Integration war gestern. 10 Jahre Junge Islam Konferenz und die postmigrantische Zukunft

2011 von der Humboldt-Universität zu Berlin und der Stiftung Mercator initiiert und gegründet, hat die Junge Islam Konferenz (JIK) Ende Oktober 2021 in einer Jubiläumsveranstaltung ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert und die Wegmarken einer postmigrantischen Zukunft diskutiert.

Rüdiger Braun
Junge Menschen, modern und traditionell gekleidet

In Reaktion auf die Debatte um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ waren 2011 über 500 junge Menschen aus ganz Deutschland zusammengekommen, um, so das Einladungsschreiben der die JIK betreuenden Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa, ein „Gegennarrativ zur steigenden islamfeindlichen Stimmung“ und den damit verbundenen „pauschalen Zuschreibungen“ zu entwerfen.

Seit 2019 ist die JIK ein fester Programmbereich der überparteilichen Schwarzkopf-Stiftung, die sich im Rahmen des Kompetenznetzwerks „Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft“ der Förderung der gesamteuropäischen Völkerverständigung und der Bekämpfung von Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus widmet. Mina Buschina, Geschäftsführerin der Schwarzkopf-Stiftung, sprach in ihrem Grußwort zum Jubiläum von der Vision eines „Europa der Offenheit, mit einer inklusiven offenen pluralistischen Zivilgesellschaft, die von jungen Menschen gestaltet wird.“ Mit ihrem Credo „Haltung statt Herkunft“ arbeite die JIK, so Anne Ditterle(Mercator-Projektmanagerin Teilhabe, Integration und Zusammenhalt) an der „Vision einer offenen und vielfältigen postmigrantischen Gesellschaft“, die pluralistische Lebenswelten als positive Realität und Normalität wahrnimmt. Die finanzielle Förderung der JIK sei daher, so formulierte Thomas Heppener, Leiter des Referats Demokratie und Vielfalt im BMF, in seinem Grußwort, ein notwendiger Beitrag für eine chancengerechte Gesellschaft, die „nicht fragt, woher man kommt, sondern wohin man will, wer man sein möchte, welchen Beitrag er oder sie oder andere leisten, mit einem gemeinsamen Blick in die Zukunft“.

Einen Blick in die Zukunft wirft auch die von der JIK 2020 und 2021 durchgeführte und von Dr. Asmaa Soliman (Leiterin der JIK) im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung vorgestellte Studie „Kritik und Visionen einer postmigrantischen Gesellschaft“. Die Studie beginnt, ohne eine Einleitung oder eine historische oder soziologische Einführung vorzuschalten, unmittelbar mit der Beschreibung Deutschlands als Einwanderungsland und stellt mit Verweis auf „antimuslimische Haltungen und Ressentiments in der gesellschaftlichen Mitte“ zunächst grundlegend fest, dass „die plurale deutsche Demokratie ihr Versprechen nach Anerkennung, Chancengleichheit und Teilhabe aller Bürger:innen bisher noch nicht eingelöst“ (ebd. 3) habe. Um den mit einem „defizitären Migrationsverständnis“ verbundenen Integrationsdiskurs und dessen „Exklusionsmechanismen“ zu überwinden, bedürfe es der „Vision einer radikal vielfältigen“ bzw. „postmigrantischen Gesellschaft“, in der durch die Kultivierung einer demokratischen Praxis „die machtvollen und exkludierenden Narrative und Diskurse der Integration sowie herkunftsorientierte Haltungen an Bedeutung verlieren“ (5).Als Fazit werden „drei Defizite in der deutschen Gesellschaft“ benannt – „mangelnde Repräsentation, fehlende Chancengleichheit und zu geringe Teilhabemöglichkeiten“ (7) – und eine „fundamentale“ Umgestaltung der Repräsentationsverhältnisse verlangt.

In ihrem Impulsvortrag zum Jubiläum nahm die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan,Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt-Universität zu Berlin, diese selbstbewusst und prägnant formulierte Vorlage auf und beschrieb die „postmigrantische Gesellschaft“ als „das Versprechen einer über das Migrantische hinausweisenden Utopie der Gleichheit, die außerhalb der Herkunft verhandelt wird“ und die über die Umgestaltung der Repräsentationsverhältnisse eine Teilhabe von Menschen mit Minderheitenhintergrund ermöglicht. Der von der Berliner Theaterregisseurin Shermin Langhoff übernommene Begriff des „Postmigrantischen“ dekonstruiert über das Präfix post- den Begriff des „Migrant(isch)en“ in mehrfacher Hinsicht und versteht sich damit vor allem als Versuch, im Ausgang eines Verständnisses des Migrantischen als Grundelement einer jeden Gesellschaft die binären Konstruktionslogiken von „Nichtmigrant“ und „Migrant“ zu überwinden. Trotz der „Zeitenwende“ von 2006 – der Einrichtung der Deutschen Islam Konferenz (DIK) durch Wolfgang Schäuble und dessen vielbeachteter Feststellung, dass „der Islam ein Teil Deutschlands“ sei und man „viel von den Muslimen lernen“ könne – habe sich die Einstellung gegenüber Muslimen noch nicht grundlegend gewandelt. Umso mehr gelte es, unter Vermeidung der Fehler muslimischer Akteure in der Deutschen Islam Konferenz (DIK), das Feld „nochmals neu aufzurollen“ und „über Daten, Narrative und Neuerzählungen den defizitären Islamdiskurs in Deutschland zu verändern“. Was das neue Jahrzehnt der JIK bestimmen müsse, ist der Gedanke eines „neuen deutschen WIR“, die Vision einer Gesellschaft, die nicht fragt, woher man kommt, sondern in einem „sich solidarisierenden Kollektiv […] über Europa hinausschaut“ und die auf die Erziehung der Muslime provinzialisierte Integrationsfrage überwindet. Im neuen Jahrzehnt „der flirrenden zwanziger Jahre“ gehe es nicht mehr um Integration – „eine veraltete Diskussion“ –, sondern um Partizipation und damit auch darum, „aus der Apologetik herauszukommen“ und den Islam neu als „vordenkende Struktur einer neuen Zeit“ zu begreifen. Zweifellos werde das damit verbundene „Moment der Neuordnung von Gesellschaft“ die gesellschaftliche Mehrheit irritieren oder verunsichern. Wie Konstantin Wagner,Juniorprofessor für Erziehungswissenschaft in Mainz, in seinem Impulsvortrag betonte, bestätigt sich damit aber nur das von El-Mafaalani (2018) beschriebene „Integrationsparadox“, demzufolge migrationskritische, rassistische und islamophobe Stimmen zwangsläufige Reaktionen auf den Aufstieg der Muslime in der Gesellschaft seien. Nur über „starke demokratische Allianzen“ ließen sich, so Wagner, „neue Selbstverständlichkeiten“ und „neue Räume“ schaffen, in denen der (ewige) Kampf um Anerkennung der Vergangenheit angehört.

Raquel Kishori Dukpa, die als Teil des Filmkollektivs Jünglinge in der Recherche zum preisgekrönten Debütfilm „Futur Drei“ von Faraz Shariat mitwirkte, fragt, wie es sein könne, „dass ein Land, das seit Jahrzehnten Einwanderungsland ist, unsere Geschichten entweder nur in bestimmten Narrationen vorkommen lässt oder auf die multikulturelle Versöhnung reduziert“. Mit Filmen wie „Futur Drei“, so Dukpa, „erzählen wir unsere Geschichte neu“ und schaffen so einen „Möglichkeitsraum, neue Gesellschaftssysteme auszuprobieren“ und „eigene, mit politischem Anspruch auftretende Netzwerke“ zu etablieren. Diese sollten sich dabei nicht scheuen, ihre „weißen Mitglieder“ auf die Teilnahme an Antirassismusworkshops zu verpflichten. Diese angesichts der betont antirassistischen Note von Dukpas Ausführungen überraschende Empfehlung wurde direkt im Anschluss daran nochmals durch Elif Bayat, Gründerin und Leiterin der JIK-Regionalgruppe in Hessen, sekundiert, die darüber belehrte, dass eben ein jeder Mensch vorurteilsbehaftet sei und somit fortwährend dazu beitrage, „Muster zu reproduzieren und ein System aufrecht zu erhalten, das von Rassismus und genereller gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit geprägt“ ist.

Die sich bereits im JIK-Credo „Haltung statt Herkunft“ widerspiegelnde und auf der Jubiläumsveranstaltung kontinuierlich und vielstimmig betonte Ausrichtung der JIK auf die (postmigrantische) Zukunft ließ zumindest in einem Punkt keinerlei Zweifel aufkommen: Die für den traditionellen Islamdiskurs so zentralen, in die Vergangenheit weisenden islamischen Idiome des (unverfälschten) Ursprungs und der (reinen) prophetischen Anfänge scheinen für sie, zumindest zu ihrem 10. Geburtstag, keine Rolle (mehr) zu spielen. Insofern bringt die JIK zweifellos einen neuen Ton in die Islamdebatte ein. Zugleich blieb der JIK-interne Diskurs merkwürdig einseitig auf die Zeit nach 2011 beschränkt. Was vor ihrem Geburts- bzw. Gründungsjahr 2011, vor Sarrazins umstrittenen Thesen oder vor der sog., von Schäuble initiierten „Zeitenwende“ (Foroutan) von 2006 geschah, schien die JIK und ihre jüngeren und älteren MitstreiterInnen entweder kaum (mehr) zu interessieren oder diente ausschließlich als Negativfolie. Würde man der JIK für ihre zweite Dekade bzw. ihre, so die Veranstalter, „pubertäre Phase“ einen Wunsch mit auf den Weg geben wollen, wäre dies etwas weniger politischer Aktivismus, etwas mehr (religions-)kritische Selbstreflexion und – vor allem anderen – etwas mehr Geschichtsbewusstsein.

Rüdiger Braun

Quellen
https://schwarzkopf-stiftung.de/aktuelles/veranstaltungen/die-junge-islam-konferenz-feiert-ihr-10-jubilaeum-in-berlin/
10 Jahre Junge Islam Konferenz, in: https://www.youtube.com/watch?v=TqBMNNT9vuc (am 5.01.2022)
JIK (2021): Kritik und Vision einer postmigrantischen Gesellschaft, in: https://www.stiftung-mercator.de/de/publikationen/kritik-und-vision-einer-postmigrantischen-gesellschaft-kurzfassung/
El-Mafaalani, Aladin (2018): Das Integrationsparadox: warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt, Köln.

Ansprechpartner

PD Dr. theol. Rüdiger Braun
Wissenschaftlicher Referent
Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen
Auguststraße 80
10117 Berlin