Mit handschriftlichen Briefen und digitalen Angeboten durch die Corona-Krise

Neben den immensen wirtschaftlichen Schäden sind auch die seelischen Folgen der Pandemie längst noch nicht abzusehen. Die Notwendigkeit der sozialen Distanzierung ist brutal, weil die Menschen gerade in Krisenzeiten instinktiv zusammenrücken und Nähe suchen, um sich gegenseitig zu trösten und nach Erklärungen und Lösungen zu suchen. Das ist derzeit nur sehr eingeschränkt möglich. Die Pandemie steigert die allgemeine Verunsicherung, die häufig mit existenziellen Ängsten einhergeht.

Auch die neuen religiösen Bewegungen mussten sich den gravierenden Beschränkungen stellen. Zeugen Jehovas, deren Missionierungsmöglichkeiten derzeit wegen der Maßnahmen gegen die Pandemie stark eingeschränkt sind, verteilen handgeschriebene Briefe in Briefkästen, in denen auf Corona und Glaubensfragen eingegangen wird. Scientology vertreibt Hygienebroschüren, in denen die bekannten AHA-Regeln einmal mehr beschrieben werden. Manche fundamentalistischen christlichen Gruppen wie die aus der Schweiz stammende „Organische Christus Generation“ (OCG) versuchen, die Impfverweigerung biblisch zu begründen, und leiten Verschwörungstheorien aus der Bibel ab. Dabei finden ihre zahlreichen professionellen Internet-Angebote gerade unter jüngeren Menschen Anklang und verhelfen der Gemeinschaft auch über das begrenzte Schweizer Terrain hinaus zu Aufmerksamkeit.

Die französische Ministerin für Bürgerfragen hat kürzlich mitgeteilt, dass in Frankreich im Verlauf der Corona-Krise etwa 500 Sekten aus dem Boden geschossen seien (vgl. www.fr.de/panorama/heilssuche-im-abwegigen-frankreich-sekte-corona-90357388.html). Dazu zählt sie neue Gurus, die sich der Pandemie bedienten, um angebliche Heilmethoden anzubieten. In Wahrheit würden aber psychologische Bindungsmethoden eingesetzt, um neue Kunden für „alternative“ Heilmethoden zu werben. Die Ministerin will deshalb die staatliche Anti-Sekten-Kommission „Miviludes“ personell wieder verstärken, nachdem sie vor einigen Jahren verkleinert worden war (vgl. MdEZW 1/2020, 58–60).

Aus deutscher Sicht ist fraglich, ob die neuen religiösen Bewegungen von der Pandemie profitieren werden. Dazu liegen derzeit noch keine verlässlichen Daten vor. Insgesamt schwächen die lange anhaltenden Versammlungsverbote alle religiösen und spirituellen Gemeinschaften, weil die räumliche und persönliche Nähe und damit das Gruppenerleben weggebrochen sind. Intensive religiöse Gefühle sind aber für die meisten Menschen nur als Gruppenerlebnis möglich, das allein vor dem heimischen Bildschirm kaum entsteht. Die meisten Gruppen haben ihre Angebote auf digitale Formate umgestellt und versuchen, den Kontaktmangel durch verschiedene Online-Angebote abzufedern, was manchen besser, anderen schlechter gelingt. Es ist aber fraglich, ob die geschwächte Bindungskraft nach den langen Monaten des Kontaktverbots ausreichen wird, um die Gruppenbeteiligung der am Rande stehenden Mitglieder nach der Pandemie wieder zu intensivieren.

Bei allen Chancen der sozialen Medien dürfen die Gefahren der Verbreitung von „Fake News“ und extremen Überzeugungen nicht unterschätzt werden. Religiöse Bildungsangebote sollten verstärkt die persönliche weltanschauliche Orientierungskompetenz schulen, um sich in der unübersichtlichen Vielzahl digitaler Heilsangebote besser zurechtfinden zu können.


Michael Utsch, 01.05.2021