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Lexikon

Transzendentale Meditation (TM)

Seit 1963 versucht die TM, die Allgemeingebräuchlichkeit und Wissenschaftlichkeit ihrer Lehre nachzuweisen: Insbesondere der stressgeplagte mittelständische moderne Mensch wird durch die vermeintlich religions- und ideologiefreie Meditationstechnik angesprochen, die auf einer einfachen Grundgesetzmäßigkeit des menschlichen Geistes beruhen und ebenso einfach wie wirkungsvoll die „spirituelle Regeneration der Welt“ herbeiführen soll. Die vorübergehende Hinwendung der Beatles zur TM (Februar bis Mai 1968) verhalf ihr seinerzeit zu einem größeren Bekanntheitsboom im Westen. Der für die TM-Ideologie bedeutsame, 1974 „wissenschaftlich nachgewiesene“ Maharishi-Effekt besagt, dass ein Gemeinwesen automatisch in eine ideale Gesellschaft ohne Krankheit, Leiden, Arbeitslosigkeit etc. übergehe, wenn nur ein Prozent seiner Bevölkerung TM betreibe. Die „Morgendämmerung“ dieser idealen „Gesellschaft im Zeitalter der Erleuchtung“ verkündete Maharishi Mahesh Yogi, der TM-Gründer, 1975 auf dem Vierwaldstätter See. Ein Jahr später wurde die „Weltregierung des Zeitalters der Erleuchtung“ ausgerufen und mit zehn Ministerien ausgestattet.

Seit 1977 bietet die Organisation unter Berufung auf klassische Yogatexte das Siddhi-Programm mit parapsychologischen Begleitphänomenen an. Aufsehen erregte die angebliche Möglichkeit des Flug-Siddhi, bei dem sich der Körper vom Boden abheben soll. Der 1985 verkündete „Weltplan für vollkommene Gesundheit“ auf der Basis des Ayurveda hat zur Einrichtung von „Maharishi-Ayurveda“-Kliniken geführt. In den vergangenen Jahren wurde ein Schwerpunkt auf die Ankündigung von Friedenspalästen und Unbesiegbarkeits-Universitäten gelegt. Die Werbung dafür erhält Unterstützung durch Prominente, z.B. David Lynch.

Nachdem Maharishi in den 1980er Jahren die Schweiz verlassen und in der Nähe von New Delhi ein Zentrum errichtet hatte, ließ er sich 1990 in einem ehemaligen Kloster im niederländischen Vlodrop in der Nähe der deutschen Grenze nieder. Dort befindet sich der Hauptsitz der TM-Bewegung.

Geschichte

Der Inder Maharishi Mahesh Yogi (bürgerlich: Mahesh Prasad Varma) wurde 1918 in Jabalpur (Nordindien) geboren. Er stand in Verbindung mit Swami Brahmananda Sarasvati, der sich auf die bedeutende philosophische Tradition des indischen Monismus (Shankara, 8./9.Jahrhundert) berief: Die Lehre von der Einheit allen Seins steht im Vordergrund seines Denkens. Nach dem Tode seines Lehrers zog Maharishi sich auf dessen Auftrag hin für zwei Jahre in den Himalaya zurück, um die neue Technik der Transzendentalen Meditation zu entwickeln. In Madras (Südindien) gründete er Ende 1957 das „Spiritual Regeneration Movement“ (Geistige Erneuerungsbewegung) auf der Basis der TM; 1959 wurde die erste „internationale Konferenz“ abgehalten.TM fand daraufhin im Westen rasche Verbreitung, 1960 bereiste Maharishi erstmalig Westdeutschland, 1962 existierten in der Bundesrepublik bereits 18 TM-Zentren. Seit 1990 breitet sich die Bewegung in Osteuropa stark aus. Maharishi, der eine Fülle von Schriften hinterließ (u.a. einen Kommentar zur Bhagavadgita), starb am 5.2.2008 in Vlodrop. Seine Nachfolge trat der Libanese Tony Nader (Maharaja Adhiraj Rajaraam) an. „Raja des Unbesiegbaren Deutschlands“ im Friedenspalast Hannover ist Emanuel Schiffgens.

Zur Lehre

Die sichtbare Welt wird im Sinne der hinduistischen Tradition und speziell des Neohinduismus als Selbstentfaltung des Brahma (des Absoluten) verstanden und als solche auch akzeptiert und nicht pauschal als Maya (Illusion) verworfen. Alles steht im Gefolge des indisch-vedantischen Monismus unter dem Problem des Verhältnisses der Einheit zur Vielfalt, des Absoluten zum Relativen. Die Welt befindet sich in einem unaufhörlichen Fortentwicklungsprozess, der auf eine erleuchtete, friedliche, krankheitsfreie Gesellschaft hinausläuft. Leid, Tod, Konflikte und Schuld werden mithilfe der Meditation ihren Platz auf dieser Welt räumen müssen. Auch Leiden und Tod Christi hat es laut Maharishi nicht gegeben. Der Mensch ist Teilhaber und durch die Meditation Mitgestalter dieses kosmischen Geschehens.

Meditation
Die Meditation wird auf der Basis des Mantra Yoga durchgeführt. Sie besteht aus einem 7-Stufen-Programm:

1. 90-minütiger einführender Vortrag
2. 90-minütigerVorbereitungsvortrag
3. Gespräch mit dem Lehrer (15 Min.)
4. persönliche Unterweisung/Erlernen der Technik
5. Überprüfung der Richtigkeit der Praxis
6. Überprüfung und Bestätigung richtiger Erfahrungen
7. Mechanismus erkennen, mit dem Nutzen und Gewinn aus der Technik der TM zu stabilisieren sind.

Im Rahmen der besonders zentralen 4. Stufe wird in einer religiösen Initiationsfeier das persönliche Mantra zugeteilt, das der am Morgen und Abend je 15 bis 20 Minuten durchzuführenden Meditation zugrunde liegen soll. Die Meditation soll die Teilhabe an der „kreativen Intelligenz“ ermöglichen und kann bis zur Erlangung des „kosmischen Bewusstseins“ führen.

Maharishi-Ayurveda
Ein zentrales Anliegen der TM sind die an Naturheilverfahren orientierten Methoden nach dem Ayurveda, dem alten indischen System der Naturheilkunde (= Wissen vom langen Leben). Diese stellen in der Tat eine ernst zu nehmende Herausforderung der traditionellen Schulmedizin dar. Ayurveda geht von dem Grundsatz aus, dass der Natur Intelligenz innewohnt und der Mensch ein Teil der Natur ist. Vollkommene Gesundheit bedeutet vollkommenes Gleichgewicht zwischen der Natur und dem Geist und Körper des Menschen. Die drei dynamischen Prinzipien (dosha) werden in Verbindung gebracht mit den drei Grundeigenschaften des Materie-Prinzips (prakriti). Die dosha müssen stets im Gleichgewicht sein und mit je gleich starker Wirkung zum Zuge kommen, um nicht zu Krankheit zu führen. Zur Ganzheitlichkeit des alten Ayurveda-Systems gehört, dass naturheilkundliche Verfahren und rechte religiöse Lebensführung ineinandergreifen sollen; d.h., naturgemäße Lebensformen, innere Transformation und natürliche Arzneimittel gehören in der TM-Ayurveda-Therapie zusammen.

Naturgesetzpartei und politische Ausrichtung
Im Zuge der ökologischen Debatte wurde 1992 die Naturgesetzpartei als politischer Arm der TM gegründet. Sie trat bis 2004 in verschiedenen Ländern bei Wahlen an, hat aber aufgrund ihrer offenkundigen politischen Naivität nie mehr als nur eine symbolische Stärke gehabt. Maharishi hat zudem vielfach und unmissverständlich die demokratische Staatsform und ihre Prinzipien infrage gestellt. Er propagierte eine Regierungsform, die auf dem Wissen der „vedischen Wissenschaft von den Naturgesetzen“, d.i. der TM-Lehre, basieren solle und sprach damit letztlich einer wissenden Elite das Recht auf Machtausübung gegenüber den unwissenden Massen zu. Mit dem totalitären Anspruch verbindet sich eine teilweise aggressive Polemik gegen Andersdenkende.

Organisation

Als internationale Leitung wurde wohl noch auf Anordnung des Gurus 2000 ein Rat eingesetzt (Maharishis Weltweite Naturgesetz Administration). Nachgeordnet entstanden zahlreiche Nationale Räte. So wurden Kompetenzen zentralisiert, die früher auf verschiedene TM-Organisationen verteilt waren. Diese firmieren indes weiterhin unter vielfältigen Namen, z.B. Maharishi European Research University (MERU), Akademie für vedische Wissenschaft, Maharishi-Kolleg für Naturgesetze, Weltplan-Center, Gesellschaft der Weltregierung des Zeitalters der Erleuchtung zur Förderung der TM und der Wissenschaft der Kreativen Intelligenz (GTM),Weltvereinigung für Ayurveda-Medizin, Samhita GmbH, Vedisches Friedenskorps, World Peace Endowment Fund. Hinter dem seriös klingenden Namen „Deutsche Nachrichten Agentur“ verbirgt sich eine TM-Werbeabteilung. Wirtschaftsunternehmen, Unternehmensberatung, Managementschulung gehören zum TM-Imperium. Sie tragen neben Gebühren, Beiträgen und Spenden mit ihren Gewinnen zum Haushalt der TM-Organisationen bei. TM ist in ca. 140 Ländern mit Schwerpunkt in den USA und Westeuropa verbreitet. Für Deutschland schwanken die Angaben zwischen einigen Tausend und 100000 Anhängern (bzw. Initiierten), es gibt rund 170 Kontaktstellen und einige Hundert TM-Lehrende.

Einschätzung

Der Versuch der TM, das „Sektenimage“ abzustreifen und auch gerichtlich die Anerkennung als Anbieter einer säkularen, allgemein zugänglichen Meditationstechnik durchzusetzen, ist sowohl in den USA als auch in Deutschland gescheitert. Der Bundesregierung wurde 1989 in einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zugestanden, davor zu warnen, dass die von dieser Bewegung vermittelte Meditationstechnik bei labilen Personen zu psychischen Schäden führen könne. Damit wurde ein früheres Urteil zugunsten von TM aufgehoben.

TM hat sich durch Verwestlichung und vor allem die Kommerzialisierung mittels teurer Kurssysteme in vielen Punkten von traditionellen hinduistischen Vorstellungen entfernt. Die hinduistische Herkunft der TM spielt im täglichen Vollzug der Meditation und bei Ayurveda-Behandlungen ohnehin keine nennenswerte Rolle. Von TM-Seite wird auf die religiöse Neutralität verwiesen; den Praktizierenden ist gestattet, gleichzeitig Mitglieder einer Religionsgemeinschaft zu bleiben. Dennoch ist der neohinduistische Hintergrund nicht unerheblich und der religiöse Grundzug (Bezug auf die Veden, auch die Mantravergabe) unübersehbar. Geht es im Christentum um ein von Gnade und Liebe gestaltetes Gegenüber von Gott und Mensch, steht bei der TM die meditative Teilhabe an einem kosmischen Prozess im Mittelpunkt, bei dem durch Selbstbefreiung zur Weltbefreiung vorangeschritten werden soll. Die in einen (pseudo-)wissenschaftlichen Jargon eingekleidete utopisch-evolutionäre Zukunftsvision der TM und die christliche Reich-Gottes-Hoffnung sind kaum miteinander zu vereinbaren.

Wie bei vielen Gruppen gibt es bei der TM Kreise verschiedener Intensität. An einem „einführenden Vortrag“ nehmen viele ohne weiteres Engagement teil, zu den weiteren Stufen schreiten jedoch nur einige fort. Eine große Zahl von TM-Initiierten geht ohne merkliche Bindungen an die Organisation ihrem normalen Tageslauf nach und absolviert lediglich morgens und abends die empfohlenen 20 Minuten Meditation. Mitunter aber gelingt es nicht, die Meditation auf solch harmlose bzw. positive Weise in den Alltag zu integrieren. Bei Teilnehmern der TM sind aufgrund fehlender Kompetenz und Umsicht der Lehrenden psychische Störungen festgestellt worden, ein Phänomen, das allerdings bei jeder Meditationsform ohne fachgerechte Anleitung auftreten kann. Auch die häufig vorkommende Gefahr allzu großer Abhängigkeit von einem Lehrer/einer Lehrerin ist nicht auszuschließen.

Zur weiteren Information

Literatur
• Maharishi Mahesh Yogi, Die Wissenschaft vom Sein und die Kunst des Lebens, dt. Übers. der neuen und rev. Ausgabe von 1998, Bielefeld 1998 (ind. Originalausgabe 1963, engl. 1966, dt. 1967, viele Aufl.)
• Hansjörg Hemminger, Transzendentale Meditation: Struktur und Ideologie (www.weltanschauungsbeauftragte.elkwue. de/cms/startseite/texte-und-materialien/o-t/)
• Reinhart Hummel, Indische Mission und neue Frömmigkeit im Westen, Stuttgart 1980
• Helmut Obst, Neureligionen – Jugendreligionen – New Age, Berlin 1991, 103–146
• Panorama der neuen Religiosität, hg. von R. Hempelmann u.a., Gütersloh 22005, 343–348

Film
David Wants to Fly (Dokumentarfilm von David Sieveking, 2009)

Internet
www.meditation.de
www.tm-information.de
www.deutsche-nachrichten-agentur.de

Prof. Dr. Ulrich Dehn
(überarb. Dr. Friedmann Eißler, Mai 2011)

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