Gralsbewegung

70. Todestag von Oskar Ernst Bernhardt

Am 6. Dezember 2011 jährt sich zum 70. Mal der Todestag von Oskar Ernst Bernhardt, der sich Abd-ru-shin („Sohn des Lichts“) nannte und auf den die Gralsbewegung zurückgeht.

Aus diesem Anlass hat die Zeitschrift „GralsWelt“ ihrer aktuellen Ausgabe (November/Dezember 2011) eine Beilage über den Gründer der Bewegung beigefügt. Die Darstellung von Monika Schulze konzentriert sich auf die Verfolgung Bernhardts durch die Nationalsozialisten und sein Wirken auf dem Vomperberg in Tirol. Die Weise dieser Würdigung Bernhardts verdeutlicht seinen Stellenwert in der Bewegung: Die Anhänger seiner Lehre begegnen ihm mit Erfurcht und Bewunderung, respektieren aber sein Anliegen, dass es nicht auf seine Person, sondern allein auf die Inhalte seiner Lehre ankomme. So schreibt Werner Huemer, der Chefredakteur, im Editorial der „GralsWelt“ zur Sonderbeilage: „Wir wollen damit dem Bedürfnis zahlreicher Leser entsprechen, mehr über den Autor des Werkes ‚Im Lichte der Wahrheit’ zu erfahren, haben die Beilage aber mit der gebotenen Zurückhaltung und großem Bemühen um Sachlichkeit gestaltet.“

Oskar Ernst Bernhardt hat mit der Gralsbewegung eine neue gnostisch-esoterische sowie naturphilosophische Erkenntnisreligion begründet (Hans-Diether Reimer). Sie hat zahlreiche christliche Elemente aufgenommen, kann aber nicht mehr auf biblischer Grundlage christlich genannt werden. Den Namen „Bewegung“ gaben sich die Anhänger am Anfang selbst, weil sie keine Kirche oder religiöse Gemeinschaft mit festen Strukturen bilden wollten. Strukturen, die entstanden sind, stehen vor allem im Dienst des Ziels, die „Gralsbotschaft“ Bernhardts zu verbreiten und es damit dem Einzelnen zu ermöglichen, sich das darin vermittelte Wissen zu erschließen. Sonntägliche Andachten, drei Feiertage im Jahr, Gedenktage und weitere kultische Handlungen sollen dem Bedürfnis nach einer gemeinsamen Gottesverehrung entgegenkommen.

Die „Gralsbotschaft“ ist in Bernhardts Hauptwerk „Im Lichte der Wahrheit“ veröffentlicht. Sie beansprucht, als „eine neue Offenbarung aus Gott“ ein vollständiges und übersichtliches Wissen über die wichtigsten Zusammenhänge der Schöpfung zu vermitteln. Der Erkenntnis Suchende soll über das durch Bernhardt vermittelte Wissen zu Gott zurückgeführt werden. Für die Verbreitung der Gralsbotschaft sorgt die „Stiftung Gralsbotschaft“ in Stuttgart. „Im Lichte der Wahrheit“ wurde bisher in 17 Sprachen übersetzt, zuletzt auch ins Isländische, Arabische und Chinesische. 1,4 Millionen von der Stiftung autorisierte Exemplare wurden nach ihrer Auskunft weltweit verkauft. Über die Gültigkeit der verschiedenen Ausgaben gab es in der Vergangenheit Streitigkeiten, die zum Teil zu Abspaltungen geführt haben.

In Deutschland gibt es über 3000 versiegelte „Bekenner der Gralsbotschaft“, die sich auch „Kreuzträger“ nennen und mit dem gemeinnützigen Verein „Grals-Verwaltung für Deutschland e.V.“ in München in Kontakt stehen. Anhänger der Gralsbewegung in Deutschland versammeln sich in 25 regionalen Gralskreisen. Darüber hinaus rechnet die Gralsbewegung mit weit mehr Anhängern, zu denen sie keinen direkten Kontakt hat. Die Leitung der Gralsbewegung in Deutschland liegt gegenwärtig bei Martin Schott.

Weltweit gibt es etwa 30 000 „Bekenner der Gralsbotschaft“ in 46 Ländern. Der Sitz der Internationalen Gralsbewegung befindet sich in Schwaz im österreichischen Bundesland Tirol, die Leitung hat Jürgen Sprick. 1998 kam es zu einer Spaltung der Bewegung, als Siegfried Bernhardt aus der Familie Oskar Ernst Bernhardts Anspruch auf die Leitung der Internationalen Gralsbewegung erhob. In den darauffolgenden Auseinandersetzungen trennte sich Siegfried Bernhardt von der bestehenden Gralsbewegung und gründete das „Gralswerk“. Seitdem hat die Internationale Gralsbewegung nicht mehr ihren ursprünglichen Sitz auf dem Vomperberg, sondern im nächstgelegenen Ort.

Die deutsche Gralsbewegung tritt nicht missionarisch auf, bemüht sich aber, vor allem jüngere Menschen anzusprechen, unter anderem mit Veranstaltungen und Sommerfreizeiten für Kinder und Jugendliche. Nicht zuletzt scheint es ihr mit der seit 1996 neu erscheinenden „Zeitschrift für ganzheitliches Denken und fördernde Lebenswege“ („GralsWelt“) zu gelingen, neue Leser zu gewinnen. „GralsWelt“ erscheint derzeit zweimonatlich in einer Auflage von 9500 Exemplaren, davon 6500 Abonnements. Im November 2011 wurde der Internetauftritt der „Stiftung Gralsbotschaft“ erneuert (www.gral.de). Auf der ansprechend gestalteten Seite können Artikel aus „GralsWelt“ im Archiv nachgelesen werden, es gibt aktuelle Berichte und Informationen über Bücher und Veranstaltungen. In einem neu eingerichteten Shop können Produkte erworben werden, darunter auch „Im Lichte der Wahrheit“ als Hörbuch in einer neuen, „weniger pathetischen“ Aufnahme, wie ein Sprecher der Stiftung sagte.

Eine Biografie über Oskar Ernst Bernhardt ist nicht im Verlagsprogramm zu finden. Offenbar gehen die Meinungen über eine intensivere Beschäftigung mit seiner Person in der Bewegung auseinander. Man fürchtet, die Person könne von der Botschaft ablenken. Anlässlich seines 125. Geburtstages im Jahr 2000 veröffentlichte „GralsWelt“ eine Serie von Monika Schulze über das Leben Bernhardts, die auch in erweiterter Form in einer Festschrift mit dem Titel „Ich lebte das, was ich schrieb ...“ erschien. Damit möchte man fehlerhaften Informationen, wie sie im Internet kursieren, entgegenwirken.

Oskar Ernst Bernhardt wurde am 18. April 1875 in Bischofswerda (Sachsen) als Sohn eines Gerbers und Gastwirts geboren. Er absolvierte eine kaufmännische Ausbildung und machte sich 1897 in Dresden als Kaufmann selbstständig. Im selben Jahr heiratete er Martha Oeser. 14 Jahre lang unternahm Bernhardt weite Reisen, die ihn unter anderem in den Orient und nach New York führten, und betätigte sich schriftstellerisch im Verfassen von Reiseberichten, Romanen und Theaterstücken. In London wurde er vom Ersten Weltkrieg überrascht und auf der Isle of Man interniert. Dort beschäftigte er sich intensiv mit philosophischen und religiösen Themen. Nach seiner Entlassung 1919 kehrte er nach Dresden zurück. 1924 wurde seine erste Ehe geschieden und er heiratete Maria Kauffer, die aus ihrer ersten Ehe drei Kinder mitbrachte. Mit seiner neuen Familie zog Bernhardt nach Tutzing am Starnberger See. Dort begann er religiöse Abhandlungen zu verfassen, die er in den „Gralsblättern“ (1925-1930) unter dem Pseudonym Abdruschin, später Abd-ru-shin – einer arabisch-persischen Wortschöpfung –, veröffentlichte. Er hielt öffentliche Vorträge, die 1926 zusammengefasst in seinem dreibändigen Hauptwerk „Im Lichte der Wahrheit“ im Münchner Verlag „Der Ruf“ erschienen. 1928 erwarb er auf dem Vomperberg bei Schwaz in Tirol ein ehemaliges Jagdhaus, das er mit seiner Familie bezog. Das Jahr gilt auch als Entstehungszeit der Gralsbewegung. Anhänger begannen sich um sein Werk zu versammeln. Er lehnte es ab, die sich formierende Bewegung zu führen, um einem Personenkult entgegenzusteuern. Am 29. Dezember 1929 erlebte Bernhardt die Offenbarung seiner göttlichen Sendung. Anhänger, die in seiner Nähe leben wollten, zogen auf den Vomperberg, wo die „Gralssiedlung“ mit eigener Schule und Feuerwehr entstand. Bernhardt entwickelte seiner Lehre entsprechende kultische Handlungen. Am 12. März 1938, nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, wurde Bernhardt verhaftet und verbrachte sechs Monate in einem Innsbrucker Gefängnis. Die Gralssiedlung wurde aufgelöst und in eine NS-Gauschulungsburg umgewandelt. Ende 1938 ging Bernhardt mit seiner Familie zurück nach Sachsen, da es ihm verboten wurde, sich länger in Österreich aufzuhalten. 1939 zog er nach Kipsdorf im Erzgebirge, wo er am 6. Dezember 1941 66-jährig starb. Nach dem Krieg erhielt seine Familie die Anlagen auf dem Vomperberg zurück. 1949 wurde sein Leichnam dorthin überführt und in einem pyramidenförmigen Grabmal beigesetzt. Die Gralssiedlung wurde das Zentrum des Geisteslebens und der Verwaltung der Internationalen Gralsbewegung.

Von christlicher Seite wird vor allem der Anspruch Bernhardts kritisiert, der „Menschensohn“ und von Christus verheißene „Tröster“ zu sein, der dem Menschen das entscheidende Wissen und das Gericht überbringt. Bemerkenswert ist die Zurückhaltung im Umgang mit der Person Bernhardts innerhalb der Bewegung. Zu seinem Todestag, der ein jährlicher Gedenktag in der Bewegung ist, sind keine besonderen Veranstaltungen geplant.


Claudia Knepper