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Lexikon

Interreligiöser Dialog

In einer Zeit, in der in Deutschland wie in den meisten Ländern der Welt religiöse Pluralität herrscht und nicht mehr von einer einheitlichen christlichen Kultur ausgegangen werden kann, ist Dialog auf allen möglichen Ebenen notwendig und ohne Alternative. Ein solcher Dialog kann in den unterschiedlichsten Formen stattfinden. Zu ihm gehören Begegnungen im eigenen lebensweltlichen Kontext (Gespräch im Gemüseladen, Nachbarschaftskontakte etc.), Informationsgespräche zum einseitigen oder gegenseitigen Kennenlernen, Projektdialoge zum gemeinsamen Planen von Aktivitäten (z.B. multikulturelles Stadtteilfest), themenbezogene Dialoge (Akademietagung etc.), der Mediationsdialog im Konfliktfall, die Begegnung von Kirchengemeinden mit nichtchristlichen religiösen Gemeinschaften in ihrem Bereich, die Begegnung von Schulklassen mit Vertretern anderer Religionen oder der Besuch religiöser Zentren. Auch denkbar ist der institutionelle Dialog mit mandatierten Repräsentanten. In Anbetracht der großen muslimischen Bevölkerung in Deutschland entfaltet sich das Thema des interreligiösen Dialogs meist an diesem Bereich und schließt oft das Anliegen ein, auch „Problemfelder“ zu behandeln. In einem Land mit starker christlicher Prägung ist zu beachten, dass Begegnungen nur selten strukturell symmetrisch sind, sondern es oft darum geht, dass Vertreter des Mehrheitschristentums mit Minderheitsreligionen zusammentreffen und über deren Anliegen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft sprechen. Häufiges Anliegen des Dialoges ist das Arbeiten an einer gedeihlichen Atmosphäre in gemeinsamen Lebensräumen.

Der Dialog der Religionen hat eine lange Geschichte: Am Sitz der muslimischen Dynastie der Abassiden (750-1258) in Bagdad gab es muslimisch-christliche Gespräche, ein theoretisches Religionsgespräch findet sich bei Nikolaus von Cues (De Pace Fidei), und der indische Mogulkaiser Akbar im 16. Jahrhundert ging in die Geschichte ein mit hinduistisch-christlich-muslimischen Kolloquien und der vorübergehenden Schaffung einer monotheistischen Einheitsreligion „din ilahi“. 1893 trat das Parlament der Religionen der Welt (parliament of the world’s religions) in Chicago zusammen mit der Absicht seiner Initiatoren, eine Allianz gegen den um sich greifenden Unglauben zu bilden und sich gemeinsam für die „Goldene Regel“ als ethische Richtschnur einzusetzen. Der Inder Swami Vivekananda trat hier auf und verkündete den einheitsreligiösen Gedanken der einen gemeinsamen Wahrheit, nach der alle Religionen streben. Der 1921 gegründete Religiöse Menschheitsbund des Marburger Theologen und Religionswissenschaftlers Rudolf Otto musste während des Dritten Reichs wieder aufgelöst werden. 1970 wurde in Kyoto die World Conference on Religion and Peace (WCRP) gegründet, die den gemeinsamen Einsatz der Religionen für den Frieden zu ihrer Aufgabe machte, der allerdings ohne eine intensive interreligiöse Verständigung und Dialog nicht möglich ist. 1993 trat nach einhundert Jahren wieder ein Parlament der Religionen der Welt in Chicago zusammen und diskutierte u.a. über einen Vorschlag von Hans Küng auf der Grundlage des Projektes Weltethos. Der Text Küngs erhielt auf dieser Großveranstaltung fast 200 Unterschriften.

Seit 1998 tritt der Runde Tisch der Religionen in Deutschland unter der Beteiligung von katholischen, evangelischen und orthodoxen Christen sowie Vertretern des Islam, der Baha’i, des Buddhismus und Judentums zusammen, in einigen deutschen Städten existieren regionale Foren dieser Art zur interreligiösen Koordination. Während der christlich-islamische Dialog u.a. in den Christlich-Islamischen Gesellschaften geführt wird, der christlich-jüdische Dialog zahlreiche Orte hat und auch der trilaterale Dialog von Juden, Christen und Muslimen etwa durch die „abrahamischen Foren“ veranstaltet wird, wird der Dialog mit dem Buddhismus z.B. von den ev. Akademien in Bonn-Bad Godesberg und in Bad Boll in Tagungsreihen geführt.

Allgemein gilt für den interreligiösen Dialog, dass er im Geiste der Höflichkeit und des gegenseitigen Respekts zu führen ist. Wichtig ist die Fähigkeit und Bereitschaft, selbst auch den eigenen Glauben zu bezeugen, ohne dass damit die ausdrückliche Absicht verbunden sein muss, den Gesprächspartner für diesen Glauben zu gewinnen. Es geht im Dialog nicht um das gemeinsame Finden einer Kompromiss-Wahrheit oder einer Kompromiss-Theologie, sondern um das bessere Verstehen des anderen, und mitunter auf diesem Wege um das bessere Verstehen des eigenen Glaubens. Dieser Prozess schließt die Möglichkeit zur Veränderung mit ein, denn religiöse Traditionen sind keine betonierten Wesenheiten. Die Erfahrungen, die ihre Angehörigen im Laufe von Begegnungen und interreligiösen Dialogen durch die Geschichte hindurch machen, bleiben auf Dauer nicht ohne Folgen.

Literatur

Peter Schreiner/Ursula Sieg/Volker Elsenbast (Hg.), Handbuch Interreligiöses Lernen, Gütersloh 2005
Reinhard Kirste/Paul Schwarzenau/Udo Tworuschka (Hg.), Religionen im Gespräch, Balve (zweijährliche Zeitschrift)
Current Dialogue (Zeitschrift des Ökumenischen Rates der Kirchen, Genf)

Prof. Dr. Ulrich Dehn, Juni 2006