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Lexikon

Anthroposophie

Aktualität

Die Anthroposophie ist weniger durch ihre Lehre als vielmehr durch ihre praktischen Lebensformen bekannt: Waldorfpädagogik, biologisch-dynamischer Landbau („Demeter“), anthroposophische Medizin in Praxen und Kliniken, Pharmaka und Kosmetika (Wala und Weleda) gehören zum festen Bestand unserer Gesellschaft. Doch nur wenige wissen, dass all dies – und noch manches andere – auf der Weltanschauung „Anthroposophie“ gründet. Die Anthroposophie selbst ist weitgehend unbekannt.

Geschichte

Die Anthroposophie (wörtlich: „Weisheit vom Menschen“) ging aus dem Wirken Rudolf Steiners (1861–1925) hervor. Er hatte Naturwissenschaften studiert, Goethes naturwissenschaftliche Schriften kennen gelernt und wurde in Philosophie promoviert. Um 1900 kam er in Berlin in Kontakt mit Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft und schloss sich dieser Bewegung zunächst an. Seit 1901 wirkte er als Generalsekretär ihrer deutschen Sektion. In zahlreichen Büchern, Aufsätzen und Vorträgen, die auch heute noch zum Grundbestand der Anthroposophie zählen, formulierte Steiner auf der Basis theosophischer, christlicher, philosophisch-idealistischer Elemente seine Weltanschauung, die er nach der Trennung von den Theosophen „Anthroposophie“ nannte und die 1913 mit der Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft auch ihren organisatorischen Rahmen erhielt. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte er, angeregt durch Anfragen seiner Anhänger, die Waldorfpädagogik (benannt nach der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart, für deren Arbeiterkinder sie zunächst gedacht war), den biologisch-dynamischen Landbau, Grundzüge der anthroposophischen Medizin – und gemeinsam mit einigen Theologen, unter ihnen der evangelische Pfarrer Friedrich Rittelmeyer (1872–1938), den religiösen Zweig der Bewegung, die „Christengemeinschaft“, die institutionell unabhängig blieb und der Steiner selbst nie angehört hat.

Nach Steiners Tod im Jahre 1925 wurde der Schweizer Dichter Albert Steffen sein Nachfolger. Heftige Auseinandersetzungen, u.a. um die Rechte an Steiners Werk, erschütterten in der Folgezeit die Anthroposophische Gesellschaft. Im nationalsozialistischen Deutschland wurde sie 1935 verboten. Nach 1945 erlebte die Anthroposophie hingegen einen bemerkenswerten Aufschwung.

Noch heute hat die Anthroposophische Gesellschaft ihr Zentrum in Dornach bei Basel: das sog. „Goetheanum“ – dessen erstes Gebäude in der Neujahrsnacht 1922/23 einer Brandstiftung zum Opfer fiel und dessen jetzige Gestalt (Stahlbeton!) noch auf Steiners Entwürfe zurückgeht.

Zur Lehre

Steiner bezeichnet die Anthroposophie als einen Erkenntnisweg, „der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte“.1 Ihren Anspruch auf Wissenschaftlichkeit begründet er damit, dass die Erforschung der übersinnlichen Welt in methodischer Weise vor sich gehe. Deshalb nennt er die Anthroposophie „Geisteswissenschaft“ und meint damit eine Wissenschaft von der (übersinnlichen) „geistigen Welt“, die über die Grenzen bisherigen Erkennens hinausführt. Zugleich betrachtet er sie als „Geheimwissenschaft“, das heißt als Wissenschaft von dem, was dem Außenstehenden, der diesen Erkenntnisweg nicht gegangen ist, geheim, verborgen, „okkult“ bleibt.2

Rudolf Steiner entwirft ein höchst komplexes Menschenbild, das den Menschen einspannt in eine sehr eigenwillige Evolutionslehre. Nach dieser Lehre ist der Mensch nicht Spätform, sondern Anfang. Um seiner Höherentwicklung willen wurde das ganze Weltgeschehen in Gang gesetzt. Der Mensch hat derzeit vier Wesensglieder oder „Leiber“, die ihn mit vier Bereichen der Welt in Verbindung bringen: den physischen Leib (mineralisch), den Äther- oder Lebensleib (pflanzlich), den Astral- oder Seelenleib (tierisch) und die ewige Individualität, das Ich, das ihn mit der geistig-göttlichen Welt verbindet. Diese Wesensglieder hat der Mensch im Lauf der Evolution erlangt, und seine Aufgabe besteht darin, in langwierigen Fortentwicklungen, die die Existenz des jetzigen Planeten Erde weit übersteigen, auch die „niederen“ Glieder zu vergeistigen, um ganz in die geistige Heimat einzugehen und die materielle Hülle (den sichtbaren Leib) endgültig abzulegen. Diesem Ziel dient die anthroposophische Pädagogik, die im Waldorfkindergarten beginnt, in den Schulen sich fortsetzt und für die Anhänger von Steiners Lehre weitergeht. Auch in der jenseitigen, geistigen Welt wird das Ich permanent geschult. Die Evolution des Menschen vollzieht sich nicht durch Naturgesetze, sondern durch Entfaltung des Bewusstseins – durch Schulung. Um sein Entwicklungsziel zu erreichen, untersteht der Mensch zwei geistigen Gesetzen: der Reinkarnation und dem Karma. Reinkarnation eröffnet die Dimension der Zeit: Die Entwicklung des Ich vollzieht sich über viele Erdenleben hinweg. Die Ergebnisse eines Lebens werden als Karma an die nächsten Erdenleben weitergegeben. Das Karma bestimmt das Schicksal. Als „geistiges Ursachengesetz“ steht es für Kausalität, aber auch für Gerechtigkeit: Jeder Mensch erhält in seinem Leben, was er sich zuvor verdient hat.

Der Mensch ist in letzter Instanz verantwortlich für sein Tun und dessen Folgen. Daher kann ihn vom Karma kein vergebender Gott erlösen. Christus kann allerdings das „Weltenkarma“ auf sich nehmen – jenen Teil einer Schuld, die das Weltganze betrifft und nicht den verantwortlichen Täter. Auch stärkt der „Christus-Impuls“ die Ich-Kräfte des Menschen und ermöglicht ihm den stufenweisen Aufstieg in die geistige Welt. Unter Christus versteht Steiner die höchste geistige Wesenheit, die während der Johannestaufe aus dem Sonnendasein in den Körper Jesu herabgestiegen ist, dort drei Jahre wohnte, bei der Kreuzigung seinen menschlichen Leib verließ und in die Erdenaura einzog, also zum Erdengott wurde, und so – als „Christus-Impuls“ – für die Menschen wirkt.

Steiners Erkenntnisquelle ist die „Akasha-Chronik“, ein so genanntes „geistiges Weltengedächtnis“, zu dem er Zugang zu haben behauptet. Dieser „Akasha-Chronik“ entnimmt Steiner seine „Menschenkunde“ und auch seine Christologie („Aus der Akasha-Forschung: Das Fünfte Evangelium“, GA 148). Mittels des oben erwähnten Erkenntnisweges soll auch die Schülerschaft zu solchen Erkenntnisquellen vorstoßen können.

Organisationsform

Die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft hat ihr Zentrum in Dornach bei Basel. Dort unterhält sie eine „Freie Hochschule für Geisteswissenschaft“. In den einzelnen Ländern gibt es „Landesgesellschaften“, die von anthroposophischen Arbeitszentren gebildet werden. Der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft Deutschland gehören etwa 16000 Mitglieder mit sinkender Tendenz (laut Medienstelle Anthroposopie 2010) an, ihre Zentrale befindet sich in Stuttgart, ihr angeschlossen sind zehn regionale Zentren.

Die Waldorfschulen in Deutschland sind zu einem „Bund der Freien Waldorfschulen“ zusammengeschlossen, der seinen Sitz ebenfalls in Stuttgart hat. Derzeit gibt es hierzulande 225 Waldorfschulen, die Lehrerausbildung erfolgt in zehn speziellen Seminaren.

Einschätzung

Anthroposophie ist eine esoterische Weltanschauung, deren Hauptquelle nicht diskutierbar ist, da sie nur von einem „Eingeweihten“ eingesehen werden kann. Da das Menschenbild ebenso wie das Christus- und das Gottesbild aus dieser Quelle zu sein beanspruchen und nicht biblischen Ursprungs sind, erscheint Anthroposophie mit den Grundlagen aller christlichen Kirchen unvereinbar:

• An die Stelle des in Jesus Mensch gewordenen Gottes tritt eine unhistorische ewige Christus-Wesenheit.

• An die Stelle der Gnade Gottes, die den Schuldigen annimmt und ihm die Schuld abnimmt, tritt die Notwendigkeit, aus eigener Kraft das negative Karma abzuarbeiten.

• An die Stelle der verheißenen Auferstehung tritt Reinkarnation – eine Folge vieler Erdenleben.

• Neben die Bibel tritt als Quelle der Christus-Erkenntnis das „Fünfte Evangelium“ aus der „Akasha-Chronik“.


Anmerkungen

1 Anthroposophische Leitsätze, GA 26, 14.
2 Zum Beispiel in den Büchern „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ und „Geheimwissen im Umriss“.


Literatur

Quellen
Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA) – mehr als 350 Bände, zahlreiche Bände liegen als Taschenbuch vor
Zur Einführung wichtig: „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“, „Geheimwissenschaft im Umriss“, „Aus der Akasha-Chronik“
Umfangreiche Literatur in eigenen Verlagen (Freies Geistesleben, Stuttgart; Rudolf-Steiner-Verlag, Dornach u. a.)

Zeitschriften
Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie, Dornach
Erziehungskunst, hg. v. Bund der Freien Waldorfschulen, Stuttgart
Info3. Zeitschrift zur Erneuerung von Wissen, Kunst und sozialem Leben, Frankfurt/Main

Kritische Literatur

Allgemein
Jan Badewien, Anthroposophie, in: Panorama der neuen Religiosität, hg. von Reinhard Hempelmann u.a., Gütersloh 22005, 248–255
Ders., Anthroposophie. Die Anthroposophie Rudolf Steiners, München 1994
Andreas Fincke (Hg.), Anthroposophie – Waldorfpädagogik – Christengemeinschaft. Beiträge zu Dialog und Auseinandersetzung, EZW-Texte 190, Berlin 2007
Miriam Gebhardt, Rudolf Steiner. Ein moderner Prophet, München 2011
Hans Krech/Matthias Kleiminger (Hg.), Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, 6. neu bearb. u. erw. Aufl., Gütersloh 2006, 1019–1063
Heiner Ullrich, Rudolf Steiner. Leben uns Lehre, München 2010
Helmut Zander, Reinkarnation und Christentum, Paderborn 1995
Ders., Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884 bis 1945, 2 Bde., Göttingen 2007
Ders., Rudolf Steiner. Die Biografie, München 2011

Zur Waldorfpädagogik
Heiner Barz, Dirk Randvoll (Hg.), Absolventen von Waldorfschulen. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung, Wiesbaden 2007
Peter Bierl, Wurzelrassen, Erzengel und Volkslieder, Hamburg 2005
Heinz Buddemeier, Peter Schneider, Waldorfpädagogik und staatliche Schule. Grundlagen, Erfahrungen, Projekte, Stuttgart-Berlin 2005
Klaus Prange, Erziehung zur Anthroposophie. Darstellung und Kritik der Waldorfpädagogik, Bad Heilsbrunn 1985
Franco Rest, Waldorfpädagogik, Mainz und Stuttgart 1992

Zur Heilkunde
Barbara Burkhard, Anthroposophische Arzneimittel. Eine kritische Betrachtung, Eschborn 2000

Internet
www.anthroposophy.com
www.anthroposophie-de.com
www.goetheanum.ch
www.relinfo.ch/anthroposophie (kritisch)

Dr. Jan Badewien, im April 2011

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