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Lexikon

Beratung in weltanschaulichen Konflikten

Auf der Suche nach Orientierung und Sinn geraten manche Menschen in Sackgassen oder Einbahnstraßen. Sie vertrauen etwa einer spirituellen Lehrerin, die sich im Rückblick übergriffig verhalten hat, stärker ihre eigenen Interessen als das Wohlbefinden ihrer Schüler verfolgt und deshalb mehr geschadet als genutzt hat. Weil der Leidensdruck bei einer spirituellen Krise manchmal so massiv wird, dass sie die seelische Gesundheit beeinträchtigt, wurde sie als eine Störungsdiagnose in psychiatrische Klassifikationssysteme aufgenommen (Hofmann / Heise 2017).

Bei Ratsuchenden, die sich von einem weltanschaulichen Konflikt überfordert fühlen und in einer spirituellen Krise Expertise und Begleitung suchen, ist zunächst genau zu unterscheiden, in welcher Position sie mit dem Konflikt verstrickt sind: Ist die Person primär betroffen, leidet sie in einer Gruppe und will möglicherweise „aussteigen“? Ist sie als Freundin oder Familienmitglied sekundär betroffen und von dem Rückzug und den Veränderungen der primär Betroffenen irritiert? Oder werden Informationen über eine Gruppe oder Bewegung für einen Zeitungsbericht oder eine schulische oder studentische Qualifizierungsarbeit gesucht oder um etwa eine Entscheidungsgrundlage bei einer Vermietungsanfrage zu erhalten?

Neue Aufmerksamkeit für existenzielle und religiöse Themen in der Psychotherapie

Existenzielle und religiöse Themen sind in der Psychologie und der Psychotherapie lange übergangen worden, obwohl die natürliche Begrenztheit des Lebens durch den unabwendbaren Tod zu den größten Demütigungen des Menschen zählt. Weil der eigene Tod wissenschaftlich nicht vorherseh- oder steuerbar ist, wird er von vielen Menschen verdrängt und gefürchtet. Die Gewissheit des Todes, die dem natürlichen Selbsterhaltungstrieb zuwiderläuft, wird sogar für seelische Störungen verantwortlich gemacht, weil sie panische Angst auslösen kann (Chmielewski et al. 2019). Studien zufolge leiden 15 Prozent der Patienten einer ambulanten Psychotherapie unter existenziellen und spirituellen Problemen wie der Todesangst. Mit verhaltenstherapeutischen Manualen wird heute versucht, unangemessenes Sicherheits- und Kontrolldenken durch adäquate kognitive Strategien zu ersetzen (Stavemann / Hülsner 2019).

Den größten Erfahrungsschatz im therapeutischen Umgang mit existenziellen und spirituellen Fragen bieten die Theorie und Praxis der Palliativmedizin, die ihn im Rahmen der spirituellen Begleitung Sterbender entwickelt hat (Frick / Hilpert 2020). Aber auch die Mitgliedschaft in einer geschlossenen ideologischen Gruppe beschäftigt Ärzte und Therapeuten, weil sie immer wieder pathologische Auffälligkeiten nach sich zieht. Studien aus der Psychiatrie und der Sozialen Arbeit belegen dies eindeutig (Kapfhammer 2008; Utsch 2012; Kaufmann et al. 2020).

Beratung in Weltanschauungsfragen

Aus unterschiedlichen Anlässen wird Beratung in Weltanschauungsfragen in Anspruch genommen (vgl. Tabelle).* In vielen deutschen Metropolen präsentieren mittlerweile viele hundert religiöse und weltanschauliche Kleingruppen auf dem „Markt der Sinnanbieter“ ihre Kurse und Seminare. Hier helfen differenzierte Informationen zu einer sachgerechten Einschätzung. Oft werden die Angebote solcher Gruppen in biografischen Umbruchsituationen in Anspruch genommen – ein vorgeschobener „Sektenkonflikt“ entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als fehlende Ablösung in einer Eltern-Kind-Beziehung oder als Sorgerechtsstreit in einer gescheiterten Ehe. Die „Sekte“ wird vorgeschoben, um die nötige Beziehungsklärung zu vermeiden. Hier sind psychosoziale und bisweilen psychotherapeutische Kompetenzen für eine weiterführende Begleitung unverzichtbar.

* Tabelle: Drei Aspekte der weltanschaulichen Beratungsarbeit (pdf-Datei)

Kompetente Beratung zeichnet sich dadurch aus, dass die Grenzen zwischen sachlicher Information, persönlicher Beratung und der existenziell-weltanschaulichen Orientierung wahrgenommen und eingehalten werden, weil jeweils unterschiedliche Vorgehensweisen erforderlich sind.

In einer spirituellen Krise sind die Beziehungen, das Selbstverständnis und die Wirklichkeitsdeutung der ratsuchenden Person durch eine neureligiöse Gruppe irritiert oder gestört. Beratung in Weltanschauungsfragen will Menschen in einer spirituellen Krise unterstützen, die emotionale Abhängigkeit zu beenden und einen Lösungsweg aus der Krise zu finden (Baatz 2017). Die Beratung will die Verständigung zwischen den Generationen, unterschiedlichen Wertesystemen und Lebensorientierungen und weltanschaulichen Milieus fördern.

Die Beratung und Begleitung in einer spirituellen Krise ist komplex und erfordert die Berücksichtigung verschiedener Ebenen. Die Psychotherapeutin Sylvia Neuberger (2018), die bei der österreichischen Bundestelle für Sektenfragen tätig ist, hat für diese staatliche Einrichtung aus systemischer Sicht ein Beratungsmodell entwickelt, um Betroffene aus der Krise zu führen. Dazu legt sie fünf Aspekte der Identität zugrunde: die Leiblichkeit, das soziale Netz, die materielle Sicherheit, einen Lebenssinn und persönliche Werte und Normen. Durch ein genaues Erfassen, welche Säule der Identität in der aktuellen Lebenssituation des Betroffenen instabil ist, kann die Ursache des Ausweichverhaltens besser verstanden werden. Wenn der Weg in eine sogenannte Sekte systemisch als Lösungsversuch für einen persönlichen Mangel identifiziert wurde, kann er durch die Behebung des Mangels im Idealfall überflüssig werden.

Beratung bei Mitgliedschaft in konfliktträchtigen Gruppen

Vor gut 20 Jahren hatte der Bericht der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ des Deutschen Bundestags mit der Feststellung Entwarnung gegeben, dass von religiösen Extremgruppen keine gesellschaftliche Gefahr ausgehe (Deutscher Bundestag 1998). Deshalb solle der abwertende Begriff „Sekte“ durch die Umschreibung „konfliktträchtige Organisation“ abgelöst werden. Auch wenn sich der sperrige Begriff nicht durchsetzen konnte, hebt er einen wichtigen Tatbestand hervor: Auch heute noch gibt es Gruppen, bei denen die Zugehörigkeit massive Konflikte im sozialen Umfeld des Neumitglieds auslöst, die manchmal auch juristische Konsequenzen nach sich ziehen.

Es stellt eine besondere Herausforderung für eine Beratung dar, das Recht der Eltern auf religiöse Erziehung mit dem Schutz Minderjähriger vor Grundrechteverletzungen in Übereinstimmung zu bringen. In der Sozialen Arbeit und Familienhilfe müssen immer wieder Konflikte geschlichtet werden, bei denen das individuelle Recht auf Glaubensfreiheit der Erziehungsperson mit einer möglichen Kindeswohlgefährdung kollidiert (Logvinov 2019). Diesbezüglich haben in den letzten Jahren familienrechtliche Konflikte im Kontext religiöser und weltanschaulicher Gemeinschaften, in denen auch psychologische Gutachten zur Gefahreneinschätzung eine wichtige Funktion übernehmen, zugenommen. Für solche Fälle hat das „Sekten-Info NRW“ eine hilfreiche Handreichung erarbeitet, in der die familienrechtlichen Grundlagen sowie konfliktträchtige Erziehungspraktiken und Glaubensvorstellungen religiöser und ideologischer Gemeinschaften und deren Auswirkungen auf das Kindeswohl an Fallbeispielen aus unterschiedlichen religiösen und spirituellen Milieus dargestellt werden (Gollan et al. 2018). Diese Handreichung kommt zu dem Schluss, dass wirksamer Kinderschutz religionskundliches Grundlagenwissen erfordert und eine gelingende Zusammenarbeit unterschiedlicher Stellen voraussetzt, z. B. von Mitarbeitenden des Jugendamts, Sachverständigen, Verfahrensbeiständen.

Wo Radikalisierungsprozesse in religiösen Extremgruppen so weit fortgeschritten sind, dass das Risiko der Selbst- und Fremdgefährdung besteht, bedarf es professioneller Deradikalisierungs- bzw. Ausstiegsbegleitung. Dazu gibt es staatlich geförderte Modellprojekte, die Qualitätsstandards erarbeitet haben (Utsch 2016). Die Beratung von radikalisierten Menschen und/oder ihres sozialen Umfelds stellt vor allem besondere Anforderungen an die Haltung der Beraterin und des Beraters. Die Handreichung des Netzwerks der Beratungsstelle „Radikalisierung“ des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF 2018) betont, dass ihre Beratung sich an den Bedürfnissen der ratsuchenden Person orientiert und durch Achtung, Wertschätzung und die Anerkennung der Gleichwertigkeit aller Menschen bestimmt sei. In der Beratung soll zwischen der Meinungs- bzw. Glaubensfreiheit und einem religiös begründeten Extremismus unterschieden werden. Wenn religiöser Glaube zur Durchsetzung und Legitimation eines Machtanspruchs instrumentalisiert wird, verteidigt die Beratung die menschlichen und demokratischen Grundrechte von Betroffenen.

Die Beratung von Betroffenen religiöser Extremgruppen gleicht in mancher Hinsicht der Suchtberatung. Selten melden sich Betroffene selbst, sondern eher Angehörige von „Sektenmitgliedern“. Während die Angehörigen sich Sorgen machen (Persönlichkeitsveränderung, Verdacht einer „Gehirnwäsche“), kann das die betroffene Person nicht verstehen, weil die Gruppe vordergründig die individuellen Bedürfnisse exakt befriedigt. Auch bei einer Suchterkrankung leiden in der ersten Phase die Angehörigen viel mehr, weil die betroffene Person mit der „Sucht-Krücke“ den Alltag leidlich bewältigen kann. Die Forschungsprojekte der Enquete-Kommission haben hier das Modell der „Bedürfnis-Kult-Passung“ hervorgehoben. Religiöse Extremgruppen vermitteln Kontrolle und Geborgenheit angesichts einer potenziell chaotischen und bedrohlichen Zukunft und können damit eine Vielzahl spiritueller Bedürfnisse stillen. Religionspsychologische Studien belegen, dass sogar religiöse Extremgruppen neben Nachteilen auch Vorteile besitzen. Fundamentalistische Religiosität stillt nämlich die Sehnsucht nach Gewissheit und bietet klare Handlungsanweisungen angesichts unübersichtlicher Vielfalt.

Was in brüchigen Übergangszeiten stabilisierend als „Lebenskrücke“ dient, führt aber bei einer länger anhaltenden Bindung oft zu Konflikten, weil der gesunde Menschenverstand die rigide Enge der Gruppe verlassen oder die Abhängigkeit vom Gruppenleiter beenden will und Schritte der Eigenverantwortung und individuellen Selbstentfaltung gehen möchte. Wenn dann kritische Rückfragen verboten werden und mit massivem moralischen und sozialen Druck der Ausstieg verhindert werden soll („du begibst dich zurück in die Fänge Satans“), sind die Angehörigen und die früheren Freunde oft wichtige Helfer zurück in die Welt der „Normalität“.

Angehörigen von Mitgliedern in religiösen Extremgruppen ist deshalb zu empfehlen, den neuralgischen Streitpunkt der Gruppenzugehörigkeit zu meiden – die Positionen sind nach etlichen Diskussionen sowieso bekannt. Langfristig erfolgversprechender ist es, einen günstigen Moment der Problemeinsicht abzuwarten und dann mit ermutigenden Worten die kritische Selbsteinschätzung zu unterstützen und Wege in die Selbständigkeit und heraus aus der vereinnahmenden Gruppenbindung zu begleiten. Das wird aber nur möglich sein, wenn die manchmal lange Durststrecke der Gruppenbindung des Betroffenen tolerant ausgehalten und die Beziehung nicht gänzlich abgebrochen wird.

Der Münchener Psychologe Dieter Rohmann (2000) hat auf der Grundlage seiner langjährigen Erfahrungen in der Beratung bei Weltanschauungsfragen ein Drei-Stufen-Modell der Ausstiegsberatung entwickelt (vgl. Abbildung auf der nächsten Seite)*. An der „Spitze des Eisbergs“ treten zunächst die Glaubenspraktiken und Lehren der Gruppe in Erscheinung. Erst später können die psychologischen Bindungsmechanismen innerhalb der Gruppe analysiert werden. Eine psychotherapeutische Vorbildung ist nötig, um dann genauer die individuelle „Bedürfnis-Kult-Passung“ zu analysieren und Motive und prädisponierende Faktoren zu benennen, die in die Extremgruppe geführt haben. Erst dann können ungefährlichere Methoden eingeübt werden, um die spirituelle Entwicklung ohne Freiheitseinschränkung und Machtmissbrauch zu fördern.

* Abbildung: Drei-Stufen-Modell der Ausstiegsberatung von Dieter Rohmann (2000)

Beratungskompetenzen

Für eine hilfreiche Beratung bildet eine vertrauensvolle Beziehung eine unabdingbare Grundlage. Hinzu kommt die Fähigkeit des Beratenden, die Komplexität der spirituellen Krise zu erfassen und festzustellen, was die Beratung in der aktuellen Situation leisten kann und was nicht. Manchmal ist die Einbeziehung anderer psychosozialer Hilfsangebote sinnvoll und geboten. Viele Beschäftigte im psychosozialen Bereich fühlen sich im Umgang mit spirituellen Krisen schlecht ausgebildet. Hier sind Weiterbildungen wichtig, die konfessionskundliches Wissen auffrischen, die Gesprächskultur im Umgang mit fremden Glaubensüberzeugungen fördern und vor allem Selbsterfahrungsmöglichkeiten anbieten, um selbst einen Standort angesichts der religiös-spirituellen Vielfalt zu finden.

Dr. Michael Utsch, Juli 2020


Literatur

Baatz, Ursula (2017): Spiritualität, Religion, Weltanschauung. Landkarten für systemisches Arbeiten, Göttingen 2017.

BAMF, Beratungsstelle „Radikalisierung“ (Hg., 2018): Standards in der Beratung des sozialen Umfelds (mutmaßlich) islamistisch radikalisierter Personen. Allgemeine Handreichung des Beratungsstellen-Netzwerks, Nürnberg, https://violence-prevention-network.de/wp-content/uploads/2019/08/Standards-Handreichung-Beratungsstellen-Netzwerk.pdf (Abruf der Internetseiten: 26.6.2020).

Chmielewski, Fabian et al. (2019): Heldentum gegen Todesangst und Psychopathologie: „Selbstwert“ als protektiver Faktor in der ambulanten Psychotherapie, in: Verhaltenstherapie 29, https://doi.org/10.1159/000503979.

Deutscher Bundestag (Hg., 1998): Endbericht der Enquete-Kommission „Sog. Sekten und Psychogruppen“, Bonn, https://dip21.bundestag.de/dip21/btd/13/109/1310950.pdf.

Frick, Eckhard / Hilpert, Konrad (Hg., 2020): Spiritual Care ABC, Berlin 2020 (im Erscheinen).

Gollan, Anja / Riede, Sabine / Schlang, Stefan (2018): Glaubensfreiheit versus Kindeswohl. Familienrechtliche Konflikte im Kontext weltanschaulicher Gemeinschaften, Essen.

Hofmann, Liane / Heise, Patrizia (Hg., 2017): Spiritualität und spirituelle Krisen. Handbuch zu Theorie, Forschung und Praxis, Stuttgart.

Kapfhammer, Hans-Peter (2008): Religiöser Wahn und wahnhafte Religiosität in religiösen Gruppierungen. Das Beispiel von apokalyptischer Suizidalität und Gewalt, in: Persönlichkeitsstörungen – Theorie und Therapie 12, 123-136.

Kaufmann, Kathrin / Illig, Laura / Jungbauer, Johannes: Sektenkinder (2020): Über das Aufwachsen in neureligiösen Gruppierungen und das Leben nach dem Ausstieg, Köln.

Logvinov, Michail (2019): Kindeswohlgefährdung im Kontext fundamentalistischer Pädagogik, in: Forum Kriminalprävention 2, 37-40.

Neubauer, Sylvia (2018): Menschen auf der Suche. Beratung und Psychotherapie im Umfeld von sog. Sekten und weltanschaulichen Gemeinschaften vor dem Hintergrund systemischen Denkens, Wien.

Rohmann, Dieter (2000): Darstellung der therapeutischen Arbeit mit Kultmitgliedern bzw. -aussteigern, in: Report Psychologie 5-6, 356-359, https://kulte.de/3-stufen-modell.

Stavemann, Harlich H. / Hülsner, Yvonne (2019): Integrative Verhaltenstherapie bei existenziellen Problemen. Umgang mit der eigenen Endlichkeit und Todesangst, Weinheim.

Utsch, Michael (Hg., 2012), Pathologische Religiosität. Genese, Beispiele, Behandlungsansätze, Stuttgart.

Utsch, Michael (2016): Staatlich geförderte Modellprojekte zum Ausstieg aus extremistischen Gruppen, in: MdEZW 79/3, 107f.