen“ gehört. Das erklärte bisher Frage 255 so: „Sie sind versiegelt mit dem Geist Christi und haben in ihrem Leben unwandelbare Treue dem Herrn gegenüber bewiesen und unter der Pflege des Heiligen Geistes jene Vollkommenheit erreicht, die ihnen mit allem ehrlichen Willen bei Ergreifen der Gnade Christi zu erringen möglich war.“ Jetzt verwendet man statt „versiegelt mit dem Geist Christi“ folgenden Terminus: „wiedergeboren aus Wasser und Geist“.

Die Katechismus-Ausgabe von 1981 definierte im Gegensatz zu der Ausgabe von 1992 noch das sogenannte „königliche Priestertum“ – nämlich jene „Erstlinge und Überwinder, die als Könige und Priester Gottes und Christi berufen sind, nach der Hochzeit im Himmel mit Jesu die Herrschaft des Satans auf Erden zu brechen und den Menschen den verheißenen Frieden zu geben und zu erhalten“ – und bezeichnete diese als die in Offenbarung 14,1-5 angeführte „Schar der 144 000“. Dieser problematische Begriff fehlte in der nachfolgenden 1992er-Fassung. Das ist zurückzuführen auf eine Unsicherheit in der NAK, ob nun diese Zahl absolut oder symbolisch zu deuten ist. – Man entschied sich, auch angesichts wachsender Mitgliederzahlen, für eine symbolische Deutung. Nachdem im vergangenen Jahr eine umfassende Stellungnahme5 dazu veröffentlicht wurde, wird er jetzt wieder verwendet: „Erstlinge nennt die Heilige Schrift jene, die sich der dreieinige Gott als Eigentum von der Welt erkauft hat: die Hundertvierundvierzigtausend (vgl. Offenbarung 7,3.4; 14,1.4).“ Die Verwendung des Begriffes „königliches Priestertum“ unterbleibt dagegen.

Zu den „Erstlingen“ gehören nun der Überarbeitung zufolge auch „die Zeugen des Alten Bundes“ was mit Hinweis auf Lukas 13,28 und Hebräer 11 begründet wird, und es fällt der bemerkenswerte Satz: „Ob darüber hinaus weitere unversiegelte Seelen durch einen besonderen Gnadenakt des Herrn zur Braut gehören, bleibt der Souveränität Gottes überlassen.“ (Frage 256) Das ist nun quasi das Tor für nicht-neuapostolische Christen, auch zu den „Erstlingen“ zu zählen. Gleichwohl bedarf es aus neuapostolischer Sicht dazu eines „besonderen Gnadenaktes“.

Diese Neuerung ist auch im Zusammenhang mit einer Lehrerweiterung zu sehen, die der amtierende Stammapostel Dr. Wilhelm Leber am 24. Januar diesen Jahres bekannt gab: demnach erkennt die Neuapostolische Kirche nun an, dass es auch in anderen Kirchen „vielfältige Elemente von Wahrheit“ gibt und „der Heilige Geist auch außerhalb der Neuapostolischen Kirche wirkt“.

Weit weniger bedeutend als ursprünglich angenommen ist dagegen die Neuerung, dass zu der „Ersten Auferstehung“ nun auch die Märtyrer gezählt werden. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass dazu auch so herausragende Personen wie Dietrich Bonhoeffer zählen könnten. Doch die Einordnung der Märtyrer in die heilsgeschichtliche Zukunft als die „Menschen, die in der Zeit der großen Trübsal hier auf Erden aufgrund ihres Bekenntnisses zu Jesus Christus und zum Wort Gottes getötet wurden“ schließt dies aus. Bonhoeffer müsste sich also im Jenseits noch einmal bewähren.

In der bisher gültigen Ausgabe der „Fragen und Antworten“ wurde in der einen Frage 257 die schon oben dargestellte Reihenfolge der endzeitlichen Ereignisse unter dem Titel „Was schließt sich der Ersten Auferstehung an?“ etwas ausführlicher dargestellt. Nun wurden daraus sechs einzelne Fragen. Die darunter gegebenen Antworten bedürfen noch einer tiefer gehenden Analyse.

Die Neuapostolische Kirche hat eine umfassende Überarbeitung und Erweiterung ihres Katechismus für das Jahr 2008 angekündigt. Dabei will sie auch die bisher übliche Form von „Fragen und Antworten“ verlassen.


Michael Koch, Wuppertal


Anmerkungen

1 Neuapostolische Kirche International (Hg.), Fragen und Antworten über den neuapostolischen Glauben – Änderungsmitteilung 2005; Zürich / Frankfurt a. M. 2005.

2 Fragen und Antworten über den Neuapostolischen Glauben – Herausgegeben vom Apostelkollegium, Frankfurt a. M. 1938; Frage 256, 93f.

3 Vgl. Lehrbuch 1916, 4. Aufl. 1924, Frage 541, 96.

4 Vgl. dazu auch Eckhard Kändler 1995 in einer Diplomarbeit über die Eschatologie der Neuapostolischen Kirche bei Professor Helmut Obst: „Mit der Katechismusausgabe von 1938 wird das Kommen Christi nach vorn geordnet. Diese Korrektur orientiert sich an den paulinischen Aussagen und stellt den Zusammenhang von Parusie und Totenauferstehung her (1 Thess 4,16f). Indem diese nach Off 20,4-6 als eine Erste Auferstehung verstanden wurde, ergab sich der zeitliche Raum für die weiteren Geschehnisse. Dadurch wurde der finale Bezug des Kommens Christi zum Gericht aufgelöst, und infolgedessen auch aus dem Apostolikum gestrichen.“

5 Vgl. http://www.neuapostolischekirche.de/news/20050415-222-d.html