Aktuelle Literatur über neue religiöse Bewegungen

Im deutschsprachigen Raum fehlt es an kompakten Übersichten über neue religiöse Bewegungen. Ein Ergänzungsband zum bewährten VELKD-Handbuch Weltanschauungen sowie regionale Handreichungen füllen hier Lücken.

Michael Utsch
Auf einem Tisch liegt ein Stapel aufgeschlagener Bücher

In den letzten Jahren sind zahlreiche regionale Religionsführer publiziert wurden, in denen die unübersichtliche Vielfalt alter und neuer religiöser Gruppen in einer Region vorgestellt werden – jeweils oft mehrere hundert. Zwei Bestandsaufnahmen über religionswissenschaftlich untersuchte Regionen seien exemplarisch genannt: über das Alpenrheintal (Alfred Dubach: Religiöse Vielfalt im Alpenrheintal, Liechtenstein 2011) und zwei Bände über die Landeshauptstadt Potsdam (Johann Hafner: Glaube in Potsdam, Baden-Baden 2018).

Wer eine aktuelle Übersicht über den gesamten deutschsprachigen Bereich sucht, kann zu dem bewährten, im Auftrag der VELKD herausgegebenen „Handbuch Weltanschauungen“ greifen (hg. von Matthias Pöhlmann und Christine Jahn, Gütersloh 2015), findet aber sonst kaum eine solide religionswissenschaftliche Übersicht, zumal das Handbuch zusätzlich theologische Einschätzungen liefert. Der im „Verlag der Weltreligionen“ erschienene Band über „Neureligionen und ihre Kulte“ (Douglas Cowan, David Bromlay: Neureligionen und ihre Kulte, Berlin 2010) behandelt primär die amerikanische Religionskultur der 1970er und 1980er Jahre. Deshalb lässt er sich kaum auf die europäische Situation anwenden. Eine Ausnahme in der deutschsprachigen Publizistik zur Religionsforschung bildet das seit 1997 existierende Nachschlagewerk „Handbuch der Religionen“. In Form einer Loseblattsammlung haben Michael Klöcker (Universität Köln) und Udo Tworuschka (Universität Jena) mittlerweile zehn Bände mit über 8000 Seiten herausgegeben. Jährlich werden vier Ergänzungslieferungen mit jeweils knapp 200 Seiten publiziert (www.handbuch-religionen.de).   

Der Religionswissenschaftler Michael Stausberg hat kürzliche eine sehr lesenswerte Globalgeschichte neuer religiöser Bewegungen vorgelegt (Die Heilsbringer, München 2020). Anhand von 47 Portraits unterschiedlichster Herkunft – Politik, Christentum, Theosophie, asiatische Religionen, Judentum, Islamismus bis hin zur Popmusik – werden unterhaltsam markante Wurzeln heutiger religiöser Vielfalt beschrieben. Die knapp fünfzig Protagonisten werden anschaulich portraitiert, aber die historische Anlage dieses Panoramas lässt eine systematische Struktur vermissen.

Im Auftrag der VELKD-Kirchenleitung hat der „Ausschuss Religiöse Gemeinschaften“ im Jahr 2021 einen Ergänzungsband zu dem erwähnten traditionsreichen und systematisch angelegten „Handbuch Weltanschauungen“ vorgelegt. Dort werden sieben aktuelle Bewegungen bzw. Themen ausführlich beschrieben und eingeordnet: Access Consciousness (eine Methode spirituellen Coachings), Anastasia-Bewegung, Eziden, Freimaurer, Kirche des Allmächtigen Gottes, Shincheonji und Verschwörungstheorien.

Weniger religionswissenschaftlich ausgerichtet, sondern stärker auf den Gebrauch im Alltag der Gemeindearbeit ist eine von der „Konferenz Landeskirchlicher Beauftragter für Weltanschauungsfragen“ im Jahr 2020 erarbeitete kompakte Orientierungshilfe: „Evangelische Orientierungen inmitten weltanschaulicher Vielfalt. Basisinformationen – Argumentationshilfen – Handlungsempfehlungen“. Sie wurde als Handreichung für evangelische Kirchengemeinden konzipiert. Neben „klassischen“ Vertretern der christlichen Tradition kommen exemplarische Gruppen und Strömungen der Esoterik, die Faszination „dunkler“ Spiritualität und asiatische Gruppen zur Sprache. Weiterhin werden Lebenshilfe-Angebote, Facetten der Religionsdistanz und des Atheismus sowie das Verschwörungsdenken untersucht. Den Abschluss bildet ein Kapitel über die Besonderheiten weltanschaulicher Beratung.

In den letzten Monaten haben einige Weltanschauungsbeauftragte, besonders von großen Landeskirchen, diese Orientierungshilfe um Regionalteile ergänzt, die auf weitere Bewegungen und Themen eingehen, die in ihren Kirchen eine Rolle spielen. Der Regionalteil „Hessen“ behandelt etwa die Bahai, Bhakti Marga und die Heilhaus-Bewegung von Ursa Paul. Im Regionalteil der Nordkirche werden Aussiedlergemeinden, Deutschgläubige und völkisch-heidnische Gruppen sowie Neben- und Tarnorganisationen der Scientology-Organisation thematisiert. Der umfangreichste Regionalteil stammt aus Bayern; hier werden zum Beispiel die Hillsong-Freikirche, die Sozo-Gebetstechnik, die Organische Christus-Generation, Amma und die „Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters“ behandelt. In Sachsen wurde der Stammteil in der Zeitschrift „Confessio“ des Evangelischen Bundes als Sondernummer veröffentlicht. Über regionale Besonderheiten werden die Leserinnen in den laufenden „Confessio“-Nummern informiert.  

Fazit: Für einen differenzierten Blick auf die weltanschauliche Vielfalt leisten die genannten Veröffentlichungen unverzichtbare Dienste. 

Michael Utsch


VELKD-Ergänzungsband (2021):
https://www.velkd.de/publikationen/publikationen-gesamtkatalog.php?publikation=560

Handreichung der Konferenz Landeskirchlich Beauftragter (2020), Autoren: Andreas Hahn, Reinhard Hempelmann, Oliver Koch, Matthias Pöhlmann:
https://www.amd-westfalen.de/fileadmin/dateien/dateien_hildebrand/Orientierungshilfe_PDF_Vorlage.pdf

Handreichung mit Regionalteil Bayern:
https://www.weltanschauungen.bayern/sites/www.weltanschauungen.bayern/files/WAS%20Sonderausgabe%203%20-%20Evangelische%20Orientierung%20-%20Regionalteil%20-%20Online.pdf

Handreichung mit Regionalteil Hessen:
https://www.zentrum-oekumene.de/fileadmin/redaktion/Weltanschauungen/Weltanschauliche_Vielfalt_A5.pdf

Handreichung mit Regionalteil der Nordkirche:
Evangelische_Orientierungen_2022.pdf (kirche-oldenburg.de)

Handreichung als Sondernummer der Zeitschrift Confessio (Sachsen):
https://www.confessio.de/zeitschrift/cs01

Ansprechpartner

Prof. Dr. phil. Michael Utsch
Wissenschaftlicher Referent
Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen
Auguststraße 80
10117 Berlin