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Materialdienst 6/2016
Oliver Koch

Die "Chinesische Quantum Methode" von Gabriele Eckert

Wer in den letzten Jahren bei einer mittelständischen Solarfirma in Hessen eine Solaranlage gekauft hat, staunte Anfang des Jahres nicht schlecht: Ein Brief des Geschäftsführers flatterte ins Haus, „um auf eine ganz andere Art von Energie“ – „Bewußtseinsenergie“ – aufmerksam zu machen. Seitdem er die „Chinesische Quantum Methode“ kennengelernt habe, sei er immer wieder erstaunt über die Wirkung. Es folgt die Empfehlung, einen Erlebnisabend mit Gabriele Eckert zu besuchen, und im angehängten Flyer der Firma „HyperVoyager“ macht ein Master Coach Werbung dafür, an diesem Abend Dinge zu erleben, „die manche für ein Wunder halten“.

Gabriele Eckert erklärt selbst, dass sie nach diversen Erfahrungen u. a. mit NLP, Hypnotherapie, Meditations- und Entspannungstechniken, Quantum Touch etc. im In- und Ausland die Chinesische Quantum Methode (CQM) entwickelt und 2002 die Firma HyperVoyager gegründet habe. In dem Buch „Wenn Fische fliegen …“ beschreibt sie ihre Methode. Die Publikation „Weil die Seele sich freut“ ist eine Zusammenstellung von Heilungs- und Erfolgsgeschichten, die aus der Anwendung von CQM resultieren.

Strukturell arbeiten für HyperVoyager in einer Art Franchise-System unterschiedliche „Master Coaches“, die vor Ort Werbeveranstaltungen für CQM organisieren, Praxisgruppen leiten und ihre Dienste in Form eines „ganzheitlichen Persönlichkeitscoachings – CQM“ anbieten. Grundlegendes Handwerkszeug lernt man in dem dreiteiligen Kurssystem, das jeweils zwei Tage dauert und 690 Euro pro Kurs kostet. Die Kurse bauen aufeinander auf und tragen Titel wie „Schwächen und Stärken (CQM I)“, „Gefühl für Wohlstand (CQM II)“ und „Jenseits von Tabus (CQM III)“. Die Kurse sind kombinierbar mit anderen Methoden, etwa systemischer Aufstellung oder NLP.

Ein „Erlebnisabend“

Der Einstieg in CQM beginnt mit einem „Erlebnisabend“, der quer durchs Land angeboten und beworben wird. Ich habe gemeinsam mit meinem katholischen Kollegen einen solchen Abend besucht, der in Darmstadt im großen Saal der Industrie- und Handelskammer stattfand.

Nach dem Begleichen des Eintritts (15 Euro) wird streng darauf geachtet, dass jeder Teilnehmer seine Kontaktdaten auf einem „50 Euro Seminar-Gewinngutschein“ hinterlässt. Was mit den Daten geschieht, ist nicht klar. Es findet sich lediglich der Satz, dass sie nicht an Dritte weitergegeben werden. Vor Ort werden keine Quittungen über den bezahlten Eintritt ausgestellt. Auf Nachfrage wird der Besucher gebeten, die Kontaktdaten zu hinterlegen, damit die Rechnung später per Post verschickt werden könne. Selbst der mehrfachen Bitte, doch schlicht mit einer Unterschrift den bezahlten Beitrag zu bestätigen, wird nicht nachgekommen.

Der Saal ist mit ungefähr 100 Personen gut gefüllt. Das Publikum setzt sich zum überwiegenden Teil aus Frauen im Alter zwischen 50 und 65 Jahren zusammen. Nach einer Begrüßung durch den zuständigen (weiblichen) Master Coach und die Versicherung, dass wirklich alles so stimme, wie es an diesem Abend zu erleben sei, hat Gabriele Eckert unter Applaus ihren Auftritt. Die zierlich-drahtige Frau in den 60ern erzählt, dass sie unter anderem in Kalifornien unterschiedliche Methoden ausprobiert und dabei CQM entdeckt habe. Sie betont, dass diese Methode in keinem Schulbuch zu finden sei und weder von Medizinern noch von anderen Wissenschaften vertreten werde. Grundlage von CQM sei das jeden Körper umgebende „energetische Informationsfeld“, in dem negative Ursachen aus vergangenen Erlebnissen oder der Ahnen gespeichert seien. Dieses Feld sei beweisbar und sichtbar zu machen durch alternative Experimente und Messgeräte wie die Kirlianfotografie oder die Meridiandiagnostik. CQM bietet nun, „an jedem Ort anwendbar“, „ohne jemanden zu berühren“ und „schnell erlernbar“, die Möglichkeit, alle negativen Wirkungen zu neutralisieren.

Um das Gewicht ihrer Theorie praktisch zu veranschaulichen, fragt Gabriele Eckert, ob Menschen mit körperlichen Leiden anwesend seien. Einige Teilnehmerinnen schildern diverse Gebrechen: Rückenschmerzen, Hüftprobleme, Schulter- und Nackenleiden ... Geradezu erschreckend ist, wie offen persönlichste Details, z. B. das Leiden an der Demenz der eigenen Mutter, preisgegeben werden, nachdem Eckert in einer zweiten Runde nach seelischen Sorgen und Nöten gefragt hat.

Mit einer freiwilligen Probandin demonstriert Eckert, wie man sich zum Zweck der Heilung das Energiefeld zunutze machen kann. Zunächst stellt sie einige diagnostische Fragen (Schmerzskala, „gehen Sie mal, damit ich mir das anschauen kann“) und bittet dann, einen Arm zu heben. Ein bestimmtes Thema wird angesprochen. Bleibe der Arm nach Berührung und Gegendruck ausgestreckt, sei „alles in Ordnung“. Falle der Arm herab, müsse die negative Wirkung im Energiefeld neutralisiert werden. An diesem Punkt verrät sie ein Geheimnis. Zum Neutralisieren gebe es ein „Codewort“, und dieses laute: „Korrigieren“. Sie beginnt nun, die von ihr anscheinend exklusiv erkannten „Probleme“ bei der Testperson zu neutralisieren. Dabei ist die Technik immer gleich. Eckert fragt z. B. ins „Energiefeld“ der Probandin: „Die Verbindung von Becken zu Kopf?“ – der Arm fällt herunter – Eckert sagt: „Aha. Nicht gut. Verbindung von Becken zu Kopf korrigieren“ – der Arm bleibt oben. „Verbindung von Gehirn zu Füßen“ – Arm fällt herunter – „Verbindung von Gehirn zu Füßen korrigieren“ – Arm bleibt oben. „Verbindung von ihr zu ihrer Familie – korrigieren“, „Verbindung von ihr zu ihrer Arbeitsstelle – korrigieren“, „ein Trauma im Alter von 32 – korrigieren“, „das Verhältnis zur Tochter – korrigieren“. Nach den Behandlungen wird der Probandin aus dem Publikum ein entspannterer Gesichtsausdruck attestiert; sie selbst beschreibt eine leichte Verbesserung der Ursprungsbeschwerden. Durch wiederholte und intensivere Anwendung von CQM würden sich die positiven Effekte verstärken, versichert Eckert.

Deutlich werden unterschiedliche Heilsversprechungen gemacht: CQM wirke bei körperlichen Problemen und Krankheiten, bei finanziellen Sorgen, bei familiären und partnerschaftlichen Problemen, und sogar aus der Ferne könne man es anwenden. Das Beispiel, das Eckert dazu nennt, bringt die ganze Problematik und auch Gefährlichkeit der Anbieter und ihrer Methode zum Ausdruck: Wenn etwa der Sohn nachts anrufe, weil er sich den Fuß gebrochen habe, und bitte, abgeholt zu werden, müsse man sich nur auf dessen Energiefeld konzentrieren, es korrigieren, und schon brauche man sich – bei richtiger Anwendung – nicht mehr auf den Weg zu machen.

Einschätzung

CQM ist ein typisches Beispiel aus der esoterisch-pseudowissenschaftlichen Angebotspalette, die anscheinend die Bedürfnisse eines bestimmten Publikums trifft: die Sehnsucht nach persönlicher Zuwendung, nach einer schnellen, unkomplizierten und mit wenig Aufwand zu erreichenden „Heilung“ persönlicher Probleme, Krankheiten, Belastungen und Konflikte. Dazu kommt der Reiz des Unbekannten. Sicherlich spielt auch das Bedürfnis nach Anerkennung eine große Rolle. Sich nach einem einzigen Wochenende als Master bezeichnen zu können, scheint für viele verlockend zu sein.

Meines Erachtens birgt CQM nicht nur eine Reihe von Problemen und Ungereimtheiten, sondern auch Gefahren. Selbstverständlich hat sich HyperVoyager über einen Disclaimer rechtlich abgesichert – das ist ja mittlerweile im alternativmedizinischen Kontext Standard. Dennoch werden durch die suggestive Art der Werbung, das pseudowissenschaftliche Vokabular und die „Erfolgsgeschichten“ hohe Erwartungen geweckt und auf ein Publikum gezielt, das die schnelle Lösung tiefgreifender persönlicher Probleme und Krankheiten erhofft. Wenn mit Wundern, hocheffizientem Mentaltraining, psychischer und körperlicher Harmonie oder materieller, geistiger und seelischer Korrektur geworben wird, werden große Hoffnungen geweckt. Unklar ist im Übrigen, was an der Methode „chinesisch“ ist – auch in den Werbeflyern findet sich nichts dazu.

Eckert selbst erklärt, dass ihre Methode in keinem wissenschaftlichen Kontext zu finden sei. In diesem Punkt kann man ihr nur Recht geben: Sämtliche „Nachweise der Wirksamkeit“ sind in den esoterischen Bereich einzuordnen. Mit der assoziierten Quantenphysik hat die Methode nichts zu tun, das Vokabular wird lediglich entlehnt. Das bei dem Erlebnisabend vermittelte Menschenbild scheint mir ein wenig wertschätzendes zu sein: Im Prinzip bestand das konstatierte „Energiefeld“ der Probandinnen nur aus negativen Bestandteilen. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier Menschen vorgeführt werden und dass Eckert in ihrer Rolle als „Allwissende“ nicht zu kritisieren ist.

Das Kurssystem ist teuer, baut aufeinander auf und verspricht abstruserweise die Lösung eigener finanzieller Probleme. Um alle drei Kurse absolvieren zu können, muss man für drei Wochenenden über 2000 Euro bezahlen. Das System zielt darauf, selbst Master Coach zu werden und damit weiter im System zu bleiben, ein Loslösen erscheint nur schwer möglich.

Der Erfolg der Methode wird dezidiert nicht von dem Anleitenden, sondern von der Einstellung des Praktizierenden abhängig gemacht: „Ist diese innere Überzeugung [dass CQM funktioniert] nicht vorhanden, so sabotieren wir uns oft selbst mit unbewussten gegenteiligen Gedankenmustern.“ Damit macht sich HyperVoyager nicht nur unangreifbar, sondern schiebt die Verantwortung auf die Praktizierenden. Das kann zu sehr frustrierenden Erfahrungen führen.

Ein religiöses System im Hintergrund vermag ich nicht zu erkennen, wobei natürlich das konstatierte „Energiefeld“ an eine Art Aura erinnert. Einzuordnen ist das Angebot in den Bereich der „Quantenheilung“ und geht somit ursprünglich auf den Chiropraktiker Frank Kinslow (Schüler von Maharishi Mahesh Yogi, dem Begründer der Transzendentalen Meditation) und auf Richard Bartlett zurück. Es handelt sich um eine pseudowissenschaftliche Methode des Esoterik- und alternativ-lebensberaterischen Marktes. Aus christlicher Perspektive ist die mechanisch anmutende Selbstoptimierung und Reduktion des Menschen auf ein mithilfe einer bestimmten Methode immer wieder zu lösendes Problem abzulehnen.

Schaut man sich die lange Liste an Veranstaltungen an, die teilweise bei renommierten Institutionen stattfinden (IHK Darmstadt, Universität Hamburg), erscheint es durchaus denkbar, dass auch bei kirchlichen Institutionen um Räume nachgefragt wird. Von einer Zusage sollte man Abstand nehmen.

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