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Lexikon

Spiritualität

Europa ist heute weitgehend säkular geprägt. Sinn, Moral und Werte werden primär mit der Vernunft und der Wirtschaftlichkeit begründet und davon abgeleitet. Außer in Russland ist das Christentum in Europa rasant im Schwinden begriffen. Im Jahr 1951 gehörten in Westdeutschland noch 96 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Konfession an. Nach der Wiedervereinigung veränderte sich die konfessionelle Struktur der Bundesrepublik beträchtlich. Heute ist nur noch etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung Mitglied einer christlichen Kirche. Eine materialistische Sicht auf den Menschen, die allein messbare Faktoren gelten lässt, hat stark an Bedeutung gewonnen.

Andererseits ist die Sehnsucht nach „Spiritualität“ ungebrochen. Trotz des Rückgangs christlicher Glaubenspraxis ist die Präsenz spiritueller Phänomene im Alltag hoch. Die Sehnsucht nach Erfahrungen des Außergewöhnlichen, von Transzendenz und nach der Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen – so kann „Spiritualität“ knapp definiert werden – kommt in Literatur, Kunst, Theater, Musik, im Fußball oder im Körperkult zum Vorschein. Spirituelle Erfahrungen werden erstaunlich häufig gemacht – trotz des unübersehbaren Mitgliederverlusts der Kirchen und des Verschwindens von theologischem Wissen. Von Nahtoderfahrungen, „mystischen“ und anderen außergewöhnlichen Bewusstseinserlebnissen berichten viele Menschen (Hofmann/Heise 2017). Der Säkularismus hat das Interesse an der spirituellen Dimension nicht zum Erliegen gebracht. Millionen von Menschen praktizieren beispielsweise Meditation oder Yoga in einem säkularen Kontext. Es sind neue Formen von Spiritualität entstanden, die nicht auf religiöser Erziehung, sondern auf persönlicher Erfahrung beruhen. Sie scheinen ein Bedürfnis zu erfüllen, das der Säkularismus nicht stillen kann.

Was bedeutet Spiritualität?

Spiritualität trägt viele Gesichter – präziser spricht man von Spiritualitäten. Von religiöser Spiritualität können areligiöse, agnostische oder philosophische Formen unterschieden werden (Metzinger 2014, Sheldrake 2018).

Die Begriffswurzel, das lateinische spiritualis, ist die Übersetzung des neutestamentlichen Begriffs pneumatikos, auf Deutsch „geistlich“. Diese Übersetzung ist seit ca. 200 n. Chr. dokumentiert und meint die christliche Lebensgestaltung – Leben in und aus der Kraft des Geistes Gottes. Gewöhnlich werden zwei Traditionslinien unterschieden, ein weiter Spiritualitätsbegriff und ein enger. Der weite, aus der angelsächsischen Tradition stammende, meint die Verbundenheit mit etwas Heiligem, die Bezogenheit auf ein größeres Ganzes. Aus religionswissenschaftlicher Sicht zählt Spiritualität zu einer anthropologischen Grundfunktion. Demnach gehört eine heilvolle und identitätsstiftende Bezogenheit auf eine letzte Wirklichkeit zum Menschsein dazu. Die enge Begriffsfassung stammt aus der französischen Ordenstheologie, die im Bereich der Klöster und Kirchen versucht hat, spirituelles Leben aus dem Geiste Gottes umzusetzen. Nach diesem Verständnis fehlt dem weiten Konzept „Bezogenheit auf ein größeres Ganzes“ sein Ziel und Gegenüber. Bei dieser Differenzierung ist festzustellen, dass sich eine geschulte Aufmerksamkeit für das Geheimnis Gottes (enge Definition) von der Wahrnehmung der Verbundenheit mit einem großen Ganzen (weite Definition) unterscheidet. Zwischen einer anthropologisch gedeuteten, transpersonalen Spiritualität als „Bezogenheit auf ein größeres Ganzes“ und einer theologisch verstandenen, personalen Spiritualität als persönlicher Gottesbeziehung bestehen Spannungen. Wird das zugrunde liegende Spiritualitätsverständnis nicht erläutert, können Missverständnisse entstehen.

Grundsätzlich umfasst Spiritualität die horizontale Dimension der Verbundenheit zur Natur und Mitwelt sowie die vertikale Dimension der Fähigkeit zur Selbsttranszendenz (Bucher 2014, Streib/Keller 2016). Verwechslungen mit der Parapsychologie, veränderten Bewusstseinszuständen oder dem Spiritismus kommen häufig vor. Auch die Abgrenzung zum Begriff Religion ist nicht leicht zu treffen. Oftmals wird mit Religion eine dogmatische, lebensfremde und von Institutionen gesteuerte Form des Glaubens verbunden, Spiritualität hingegen durchweg als positiv, offen, erfahrungsstark und befreiend beschrieben. Dabei wird übersehen, dass Spiritualität den Kern jeder Religion ausmacht.

Zunehmend ist in Europa ein Patchwork-Glaube vorzufinden, in dem verschiedene religiös-spirituelle Überzeugungen miteinander verwoben sind. Diese Mixtur wird permanent erweitert und verändert – den „spirituellen Wanderer“ zeichnet seine „fluide“ Religiosität bzw. Spiritualität aus (Lüddeckens/Walthert 2010). Dieser unübersichtlichen Vielfalt entspricht der vage und in Mode gekommene Begriff „Spiritualität“. Es gilt also, je nach Begründung, unterschiedliche Ausprägungen von Spiritualität in ihrer religiösen, humanistischen oder säkularen Variante zu unterscheiden.

Während in der deutschsprachigen Theologie und Religionswissenschaft eher Zurückhaltung und Skepsis gegenüber „Spiritualität“ als einem wissenschaftlichen Begriff herrschen, hat dieser in der englischsprachigen Literatur in kurzer Zeit einen rasanten Aufstieg erlebt und „Religion“ längst ins Abseits gestellt. „Spirituell, aber nicht religiös“ ist dort eine häufig anzutreffende Selbsteinschätzung, die auch hierzulande im Aufschwung begriffen ist. Nach dem Religionsmonitor (2013) gab schon jeder Fünfte in Deutschland an, „spirituell“ gegenüber „religiös“ als Selbstbezeichnung zu bevorzugen.

Bemerkenswert ist dabei der empirische Befund, dass sich heute viele Konfessionslose als „spirituell“ bezeichnen. Ein Forschungsprojekt der Universität Bielefeld, für das rund 1900 Deutsche und Amerikaner online befragt wurden, hat ergeben, dass viele diesen Begriff gerade wegen seiner Mehrdeutigkeit bevorzugen. Unter den Befragten, die keine Religionszugehörigkeit angeben, versteht sich jeder zweite als spirituell (Streib/Gennerich 2011). Auch wenn die Existenz Gottes bestritten wird, gibt es für alle Befragten etwas, das ihnen heilig ist.

Spiritualität und Gesundheit

Ein Bereich, in dem das Thema Spiritualität in den letzten beiden Jahrzehnten stark an Bedeutung gewonnen hat, ist das Gesundheitswesen, insbesondere die Palliativmedizin, die Hospizarbeit und die Alternativmedizin. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO 1998) ist jeder Mensch spirituell, weil er sich spätestens angesichts des Todes existenziellen Fragen stellen muss. Spiritualität wird hier als die Reflexion der Erfahrungen verstanden, die im Umgang mit existenziellen Fragen gemacht werden.

In der Palliativmedizin und Hospizarbeit wurde empirisch festgestellt, wie das Eingehen auf spezielle spirituelle Bedürfnisse am Lebensende (Sinn, Hoffnung, Verzeihen) das gesundheitliche Wohlbefinden fördert. Spiritualität als ein wichtiger Faktor von ganzheitlicher Gesundheit dient als anthropologische Kategorie, um die existenzielle Lebenshaltung insbesondere in Grenzsituationen zu beschreiben. Die persönliche Spiritualität kann inhaltlich entweder religiös („Gott“), spirituell („Energie“) oder säkular („Natur“) gefüllt werden.

Seitdem die WHO „spirituelles Wohlbefinden“ als einen eigenständigen Bestandteil umfassender Gesundheit sieht, forschen Gesundheitswissenschaftler intensiver nach seinen Bedingungen. Manche betrachten spirituelle Gesundheit sogar als einen zentralen Bereich, der neben der psychischen, sozialen und biologischen Dimension als vierter Faktor für umfassendes Wohlbefinden gleichberechtigt zu berücksichtigen und zu fördern sei (Steinmann 2013).

Neben medizinischer „Spiritual Care“ gibt es ein weites Feld alternativer Bildung und Gesundheitsvorsorge, das Soziologen als „holistisches Milieu“ bezeichnen (Höllinger/Tripold 2012). Damit beschreiben sie die wachsende Nachfrage von Menschen, die umfassend alternativ-therapeutisch und spirituell beraten, behandelt und geheilt werden wollen. Nach einer repräsentativen Befragung in Österreich haben 56 Prozent der Befragten mindestens eine Erfahrung mit einer ganzheitlichen Praxis, 27 Prozent mit drei oder mehr Praktiken. Das Feld dieser Pilotstudie über das „holistische Milieu“ wurde bewusst weit abgesteckt und reichte von Yoga und Meditation über Homöopathie, Familienaufstellung und Akupunktur bis hin zu Reiki, Astrologie und Schamanismus.

Besonders auf dem Ratgeber- und Gesundheitsmarkt sind spirituelle Angebote weit verbreitet (Klinkhammer/Tolksdorf, 2015). Ein Drittel des Buchhandels-Umsatzes in der Kategorie „Ratgeber“ fällt in die Kategorie „Gesundheit – Spiritualität – Lebenshilfe“. Buddhistische Mönche, westliche Satsang-Meister, Expertinnen feinstofflicher Energien und hellsichtige Medien leiten zwischen zwei Buchdeckeln mit konkreten Tipps zur Alltagsbewältigung an. Nüchterne Zahlen der „Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften“ (Allbus 2012) bestätigen den Trend zum Irrationalen. Mehr als die Hälfte der Befragten ist aufgeschlossen gegenüber Anthroposophie und Theosophie, jeder vierte Befragte ist offen gegenüber Wunder- und Geistheilern, und 40 Prozent äußern Sympathie für Astrologie oder New Age.

Spirituelle Praktiken werden zunehmend in Heilbehandlungen einbezogen. In einem aktuellen Fachbuch über Rituale in der Psychotherapie werden vier Hauptströmungen spiritueller Heilmethoden vorgestellt, die mittlerweile herkömmliche psychotherapeutische Ansätze ergänzen (Brentrup/Kupitz 2015): schamanische, buddhistische, Quantenheilungs- und hawaiianische Heilrituale. Heilsame und bewährte Rituale der christlichen Traditionen kommen in diesem Fachbuch nicht mehr vor.

Säkulare und religiöse Sinndeutungen im Gespräch

Die Besonderheiten evangelischer Spiritualität sehen Dahlgrün (2009) und Zimmerling (2016) in der spezifischen Erfahrung und Gestaltung der individuellen Gottesbeziehung. Religiös-spirituell begründete Spiritualität kann zwei elementare menschliche Bedürfnisse befriedigen, auf die eine hochtechnisierte, säkulare Gesellschaft keine Antworten weiß (de Botton 2012): Wie können wir trotz unserer tief verwurzelten egoistischen und gewalttätigen Impulse harmonisch in Gemeinschaft zusammenleben? Und wie können wir unsere Endlichkeit, das ungerechte Leiden und den Schmerz aushalten, ohne zu verzweifeln? Gelebter Glaube bietet durch das Klagen vor Gott, das betend-betrachtende Bibellesen und eine tröstende Gemeinschaft Sinndeutungen, um bohrende existenzielle Fragen zu beantworten und Traumatisierungen, Krankheiten und Begrenzungen besser zu bewältigen.

Der Bochumer Kultur- und Sozialpsychologe Jürgen Straub (2016) wirbt in seiner Studie für eine tragfähige Brücke zwischen den tief verfeindeten Geschwistern Wissen und Glauben. Als Brückenkopf dient ihm die Identitätstheorie, von der aus ein sachgemäßer Dialog mit Andersglaubenden geführt werden könne. Der Autor behauptet, dass gerade ein säkulares Zeitalter eine vorzügliche Plattform biete, auf der religiöse und säkulare Lebensformen friedlich zusammenleben können. Nach seiner Überzeugung verlaufe heute die politisch bedeutsame Trennlinie keineswegs zwischen religiösen und nichtreligiösen Menschen, sondern zwischen Menschen, die ihr Weltbild reflektiert haben und solchen, die einen totalitären Wahrheitsanspruch vertreten – entweder religiös oder säkular begründet. Ein religiöser Glaube, der in der personalen Identität eines Menschen verankert sei, so Straub, wäre für die Erfahrung von Zweifel, von neuen und alternativen Sinndeutungsmodellen offen. Derart personalisierter religiöser Glaube könne in einen offenen Dialog mit säkularen Lebensformen treten. Anstatt zu rivalisieren und sich gegenseitig abzuwerten, könne man gemeinsam nach dem Sinn im Tragischen der menschlichen Existenz fragen.

Literatur

Alain de Botton: Religion für Atheisten. Vom Nutzen der Religion für das Leben, Frankfurt a. M. 2012
Martin Brentrup/Gaby Kupitz: Rituale und Spiritualität in der Psychotherapie, Göttingen 2015
Anton Bucher: Psychologie der Spiritualität. Handbuch, Weinheim 2014
Corinna Dahlgrün: Christliche Spiritualität. Formen und Traditionen der Suche nach Gott, Berlin 2009
Liane Hofmann/Patrizia Heise (Hg.): Spiritualität und spirituelle Krisen. Handbuch zu Theorie, Forschung und Praxis, Stuttgart 2017
Franz Höllinger/Thomas Tripold: Ganzheitliches Leben. Das holistische Milieu zwischen neuer Spiritualität und postmoderner Wellness-Kultur, Bielefeld 2012
Gritt Klinkhammer/Eva Tolksdorf (Hg.): Somatisierung des Religiösen. Empirische Studien zum rezenten religiösen Heilungs- und Therapiemarkt, Bremen 2015
Dorothea Lüddeckens/Rafael Walthert (Hg.), Fluide Religion. Neue religiöse Bewegungen im Wandel, Bielefeld 2010
Thomas Metzinger, Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit, Mainz 2014
Rupert Sheldrake, Die Wiederentdeckung der Spiritualität. 7 Praktiken im Fokus der Wissenschaft, München 2018
Ralph Marc Steinmann, Spiritualität – die vierte Dimension der Gesundheit, Münster 2013
Jürgen Straub, Religiöser Glaube und säkulare Lebensformen im Dialog. Personale Identität und Kontingenz in pluralistischen Gesellschaften, Gießen 2016
Heinz Streib/Carsten Gennerich, Jugend und Religion. Bestandsaufnahmen, Analysen und Fallstudien zur Religiosität Jugendlicher, Weinheim 2011
Heinz Streib/Barbara Keller, Was bedeutet Spiritualität?, Göttingen 2016
Peter Zimmerling, Zur Theologie der Evangelischen Spiritualität, in: ders. (Hg.), Handbuch Evangelische Spiritualität, Bd. 2: Theologie, Göttingen 2018, 20-42
WHO, WHOQOL and Spirituality, Religiousness and Personal Beliefs, Genf 1998, whqlibdoc.who.int/hq/1998/WHO_MSA_MHP_98.2_eng.pdf (Abruf: 27.9.2018)

Prof. Dr. Michael Utsch, November 2018