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Materialdienst 6/2016
Oliver Koch, Johannes Lorenz

Shinchonji - "neuer Himmel und neue Erde"

Erläuterungen zu einer neureligiösen Bewegung aus Korea

Manche Schilderungen aus dem Umfeld der koreanischen Neuoffenbarungsbewegung Shinchonji1 muten abenteuerlich an: Da muss die Polizei verständigt werden, weil ehemalige Aussteigerinnen belästigt und gestalkt werden. Da müssen der evangelische und der katholische Weltanschauungsbeauftragte „Warnungen“ an die Kirchengemeinden herausgeben, weil in und nach Gottesdiensten Shinchonji-Mitglieder versuchen, Gemeindeglieder zu missionieren. Da möchte eine Unterorganisation von Shinchonji namens „International Peace Youth Group“ ein ganzes Stadtteilfest managen, ohne Hintergründe und Ziele transparent zu machen – es kann in letzter Minute verhindert werden. Und schließlich werden kirchenleitende Gremien vom Dekan bis hin zum Bischof zu einem „Friedensfest“ unter dem wohlklingenden Namen „World Alliance of Religions – Peace Summit“ nach Seoul in Südkorea eingeladen.

Wer steht hinter den Teil- und Unterorganisationen, die unter immer wieder wechselnden Namen verstärkt in deutschen Ballungsgebieten und Großstädten auftreten und aggressiv missionieren? Dieser Artikel soll Klarheit schaffen und Hintergründe darstellen, soweit dies möglich ist. Anlass dafür ist erstens die steigende Anzahl und qualitativ anspruchsvolle Beratung von Aussteigern, zweitens die Aufklärungsarbeit aufgrund bisher ungewohnt aggressiver Missionierung innerhalb bestehender christlicher Gemeinden: Über die evangelischen und katholischen Gemeinden hinaus haben sich auch Freikirchen und die Neuapostolische Kirche mit der Bitte um Unterstützung an die Weltanschauungsbeauftragten gewandt. Anlass ist drittens der immer wieder zu beobachtende Versuch, diverse staatliche oder kirchliche Würdenträger zu Werbezwecken zu instrumentalisieren. Zur Veranschaulichung der Konfliktträchtigkeit, die von den Aktivitäten von Shinchonji ausgeht, soll zu Beginn ein kurzes Interview mit einem Aussteiger beitragen.

Interview mit einem Aussteiger

Der Aussteiger besuchte einige Zeit intensiv die „Frankfurter Friedensgemeinde“ an der Galluswarte, eine Unterorganisation und „Bibelschule“ von Shinchonji.


Wie kommt man mit Shinchonji in Kontakt, und wie wird man Mitglied?

Meist suchen die Mitglieder von Shinchonji den persönlichen Kontakt. Sie suchen Gemeinden auf und versuchen, die Leute abzuwerben, besonders Neuankömmlinge, die sich noch orientieren wollen. Oft sind das Neuzugezogene, die gesellschaftlich noch nicht gefestigt und daher leichter von anderen zu isolieren sind.


Wie viel Ihrer Zeit hat die Beschäftigung mit Shinchonji in Anspruch genommen?

Die Kurse fanden viermal in der Woche statt. Hinzu kam die Zeit für die Vor- und Nachbereitung. Sonntags lief immer der Gottesdienst, dem ich selbst aber nicht beigewohnt habe.


Wie war die Atmosphäre in den Bibelkursen?

Die Atmosphäre wirkte auf den ersten Blick sehr entspannt. Es wurde für Getränke und Snacks gesorgt. Die Menschen waren unterschiedlicher Herkunft und gehörten verschiedenen Altersstufen an. Im Nachhinein fiel mir auf, dass einige im Kurs ziemlich zurückhaltend waren. Sie wollten angeblich den Kurs nur wiederholen und waren mit dem Inhalt schon sehr vertraut. Ich hatte auch das Gefühl, dass sie einen beobachteten und ausfragten.


Können Sie im Nachhinein eine Missionierungsstrategie erkennen?

Die generelle Vorgehensweise ist, Gleichnisse und deren Bedeutungen zu verdrehen. Es wird behauptet, dass die Bibel voller Gleichnisse sei – in den Geschichten, den Lehren, den Prophezeiungen und der Erfüllung. Die meisten Gleichnisse werden mit Gottes Wort gleichgesetzt. Dabei gibt es immer ein gutes und ein böses Wort, also stammen sie von Gott oder von Satan. Als Beispiel die Kombination von Mt 24,45-51 (Gleichnis vom guten und bösen Knecht) und Offb 2,17 (der Überwinder/verborgenes Manna). Man bringt beide Stellen zusammen und behauptet, dass der treue und kluge Knecht der Überwinder sei, weil dem Knecht diese Speise, also diese Worte, zur rechten Zeit offenbart werden. Jedoch werden zwei isolierte Verse willkürlich in einen Zusammenhang gebracht, ohne Rücksicht auf den Kontext. Das Ganze läuft darauf hinaus, dass Man-Hee Lee der Überwinder ist, dem das verborgene Manna übergeben wurde – sozusagen die eröffneten Worte von Jesus Christus. Er ist dann laut der „Bibelschule“ derjenige, der die Prophezeiungen erfüllt und meint, dass wir uns bereits in der Erntezeit befinden.


Sie sprechen von Methoden der Manipulation und der Ablenkung, die Sie erlebt haben. Könnten Sie das beschreiben?

Am Anfang werden harmlose Gleichnisse genommen, die auch wirklich stimmen und jederzeit nachprüfbar sind. Doch mit der Zeit überlagern sich die Informationen und nehmen an Tempo zu. Es bleibt immer weniger Zeit zu prüfen und die Verse in ihrem Kontext zu vergleichen. Durch die Überreizung werden unbewusst Informationen hingenommen, ohne sie vorher kontrolliert zu haben. Das bedeutet, dass falsche Informationen zwischen die wahren Bedeutungen der Gleichnisse eingestreut werden können, ohne dass es auffällt. Zwar wird suggeriert, man könne immer prüfen, jedoch darf man während der Stunde nicht direkt Fragen stellen, sondern nur vor und nach der Indoktrinationsstunde, sodass unangenehme Fragen bequem abgefangen werden können. Da der Unterricht viermal in der Woche stattfindet, wird der Informationsdruck permanent aufrechterhalten. Aus diesem Grund wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass Nachholstunden immer zeitnah stattfinden, da sonst der Druck wieder sinkt. Es gibt immer zwei Tage Indoktrination und einen Tag Pause, um die Worte wirken zu lassen – gemäß dem optimalen biochemischen Lernrhythmus. Bei unangenehmen Fragen wird oft vertröstet und die Antwort offen gelassen, weil sie angeblich dem Lernstoff vorgreifen würde. Es heißt dann, man bekomme Speise zur rechten Zeit.


Wie sind Sie auf die Verbindung der Gemeinde zu Shinchonji aufmerksam geworden?

Freunde haben mich darauf aufmerksam gemacht, die im Internet einige Sachen gefunden hatten. Und ich habe selbst zu dem Zeitpunkt auch einige Ungereimtheiten festgestellt. Die Leute von Shinchonji haben aber von vornherein versucht, dem entgegenzuwirken. Sie haben im Vorfeld bereits gesagt, man stoße immer auf Widerstand, wenn Gottes Wort verkündet wird.


Warum sind Sie ausgestiegen?

Weil mir immer klarer wurde, dass Inhalte aus dem Kontext gerissen wurden, aber auch, weil es praktisch immer mehr darauf hinauslief, dass der Überwinder (Man-Hee Lee) angeblich schon da sei. Da fragt man sich natürlich, wer soll das denn bitteschön sein? Aber der Hauptpunkt war, dass, wenn man sich zurückzog, der Druck anstieg, weiterhin zu kommen.


Wie waren die Reaktionen von Shinchonji auf Ihren Ausstieg?

Sie versuchten, mich zum Bleiben zu bewegen, egal welche Argumente ich vorbrachte. Sie schrieben mich an, telefonierten mir hinterher und standen sogar vor meiner Haustür und wollten herein. Das hat mich dann umso mehr abgeschreckt. Vor allem habe ich Argumente gebracht, bei denen jeder eigentlich sagen würde: Nein, allein der Menschlichkeit wegen ist es besser, dir die Zeit zu nehmen, die du brauchst. Aber das war denen egal. Man kann schon sagen: Die gehen geistig über Leichen.

Geschichtliches

Man-Hee Lee ist der Gründer von Shinchonji. Er wurde am 15. September 1931 in dem Dorf Hyeonri-ri in der Provinz Cheongdo, in der Nähe der Stadt Gyeongsangbuk-do, im heutigen Südkorea geboren. In der ländlichen Gegend wuchs er in einer Bauernfamilie auf. Nach eigener Aussage stammt er von einer 500 Jahre alten Königsfamilie der Joseon-Dynastie ab. Sein Name habe ihm sein Großvater gegeben, der geträumt haben soll, dass ein großes Licht vom Himmel gekommen sei, bevor Man-Hee Lee geboren wurde. Aufgrund dieser Schau habe er seinen Enkel „Man-Hee“ („umfassendes und unfehlbares Licht“) genannt. Lees religiöse Sozialisation umfasste diverse Stationen: Zunächst wurde er von baptistischen Missionaren in Seoul 1948 getauft, nach eigener Aussage geschah dies „without faith“. 1957 erfolgte sein Beitritt zur Jondogwan-Gemeinde.

Einige Jahre später schloss er sich der religiösen Gruppierung „Olive Tree Movement“ des Tae-Sun Park an, der sich selbst als den verheißenen Boten aus dem Osten sah, dem „Heil auf dem Fuße folge“ (Jes 41,2).

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Anmerkung

1 Sowohl Shinchonji als auch Shincheonji sind gebräuchliche Schreibweisen. Siehe zu der Bewegung auch Michael Bulle / Reinhard Hempelmann, Zur Religionsgemeinschaft Shinchonji, in: MD 9/2014, 339-342; Marcus Göttig, Furcht rechnet mit Strafe aber die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Erfahrungen mit Shinchonji (SCJ), in: Berliner Dialog 31 (2014), 18-22, www.religio.de/dialog/114/bd31_s18.pdf.

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