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Lexikon

Gülen-Bewegung (Hizmet)

Das Bildungsnetzwerk um Fethullah Gülen

Sie heißen Regenbogen, Primus, Pangea-Bildungszentren oder einfach Lernstube: An vielen Orten sind Bildungsangebote der Gülen-Bewegung etabliert. Weltweit sind Organisationen, die sich auf den türkischen Prediger Fethullah Gülen berufen oder von ihm inspiriert sind, aktiv, vor allem in den Bereichen Wirtschaft, Medien und Bildung. Die wenigsten machen den Bezug zu Gülen kenntlich. In Deutschland betreiben Gülen nahestehende Träger wahrscheinlich weit mehr als 150 Nachhilfezentren (es wurde auch die Zahl 300 genannt), etwa 30 Schulen, viele Kitas sowie „ein kleines Medienimperium“ (taz), das etwa unter dem Dach der World Media Group AG Zeitungen (wie ZAMAN, inzwischen eingestellt), Radio- und Fernsehsender (wie Ebru, Samanyolu) und Zeitschriften vereint. Infolge des Bruches zwischen Recep Tayyip Erdoğan und Fethullah Gülen gab und gibt es teilweise Einschränkungen, einzelne Bereiche wurden reduziert. Der interreligiöse und interkulturelle Dialog steht bei Vereinen wie dem Interkulturellen Dialogzentrum München oder dem Forum Dialog in Berlin im Vordergrund. Das „Internationale Sprach- und Kulturfestival“ (Deutsch-Türkische
Kulturolympiade) ist als Sprachwettbewerb und Brauchtumsfest für Jugendliche zum Event geworden. Tatkräftige finanzielle Unterstützung kommt aus der mittelständischen türkeistämmigen Wirtschaft. Allein im 2010 gegründeten Bundesverband der Unternehmervereinigungen (BUV) sind bundesweit 20 Mitgliedsvereinigungen mit mehr als 3000 Unternehmen organisiert. Das Gesicht der Gülen-Bewegung in Deutschland ist die Stiftung Dialog und Bildung mit Sitz in Berlin.

Geschichte

Muhammed Fethullah Gülen wurde 1941 (oder 1938) im Nordosten der Türkei geboren. Nach nur wenigen Jahren staatlichen Schulunterrichts genoss er eine traditionelle religiöse Bildung. Er wurde Imam, schloss sich der Nurculuk-Bewegung an und konnte als gefragter Redner immer mehr Menschen begeistern, sich für die Verbindung von islamischer Frömmigkeit und modernem sozialem Engagement einzusetzen. Ein wichtiges Mittel der Verbreitung waren neben zahlreichen Büchern Gülens Predigten, die nicht zuletzt auf die aufstrebende türkische Mittelschicht nachhaltigen Einfluss ausübten. Nach dem Politikwechsel 1980 widmete sich Gülen intensiv dem Aufbau der Bewegung. Er weitete seine Aktivitäten international aus und setzte verstärkt auf interreligiösen Dialog. Nach staatsanwaltlichen Ermittlungen, die ihn als islamistische Gefahr ins Visier nahmen, ging er im März 1999 in die USA und blieb dort. 2006 wurde er von den Vorwürfen freigesprochen. Nach dem Bruch mit Erdoğan 2013 und dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei im Juli 2016 wurde einerseits deutlich, wie weit die „Unterwanderung“ des türkischen Staates durch Gülen-Anhänger inzwischen fortgeschritten war, andererseits nutzt der jetzige Staatspräsident die Lage, um mit äußerster Härte gegen Gülen-Anhänger vorzugehen. Es ist eine Verfolgungssituation entstanden, die auch in Deutschland erhebliche Auswirkungen hat.

Lehre, religiöser Hintergrund

Fethullah Gülen vertritt ein traditionelles, türkisch-sunnitisch und konservativ geprägtes Islamverständnis mit sufischer Grundhaltung. Er propagiert keine verbindliche „Lehre“ und keinen Reformislam. Der reformerische Impuls Gülens und seiner Anhänger besteht in einem innovativen islamischen Denken, das den Islam als gesellschaftliche Kraft stärken soll. Es zeigt sich aufgeschlossen für die Moderne und ausgesprochen pragmatisch: „Im Umgang mit anderen ... ist es ihnen wichtiger, wenigstens einen Teil ihrer Wertvorstellungen zu vermitteln (auch wenn sie dafür ihre islamische Motivation in den Hintergrund treten lassen), als durch ein zu offenes islamisches Auftreten gar keine Wirkung über die islamischen Kreise hinaus zu haben“ (Bekim Agai). Das Netzwerk versteht sich nicht als „Organisation“ oder Bruderschaft, sondern als eine vom Islam inspirierte soziale Bewegung.

Die pragmatische Flexibilität hängt nicht zuletzt mit dem Herkunftskontext zusammen. In der Türkei wurde der Islam lange aus den öffentlichen Institutionen verdrängt und in staatsunabhängigen Parallelstrukturen privat vermittelt. Die säkularen Wissenschaften verstanden sich weithin antireligiös, die Religiösen entsprechend wissenschaftsskeptisch. Eine Rückbesinnung auf den Islam und die Läuterung der Gesellschaft zur islamischen Pflichterfüllung schien am besten auf dem Wege säkularer Bildung möglich. Dies erkannte Said Nursi (1879 – 1960), der Gründer der Nurculuk-Bewegung. Er vertrat offensiv die Vereinbarkeit von Wissenschaft(en) und Islam. Ein Dschihad mit den Waffen der Wissenschaft und der Wirtschaft sollte Unwissenheit, Armut und Zwietracht, die drei Hauptfeinde des Islam, bekämpfen. Dadurch würde man auch die Unabhängigkeit vom Westen erreichen. Säkulare Bildung wurde islamisch nicht nur akzeptabel, sondern bedeutsam, ja zur religiösen Aufgabe. Auch Fethullah Gülen betont die Bedeutung der Naturwissenschaft für die Zukunft des Islam. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass seine Anhänger Schulen ohne religiösen, vielmehr mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt als islamisch sinnvoll und förderungswürdig ansehen. Ein häufig zitiertes Motto Gülens lautet: Gründet Schulen statt Moscheen!

Das Engagement der Gülen-Anhänger ruht auf vier Säulen:
• Dienst (hizmet): In kleinen, verbindlich organisierten Wohngemeinschaften von Freiwilligen, die in der Regel ehrenamtlich für die gemeinsame Sache tätig sind (sog. „
Lichthäuser“), wird der friedliche Dienst für die Sache Gottes vorbereitet und eingeübt. Mit diesem Begriff werden höchste religiöse Werte verbunden.
• Ganze Hingabe für die Sache/Mission (dava): Dazu Gülen: „Ferner muss der Mensch des hizmet alles Widrige aus seiner Hand stoßen können, das ihn von seiner dava zurückhält. Ob Haus, Frau und Kinder, Arbeit, er darf unter dem Einfluss keiner Sache stehen, die eine Kette für seine Füße ist. Im Wesentlichen hat der Mensch der dava außer in einigen bestimmten Situationen kein persönliches Leben.“
• Dschihad (cihad): für Gülen absolute Pflicht eines jeden Muslims. Der sog. „kleine Dschihad“ zielt darauf, die Bedingungen so zu verändern, dass allen Menschen die
göttliche Weisheit nähergebracht werden kann. So kann auch Bildungsarbeit als Dschihad betrachtet werden. Waffengewalt spielt dabei freilich keine Rolle, wenngleich
Gülen (staatliche) Gewaltanwendung in bestimmten Ausnahmefällen nicht ausschließt.
• Opferbereitschaft: Ziel des Islam ist es, so Gülen, Menschen über die Welt hinaus zur ewigen und absoluten Wahrheit zu führen. Damit dies nicht abstrakt bleibt, wird
es in ein aktives Programm transformiert, das „grenzenlose Opferbereitschaft und Selbstlosigkeit“ erfordert. Kampfgeist und Entbehrung sind für den Einsatz für die Sache
Gottes zentral.

Gülen kündigt ein neues Zeitalter an, das auf der Basis von Frieden und Toleranz eine einzige gemeinsame Zivilisation hervorbringen soll.

Organisationsform

Charakteristisch ist die dezentrale Netzwerkstruktur. Die Cemaat (aus dem Sufismus für „Gemeinschaft“), die sich selbst gerne Hizmet nennt („Dienst“), tritt jung und dynamisch auf, Vereine entstehen aus Eigeninitiative engagierter Mitbürger. Das Spendenaufkommen (s. Unternehmervereine) ist groß. Gülen selbst hat keine formal leitenden Funktionen, die lokalen Institutionen arbeiten dementsprechend unabhängig. Die „Funktionäre“ handeln indes in enger Tuchfühlung mit dem Lehrer (z. B. über die Internetseite www.herkul.org) und sind untereinander gut vernetzt. Die „Gülen-Schulen“ sind staatlich anerkannte Privatschulen. Sie stehen allen offen (bislang
sind dort jedoch fast nur türkische Kinder), der Unterricht folgt dem normalen Lehrplan, Schulsprache ist Deutsch, mitunter wird statt Religionsunterricht Ethik unterrichtet. Gülen selbst spielt im Schulalltag keine nennenswerte Rolle, viele Lehrende gehören nicht zur Cemaat. Die Schulen und Bildungseinrichtungen bieten jedoch ein ideales Umfeld, hier wird für die Kreise geworben, in denen die Ideen Gülens gepflegt und Führungskräfte rekrutiert werden.

Einschätzung

Die Türkei hat die ehemals mächtige Cemaat mit brutaler Gewalt zu Boden gezwungen und stellt ihren Anhängern auch in Deutschland nach. Die Diffamierung und Denunzierung von Mitbürgerinnen und Mitbürgern geht alle an. In Sachen Sicherheit, Bürgerrechte und Wahrung des Respekts dürfen keine Einschränkungen akzeptiert werden.

Hierzulande wird es von der interessierten Öffentlichkeit vielfach positiv wahrgenommen, dass Hizmet sich am säkularen Bildungsdiskurs aktiv beteiligt. Viele sehen Gülen und seine Anhänger als Reformer, die traditionelle Frömmigkeit mit einem moderaten Islamverständnis verbinden – liberal, unpolitisch und dialogisch. Kritiker sehen in ihnen dagegen Akteure mit einer islamisch-politischen Agenda, die die Gesellschaft islam(ist)isch transformieren wollen. Die Bewegung ist auf den globalisierten Bildungsmarkt bestens vorbereitet. Erfahrungen im laizistischen türkischen Kontext ließen sie die religiösen Aspekte nach außen hin sehr zurücknehmen (früher wurden sie geradezu verschwiegen). Dies führt bei Unkenntnis des religiösen Hintergrunds zu einer einseitigen Wahrnehmung. Das aufopferungsvolle ehrenamtliche Engagement in der Mitte der Gesellschaft für Integration und zur Friedensförderung ist als solches zu begrüßen und zu würdigen. Eine offene Haltung gegenüber der modernen Gesellschaft wird eingeübt und der Wert der Bildung – auch und gerade für Frauen – attraktiv und nachhaltig vermittelt.

Auf der anderen Seite ist nicht zu übersehen, dass das Gülen-Schrifttum eine programmatische Orientierung an einem konservativ-islamischen Gesellschaftsbild durchzieht, das sich an Koran und Sunna ausrichtet und in wichtigen Aspekten der Menschen-, insbesondere der Frauenrechte, der Meinungs- und Religionsfreiheit sowie der Trennung von Religion und Staat dem Gesellschaftsbild der Mehrheitsgesellschaft entgegensteht. Wie dieses Modell aussieht, kann man sich anhand der Koranausgabe von Ali Ünal, der Zeitschrift „Die Fontäne“ oder Produkten aus dem Programm des Main-Donau (früher Fontäne-) Verlags vor Augen führen. Erschwerend kommt die mangelnde Transparenz hinsichtlich der Zugehörigkeit der zahllosen Gülen-Vereine zur Bewegung hinzu. Die dezentrale Struktur macht sie wenig (an)greifbar, da problematische Positionen ausweichend oder relativierend als Einzelmeinungen „anderer“ deklariert werden.

Im Blick auf die Schulen erscheint es derzeit fraglich, ob sie die bisher entstandenen „ethnischen Nischen“ im Laufe der Zeit öffnen werden oder umgekehrt gemäß dem Motto „Islamisierung durch Bildung“ verstärkt zu Parallelstrukturen beitragen.

Eine kritische Auseinandersetzung hat sich nicht auf die religiöse Motivation für das gesellschaftliche Handeln zu richten, sondern auf die mangelnde Reflexion in Bezug auf die religiös-weltanschaulich plurale Situation, in der dieses Handeln seinen Ort hat. Ein „Scharia-Vorbehalt“, in welcher Form auch immer – und sei es in modernem Dialogformat –, ist nicht hinnehmbar. Hier scheint es deutlich mehr Reformbedarf zu geben, als die Gülen-Vertreter bisher erkennen lassen, nicht zuletzt im Hinblick auf die verfassungsrechtlichen Implikationen und die sich daraus ergebenden praktischen Konsequenzen bis in die Literatur hinein.

Literatur
• Ergene, M. Enes: Das neue Gesicht des Islams. Die Bewegung um Fethullah
Gülen, Offenbach a. M.: Fontäne Verlag 2008
• Gülen, M. Fethullah: Was ich denke, was ich glaube, Freiburg i. Br. 2014
• Gülen, M. Fethullah: Aufsätze, Perspektiven, Meinungen, Mörfelden-
Walldorf 2004
• Ünal, Ali: Der Koran und seine Übersetzung mit Kommentar und Anmerkungen,
Offenbach a. M.: Fontäne Verlag 22012
• Karakoyun, Ercan: Die Gülen-Bewegung. Was sie ist, was sie will, Freiburg
i. Br. 2017
• Agai, Bekim: Zwischen Netzwerk und Diskurs. Das Bildungsnetzwerk um
Fethullah Gülen (geb. 1938): Die flexible Umsetzung modernen islamischen
Gedankenguts, Bonner Islamstudien Bd. 2, Hamburg-Schenefeld
22008 (Dissertation)
• Eißler, Friedmann (Hg.): Die Gülen-Bewegung (Hizmet). Herkunft, Strukturen,
Ziele, Erfahrungen, EZW-Texte 238, Berlin 2015, 220 S.

Zeitschriften
• Die Fontäne (Vierteljahreszeitschrift, Main-Donau Verlag, früher Fontäne-
Verlag)
• Yeni Ümit („Die Neue Hoffnung“, türkisch) u. a.

Internet
www.fethullahgulen.org | www.sdub.de | www.forumdialog.org
www.academy-ev.com | www.dtj-online.de |
www.worldmediagroup.eu | www.tuskon.org | www.buv-ev.de

(Viele einschlägige Internetseiten sind im Mai 2017 nicht erreichbar.)

Dr. Friedmann Eißler, Mai 2017

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